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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Siebzehntes Kapitel

Die sinkende Sonne leuchtete auf ein fröhlich jubelndes Völkchen herüber, das die Vereinigung mit seinen neuen Brüdern mit einem gastlichen Aufwande feierte, der in diesem Maße noch nie in einem indianischen Wigwam jenseits des Mississippi gesehen worden war.

Sowie die große Versammlung aufgebrochen war, waren die Pawnees in die für sie bestimmten Hütten eingeführt worden, die ihre Wirte mit allem versehen hatten, was den Aufenthalt ihrer Gäste so angenehm als möglich machen konnte.

Die Pawnees sahen nicht ohne Verwunderung den Überfluß und selbst Reichtum ihrer roten Brüder an Dingen, die für sie, die bloß von der Jagd und dem Austausche ihrer Felle lebten, gänzlich unerreichbar gewesen waren. Der Überfluß an Wolldecken, dem größten Luxusartikel, den sie kannten, und Kleidungen allerart, die verschiedenen Möbel und Werkzeuge des Ackerbaus und Hauswesens vergrößerten in eben dem Maße ihr Staunen, als ihre Wirte ihnen mit indianischer Beredsamkeit die Anwendung derselben erklärten. Es war der Anblick dieser Überlegenheit, der allmählich den Stolz dieser Wilden, die sich natürlich als das stärkere Volk weit über die schwachen Oconees erhaben glaubten, auf seine gehörigen Grenzen zurückwies und den Weg zur freundschaftlichen Verbrüderung bahnte. Doch was ihre neuen Brüder in den Augen ihrer Gäste am meisten erhob, war der Anblick ihrer für Indianer wirklich ausgezeichnet schönen Waffen: ein Punkt, der natürlich von um so größerer Wichtigkeit bei Wilden ist, als bei ihnen nur die ersten Krieger mit Feuergewehren versehen sind. Als sie sich endlich auf dem freien Platze vor dem Councilwigwam zu ihrem Mahle niedergelassen, das die Squaws und Mädchen nun bereitet hatten, und jeder Pawnees eine Kürbisflasche des deliziösen Feuerwassers neben sich fand, da wußten sie kaum mehr ihrem Erstaunen Worte zu geben.

Der Miko selbst war hoch erfreut, und zum ersten Male leuchtete aus seinen Augen reine Zufriedenheit. Seine sehnlichsten Wünsche waren ihrer Erfüllung nahe. Seine Tochter war auf dem Punkte, mit dem größten Häuptlinge vereint zu werden, von dem er je gehört; sein Völkchen war mit einem mächtigen Stamm verbrüdert. Mit diesen glänzenden Aussichten verwob sich unwillkürlich in seiner Seele die Hoffnung einstiger Rache an seinen weißen Feinden.

Die strengen Gesetze des indianischen Anstandes hatten bisher El Sol noch nicht gestattet, seine Braut zu sehen; als aber die beiden Häuptlinge in die Hütte zurückgekehrt waren, nahm der Miko die Hand des jungen Mannes und führte ihn ins innere Stübchen.

Kaum hatten die vier Cumanchees die Bewegungen der zwei Häuptlinge bemerkt, als sie die Stube verließen und sich vor dem Eingange aufstellten.

»Nimm sie hin,« sprach der alte Mann, »die dein ist, und möge der Ring, der dich an Tokeah bindet, nie rosten!«

Canondah näherte sich langsam, ihre beiden Hände auf ihren Busen gekreuzt, ihr Haupt demütig auf ihre Brust gesenkt.

»Hat Canondah«, sprach der junge Mexikaner mit sanfter Stimme, »El Sol nicht vergessen? Und will sie gerne in die grünen Wiesen der Cumanchees folgen, die weit gegen die untergehende Sonne zu liegen?«

»Mein Befreier! mein Gebieter! mein All!« – lispelte sie, ihr Gesicht an seinem Busen verbergend.

Die beiden Liebenden standen lange in wechselseitiger Umarmung, als unterdrückte Seufzer die Anwesenheit eines dritten verrieten. El Sol trat näher und sah am Ende des Lagers Rosa, ihr Gesicht mit ihrem Tuche verhüllt. Canondah entwand sich den Armen ihres Bräutigams, und, sich vor Rosa aufs Knie niederlassend, hob sie sanft ihr Haupt empor und blickte ihr mit unaussprechlicher Zärtlichkeit ins Gesicht.

»Weine nicht, teure Rosa,« sprach sie – »du wirst mit uns ziehen – Canondah wird dir Schwester wie zuvor sein, El Sol Bruder; – er wird seine Augen und Ohren den Tränen der seufzenden Rosa nicht verschließen.«

Sie erhob das leidende Kind und führte sie mit sanfter Gewalt ihrem Geliebten zu. – Dieser faßte mit seinen beiden Händen die ihrigen.

»Die Schwester Canondahs wird auch die Schwester El Sols sein, und seine weiten Fluren werden sie als die weiße Rose der Oconees begrüßen. El Sol wird stolz sein, in seinem Wigwam die weiße Rose als Schwester zu sehen.«

»Ich danke dir, mein Bruder!« sprach sie mit Würde, »die verlassene Rosa hat doch wenigstens eine Seele, die sich ihrer annimmt. – Und der Miko hat den Dieben der Salzsee« – sie stockte –.

»Der Dieb der Salzsee muß sich um ein anderes Weib umsehen« – sprach El Sol rasch.

»Gott segne dich, edler El Sol«, sprach das Mädchen, sich vor ihm ehrfurchtsvoll neigend und dann zurücktretend, als heftige, barsche Stimmen vor der Hütte gehört wurden.

El Sol stürzte durch den Vorhang der äußern Türe zu, vor welcher der Seeräuber mit gezogenem Säbel stand, wütende Blicke auf die vier Cumanchees werfend. Einem derselben war seine Lanze entzwei gehauen. Der alte Häuptling hatte sich in die Mitte der Streitenden geworfen und war nahe daran gewesen, in Stücke gehauen zu werden. –

»Ich hoffe, ich werde nicht diese Wilden da um Erlaubnis zu bitten haben, Euch zu sprechen«, sprach der Seeräuber stolz.

»Die Türe zum Wigwam ist offen; aber meine Brüder haben sie bewacht, während ihr Häuptling die Tochter des Miko gesehen, die sein Weib werden wird«, sprach der alte Mann im bittend versöhnenden Ton.

»Miko!« erwiderte der Pirat mit einer stolzen Bewegung. »Ich bin gekommen. Euch Lebewohl zu sagen. Ihr geht auf eine andere Fährte – gut Glück! Zum Beweise, daß ich ohne Haß scheide, nehmt dieses.« Er legte einen Stutzen und ein Kästchen auf den Tisch.

»Mein Bruder«, sprach der Miko mit einer Stimme, der man die Verlegenheit stark ansah, »wird doch nicht das Wigwam verlassen, wenn die Sonne bereits untergegangen ist. Will er nicht teilen mit den roten Männern, was ihre Armut geben kann?«

»Lafitte ist zu stolz, aus einem Becher mit einem zu trinken, der seine dargebotene Hand zurückgestoßen. Miko, ich wünsche Euch Glück zu Euern neuen Alliierten. – Noch einmal, lebt wohl.«

»Halt!« sprach der Miko zitternd vor Scham über die Zurückweisung seiner Gastfreiheit.

»Mein Bruder muß zurücknehmen, was er der weißen Rose gegeben. Er wird das Gold, die Korallen und alles finden.« Mit diesen Worten eilte er ins Stübchen und kam beladen mit Kleidern und verschiedenen nicht unbedeutenden Kostbarkeiten. –

Der Seeräuber stand eine Weile betroffen, wie es schien, über die starre Ehrlichkeit des alten Mannes. »Behaltet,« sprach er, »was für mich keinen Wert hat«, und ihm die Hand drückend, wandte er sich rasch, ohne die übrigen auch nur eines Blickes zu würdigen. In wenigen Minuten war das Boot hinter dem Palmettorohre verschwunden.

Die unerwartete Abreise des Piraten schien dem Miko schwer aufs Herz zu fallen und auch die übrigen in eine gewisse Unbehaglichkeit zu versetzen. Sie ließen sich schweigend zum Mahle nieder.

Dem alten Manne war die Trennung von dem lebhaften Franzosen augenscheinlich sehr schwer gefallen. Dieser hatte sich während der zwei Jahre ihrer Bekanntschaft mit einer Artigkeit, einem Zuvorkommen betragen, die ihm die Zuneigung des Indianers in hohem Grade gewonnen hatte. Er hatte sich an seine Gesellschaft gewöhnt und liebte es, ihn um sich zu haben.

Tokeah war ein Mann, ergraut in Gefahren und jenem Mißtrauen, das den gedrückten, schwächern Indianern gegenüber ihren stärkern, weißen Unterdrückern natürlich ist. Die mannigfaltigen Verrätereien, zu denen er wahrscheinlich in jüngern Jahren seine Zuflucht nehmen mußte, um diesen einigermaßen die Spitze zu bieten, und die mit derselben verräterischen Münze bezahlt worden waren, hatten seine im Grunde hochherzige und wahrhaft königliche Seele getrübt; die Maske jedoch, in der Lafitte sich ihm genähert, war so himmelweit von dem kalt abweisenden, höhnisch verächtlichen Wesen verschieden gewesen, in welchem ihm die Amerikaner ihre Überlegenheit fühlen ließen, daß er allmählich zu ihm Zutrauen gefaßt hatte.

Es schien, als ob der Seeräuber seinen jedesmaligen Aufenthalt im Wigwam als eine Erholung von seinen blutigen Umtrieben angesehen hätte. Er hatte mit den Indianern getanzt, gejagt und sich allen ihren Unterhaltungen auf die natürlichste Weise angeschlossen. – Den alten Miko hatte seine unerschöpfliche Sprachseligkeit und sein Reichtum an kriegerischen Abenteuern oft bis Mitternacht wach gehalten. Der muntere, lustige Häuptling der Salzsee, der mit einer liebenswürdigen Anspruchslosigkeit die glänzendste Freigebigkeit vereinte und in seinem Verkehr eine Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit zu erkennen gab, welche die Indianer noch nie gesehen, und die von den Betrügereien der Weißen so seltsam abstach, hatte endlich seine ganze Zuneigung gewonnen. Sein Prahlen mit seinen Waffentaten bezog sich zudem so ganz auf sich selbst und hatte für den Miko, mit dessen Volke er nie in Feindschaft gewesen, so wenig Beleidigendes, daß die Eigenliebe dieses auch nie verletzt worden war. Es war, so sprach er öfter, ein ungeheurer Unterschied zwischen den höhnenden, kaltherzigen und alles mit Verachtung wegweisenden Yankees und dem artigen, freundlichen Häuptling der Salzsee, der mit seinen Taten prahlte, ohne die anderer herabzusetzen.

Er hatte deshalb nicht ohne Seelenkampf ihm angekündigt, daß ihre Verbindung nun getrennt werden müßte, und vielleicht würde er doch noch, trotz seines mikoischen Stolzes, wenigstens eine gewisse entferntere Verbindung erhalten haben, wenn nicht El Sol gewesen wäre.

Als er aber diesem in der Unterredung, die sie vor der Versammlung hatten, einige Winke rücksichtlich der Vorteile gab, die auch den Cumanchees von einem nähern Verbande mit dem Seeräuber zufließen müßten, warf der edle Mexikaner die bloße Zumutung mit einer Verachtung von sich, die dem Miko für immer den Mund schloß. –

Das Dörfchen war im größten Aufruhr. Wildes Jauchzen, der Schall der Trommeln und der Schellen hatten, mit den allzureichen Gaben Canondahs, die Freude des Völkchens zur Tollheit gesteigert.

Die Pawnees hatten mit den Oconees sich zum Nachttanze vereinigt. – Und nun führten sie den Kriegertanz ihres Stammes auf.

Der junge Häuptling hatte schweigend seinen Gefährten zugesehen und war wieder mit bedenklicher Miene in die Hütte zum Miko zurückgekehrt.

»Mein Vater«, sprach er in einem ehrerbietigen, aber zugleich bestimmten Tone, »ist weise, und seine Augen haben der Sommer viele gesehen; aber die Seele des Diebes ist umwölkt.«

»Es ist die Seele eines tanzenden Mädchens, die sich umwölkt, weil man ihr ihre Korallen genommen«, erwiderte der alte Mann, auf den Vorhang deutend, hinter welchem Rosa war.

»Seine Zunge ist die Zunge einer Schlange, aber sie ist nicht halb so giftig, als der Stachel seiner Augen – seine Seele schießt drohende Blicke. Mein Vater muß seine Augen weit auftun.«

»Tokeah hat ihn zwei Sommer gesehen und hat ein Mädchen erblickt«, sprach der alte Mann mit der Zuversichtlichkeit, die dem Alter eigen ist, das seine angenommene Meinung nicht fahren lassen will. »Seiner Männer sind wenige«, fügte er hinzu, »und die übrigen sind über vier Sonnen gegen die Salzsee zu, und El Sol weiß, daß die Oconees morgen aufbrechen.«

Obwohl er wußte, daß der Seeräuber ein Boot den Fluß hinabgeschickt hatte, so tat er von diesem Umstande doch keine Erwähnung, entweder weil es sich während des verlängerten Aufenthaltes Lafittes häufig ereignet hatte, oder er es nicht der Mühe wert hielt, die Unruhe seines Gastes durch eine anscheinend so unbedeutende Maßregel zu vermehren. Es war dieselbe Eigenliebe für seine einmal angenommene Meinung, die seinen Mund verschloß. Er war ein Mann, der sowie der Tiger an dem zerfleischten Büffel und die wilde Rebe am Kottonbaume, so an der einmal vorgefaßten guten oder bösen Meinung hing. Er hatte nun einen günstigen Begriff von dem Seeräuber, und dieser hatte sich in seine Seele gleich den übrigen eingegraben, und nichts in der Welt war imstande, ihn daraus zu verdrängen. Der junge Mexikaner schien beruhigt und schwieg.

Die Nacht war weit vorgerückt, und der Tanz vorüber, die Töne der Instrumente waren verklungen, bloß einzelne Stimmen ließen sich noch hören; allmählich schwiegen auch diese, und das Dörfchen versank in Ruhe. Der alte Miko faßte nun die Hand El Sols und führte ihn ins Stübchen.

»Canondah!« sprach er mit milder Stimme.

Das Mädchen stand bereits vor ihm, ihre Hände wie gewöhnlich auf ihren Busen gefaltet. Ein melancholisches Lächeln spielte auf ihren ängstlichen Zügen, und eine Träne perlte über ihre Wangen. Ihre liebenswürdig muntere Laune schien auf immer von ihr geflohen zu sein. Der Vater nahm die beiden Hände des jungen Mannes und, sie auf die Schultern der Tochter legend, übertrug er so seine väterliche Gewalt auf ihn; – dann legte er seine beiden Hände auf ihre Scheitel und sprach:

»Möge der große Geist eure Vereinigung mit vielen tapfern Kriegern segnen!«

»Und soll El Sol sein Weib mit schmerzerfülltem Herzen in sein Wigwam führen?« sprach mild der Bräutigam.

»El Sol ist Canondah teurer, als die Sehnen ihres Lebens; er ist die lieblichste Blume, die ihr Auge je gegrüßt; seine Stimme ist ihren Ohren Musik, und seine Liebe der Born ihres Lebens; aber die Brust Canondahs ist enge und droht zu zerspringen. – Der große Geist flüstert ihr etwas zu, aber sie kann seinem Flüstern keine Worte geben.« Sie sprach diese Worte und faßte dann Rosa beinahe fieberisch an und drückte einen langen Kuß auf ihre Lippen. – Bereits war sie zur Türe hinaus, als sie nochmals zurückeilte und Rosen umfing. »Rose,« murmelte sie mit hohler Stimme, »willst du dem Miko Tochter sein, wenn Canondah nicht mehr ist?«

»Ich will«, schluchzte Rosa.

»Versprichst du mir bei dem großen Geiste, ihn nicht zu verlassen?«

»Ich verspreche es«, schluchzte Rosa stärker.

Der Miko, der schweigend und in Nachdenken versunken gestanden war, machte nun ein Zeichen, und Canondah schwankte ihrem Gatten zu, der sie in seine Arme schloß und mit ihr in das Councilhaus ging, wohin Tokeah vorangeschritten war.

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