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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Dreizehntes Kapitel

Es schien – wir sprechen vom Gemütszustand, in welchem wir unfern Briten verlassen haben –, als ob der edlere Mensch mit dem gemeinern in ihm in Streit geraten, als wenn diese zwei Prinzipe ihn wechselseitig fortzögen und wieder zurückriefen. Er war eine Stunde an dem Ufer hinaufgerannt und ebenso wieder zurückgekehrt, und in diesem Hin- und Herrennen hatten ihn die ersten Strahlen der Morgensonne überrascht, die, indem sie ihm eine neue Szene aufdeckte, seinen Ideen auch eine veränderte Richtung gab.

So wie Canondah ihm gesagt, so hatte er das jenseitige Ufer des Sabine von Bäumen entblößt gefunden. Nur einige Föhren und Zedern krochen kümmerlich am hohen Uferrande hin. Doch vor ihm breitete sich eine Landschaft aus, die der stärkste Pinsel nur in mattem Umrisse geben, die gewaltigste Phantasie kaum zu fassen vermögen würde. Es war ein endloser Raum, in dessen wellenartige, sanfte Vertiefungen er hinabsehen, und dessen sanftem Ansteigen er mit den Augen folgen konnte. Der schönste, üppigste Wiesengrund, auf dem das zartgrüne Gras, von der Morgenluft angeweht, in sanften endlosen Wellen hinfloß, und auf dem die in weiter Ferne zerstreuten einzelnen Baumgruppen wie Schiffe auf der unübersehbaren See zu schwanken schienen. Nirgends war ein fester Punkt zu sehen, und die ganze ungeheure Landschaft schwamm buchstäblich vor seinem Auge, sich wiegend und wogend, gleich dem vom sanften Ostwinde angesäuselten Meeresspiegel. Gegen Norden schwoll die Ebene allmählich in das Hochland, dessen malerische vor- und zurückstehende Baumgruppen ihm einen Blick in das Innerste des prachtvollen Panoramas gaben, wo die ätherischen Tinten mit denen des Horizonts verschmolzen. Gegen Osten sank die ungeheure Wiese in Niederungen, aus denen Baumgruppen mit Rohr- und Palmettofeldern hinüberwallten und, so wie sie von der Luft bewegt in Wellen schlugen, im Sonnenglanze gleich Segeln aufzutauchen schienen. Die tiefe Ruhe, die in der grenzenlosen, in dem blauen, fernen Horizonte sich verlierenden Ebene herrschte, nur durch das Plätschern der Wasservögel oder das ferne Geheul der Savannenwölfe unterbrochen, und die nun prachtvoll aus dem Osten gerade herübersteigende Sonne gaben der Landschaft einen unbeschreiblich großartigen Charakter. Weiter am Flusse hinab standen einzelne Baumgruppen, in denen Hirsche weideten, die ihn mit einer Art Verwunderung anschauten und zu fragen schienen, wie er hierhergekommen, ihn noch eine Weile starr anblickten und dann, ihre Geweihe stolz aufwerfend und gleichsam unwillig, ihr Gebiet betreten zu sehen, langsam ins Dickicht zurückkehrten.

Erst allmählich bemerkte er mit Verwunderung, daß die ganze Landschaft mit winzigen, zuckerhutähnlichen Hügelchen von Muscheln und Fossilien übersäet, allem Anschein nach auch bewohnt war. Bräunliche Tiere saßen am Fuße derselben der Sonne zugekehrt, und ihr Frühstück im zart aufsprossenden Grase haltend.

Die Gegend, die wir soeben beschrieben haben, ist das westliche Louisiana, das vom Alluviallande des Mississippi, Redriver, Atchafalaya und den unzähligen kleinern, aber tiefen Strömen allmählich gegen Westen anschwillt und in den besagten prachtvollen, ungeheuern Savannen endet, woselbst, vielleicht die Reisehütte des Jägers ausgenommen, bis auf den heutigen Tag noch keine Spur einer menschlichen Wohnung zu finden ist. Die Bilder waren dem Jüngling auf einmal in den erhellenden Strahlen der Morgensonne vor den Gesichtskreis getreten und hatten so, während sie seine Anschauung ins Unendliche erweiterten, ihn in eine Stimmung versetzt, die der des Seemannes zu vergleichen sein dürfte, der nachts sein Schiff in einem zerbrechlichen Boote verlassen und des Morgens bloß die ungeheure See vor sich erblickend, unschlüssig schwankt, ob er nicht durch einen raschen Sturz allem kommenden Elend entgehen solle. Es war vielleicht dieses Gefühl seines Nichts und seiner Verlassenheit in der ungeheuern Gotteswelt, die vor ihm lag, und von deren Endlosigkeit er nie und nirgends einen so anschaulichen Begriff hätte erhalten können, das ihn plötzlich zu einem Schritte drängte, der in der Wegwerfung seiner Existenz, die er zu beurkunden schien, zugleich den Sieg des edlern Prinzips wahrnehmen ließ. Rasch seine Kleider von sich werfend und sie in ein Bündel sammelnd, stürzte er sich in den kalten Strom, über den er in einer Viertelstunde glücklich setzte. Die dumpfen Abschiedsworte der edlen Indianerin hatten ihn wirklich zu dem festen Entschlüsse bewogen, in ihr Wigwam zurückzukehren und sich dem Grimme des fürchterlichen Miko bloßzustellen. Alles übrige war ihm nun Nebenrücksicht geworden und als solche in den Hintergrund getreten. Er hatte sich wieder in seine Kleider geworfen und begann nun nach dem Pfade durch das Dickicht zu suchen. War, da er noch im Wigwam als eine Art Gefangener sich in Ungeduld verzehrte, seine Sehnsucht, den Ausweg zu erspähen, groß gewesen, so wurde sie nun zehnmal größer, wieder dahin zurückzukehren.

Dies war jedoch eine Aufgabe, die auch den Beherztesten zurückgeschreckt haben müßte. Das jenseitige Ufer des Sabine ist, gleich dem des Natchez, ein sanft ansteigender Kamm, der sich unmerklich wieder dem Sumpfe zusenkt. Die schwarz ihm entgegenstarrenden Zypressen und Zedern ließen ihn einige hundert Schritte ins Innere und bis zur Kammeshöhe eindringen; aber wo dieser Gürtel sich zu senken anfängt, da wurde jeder weitere Schritt eine Unmöglichkeit. Die Abdachung war mit einer Baumart übersäet, von der er nie gehört. Die Stämme, zwar nur mannsdick, standen aber dicht aneinander und starrten von armlangen braunen Dornen, die, beinahe einen Schuh lang aneinandergesetzt, dem Auge wie Millionen braun angelaufene Bajonette erschienen. Dieses Gewirre von zahllosen Stacheln ließ buchstäblich kein Eichhörnchen an einem dieser Baumstämme fußen. Er erinnerte sich des Pfades, den die Indianerin ihn geführt, und beschloß, diesen aufzusuchen. Er suchte an jedem Stamme, jedem Gestrüppe; allein er hatte Stunden gesucht und nichts gefunden. Wo er einen Fußtritt zu finden glaubte, war es sein eigener gewesen. Die Sonne wandte sich bereits gegen Westen, und noch immer war er keinen Schritt weiter. Endlich schien ihm das Glück zu lächeln, er hatte das Versteck gefunden, wo das Kanu verborgen war. Doch hatte er noch lange zu suchen, bis er endlich eine Spur in den Wald hinein fand. Diese Spur war so verworren, sie fühlte ihn in Zickzacklinien nun den Kamm aufwärts, nun wieder abwärts, daß bereits das Dunkel hereinzubrechen anfing, ohne daß er noch bis zu dem Sumpf gekommen war. Der Hunger mahnte ihn ernstlich an seine Rückkehr. Mit dem festen Entschlüsse, am folgenden Tage sein besseres Glück zu versuchen, lud er das Kanu auf seine Schultern und trug es ins Wasser, auf dem es beinahe ohne Ruderschlag sanft ans jenseitige Ufer hinglitt, wo er die ihm von der Indianerin mitgegebenen Vorräte zurückgelassen hatte. Rasch diese aufraffend, schiffte er nochmals über den Fluß und fing, nachdem er sein kurzes Mahl gehalten, an, sich seine Lagerstätte zu bereiten. Die Natur hat dem Menschen in dieser Himmelsgegend einen kunstlosen, doch herrlichen Lagerstoff im Tillandsea oder spanischen Moose gegeben, dessen lange, zarte, roßhaarige Fäden das weichste, üppigste Lager darbieten, und das, aus der Ferne betrachtet, die Millionen der Stämme, an denen es herabflackert, wie kolossale Greisesgestalten dem Auge erscheinen läßt, deren ungeheure Barte im Winde hin und her bewegt werden. Mit diesem zarten Fadenmoose füllte er nun sein Kanu, trug es dem Verstecke zu, das zwischen den Ästen zweier Zedern so gewählt war, daß ihm diese gleichsam als Walzen dienten, auf die er es nur zu heben brauchte, um vor allen Nachstellungen und Blicken gesichert zu sein. Sein Gewehr zur Seite und in seine Wolldecke gehüllt, entschlief er.

Er hatte ein sonderbares Traumgesicht. Er stand auf einem endlosen Raum, aus dem ihm in blauer Ferne die Wimpel des heiligen Georg entgegenschimmerten. Diesen gegenüber, hoch vom Genius der Freiheit emporgetragen, flatterte das sternbesäete Banner der Staaten, das mächtig heranflog gegen den Drachenbekämpfer. Da erfaßte es ihn mit unendlichem Sehnen und Grauen, und mit Riesengewalt warf er sich mitten unter die Seinen, riß das Banner des heiligen Georg an sich und flog mit seinen Gefährten dem Kampfe mit dem Sternengenius entgegen. Als er aber hinüberblickte auf den jauchzenden Feind, da tauchten aus den Wellen zwei Gestalten auf, die ihm das Blut in den Adern erstarren machten. Hinter ihnen, die mit durchbohrten Busen und zerschmetterten Häuptern auf ihn zuschwebten, kam der stolze Feind angeflogen. Da ermannte er sich wieder und stürzte sich auf diesen los, als er sich von einer eiskalten Hand ergriffen fühlte, die ihn mit wahnsinnig gellendem Gelächter den zwei Todesgestalten zuwarf.

Der Traum hatte ihn heftig ergriffen. Er sprang auf aus seinem Kanu, rieb sich die Augen und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Es war ein Traum. Draußen war es kalte, finstre Nacht. Neben ihm blitzten zwei gräßlich feurige Augen. Es war eine Nachteule, die ihn verwundert ansah und dann in ein schallendes, lang ertönendes Gelächter ausbrach. Er trieb den Unglücksboten von sich und entschlief wieder. Es faßte ihn mit Tigerklauen. Ein wildes Ungetüm schritt über die Leichen Rosas und Canondahs auf ihn zu, das Schlachtmesser in den gewaltigen Klauen und auf sein Herz zielend. Da wandte er sich, da rang und kämpfte er, da faßte er mit Riesenkraft sein Gewehr, um es auf das blutige Ungeheuer abzudrücken. Er lag unter dem Wilden, er kämpfte mit ihm den Kampf der Verzweiflung. Er raffte sich auf. Was Traum gewesen war, hatte sich in Wirklichkeit verwandelt.

Ein gräßlicher Wilder stand wirklich mit seinem Fuße auf seinem Kanu und schwang die Todesaxt mit einem grinsenden Lachen über seinem Haupte. Ein Hieb, und es war um ihn geschehen. Da erfaßte er konvulsivisch sein Gewehr, und, es rasch auf des Indianers Brust richtend, prallte dieser auf die Seite.

Die ungeheure Anstrengung hatte ihn, der noch im Kanu lag, mit demselben in dem Augenblicke überrollt, als das Schlachtbeil auf ihn niederfallen sollte. Dies hatte sein Leben gerettet. Die Knie des Indianers mit der Kraft der Verzweiflung erfassend, warf er diesen auf die Erde und sich schnell über ihn.

Das Schlachtmesser zuckte in der Hand des giftigen Wilden nach seinem Herzen, aber mit der letzten Anstrengung der Verzweiflung die Rechte seines Feindes ergreifend, hielt er mit der Linken seine Kehle. Noch einen Blick des tödlichsten Hasses schoß dieser, dann verging ihm der Atem, und Ermattung zwang ihn, den Mordstahl fahren zu lassen. Der Brite hatte sich nun, das Knie auf den Indianer gestemmt, über diesen hingebogen; das Messer funkelte in seiner Rechten über der Brust des Wilden, der knirschend den Tod erwartete. Einen Augenblick schien der Jüngling in Zweifel zu schweben; dann sprang er auf, trat rasch einen Schritt zurück und sprach: »Geh, ich will mich nicht mit deinem Blute besudeln.«

»Mein junger Bruder ist wirklich ein Freund der roten Männer«, sprach eine Stimme hinter seinem Rücken.

Er wandte sich und erblickte einen zweiten Indianer, das Skalpiermesser in seiner Rechten, und bereit, es in seinen Rücken zu stoßen. Auf die Seite springend, bot er dem zweiten Feinde die Stirne.

»Mein Bruder hat nichts zu fürchten«, sprach der zweite Indianer, hinter welchen sich der erste, nicht unähnlich dem Hunde zog, der, sich einer Untat bewußt, mit eingezogenem Schwanze den Rücken seines Herrn sucht.

»Mi-li-mach«, sprach der Indianer mit einem strafenden Blick auf diesen, »hat sich einen Skalp an einem schlafenden Weißen gewinnen wollen; allein er hat es diesem zu verdanken, daß der seinige noch auf dem Schädel sitzt. Der Miko hat das nicht gewollt.«

»Ihr der Miko?« rief der Jüngling, »der Miko der Oconees?«

Der alte Mann blickte den Fragenden ruhig und forschend an und sprach mit Würde: »Mein junger Bruder hat es gesagt. Er hat nichts zu fürchten, der Miko hat ihn gesehen, und er streckt ihm seine Hand zum Friedens- und Freundschaftszeichen entgegen.«

»Ihr der Miko der Oconees?« rief der Jüngling nochmals, die Hand des Indianers rasch ergreifend und sie freundlich drückend. »Ich bin herzlich froh, Euch zu sehen, und, die Wahrheit zu gestehen, ich bin soeben auf dem Wege zu Euch.«

»Die Mädchen«, sprach der Häuptling, »haben dem Miko gesagt, daß der Sohn des großen Vaters, der die beiden Kanadas besitzt, den Schlingen des Häuptlings der Salzsee entwischt ist und Zuflucht in seinem Wigwam gesucht hat. Meine Augen haben gesehen, und meine Seele glaubt, was wahr ist. Aber mein Bruder hat noch wenig von dem Pfade zurückgelegt, der zu den Seinigen führt.«

»Die Ursache davon will ich Euch gerne sagen«, sprach der junge Mann. »Ihr habt ein herrliches Mädchen zur Tochter. Möge der Himmel sie segnen! Sie und der Engel Rosa haben mich wie Schwestern gepflegt. Gerne würde ich länger geblieben sein; allein eine höhere Stimme ruft, und der muß ich gehorchen. Als mich aber Eure Tochter jenseits des Flusses verließ, da entschlüpften ihr Worte, die es mir zur Pflicht machten, wieder umzukehren.«

Der Häuptling hatte aufmerksam zugehört. »Was hat meine Tochter meinem jungen Bruder in die Ohren gelispelt?« fragte er.

»Es waren wenige Worte,« erwiderte dieser, »aber es waren schwere, inhaltsvolle Worte; sie machten mir es klar, daß die armen Mädchen für ihre Engelsgüte sich Euerm Zorne aussetzen würden, daß Ihr in dem Wahne, sie hätten einen Späher, einen Yankee, in Euer Wigwam eingeführt, sie vielleicht töten würdet.«

»Und mein Bruder?« fragte der Miko.

»Hielt es für Schuldigkeit umzukehren, um womöglich diese Gefahr von ihren edlen Häuptern zu lenken.« Der Indianer war nachdenkend eine lange Weile gestanden. Seine Züge heiterten sich auf. Er streckte nochmals seine flache Hand aus.

Dieses Freundschaftszeichen schien dem jungen Manne nicht ganz unwillkommen zu sein, der verlegen einer Schar Wilder zugesehen hatte, wie sie maschinenmäßig hinter ihren Führer traten und sich in einen Kreis schlossen. Eine Weile musterte er die grimmig dunkeln Gestalten, mit ihren blitzend schwarzen Augen und ihren stark hervortretenden Zügen, aus denen angeborne Wildheit und Grausamkeit unverkennbar leuchtete.

Des Häuptlings Auge hatte forschend auf dem jungen Manne geruht und den Eindruck gewahrend, den die plötzlich aus dem Gebüsche hervortretenden Gestalten auf ihn machten, hatte er geschwiegen, um so, wie es schien, dem jungen Manne Zeit zu geben, sich zu fassen.

»Und wünscht mein Bruder in die Dörfer der Weißen zu gehen?«

»Ich wünsche«, erwiderte dieser, »so bald als möglich zu den Meinigen zu gelangen. Ich bin britischer Offizier und muß deshalb so schnell als möglich auf meinen Posten.«

Der Indianer schüttelte sein Haupt. »Der Miko«, sprach er, »kennt die Söhne des großen Vaters der Kanadas. Er hat mit ihnen die Streitaxt gegen die Yankees erhoben. Sie sind große Krieger; aber sie sind blinde Nachteulen in unsern Wäldern. Mein Bruder würde nie zu den Seinigen gelangen und verhungern in der weiten Wildnis.«

Sein Auge fiel auf die Landschaft. »Sieh!« sprach er, gegen eine Baumgruppe zu deutend, die am äußersten Horizont zu schimmern schien. »Mein Bruder wird auf diese zugehen; aber wenn er dahin gelangt ist, wird sein Kopf mit ihm herumtanzen. Mein Bruder wird sich im Kreise herumdrehen, wie der Hund, der seinen Schweif fangen will. Er wird in hundert Sonnen nicht seinen Weg aus den Wiesen finden.«

Das Gleichnis war nicht sehr artig; aber ein bloßer Blick in die weite Ferne überzeugte den jungen Mann, daß der Indianer nicht so ganz unrecht haben dürfte.

»Eine Frage bitte ich mir zu beantworten«, sprach er. »Eure beiden Kinder haben also nichts zu fürchten, und der Miko vergibt ihnen großmütig, daß sie ohne sein Wissen einen Fremdling in seinem Wigwam gepflegt und entlassen haben?«

»Der Miko wird seine Tochter mit einem freudigen Auge dafür ansehen«, sprach dieser.

»Und Rosa?« fragte der Jüngling.

»Auch diese«, erwiderte der Miko.

»So bleibt mir nichts übrig, als schleunig meinen Weg anzutreten. Wenn ich nur an den Mississippi gelange. Auf diesem sind bereits unsre Schiffe.«

»Meines jungen Bruders großer Vater hat den Tomahawk gegen die Yankees erhoben?« fragte der Miko plötzlich.

»Zu Lande und zur See. Wir hoffen, diese Yankees tüchtig mitzunehmen«, sprach er.

»Und wie viele Männer hat er ausgesandt?« fragte der Indianer wieder.

»Von Landtruppen ungefähr zwanzigtausend, die hier gelandet; im Norden sind jedoch noch mehr.«

»Und mein Bruder?« fragte der Miko.

»Ich gehöre zur Flotte.«

Der Indianer wurde nachdenklich. »Der Weg,« sprach er, »den mein Bruder vor sich hat, ist sehr lang, und die Kanus seines Volkes sind sehr weit entfernt. Sein großer Vater hat viele Krieger, aber die Yankees haben deren noch mehrere. Höre! Will mein Bruder die Rede eines alten Mannes anhören, der viele Sommer gesehen und dessen Haare grau vor Sorgen und Alter geworden sind?«

Der Jüngling verbeugte sich, selbst etwas tiefer, als er es vielleicht wollte.

»Dann mag mein junger Bruder mit dem Miko in sein Wigwam zurückkehren. Seine Krieger werden mit ihm rauchen, und seine Mädchen werden ihm ins Ohr singen. In zwei Sonnen wird der Häuptling der Salzsee kommen. Der Miko will ihm dann sanft ins Ohr lispeln, und er wird ihn in seinem großen Kanu zu den Seinigen bringen.«

»Der Häuptling der Salzsee? Der Seeräuber mich zu den Meinigen bringen?« erwiderte dieser kopfschüttelnd. »Mein lieber Miko, da irrt Ihr Euch sehr. Das wird er wohl um so mehr bleiben lassen, als ihn dieses an den Galgen bringen würde.«

»Ist der Häuptling der Salzsee auch mit seinem Volke im Kriege begriffen?« fragte der Miko.

»Nicht im Kriege; aber er raubt und plündert, wo er etwas findet. Er ist ein Seeräuber, der, so wie er eingefangen, natürlich auch gehängt wird.«

Des Indianers Blick hatte sich zusehends verfinstert. Der Brite sah ihn betroffen an, ungewiß, ob er nicht eine unangenehme, verborgene Saite berührt habe.

»Mein Bruder«, sprach dieser, »hat recht. Er muß gehen; wenn er aber bleiben will, so ist das Wigwam des Miko ihm offen; die weiße Rose wird sein Wildbret kochen, wenn Canondah die Tochter des großen Cumanchee geworden, und er wird des Miko Sohn sein.«

Diesmal brachte der Antrag kein höhnisches Lächeln auf seinem Gesichte hervor; im Gegenteile, er faßte gerührt die Hand des alten Miko und schüttelte sie herzlich.

»Wenn dem Miko der Oconees seine Männer bei dem großen Geiste geschworen, daß sie für ihn die Streitaxt aufheben wollen, dann müssen sie ihr Wort halten, oder sie sind Hunde«, sprach der Brite, die Phraseologie des Indianers gebrauchend. »Ebenso muß der Sohn des großen Vaters der Kanadas halten, was er geschworen. Er muß zu seinen Brüdern eilen, sonst würde er wie ein feiger Hund von ihnen ausgestoßen, sein Name immerdar mit Verachtung ausgesprochen werden.«

Diese Worte, mit Nachdruck ausgesprochen, entschieden. Der Häuptling nickte beifällig, dann die Hand des jungen Mannes fassend, sprach er: »Halt! mein junger Bruder kam dem Wigwam des Miko nahe, als die Sonne hinter der Erde und der Häuptling im Schlafe lag. Er ist in sein Wigwam eingegangen, als er auf den Jagdgründen war. Er hat es verlassen ungesehen von ihm, ehe er noch in das Wigwam zurückkehrte. Seine Fußstapfen dürfen nicht vom weißen Volke gesehen werden. Will mein junger Bruder bei ihm, den die Oconees der Muscogees den großen Geist und die weißen Völker ihren Gott nennen, will er bei diesem versprechen, daß er, wenn er seine Feinde sieht, ihn diesen nicht verraten wird?«

»Ich habe dies bereits Eurer Tochter versprochen«, erwiderte der junge Mann.

»Will mein junger Bruder es auch dem Miko versprechen?« fragte dieser mit Nachdruck.

»Ich verspreche es feierlich.«

»Will er versprechen, daß er nie seinen Mund öffnen will, um zu sagen, daß der Miko und der Häuptling der Salzsee Freunde gewesen sind?«

»Ich verspreche auch dieses«, versetzte der junge Mann nach einer kurzen Pause.

»So mögen denn«, sprach der alte Mann, seine beiden Hände auf die Schultern des jungen Mannes legend, »die Gebeine seiner Väter in Ruhe modern. Der Miko wird den Pfad seines Bruders von Dornen reinigen, und sein Läufer wird ihm den Weg der Coshattaes zeigen. Doch mein Bruder wird hungrig sein,« fuhr er nach einer Weile fort, »und sein Weg ist lang.« Er gab den Seinigen ein Zeichen, und einer der jungen Männer leerte seine Jagdtasche auf dem Ufer. Der Miko mit dem Jünglinge setzten sich nebeneinander, und ersterer reichte diesem einige Schnitte kalten Wildbrets, während er selbst ein weniges versuchte. Eine Hand voll gerösteten Welschkorns folgte, und auf dieses eine Kürbisflasche mit wirklich recht gutem Weine. Das kurze Mahl war bald vorüber; der alte Mann stand plötzlich von der Erde auf, nickte freundlich und verlor sich im Walde. Ihm folgten die übrigen Indianer, mit Ausnahme des Renners, der vor ihm stand.

Nochmals warf der junge Mann einen Blick nach den dunkeln Gestalten, als sie zwischen den Bäumen allmählich verschwanden, und dann faßte er rasch das Kanu, um es ins Wasser zu tragen.

Als sie am jenseitigen Ufer gelandet waren, trug der Indianer dieses eine ziemliche Strecke abwärts, wo er es im Gebüsche verbarg; dann kam er trottend auf den jungen Mann zu, und, ohne sich aufzuhalten, glitt er vor diesem mit einer Schnelligkeit und Behendigkeit über die Wiesengründe hin, mit welcher Schritt zu halten der Jüngling Mühe hatte.

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