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Charles Sealsfield: Tokeah - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Sealsfield
titleTokeah
publisherHesse & Becker Verlag
editorFranz Fiedler
year
firstpub1828
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081213
projectid9fbec09f
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Zehntes Kapitel

Es war etwas in dem Benehmen des jungen Mannes während der letzten Auftritte gewesen, das rasch, vorschnell, ja herzlos genannt werden dürfte. Selbst beim reinsten Pflichtgefühl mochte es immerhin nicht vonnöten gewesen sein, die Eigenliebe der edlen Naturkinder so plötzlich, so tief zu verletzen. Der in seinem Gesichte ausgesprochene und dem Briten so eigentümliche Zug von schneidendem Hohne war im hohen Grade unedel, selbst wenn wir die ungestüme Zudringlichkeit der Indianerin zu seiner Entschuldigung gelten lassen wollen. Nichtsdestoweniger dürfte es schwer sein, den Jüngling leichthin zu verdammen oder rücksichtsloser Roheit zu beschuldigen. Es liegt nun einmal im britischen Charakter jener abstoßende starre Zug, der sich so gern isoliert, und scharf in sich selbst einzwängt, jener schroffe, unbeugsame, aristokratische Sinn, der sich selbst, und nur sich selbst im Auge hat. Wir würden ihn verdammen, diesen selbstsüchtigen Kaufmanns- und Aristokraten-Zwittersinn, der im ersten Augenblicke gewissermaßen aus dem Gesichte des Angeschauten herausmißt, ob er wohl näherer Berührung würdig sei, wenn er nicht eine so achtbare Grundlage und so große Dinge bewirkt hätte. Es liegt dieser Gefühllosigkeit eine Verstandesreife zum Grunde, die nur durch vielfältig überstandene Kämpfe und Gefahren, durch lange Anschauung, durch vielfältig angestellte Vergleiche zwischen Wirklichkeit und Täuschung, durch kräftig bewirktes Gelingen und erkämpften Genuß von positiven Rechten und Freiheiten erwuchs; ein Gefühl, das zur Selbstachtung geworden, ein bereits höherer, edlerer Nationalstolz, der sich nicht töricht sklavischer Weise auf gewonnene Schlachten und den Ruhm eines sogenannten Kriegshelden, sondern auf positives, selbst erworbenes Recht gründet, der bereits in die Klassen des Volkes gedrungen, und, ungeachtet des aristokratisch-kastischen Beigeschmacks, der sicherste Bürge fortschreitender Freiheit ist. Dieser positive Sinn ist es, dieses Festhalten der Stufe der gesellschaftlichen Leiter, sie mag nun hoch oder niedrig sein, welcher allein wahre Volksfreiheit möglich macht.

Der unangenehme Auftritt hatte übrigens die Verhältnisse, die sich seit den letzten Tagen zwischen den dreien angesponnen hatten, plötzlich zerrissen. Zwar fand er noch immer sein Mahl jeden Morgen hinter der Büffelhaut in seinem Stübchen; aber von der bereitwilligen Hand, die es hingesetzt, war keine Spur mehr zu sehen gewesen. Obgleich er diese Kälte selbst herbeigeführt, so hatte er doch nichts weniger als Ruhe gewonnen; im Gegenteil, er war nun rastlos und unstet, seine Hütte, das Dörfchen waren ihm zu enge geworden. Er war in dem Walde, in den Palmettofeldern umhergerannt, aber mit jedem Schritte, mit jeder Stunde war seine Miene düsterer, seine Unruhe größer geworden.

Es war in der letzten Nacht der zweiten Woche, die er bereits hier verlebt hatte. Seine trübe Phantasie hatte ihn aufgejagt von seinem Lager und in den Wald getrieben, wo er umhergeschweift war, bis die naßkalte Nachtluft und das gedehnte, gellende Gelächter der Eulen ihn zurückjagte. Eben kam er auf seine Hütte zugerannt, als eine weiße Gestalt hinter der Ecke hervortrat und hastig auf ihn zuschritt. Es war Rosa.

»Mein Bruder!« sprach sie, und ihre Stimme zitterte, »Canondah ist mit unsern Schwestern gegangen, den Wasservögeln Schlingen zu legen. Rosa ist zu ihrem Bruder geeilt.«

»Meine teuerste Schwester, dieser Besuch«, erwiderte der Jüngling stockend.

»Rosa weiß es von der Hütte des weißen Zwischenhändlers, daß sie ihren Bruder zur Nachtzeit nicht sehen sollte, aber sie liebt ihn sehr und muß ihm etwas sagen.«

»Doch, meine teure Rosa«, stockte er in immer steigender Verlegenheit.

»Die Nachtluft ist kalt«, sprach sie. »Komm und laß uns in die Hütte treten, die Winde sind verräterische Boten unsrer Worte.« Sie schlüpfte durch die Büffelhaut, schloß diese sorgfältig an den Türbalken, zog dann ein Gefäß mit Kohlen aus einem Körbchen und zündete eine Kienfackel an, die sie zwischen die Balken steckte; dann trat sie zur Türe und winkte ihm, sich auf seinem Ruhebette niederzulassen.

»Mein Bruder ist seiner Schwester böse,« sprach sie, »Canondah hat ihm Kummer gemacht.«

»Nein, meine Teure; ich bin dir nicht böse. Wäre es möglich, das mir angebotene Glück sollte –« er stockte. Sie ließ ihn nicht ausreden.

»Canondah«, sprach sie mit sanfter Stimme, »ist gut, sehr gut, sie ist die Mutter der roten Töchter, aber sie hat nicht in den Busen der weißen Rosa gesehen, sie hat auch ihren Bruder nicht verstanden.«

»Ja, wohl nicht«, versetzte er.

»Sie hat die Wangen Rosas mit Schamröte überzogen, mein Bruder! Deine Schwester!« fuhr sie mit erhöhter, etwas festerer Stimme fort, »liebt dich sehr, aber sie liebt dich nicht, wie Canondah es meint, sie liebt dich wie einen weißen Bruder.« Das Auge des jungen Mannes zuckte ein wenig; er sah sie gespannt an.

»Mein Bruder,« fuhr sie in wehmutsvollem Tone fort, »Rosa würde die Hälfte ihrer Tage gerne dahin geben, wenn sie eine weiße Schwester, einen weißen Bruder hätte. Sie wollte gerne seine Magd sein und seine Jagdtasche füllen und sein Jagdhemde nähen und seine Kornfelder besäen, obwohl die Squaws ihrer zarten Hände spotten. Mein Bruder! Rosa hat keine Schwester, der sie ihren Busen öffnen könnte. Rosa muß mit sich selbst reden oder den Vögeln des Himmels ihre Freude und ihren Schmerz mitteilen.« »Und du bist dann auch, unglückliches Mädchen, eine Gefangene?« fragte er mit bebender Stimme.

»Nein, mein Bruder,« erwiderte sie, »Rosa ist keine Gefangene. Die Squaws lieben sie. Canondah ist ihr eine Mutter. Aber, mein Bruder,« und sie brach in einen Tränenstrom aus, »sie sind rot und Rosas Farbe ist weiß. In ihrem Herzen spricht es anders als in dem meinigen. Sie verstehen die arme Rosa nicht, die verlassen, einsam steht.«

Der Blick, die Worte, die klopfende Brust, das trostlose Wesen des Mädchens, das nun so sichtlich ihm, dem weißen Bruder, ihren Jammer zu eröffnen sich gedrungen fühlte, hatten ihm durch die Seele gebohrt. Er starrte sie eine Weile mit bekümmerten Blicken an und sprang dann auf sie zu.

»Unglückliches, verlassenes Mädchen, du arme Rosa in der Wildnis!«

»Mein Bruder«, sprach sie mit tränenschweren Augen, »ist also der armen Rosa nicht böse?«

»Böse, teures Mädchen! Wer könnte einem solchen Engel böse sein? Gebiete, befehle, mein Leben steht dir zu Diensten. Komm, fliehe mit mir.«

»Fliehen«, sprach sie, das Köpfchen schüttelnd, »und Canondah verlassen, die ihr eine Mutter war? Es würde ihr das Herz brechen. Nein, Rosa darf nicht, kann nicht fliehen. Es hat ja der alte Miko für sie gejagt, sie ist sein Eigentum. Aber kann mein Bruder nicht bleiben? Muß er von hinnen?«

»Ich muß, oder ich bin verloren«, sprach er mit dumpfer Stimme. Sie blickte mit tränendem Auge zum Himmel, – »Rosa«, flüsterte sie, »weiß es – ja, sie weiß es«, sprach sie zu sich selbst. »Und sie ist nun hierhergeeilt zu ihrem Bruder, es hätte ihr sonst das Herz zerrissen. Sie hat es nicht mehr aushalten können. Sie mußte zu ihm, damit er nicht glaube, daß sie es ist, die ihn gefangen hält. Sie hat«, flüsterte sie leise, »gebeten, sie hat geweint, sie hat sich auf die Knie vor Canondah geworfen; Canondah will nicht. O sie ist gut, sehr gut, sie ist der Trost Rosas; aber sie fürchtet sich vor dem Miko und den Ihrigen.« Das Mädchen schauerte sichtlich zusammen, als sie diese Worte sprach. »Der Miko«, fuhr sie geheimnisvoll fort, »hat geschworen, jeden Yankee zu töten, der ihm in seinem Wigwam nachspäht.«

»Aber ich bin kein Yankee«, erwiderte der Jüngling mit einiger Heftigkeit.

Sie schüttelte das Köpfchen. »Rosa würde dir gern glauben; aber sie kennt dich weniger als Canondah, und meine Schwester ist klug und hat nie eine Lüge gesagt. Rosa muß auch ihr glauben.«

»Unseliger Irrtum!« rief er.

»Nicht alle Yankees sind Späher,« versetzte sie, »und du sollst nicht für das Böse büßen, das deine Brüder dem Miko getan.«

»Ich bin aber kein Yankee,« versetzte er unwillig, »so wahr ich lebe. Glaube mir doch, teure Schwester.«

»Warum will mein Bruder denn nicht den Miko erwarten?«

»Weil dieser mich gewiß dem Seeräuber aufopfern würde. Doch an meinem Leben liegt wenig; aber mein Eid gebietet, meine Ehre fordert, daß ich so bald als möglich von euch scheide.«

Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Mein Bruder«, sprach sie, »muß sich selbst und sein Volk kennen. Wenn er die arme Rosa täuscht – so hat er ihrem Weh vielleicht früher ein Ende gemacht«, setzte sie leiser hinzu. »Lebe wohl!« Sie verlöschte die Fackel und verschwand zwischen der Öffnung. Das Mädchen war wie ein Traumbild gekommen und wieder verschwunden. Die ganze Nacht stand das edle Gesicht vor seiner Phantasie und noch den Morgen konnte er es nicht aus dem Sinne bringen. Was hatte ihr geheimnisvoller Besuch zu bedeuten?

Es war ein schwacher Hoffnungsstrahl; aber was vermochte sie, die selbst Gefangene war und mit dem Mißtrauen der Indianer so gut wie er zu kämpfen hatte? Von diesem Mißtrauen hatte er während der letzten vier Tage nur zu deutliche Beweise erhalten. Die Squaws waren beinahe jedem seiner Schritte gefolgt, und sie und die jungen Wilden hatten es an Ausbrüchen ihres gehässigen, feindseligen Wesens nicht fehlen lassen. Von mehreren Seiten her war ihm das drohende Wort Yankee zugerufen worden. Die Kanus waren von ihrem Ankerplatze verschwunden, und auf seinen Irrfahrten im Walde hatte ihn die junge Brut nie aus den Augen gelassen, und ein gellendes höhnendes Gelächter erschallte jedesmal, sobald er unverrichteter Sache aus dem Dickicht herauskam, in das er kaum fünfzig Schritte einzudringen vermocht hatte. Die letzten Worte der Indianerin waren ihm nun deutlich geworden. Er hatte wirklich während der letzten vier Tage Versuche gemacht, aus dem Walde zu entkommen. Nun war ihm die Gewißheit, daß er Gefangener sei.

Eine andere schlaflose Nacht war hereingebrochen. Er lag auf seinem Lager mit Unruhe und schweren Träumen kämpfend, als abermals Rosa in sein Stübchen trat, eine Kienfackel, in deren Spalte eine Kohle steckte, in der Hand. Sie blies sie rasch zur lodernden Flamme an und trat schnell zu ihm.

»Erwache, erwache, mein Bruder!« rief sie freudig und froh, und eine fieberische Röte leuchtete auf ihren Wangen. »Erwache, Canondah wird sogleich hier sein.«

»Was ist's, teures Mädchen?« rief er, von seinem Lager aufspringend.

»Canondah wird es dir sagen«, rief sie, und die Tränen drangen ihr in die Augen.

Ihre Stimme, ihr ganzes Wesen zeugte von einer Aufregung, einer Leidenschaftlichkeit, die etwas Wahnsinnartiges hatte.

»Um Gottes willen, Rosa, was ist's, das dich so außer Fassung gebracht hat?«

»Canondah,« sprach das Mädchen, »o, mein Bruder darf nun nicht mehr fürchten, er wird –«

»Höre, mein Bruder!« sprach die Indianerin, die rasch zur Türe hereingetreten war, ihre starren, leblosen Augen auf ihn richtend. »Höre,« sprach sie mit zagend stockender Stimme und einer Feierlichkeit, die ihr etwas Schreckhaftes gab, »Canondah will tun für ihren Bruder, was das Auge ihres Vaters und ihres Volkes trüben wird; denn sie liebt die weiße Rose sehr, und sie kann ihre Tränen nicht länger mehr anschauen. Sie will ihrem Bruder den Pfad zeigen, der über den Sumpf führt und will ihn über den Fluß rudern. Will mein Bruder bei dem großen Geiste, den sein und ihr Volk anruft, versprechen, daß er nie seinem Volke, unsern weißen Feinden, den Yankees, verraten will, wo er gewesen und was seine Augen gesehen? Will er versprechen, daß er ihnen nicht den Pfad zeigen will, der zu den Wigwams der roten Männer führt?«

»Gewiß!« rief der Brite, »ich verspreche es auf das heiligste.«

»Dann nimm diese Kleider«, sprach sie, ihm einen indianischen Anzug reichend. »Diese«, auf die seinigen deutend, »würden bald von Dornen zerrissen sein. Der Fußtritt, den die Mokassins einprägen, ist sehr sanft, und in wenig Sonnen, wenn unser Volk zurückkehrt, werden sie es nicht mehr sehen. Hier ist rote Farbe,« fuhr sie fort, »unsere Männer werden dir nachsetzen, und vielleicht mag es sie auf eine falsche Spur leiten. Sei schnell.« Der junge Mann stand noch immer seiner selbst unbewußt.

»Ums Himmels willen sei schnell«, flüsterte ihm Rosa in der Türe zu. »Die Wasservögel fangen an zu schreien, es ist hohe Zeit.«

Beide Mädchen traten vor die Türe. Er schlüpfte mechanisch in das Hirschfellwams, warf das Jagdhemde über sich und war eben mit dem Gürtelhemde beschäftigt, als die Indianerin eintrat. Sie half ihm, band die Mokassins an seine Füße und schlang den Wampumgürtel um seinen Leib.

»Hier ist eine Wolldecke«, sprach sie, eine solche über ihn werfend. »Hier eine Jagdtasche mit Pulver und Blei, hier eine andere mit Kuchen und Wildbret, und dieses Gewehr wird Wasservögel töten und mit diesen«, ihm Stein, Stahl und Schwamm reichend, »wird mein Bruder Feuer machen, um die Vögel zu rösten.« Sie hing jedes Stück um ihn mit einer Sorgfalt, die sonderbar mit ihrem beinahe leblosen Erstarren abstach.

»Mein Bruder,« sprach Rosa, deren Wesen sich nun plötzlich in Würde und feierlichen Ernst verwandelt hatte, »lebe wohl, und wenn du einst eine glücklichere Schwester siehst, dann sage ihr von Rosen, und sie wird eine Träne ihrer Schwester weinen.«

Der Jüngling stand noch immer seiner selbst unbewußt. Plötzlich rannte er zur Türe und umschlang das schöne Mädchen. Sie wand sich aus seinen Armen und sank hilflos ohnmächtig auf die Erde nieder. Die Indianerin sprang hinzu, hob sie vom Boden und, sie zum Lager tragend, drückte sie einen Kuß auf ihre Wangen; dann faßte sie den Jüngling bei der Hand und eilte mit ihm aus der Hütte. Sie glitt durch die Laube, stahl sich durch Hecken und Gebüsche und eilte an den Hütten vorbei, so schnell, so leise, daß ihm der Atem und das Sehen verging. Gleich einer dunstigen Nachtgestalt schwebte sie vor ihm im dunkeln Sternenglanze und durch den düstern Nebel ohne Ruhe, ohne Rast, bis sie den dunkeln Wald betreten hatte. Ein tiefer Seufzer entfuhr ihrer Brust. Sie sprach jedoch kein Wort und eilte schnell ins Innere. Es war finstre Nacht im tiefen Walde. Kein Laut war zu hören, kein Lichtstrahl zu sehen. Immer tiefer in den Wald rannte sie. Nun ertönte ein lautes Getöse, wie das entfernte Gemurmel eines herannahenden drohenden Haufens.

»Wir sind entdeckt,« rief der Jüngling, »die Eurigen sind uns auf der Spur.«

»Nein,« sprach die Indianerin im tiefen Tone, »es sind die Bullfrösche.« Das Gebrüll wurde schauerlicher und schauerlicher. Sie näherte sich dem Sumpfe, der unter ihren Füßen zu beben schien im fürchterlichen Gebrülle dieser Tiere, zwischen welchem dann und wann das dumpfe Stöhnen eines noch nicht ganz erstarrten Alligators sich hören ließ.

»Nun halte dich dicht an mich«, sprach die Indianerin, nachdem sie beinahe eine Stunde gerannt waren.

Ihre Schritte wurden nun äußerst behutsam. Sie streckte einen Fuß vorwärts, zog ihn wieder zurück, trippelte eine Strecke weiter und versuchte den Grund auf dieselbe Weise. Wieder kam sie zurück und kauerte sich dann auf die Erde nieder, von der sie Haufen von Gras und Lehm weghob.

»Wir sind auf den Stämmen, die die Unsrigen über den Sumpf gelegt haben. Halte dich nun am Zipfel meines Kleides.« Er faßte den Zipfel und beide schritten weiter.

»Fasse mich mehr«, rief die Indianerin, »und habe acht, ein falscher Schritt begräbt dich für immer im Schlamme.«

Sie waren endlich über den Sumpf.

»Wirf deine Wolldecke über den Kopf«, sprach sie, als sie am jenseitigen Rande des Sumpfes angekommen waren. »Der Wald auf dieser Seite ist voll von Dornen. Tritt in meine Fußstapfen; der Schlangen sind hier viele, und ihr Stachel ist tödlich. Bücke dein Haupt, oder die Dornen werden dir dein Gehirn aufreißen.«

»Was ist das?« schrie der Jüngling, der fortschreitend plötzlich fühlte, daß ihm seine Wolldecke vom Leibe gerissen wurde.

Seine Führerin trat zurück. »Es ist der große Dorn; mein Bruder muß sein Haupt neigen und seine Jagdtasche über Brust und Kopf halten, sonst werden ihn die Dornen durchbohren.«

Sie löste seine Decke vom Dorne und schritt weiter. Sie waren nun am Ufer des Sabine angelangt. Ohne einen Augenblick zu verlieren, sprang die Indianerin auf eine hohle Eiche zu.

»Mein Bruder«, sprach sie, »muß mir helfen das Kanu ins Wasser schieben.«

Beide nahmen das leichte Schiffchen und trugen es ohne Mühe ans Ufer hinab. Ein Stoß brachte es auf das Wasser. Sie nahm nun die Ruder und bat den Briten, still zu sitzen. Der Ruderschlag störte Hunderte von Schwänen, wilden Gänsen, Kranichen und Enten auf, die der ungewohnte Lärm in alle Richtungen über ihre Köpfe hinschwirren machte. Das Kanu glitt jedoch durch die Fluten, leicht wie eine Feder, dem Floßtiere nicht unähnlich. In wenigen Minuten hatten sie das östliche Ufer erreicht. Als sie ans Land gestiegen, nahm die Indianerin die Hand des Briten.

»Mein Bruder muß nun seine Ohren öffnen, er darf kein Wort seiner Schwester auf den Boden fallen lassen. Sieh, die Wiesen auf dieser Seite des Wassers sind leer, und der Bäume sind nur wenige. Mein Bruder muß zuerst dem Ufer dieses Flusses entlang aufwärts gehen, bis die Sonne sich neigt, und bis die Nacht vorüber ist, dann mag er sein Antlitz der aufgehenden Sonne zuwenden und dem Winde, der rauh und kalt ihm ins Gesicht bläst. Weiß mein Bruder, von welcher Himmelsgegend der Wind heult? Die Bäume werden es ihm sagen; sie sind rauh auf der Seite, wo sie angeblasen werden. Der Sümpfe sind nicht viele. Wenn mein Bruder aber zu einem kommt, muß er wissen, die zu täuschen, die vielleicht ihm folgen werden.« Sie hielt inne, als ob sie eine Antwort erwartete. Der junge Mann schien jedoch in Gedanken verloren.

»Meines Bruders Pfad«, sprach sie, »muß gekrümmt sein.« Wieder hielt sie inne, und dann sprach sie mit einer Stimme, deren sanft melodischer Ton das Innerste durchbebte. »Mein Bruder ist nun frei, und sein Pfad liegt offen vor ihm. Wenn er in die Wigwams seines Volkes kommt, dann mag er den weißen Mädchen zulispeln, daß die Töchter der roten Männer nicht weniger großmütig sind, als die der weißen. Möge mein Bruder nie vergessen, was die weiße Rose und ein rotes Mädchen getan haben, um seinen Pfad zu öffnen. Es wird vielleicht den Tomahawk ihres Vaters in ihrem Gehirne begraben«, flüsterte sie mit hohler, beinahe geisterartiger Stimme.

»Canondah!« rief der Jüngling in starrem Entsetzen. »Um Gottes willen, Canondah! was ist dies? Was meinst du damit? Droht meine Flucht dir mit Gefahr? Nein, nimmer soll es das – ich will zurück. Ich will den Miko erwarten und den Seeräuber.«

Aber das Mädchen hatte seine Hand fahren lassen und war das Ufer hinabgeflohen. Er rannte ihr nach, aber sie war bereits im Kanu, das leicht und schnell über den Wasserspiegel hinflog. Ein dumpfes Lebewohl tönte noch herüber durch den Nebelschleier, und dann waren nur noch einzelne Ruderschläge zu hören. Er rief sie bei ihrem Namen; sie gab keine Antwort. Er beschwor sie, ihn mitzunehmen; aber auch der letzte Wellenschlag war nun verklungen. Nichts als die gellenden Töne der Wasservögel waren noch zu hören.

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