Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Lindau >

Toggenburg

Paul Lindau: Toggenburg - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/lindaup/toggenbu/toggenbu.xml
typenovelette
authorPaul Lindau
booktitleDer König von Sidon
titleToggenburg
publisherVerlag der Wiking-Bücher Post & Obermüller
correctorw.klumatt-online.de
senderwww.gaga.net
created20120521
projectid49ee7bcf
Schließen

Navigation:

Um die zehnte Morgenstunde war Gustav Wöhringen in übelster Laune erwacht. Die verdrießliche Stimmung hatte ihn auch nicht verlassen, während er sich sehr langsam angekleidet hatte. Mit schwerem und wüstem Kopf hatte er sich an den Frühstückstisch gesetzt und ohne rechten Appetit seinen Tee getrunken. Er war wieder einmal, wie in den letzten Monaten fast ohne Ausnahme, zwischen drei und vier Uhr zu Bett gegangen; er hatte wieder einmal im Klub gespielt, und diesmal besonders unglücklich. Er hatte eine verhältnismäßig sehr starke Summe verloren, deren sofortige Zahlung ihn in augenblickliche Verlegenheit brachte. Es war ihm peinlich, deshalb an seinen Bankier, der früher sein Vormund gewesen war, zu schreiben; und obgleich er keinem Menschen über seine Ausgaben Rechenschaft schuldete, sann er doch über eine Notlüge nach, um seine Forderung zu rechtfertigen. Alles das ging ihm durch den Kopf. Er war mit sich und der ganzen Welt zerfallen. Er hatte schon oft in ähnlichen Stimmungen den guten Vorsatz gefaßt, seinem zwecklosen Leben eine andere Richtung zu geben; aber niemals war es ihm ernsthafter gewesen als in dieser unbehaglichen Stunde, da er mit übergeschlagenen Beinen am Frühstückstische saß und, nervös mit hastigen Fingern die Enden seines starken strohblonden Schnurrbarts zu kühnen Spitzen drehend, zum Fenster hinausstarrte. Er suchte zu seinen Gunsten alle möglichen mildernden Umstände geltend zu machen.

Da er seine Mutter schon als Kind verloren hatte, war er in einer vornehmen Erziehungsanstalt in Thüringen bis zur Universität herangebildet worden. Im Alter von zweiundzwanzig Jahren, als er im fünften Semester war, hatte er das Unglück, seinen Vater Zu verlieren. Er hatte keinen Bruder und keine Schwester, und mit den entfernteren Verwandten verkehrte er fast gar nicht. So war er als junger Mensch allein und im Besitz eines ziemlich großen Vermögens. Der unglückliche Zufall hatte ihn mit jungen Leuten zusammengeführt, die sich in einer ähnlichen Lage befanden. Er war in das Klubleben hineingeraten; er stand auf gutem Fuße mit den Damen der kleinen Theater und vom Zirkus. In der guten Gesellschaft, zu der er durch seine Familie, durch seine Bildung und seine Unabhängigkeit gehörte, langweilte er sich; und wenn er es sich recht überlegte, so langweilte er sich eigentlich auch am Spieltisch des Klubs und bei den lärmenden Abendessen in den kleinen Kabinetts. Seit Monaten stand er jeden Morgen mit der neuen Sorge auf, wie er den kommenden Tag totschlagen solle. Und wenn er abends nach Hause fuhr, mußte er sich jedesmal wieder sagen, daß auch dieser Tag ein verlorener gewesen sei. Diesem freudeleeren Dahinsiechen ohne Erregung, ohne Hoffnung und ohne Enttäuschung – dem mußte ein Ende gemacht werden.

Gustav warf die Zigarre mit einem leisen Seufzer beiseite und nahm eine der Zeitungen. Er las den ersten Satz in dem Romanfeuilleton: »Verhängnisvoll hatte Ada in sein Leben eingegriffen...« Weiter kam er nicht. Er legte das Blatt halb ärgerlich, halb lächelnd aus der Hand und sagte sich, daß die Romanschreiber nur Lug und Trug ersinnen, daß, es in Wahrheit gar keine Adas gibt, die verhängnisvoll in ein Leben eingreifen. Der heutige Tag, der 9. März des Jahres – das war sein fester Entschluß, – sollte nicht vorübergehen, ohne ihm irgend etwas Ungewöhnliches zu bringen, irgend etwas, das seine Teilnahme herausfordern, das ihn lebhafter in Anspruch nehmen würde als das törichte Einerlei seines gewöhnlichen Lebens. Wie zum Troste sagte er vor sich hin: »Und wo ihr's packt, da ist's interessant.« Er steckte eine neue Zigarre an und überlegte sich, wie er's anfangen solle, um irgend etwas zu erleben. Als erste Bedingung, um zum erstrebten Ziele zu gelangen, erkannte er, daß er nichts von dem tun dürfe, was er nunmehr seit Jahren tagtäglich getan hatte. Er nahm sich also vor, heute den Klub, die Theater, den Zirkus und alle Orte, wo er seine Bekannten zu finden Aussicht hatte, zu meiden. Den tollsten Plänen, wie sie eben nur eine durch Langeweile eingeschlummerte Phantasie nach gewaltsamer Aufrüttlung aushecken kann, sann er ernsthaft nach. Wie wär's, wenn er sich eines unglücklichen Kindes, das ihm irgendwo in den Weg laufen würde, annähme und eine Seele rettete? Oder wenn er dem ersten hübschen Mädchen, das ihm auf der Straße begegnen würde, folgte und sich Mühe gäbe, sich ernsthaft in dasselbe zu verlieben? Oder wenn er sich in einer ganz entlegenen und verruchten Gegend der Stadt eine möblierte Wohnung mietete oder auf einen beliebigen Bahnhof ginge und der ersten besten hübschen Person, die irgendwohin führe, folgte?

Inzwischen traf er wirklich alle Veranstaltungen wie zu einer kleinen Reise. Er erledigte einige Briefe, die längst der Beantwortung harrten, er brachte die Sache mit seinem Bankier in Ordnung, er überzählte seine Barschaft, die immer noch ausreichte, um ihm zu gestatten, eine Vergnügungsreise von drei bis vier Wochen zu unternehmen; er machte sich bedächtig zum Ausgehen bereit und sagte seinem Diener, es wäre möglich, daß er einige Tage nicht nach Hause käme. Fritz war ein wohlgeschulter Diener und wunderte sich über nichts, was sein Herr tat oder unterließ.

Es war gegen zwei Uhr nachmittags, als Gustav auf die Behrenstraße trat. Einen Augenblick blieb er unschlüssig vor der Haustür stehen, ob er rechts nach der Hedwigskirche oder links nach der Wilhelmstraße abbiegen solle. Ein schmutziger Dienstmann tappte schwerfällig an ihm vorüber; Gustav beschloß, ihm zu folgen. So gelangte er durch den Durchgang der kleinen Mauerstraße unter die Linden. Vor den dort angebrachten Schaukästen der Photographen blieb er stehen und besah die ausgehängten Bilder. Es waren meistens mehr oder weniger bekannte Künstlerinnen in interessanten Stellungen, und die weniger bekannten kannte er am besten. Eines dieser Bilder erregte durch seine Verneinung alles Komödienhaften sein besonderes Wohlgefallen. Es war das Bildnis eines sehr jungen, bildhübschen Mädchens mit auffallend großen Augen, die unter langen, sanftgeschwungenen Wimpern mit dem entzückenden Ausdruck eines verwunderten Kindes in die Welt schauten, mit einer etwas niedrigen Stirn, einer edelgeschnittenen Nase, einem reizenden frischen Munde. Das volle, schlichte blonde Haar war in einen einfachen Knoten geschlungen. Der ganze Zauber der Jungfräulichkeit, die holde Anmut der ersten Jugend waren über das liebliche Gesicht ausgegossen.

»Da hätten wir ja eigentlich schon, was wir brauchten«, sagte sich Gustav. »Ich brauchte nur zu dem Photographen zu gehen, auszukundschaften, wer das reizende Mädchen ist, brauchte die Unbekannte nur aufzufinden, mich in sie zu verlieben, von ihr geliebt zu werden, und alles wäre in schönster Ordnung. Aber ich kenne mich! Ich weiß im voraus, daß da wieder die Schlange unter dem Stein lauert. Fünf zu eins wette ich, daß mit dieser Unbekannten irgend etwas nicht stimmt. Entweder stößt sie mit der Zunge an, oder sie hat schlechte Zähne, oder sie ist unerlaubt langweilig – nein, langweilig kann sie nicht sein; dazu ist sie zu hübsch! Aber sie wird jedenfalls schon verlobt oder verheiratet sein, wenn ich sie finde. Das Original der Photographie bleibt mir übrigens für alle Fälle; vielleicht finden wir doch noch etwas Besseres.«

Er ging durch das Brandenburger Tor und schlenderte langsam an den Bäumen hin durch die Lennéstraße die Tiergartenstraße entlang. Der sonnig-warme Tag hatte den Tiergarten mit Spaziergängern stark bevölkert. Gustav musterte sie alle; es begegneten ihm manche junge Frauen und Mädchen, die ihm wohlgefielen, aber er wurde offenbar sehr wenig beachtet. Er wunderte sich zunächst darüber, und es verdroß ihn sogar ein wenig, daß seine lebhaften und herausfordernden Blicke keiner besonderen Teilnahme begegneten. Nach einiger Zeit machte er sich indessen klar, daß die jungen Mädchen, die ihm zufällig entgegenkamen, von seinen Absichten doch keine Kenntnis haben und also auch nicht wissen konnten, wie er an einem sogenannten Wendepunkte seines Daseins angekommen zu sein glaubte, und daß jene daher vollberechtigt waren, ihn gerade so viel und gerade so wenig zu beachten wie gestern und an den Tagen vorher. Seinen hochfliegenden Plänen folgte sehr schnell die völlige Entmutigung; und er war noch nicht zehn Minuten im Tiergarten, als er sich im geheimen schon die Frage vorlegte, ob es nicht am gescheitesten sei, wenn er ruhig in den Klub zurückkehre und den heutigen Tag geradeso verbringe wie alle andern. Aber er hatte doch ein gewisses Gefühl der Scham vor sich selbst und wollte die Flinte nicht gleich ins Korn werfen. Er sah nach der Uhr. Es fehlten noch wenige Minuten an Drei, es war also auf alle Fälle auch noch viel zu früh zum Essen, er wußte, daß er um diese Stunde keinen seiner Bekannten antreffen würde. Gustav war langsam bis zur Höhe der Regentenstraße die Tiergartenstraße hinaufgegangen. An dem schmalen Wasserarm, welcher die Luiseninsel umfließt, ist da ein dreieckiger Raum freigelegt, in den drei Seitenalleen münden, und dort sind auch einige Ruhebänke angebracht. Er setzte sich auf die erste Bank, die dem Hauptspazierwege am nächsten ist, und zeichnete, ohne sich etwas Besonderes dabei zu denken, Figuren in den Sand. Durch die Bäume und Sträucher, die eben das erste Grün ansetzten, leuchtete der weiße Marmor des Denkmals der Königin Luise. Einige Schritte von ihm quälte sich eine englische Gouvernante mit einem ungezogenen, modisch ausgeputzten, krausköpfigen Jungen ab, der durchaus in den Tiergarten gehen wollte, während seine Begleiterin darauf bestand, ihn auf die Promenade zu führen. Spaziergänger, einzeln und in Gruppen, kamen an ihm vorüber, ohne irgend etwas Auffälliges zu zeigen und ohne ihn zu beachten. Auch nicht einer unter diesen entsprach nur annähernd seiner Forderung, ihn durch Außergewöhnliches zu reizen. Er hatte schon mehrmals den Entschluß gefaßt, wieder aufzustehen und weiterzuschlendern, aber die Trägheit, die ihn meisterte, vereitelte sein Vorhaben. So mochte er wohl eine halbe Stunde langsam abgetan haben, als er plötzlich aus seiner Teilnahmlosigkeit aufgerüttelt wurde. Von der Tiergartenseite her kam in ungewöhnlich schnellem Schritt ein Herr daher, der spähend in die verschiedenen Seitenalleen ausblickte, die kleine Lichtung in der Nähe des Wassers umging, dann die Tiergartenstraße rechts und links aufmerksam hinauf und hinab musterte und endlich entschlossen auf ihn zuschritt. Mit einem eigentümlich befangenen Lächeln lüftete er den Hut und fragte mit kurzem, vom schnellen Gange noch behindertem Atem:

»Entschuldigen Sie, mein Herr, eine Frage: sind Sie schon lange hier?!«

»Seit einer halben Stunde.«

»Wissen Sie das genau? – Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich darnach erkundige, es liegt mir viel daran.«

»Ganz genau. Ich habe nach der Uhr gesehen, als ich mich hier niedergelassen habe; es fehlten einige Minuten an drei Uhr.«

Das Gesicht des Fremden leuchtete auf. Mit derselben Befangenheit und mit derselben Höflichkeit fuhr er fort:

»Ist Ihnen hier irgend etwas aufgefallen – ich meine, haben Sie irgend jemand bemerkt – etwa eine Dame... vielleicht sind es auch zwei Damen gewesen?« –

»Es sind verschiedene Damen hier vorübergegangen.«

»Diejenige, die ich meine, müßte Ihnen aufgefallen sein: über mittelgroß, sehr schlank, mit lichtblondem Haar und großen schönen dunkelblauen Augen.«

Gustav dachte bei dieser Beschreibung unwillkürlich an die Photographie, die er vor kurzem aufmerksam betrachtet hatte, und lächelte.

»Nein,« antwortete er, »die Dame, die Sie beschreiben, ist nicht hier gewesen.«

Der Fremde griff wieder an den Hut und sagte, indem er sich höflich verbeugte:

»Dann danke ich Ihnen, und ich bitte noch einmal um Vergebung, daß ich Sie mit meinen Fragen behelligt habe.«

Er wandte sich kurz ab, warf noch einen Blick auf die Tiergartenstraße, umschritt noch einmal die kleine Lichtung, und nach einer abermaligen Musterung der Seitenalleen setzte er sich endlich auf dieselbe Bank, auf der Wöhringen Platz genommen hatte, aber an das andere Ende, nachdem er zuvor mit seinem großen rotseidenen Taschentuch den Sitz und die Lehne bedächtig abgeklopft hatte.

Gustav betrachtete den Fremden mit Aufmerksamkeit. Derselbe hatte durch die Gutmütigkeit seines Ausdruckes, die Bescheidenheit seiner Sprache und die Tadellosigkeit seiner Haltung einen sympathischen Eindruck auf ihn gemacht. Der Fremde mochte etwa in der Mitte der Fünfziger stehen. Seine Gesichtsfarbe war zwar gut, aber er sah doch sehr zart, beinahe schwächlich aus. Der lange Vollbart spielte schon stark ins Graue hinüber. Der Herr war außerordentlich gepflegt und sauber, namentlich war das Haupthaar mit einer gewissen Koketterie geordnet und an den Schläfen zu Locken kunstvoll gewirbelt. Unter den ziemlich starken Brauen hatte das gutmütigste und harmloseste Auge Gustav angeblickt. Bedeutend war der Mann gewiß nicht. Der hervorstechende Zug des regelmäßigen und ziemlich gewöhnlichen Gesichtes war eben die Gutmütigkeit. Auch seine Kleidung bekundete die peinliche Sorgfalt, die er auf sein Äußeres zu legen schien. An dem etwas altmodisch geschnittenen Überrock, der militärisch bis oben zugeknöpft war, war nicht ein Stäubchen zu sehen. Der Hut, der gleichfalls, nach der stark geschweiften Krempe zu schließen, einem ziemlich alten Jahrgänge angehören mußte, war auf das gewissenhafteste gebürstet. Trotz des trockenen, schönen, warmen Wetters trug er Galoschen und einen Regenschirm. Gustav hätte dem Herrn ein dutzendmal im Laufe eines Tages begegnen können, ohne daß er ihn bemerkt hätte. Heute aber, da er auf der Suche nach Außergewöhnlichem war, wollte er sich durchaus einreden, daß sein harmloser Nachbar etwas Eigentümliches besitzen müsse.

»Auf wen wartet der Mann?« fragte er sich. »Wer ist die Blondine mit den großen Augen? Seine Tochter? – Ein Vater, der auf seine Tochter wartet, sieht anders aus. Seine Braut?«

Mit ungläubigem Lächeln gab er sich selbst die Antwort auf diese Frage. Aber seine Neugier war nun einmal gereizt, und er verspürte nicht geringe Lust, mit dem Fremden eine Unterhaltung anzuknüpfen, welche ihm über das, was er zu erfahren wünschte, vielleicht Auskunft geben würde. Er schwankte indessen; denn er hatte das Gefühl, daß die Lösung dessen, was ihm jetzt rätselhaft erschien, vermutlich der allergewöhnlichsten Art sein würde, und daß er nur eine abermalige Enttäuschung zu gewärtigen hätte. Aber gleichviel, er wollte es darauf ankommen lassen. Er besann sich einige Augenblicke, wie er das Gespräch einleiten solle, und es fiel ihm, wie in solchen Fällen immer, nichts Gescheites ein.

»Sie scheinen auch auf jemand zu warten?« sagte er, während er sich zu dem Herrn hinüberwandte; und nachdem er auf diese Frage keine Antwort erhalten hatte, fuhr er nach einer kurzen Pause fort: »Ich warte auch. Und wie merkwürdig! – Sie warten auf eine blonde Dame, ich auf eine brünette.«

Der Fremde verzog keine Miene. Gustav ließ sich jedoch nicht entmutigen. Nach einigen Augenblicken fuhr er wiederum fort:

»Ich bin etwas ungeduldiger Natur, und das Warten langweilt mich sehr. Wenn Sie nichts dagegen haben, wollen wir ein wenig miteinander plaudern, das wird uns beiden die Zeit vertreiben helfen.«

Der Fremde errötete flüchtig wie ein schüchternes Kind. Er lächelte mit dem Ausdruck großer Verlegenheit und sagte stockend:

»Entschuldigen Sie, wenn ich unhöflich erscheine und auf Ihr freundliches Anerbieten nicht eingehe. Ich muß aufpassen, und das Sprechen zerstreut mich. Also nehmen Sie es nicht für nicht mehr antworte. Ich bitte Sie nochmals ungut, wenn ich schweige und auf Ihre Fragen höflich um Vergebung.«

»Bitte, bitte«, sagte Gustav, der nun an der Persönlichkeit seines Nachbars wirkliche Teilnahme zu fühlen begann.

Das war ja offenbar kein gewöhnlicher Mensch! Dahinter mußte doch etwas stecken! Ein Mann, der um vier Uhr nachmittags im Tiergarten aufpassen muß und nicht sprechen will, damit er seine Aufmerksamkeit nicht zersplittert, – da war ja jenes Geheimnisvolle, auf das er fahndete und das es zu erforschen galt. Die Lösung dieses Rätsels konnte voraussichtlich einen gelangweilten Müßiggänger wie ihn wenigstens einige Stunden, vielleicht gar einige Tage beschäftigen. Es war für Gustav eine beschlossene Sache: so leichten Kaufs sollte der Fremde nicht davonkommen. Es mußte festgestellt werden, wer der Mann ist, was er treibt, wie es um die Blondine steht, die er hier erwartet, mit einem Worte, der ganze geheimnisvolle Roman mußte entschleiert werden!... Freilich, wenn er sich die Sache recht überlegte, zu einem interessanten Romanhelden war dieser schlichte Mann mit dem unbedeutenden Gesicht, dem glänzenden Hute, dem hochzugeknöpften Überzieher, den Galoschen und dem Regenschirm recht wenig geeignet! Aber weshalb sollte der Schein, der so oft trügt, nicht auch mit ihm sein trügerisches Spiel treiben? Wer konnte wissen, wie unergründlich tief dieses stille Wasser war? Gustav entwarf einen großartigen und um so phantastischeren Schlachtplan, als es ihm an jeder sachlichen Unterlage mangelte. Während er mitten in seinen kühnen Entwürfen stak und den Fremden, der sich ab und zu erhoben und seinen Rundgang um den dreieckigen Platz angetreten hatte, nicht aus den Augen ließ, wurde er plötzlich von einem Bekannten angeredet.

»Was treibst du denn hier?« fragte ihn ein eleganter junger Mann. Es war Edgar von Kößler, derselbe, an den Gustav in der vergangenen Nacht eine erhebliche Summe verloren hatte. Gustav war nicht sehr erbaut von der Begegnung und antwortete ziemlich kurz:

»Ich fange Grillen.«

Edgar, der auf den Fußspitzen vor ihm wippte und mit seinem Stöckchen an die Beinkleider klatschte, machte irgendeine Bemerkung, die sich auf den gestrigen Abend bezog; aber Gustav war gar nicht zum Spaßen aufgelegt. Er hatte sich in der stillen Betrachtung des Fremden, – wie er erst jetzt, da er gestört worden war, bemerkte, – eigentlich sehr gut unterhalten; und es war ihm nun unangenehm, daß er auf einmal wieder an den Klub, an sein gewöhnliches Leben erinnert wurde. Er lehnte Edgars Aufforderung, ihn zu begleiten, energisch ab.

»Hast du ein Rendezvous?« fragte Edgar.

»Vielleicht.« »Dann hast du wenigstens gute Gesellschaft«, fuhr Edgar fort, auf den Fremden deutend, der gerade an dem Wasserarm bei der Luiseninsel auf- und niederging.

»Wieso?« fragte Gustav.

»Nun, es ist doch das bekannte Standquartier des edlen Daniel Toggenburg.«

»Daniel Toggenburg?«

»Solltest du der einzige Berliner sein, der das merkwürdigste Original des Tiergartens nicht kennt? – Da geht er, der Mann mit dem eigentümlichen Hüftenrock und dem grauen Barte.«

»Nun, was ist mit dem?«

»Ich weiß es nicht. Die Leute nennen ihn Daniel Toggenburg, wahrscheinlich weil er immer wartet. Ich weiß, nur, daß man ihn unfehlbar an jedem Tage, ob Regen, ob Sonnenschein, bei Wind und Wetter zur selben Stunde, zwischen drei und halb fünf Uhr, hier an derselben Stelle findet.

Und so saß er viele Tage,
Saß viele Jahre lang,
harrend ohne Schmerz und Klage ...«

»Ich bin oft genug hier entlang gekommen, mir ist er nie aufgefallen.«

»Wem sollte der Mann auffallen? Ich habe ihn auch erst bemerkt, nachdem man mich auf ihn aufmerksam gemacht hatte.«

»Was will denn der Mann hier?«

»Keine Ahnung! Ich habe auch schon diesen und jenen gefragt, aber niemand hat mir Auskunft geben können. Er gehört eben zum Tiergarten; dabei beruhigt man sich. Der Mann wird an Kongestionen leiden; wahrscheinlich hat ihm der Arzt regelmäßige Spaziergänge verschrieben... Kommst du mit?«

»Nein. Ich habe hier noch zu tun.«

»Man sieht dich doch zum Essen im Klub?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht.«

»Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen.«

Edgar hatte eine bekannte Dame und deren hübsche Tochter erblickt und versuchte mit beschleunigten Schritten dieselben einzuholen. Gustav blickte ihm fast geringschätzig nach. Wie schal und unwürdig erschien ihm das Treiben eines Edgar von Kößler, der einer jeden Schürze nachlief! Wie viel vornehmer und ernsthafter dünkte ihn seine Beschäftigung, nachdem er nun sein Ziel erkannt und seinem Leben einen Inhalt zu geben beschlossen hatte! Hier galt es eine Menschenseele ergründen, nicht mehr und nicht weniger. Oder vielleicht doch etwas weniger?

Der Zweifel regte sich bescheiden in Gustavs Gemüt. Am Ende war es doch nur flüchtige Laune und kindische Neugier? – Aber nein, Gustav wollte sich die Reinheit seines Vorhabens nicht trüben und das, was vielleicht edel werden konnte, nicht von unlauteren Kleinlichkeiten anfechten lassen. Hier war ein ruhiger, offenbar anständiger Mann, der etwas ganz Ungewöhnliches tat; vielleicht konnte dem Manne geholfen werden – und weshalb hätte er nicht der Helfer werden können?

Um halb fünf Uhr hatte der Fremde nach der Uhr gesehen und sich ruhig, nachdem er Gustav wie zum Abschiede noch begrüßt hatte, durch den Tiergarten entfernt. Gustav folgte ihm in einiger Entfernung. Der Fremde hatte sich noch einige Male umgesehen, aber Gustav, der den Blicken Daniels auszuweichen gesucht hatte, nicht bemerkt. Daniel ging durch den Tiergarten, bog dann in die Dorotheenstraße ein und setzte nun bis zur Spree seinen Weg fort. Er ging über die Insel bei dem Museum vorbei, über die kleine Kavalierbrücke bis zum Neuen Markt. Gustav hatte ihn scharf im Auge behalten.

Auf einmal war Daniel wie in einer Versenkung verschwunden. Obgleich Gustav geborener Berliner war, kannte er die Gegend, in die ihn Daniel gelockt hatte, so gut wie gar nicht. Die Physiognomie der Stadt erschien ihm gänzlich verändert. Vielleicht war er schon einmal auf dem Neuen Markt gewesen, vielleicht auch nicht. Aber wo war Daniel geblieben? War er hier in ein Haus eingetreten? – War er weitergegangen?

Gustav stand vor einem ganz schmalen Durchgange, der eher an eine venetianische Gasse als an eine Straße des breitgebauten Berlins erinnerte. Aufs Geratewohl durchschritt er denselben und sah nun vor sich eine merkwürdige Kirche, die er gewiß noch nie gesehen hatte. Und richtig, nun bemerkte er, wie Daniel da in der Ecke des Platzes auf der obersten der drei steinernen Stufen, die zur Tür des gelben Hauses hinaufführten, stand, seinen Drücker zog und das Haus öffnete.

Mit aufrichtiger Überraschung und Befriedigung blickte Gustav um sich. Es war ihm, als habe er eine Entdeckung gemacht. Er konnte es nicht fassen, daß man einen solchen Fleck mitten in dem modernen Berlin finden könne. Inmitten des geräuschvollen Treibens der geschäftigen Großstadt dieser friedliche Ruhepunkt wie eine große Pause in den rauschenden Mißtönen unseres hastigen Daseins. Das alles stimmte so richtig zueinander! Hier mußte der Sonderling wohnen, dem Gustav gefolgt war – da in dem gelbgetünchten, saubern alten Eckhause, in dessen kleinen runden Fensterscheiben das rötliche Sonnenlicht glitzerte. Von diesem Fenster aus mußte er hinabblicken auf den schmalen Steg vor ihm, und hinüberblicken auf den altertümlichen, von der Zeit ganz geschwärzten Bau der schönen Marienkirche. Wie feierlich und friedlich erhob sich dieses ehrwürdige Gebäude aus der Mitte der unansehnlichen, stillen alten Häuser, die sich von drei Seiten her hart an die Kirche herandrängten und bis zu deren Mauern nur einen ganz schmalen Weg freiließen. Da wucherte das Gras aus den Fugen zwischen den schlecht behauenen Pflastersteinen hervor. Hier stockte aller Verkehr. Jahre mochten vergehen, bis sich ein müßiger Spaziergänger von ungefähr hierher verirrte. Nur von den spärlichen Bewohnern der wenigen Häuser, die überhaupt einen Zugang zu dem Kirchhofe hatten, wurde dieser Platz betreten. Die meisten dieser Häuser waren Hintergebäude der zu den anliegenden Straßen gehörenden Baulichkeiten.

Es war ganz unheimlich still. Alle Fenster waren geschlossen. Nur gedämpft drang das Geräusch von den in den belebten Nachbarstraßen dahinrollenden Lastwagen und Droschken bis hierher. Unwillkürlich trat Gustav ganz behutsam auf, als fürchte er, jemand aus dem Schlafe zu wecken, während er langsam an der Kirche entlang ging. Dann blieb er vor einem grob zurechtgehauenen Steinkreuz am Eingange der Kirche stehen. Er betrachtete dasselbe, das darauf hindeutete, daß es hier etwas zu gedenken gab. Hier mußte sich in grauer Vergangenheit etwas Sonderbares zugetragen haben, vielleicht etwas Schreckliches, das durch das Zeichen der christlichen Barmherzigkeit hatte gesühnt werden sollen. Gustav besaß keine Veranlagung zu sentimentalen Regungen, aber es kam doch etwas Seltsames über ihn, wie ein Schauer aus fernen finstern Tagen. Mit einem beinahe andächtigen Gefühl stand er vor dem ernsten dunkeln Gotteshause. Er betrachtete die schönen alten Schmiedearbeiten, die, nach ihren edel geschwungenen Linien zu schließen, aus dem Anfange des sechzehnten Jahrhunderts herrühren mochten. Dann blickte er wieder auf die alten reizlosen Häuser, die hier eine so harmonisch abgestimmte Umgebung bildeten. Es regte sich noch immer kein Zeichen des Lebens, und dabei war der Tag doch so licht und die Sonne so freundlich. Um so unheimlicher wirkte dieser stille Platz. Ihm war zumute, als habe hier ein geheimnisvolles gewaltsames Naturereignis alles Lebende ertötet, als sei alles ausgestorben oder durch eine unerklärliche Gewalt verzaubert. Er empfand eine ganz seltsame Beklommenheit, die ihm doch wiederum sehr reizvoll erschien. Wie befreit atmete er auf, als er von der andern Seite des Platzes her fröhliche, helle Kinderstimmen vernahm. Er umschritt die Kirche. Nach der einen Seite hin waren die Häuser scheu zurückgewichen und hatten einen größeren Platz freigelassen, auf dem sich eine Schar kleiner Jungen und Mädchen herumtummelte. Sie blickten erstaunt zu dem fremden Herrn auf, der ihnen eine ungewöhnliche Erscheinung war. Auf einen Augenblick verstummte das helle Lachen, aber nur auf einen Augenblick, das Spiel wurde unbekümmert um den Zuschauer sogleich wieder aufgenommen.

Eine kleine Weile hatte Gustav dem Treiben der Kinder zugeschaut, als er bemerkte, wie aus dem Hause, in dem Daniel verschwunden war, ein Dienstmädchen trat, das einen Korb am Arme trug. Das Mädchen ging, ein Liedchen trällernd, an ihm vorüber und war verschwunden, ehe er seinen Vorsatz, es anzusprechen, hatte ausführen können. Er sagte sich aber sehr richtig, daß es jedenfalls wiederkommen müsse, und da er schon einige Stunden mit Warten zugebracht hatte, so machte es ihm nichts, daß er etwas versäumte; wußte er doch, daß er's nachholen konnte. Und richtig, nach einer kleinen Viertelstunde sah er das Mädchen durch die Gasse wieder auf den Marienkirchhof zurückkommen. Jetzt ging er entschlossenen Schrittes auf sie zu. Es war ein dralles, hübsches junges Mädchen mit roten Backen und rotgearbeiteten, starken Händen. Im Verkehr mit Dienstboten hatte Gustav eine gewisse Technik erlangt. Während er Daumen und Zeigefinger mit einer Gebärde, die jeder dienstbare Geist versteht, in die rechte Westentasche steckte, sagte er:

»Einen Augenblick, schönes Kind! Sie können mir eine Auskunft geben. Wie heißt der Herr, der in dem Hause da wohnt – ich meine den Herrn, der immer im Tiergarten spazieren geht?« »Ach so, Sie meinen Herrn Daniel Möllmann?«

»Jawohl, ich meine Herrn Daniel Möllmann.«

Er drückte dem Mädchen, das sich ein wenig, aber nicht zu viel sträubte, einen Taler in die Hand.

»Und was treibt Herr Daniel Möllmann? Hat er ein Geschäft?«

»Nein, das glaube ich nicht.«

»Also Sie sind nicht in dessen Diensten?«

»Ich diene eine Treppe höher.«

»Erzählen Sie mir doch etwas von diesem Herrn Daniel Möllmann. Was macht er denn den ganzen Tag?«

»Ach, von dem ist nicht viel zu erzählen! Es ist ein wunderlicher Herr. Er sagt nie ein Wort. Er hat eine alte Aufwartefrau, die ihm auch kocht, und die auch kein Wort spricht. Die Leute sagen, daß er ein ganzes Zimmer voll alter Töpfe und Krüge hat; er ist ein Sammler, sagen die Leute.«

»Mehr ist nicht von ihm zu sagen?«

»Ich weiß wirklich nicht mehr. Er geht jeden Mittag aus und kommt immer um dieselbe Zeit nach Hause, so um ein Viertel auf sechs Uhr, sonst sieht und hört man nichts von ihm.«

»Also er sammelt alte Krüge, das ist das einzige, was Sie von ihm wissen?«

»Ja, so sagen die Leute im Hause. Ich habe noch keine gesehen, aber ich bin erst seit einem halben Jahr hier im Dienst.«

»So! dann danke ich Ihnen.«

Das Mädchen nickte freundlich und trat in das Haus, in dem Daniel Möllmann wohnte. –

»Wie lange so ein Tag währt, wenn man nur die Stunden nützlich und ausgiebig verwertet«, sagte sich Gustav, als er sich mit einer gewissen Überwindung von der Stelle abwandte, die ihm so schnell durch ihre Eigentümlichkeit lieb geworden war. Die alte heisere Glocke der Marienkirche schlug gerade halb sechs, als er durch die schmale Gasse in die Bischofsstraße einbog und sich der Friedrichsstadt zuwendete, die er bisher in partikularistischer Überhebung als das eigentliche und alleinige Berlin betrachtet hatte. Es war ungefähr dieselbe Zeit, zu der er gewöhnlich seine mit behaglichem Luxus eingerichtete Junggesellenwohnung verließ, um auf einem kleinen Umwege den Klub zu erreichen. Sonst hatte er bis zu dieser Stunde noch gar nichts Vernünftiges getan; er hatte die Vermischten Nachrichten und den Lokalklatsch in den Zeitungen gelesen, den Tanz oder Gassenhauer aus der neuesten Operette auf dem Klavier geklimpert, in irgendeinem Roman geblättert – das war alles. Wie viel voller, wie viel ereignisreicher erschien ihm der heutige Tag! Wie fruchtbringend versprachen die letzten Stunden für die nächste Zukunft zu werden, und was hatte er nicht schon alles erfahren und festgestellt!

Was hatte er nicht alles erfahren!

Gustav wiederholte für sich diesen Satz, und er mußte lächeln. Es war doch eigentlich nicht viel. Er war mit einem unansehnlichen Manne im Tiergarten zusammengetroffen; er wußte nun, daß dieser zu den regelmäßigen Besuchern desselben gehöre, daß er in einem entlegenen Winkel der Hauptstadt wohne, Daniel Möllmann heiße und, wenn das hübsche Dienstmädchen ihn richtig unterrichtet hatte, alte Krüge sammele. Es war in der Tat nicht sehr erheblich; aber er war nicht anspruchsvoll und mit der Ausbeute des Tages durchaus zufrieden. Er glaubte sich nun nach getaner Arbeit die wohlverdiente Zerstreuung gönnen zu dürfen und ging gerade wie alle andern Tage in den Klub, dann in das Theater, um nach der Vorstellung in den Klub zurückzukehren und mit dem so beliebten Baccarat den jungen Tag zu begrüßen.

Seit langen Jahren zum erstenmal erwachte Gustav mit einem bestimmten Programm. Wie am vorhergehenden Tage machte er sich wieder auf den Weg nach dem Tiergarten, blieb wiederum vor dem Schaukasten des Photographen stehen, betrachtete die Bilder der anspruchsvollen Künstlerinnen und des blonden Mädchens mit den großen Augen und freute sich, als er seinen Freund Daniel an der bestimmten Stelle antraf. Nachdem sie sich gegenseitig artig begrüßt hatten, ging Gustav über den Fahrdamm und trat in die Konditorei an der Ecke der Bendlerstraße. Als er sich hier umsah, hatte er eine ähnliche Empfindung wie gestern, da sich ihm die Geheimnisse des Marienkirchhofes enthüllt hatten. Er machte sich Vorwürfe darüber, daß er seine Vaterstadt bisher so ungenügend gekannt habe. Auch hier stand er einem Widerspruch gegenüber, der ihn reizte: mitten in der vornehmsten, reichsten Gegend der Hauptstadt, in herausfordernder Nachbarschaft mit den Prachtbauten, die redlicher Gewinn und mühelos erworbener Reichtum errichtet hatten – hier, an einem der besuchtesten und schönsten Punkte der Residenz, wo jeder Fußbreit Grund und Boden mit Gold bezahlt wird, stand das alte einstöckige, bis zur Dürftigkeit anspruchslose Haus mit seinem kleinen, winkligen, ungemütlichen Laden, einer Konditorei allerprimitivster Art, die kaum in der bescheidensten Kreisstadt auf der Höhe der lokalen Anforderungen stehen würde.

Er trat in den kleinen, unter dem stolzen Namen »Rauchzimmer« abgetrennten Raum, und da Frau Maukel, die Inhaberin der Konditorei, gerade einen Kunden mit Kaffeekuchen zu versehen hatte, so blieb er einige Zeit allein. Er sah sich in dem schmalen und niederen Stübchen, das jeden Anspruch auf Eleganz und Komfort verschmähte, prüfend um. Den meisten Spaß hatte er an den Bildern, die übrigens den einzigen Zimmerschmuck ausmachten: da hingen die Porträts des Kaisers und des Kronprinzen in elendem Ölfarbendruck mit billigen Fabrikrahmen, und zwei kolorierte Genrebilder, offenbar Gratisprämien zu einem Kolportageroman; es waren Szenen häuslichen Glücks zu Wasser und zu Lande: ein eleganter Vater mit goldener Uhrkette, der seine Frau mit blonden Locken und einer großen Brosche an sich drückt und zu deren Füßen ein blondes Mädchen mit einem großen Hunde spielt, und ein junges Paar im Nachen, das sich Zärtlich umschlungen hält, während ein rosiger Bootsmann mit blauer Jacke, auf deren breitem Umschlag ein goldener Anker erglänzt, und mit rot- und weißgestreiften Beinkleidern den Kahn treibt. Gustav bestellte bei Frau Maukel irgendeinen Likör und ließ sich mit der Dame in eine Unterhaltung ein, natürlich über Daniel. Die erwartete Bereicherung seiner Kenntnisse wurde ihm leider nicht zuteil. Frau Maukel wußte über Daniel nichts weiter, als daß er seit langen Jahren unfehlbar zu derselben Stunde an der Luiseninsel anzutreffen sei, und fügte nur hinzu, daß sich früher die Nachbarn über die seltsame Erscheinung beunruhigt und sogar einen Kriminalbeamten ersucht hätten, den Mann zu überwachen. Die Nachbarn wären indessen beruhigt worden, als ihnen der amtliche Bescheid zuteil geworden sei, daß der Herr durchaus nichts Arges im Schilde führe und ein ganz harmloser Sonderling sei, dessen regelmäßiges Erscheinen an derselben Stelle und zu derselben Zeit wahrscheinlich keine andere Ursache habe, als die Gewohnheit.

»Wir sehen ihn jetzt gar nicht mehr,« schloß, Frau Maukel ihren Bericht; »er gehört zum Tiergarten wie die Bänke und Bäume.«

Der Wunsch Gustavs, Daniel mit irgendeinem romantischen Schimmer zu umgeben, flüchtete vor der nüchternen Prosa dieser Auskunft immer weiter in das Reich des Unerfüllbaren. Nach fünf Minuten verließ Gustav die Konditorei und wendete sich wieder der Stadt zu. Daniel machte wie gestern die Runde. Offenbar hatte Gustav den Fall, daß ihm Frau Maukel zu einer Annäherung an Daniel nicht verhelfen könne, vorhergesehen; denn er ging entschlossen seines Weges, wie ein Mann, der weiß, wohin er will. Er nahm denselben Weg, den ihn gestern Daniel geführt hatte. Er hatte in der Straße am Zeughause, in der Nähe der kleinen Brücke, am Fenster eines Hauses allerhand Antiquitäten, namentlich alte Tonwaren, stehen sehen, und dieses Haus war sein Ziel. Er fand es ohne Mühe und trat in die dunklen, mit wurmzernagtem Gerümpel, wie auch mit kostbaren Erbstücken der Vergangenheit vollgepfropften Verkaufsräume ein.

»Ich wünsche einen sehr schönen alten Krug zu kaufen«, sagte er dem Verkäufer.

Da Gustav in bezug auf die Zeit, das Land, die Größe und Form keine besonderen Wünsche hatte, sondern als die einzige verlangte Eigenschaft eben nur die Seltenheit und Schönheit hervorhob, so sagte ihm der Händler:

»Ich habe hier ein ungewöhnlich schönes Exemplar eines Apostelkruges.«

»Ein Apostelkrug?« wiederholte Gustav, der gar nicht wußte, um was es sich handelte. Weshalb sollte er keinen Apostelkrug nehmen?

»Ich muß Sie aber darauf aufmerksam machen,« fuhr der Verkäufer fort, »daß er nicht ganz billig ist. Wie Sie sehen, ist er vollkommen gut erhalten, ganz scharf in der Modellierung und so schön im Brande, wie man es selten findet.«

»Was kostet denn der Spaß?« fragte Gustav, der das gereichte Stück mit angenommener Kennermiene betrachtet hatte.

Als der Verkäufer den Preis nannte, ließ, Gustav den Krug vor Überraschung beinahe aus der Hand fallen. Er überstieg seine Veranschlagung etwa um das Zehnfache. Mehrere hundert Mark für dieses alte törichte Ding! Er glaubte, der Händler wolle sich lustig über ihn machen.

»Ich habe auch viel billigere,« fügte dieser hinzu, »hier Zum Beispiel den! Aber wenn Sie sich auf die Sache verstehen, werden Sie auf den ersten Blick bemerken, daß zwischen den beiden Exemplaren gar kein Vergleich gezogen werden kann.«

»Das ist richtig, gar kein Vergleich«, sagte Gustav, der durchaus keinen Unterschied zu bemerken vermochte.

»Und wenn Sie nicht gleich zugreifen,« fuhr der Verkäufer fort, »so kann ich Ihnen nicht einmal dafür stehen, daß ich Ihnen den Krug heute abend noch geben kann. Ein Liebhaber handelt bereits darum; wir sind nur noch um eine Kleinigkeit im Preise auseinander, und ich weiß, er wird den geforderten Preis zahlen, denn das Stück ist preiswürdig.«

Gustav lächelte ungläubig.

»Mein werter Herr, die Liebhaber, die sich noch nicht zum Kauf entschlossen haben – die kenne ich! Das sagt man immer.«

Der Verkäufer zuckte mit überlegener Ruhe die Achseln, trat an das alte wacklige Stehpult, auf dem sein Geschäftsbuch aufgeschlagen lag, öffnete eine Schublade und nahm einen Brief heraus, den er Gustav mit den Worten reichte:

»Bitte überzeugen Sie sich.«

Gustav las: »Wenngleich der Preis, den Sie für den Apostelkrug angesetzt haben, ein sehr hoher ist, so entzückt mich die Schönheit desselben derart, daß ich mit mir noch ernsthaft zu Rate gehen will, ob ich den geforderten Preis zahlen kann oder nicht. Jedenfalls bitte ich Sie, mir bis morgen abend das Vorkaufsrecht zu lassen.

Ergebenst

Daniel Möllmann.«

»Die Frist ist gestern abend abgelaufen,« fügte der Händler erläuternd hinzu, »aber Herr Möllmann weiß ja, daß man ein solches Stück nicht jeden Tag verkauft, und die Rücksicht für einen so guten alten Kunden würde mich auf alle Fälle dazu veranlassen, Herrn Möllmann zu benachrichtigen, wenn sich ein Käufer für den Krug finden sollte.«

Nun war Gustavs Entschluß gefaßt. Mit der trügerischen Philosophie der Jugend sagte er sich, daß schließlich das Opfer, das er bringen wolle, ein geringfügiges sei, daß er am vorigen Abend eine größere Summe im Bakkarat gewonnen habe – den vorhergehenden Tag des Verlustes hatte er schon wieder vergessen. »Und Herr Möllmann ist Kenner?« fragte Gustav.

»In Tonwaren eine erste Autorität.«

»Also, um es kurz zu machen: ich nehme den Krug. Sie brauchen Herrn Möllmann nichts davon zu sagen. Der Krug ist für ihn bestimmt.«

Der Händler warf einen mißtrauischen und fragenden Blick auf den jungen Menschen, der übrigens selbst das Bedürfnis fühlte, seine Aussage glaubhaft zu machen.

»Ich kenne Herrn Möllmann... am Marienkirchhof – Sie sehen, ich weiß Bescheid.«

Dem Verkäufer war es ganz erwünscht, den Worten des jungen Mannes Glauben zu schenken, um die Rücksicht auf den alten Kunden, von der er vorhin gesprochen, fallen lassen zu können. Er verpackte den Krug, strich das Geld ein, und Gustav zog mit der erworbenen Rarität unter dem Arme vergnügt von dannen.

Die halbe Stunde, die er noch zu verbringen hatte, bis er sicher war, daß er Daniel zu Hause treffen würde, verging ihm in einem Wirtshause ziemlich langsam. Als die Zeit gekommen war, nahm er eine Droschke, fuhr bis zum Neuen Markt an den kleinen Durchgang zum Marienkirchhof und trat gerade, als die heisere Glocke der Marienkirche wieder halb Sechs schlug, beherzt in das stille Eckhaus ein.

Von dem Dienstmädchen hatte er gehört, daß Daniel im ersten Stock wohne, und dort läutete er. Es verging eine geraume Zeit, bis ihm geöffnet wurde. Eine alte Frau von strahlender Reinlichkeit, mit weißer Schürze und weißer Haube auf dem doppelt gescheitelten grauen Haare, mit breitem Gesicht, mit breiter Nase und breitem Mund, stand vor ihm. Gustav hatte sich darauf gefaßt gemacht, daß er nicht ohne weiteres vorgelassen werden würde. Er sagte also:

»Ich komme, um in einer sehr dringlichen Angelegenheit Herrn Daniel Möllmann zu sprechen. Wollen Sie ihm sagen: der Herr, mit dem er gestern im Tiergarten gesprochen, habe einen Dienst von ihm zu erbitten, eine Auskunft.«

»Bitte nur einen Augenblick hier zu verziehen«, sagte die Frau und verschwand. Nach einer kurzen Zeit kam sie zurück mit dem Bescheid: »Herr Möllmann läßt bitten.«

Das Zimmer, in das Gustav geführt wurde, war leer. Es übte in seiner Eigentümlichkeit eine tiefe Wirkung auf ihn. Es war das Zimmer eines Sammlers und Sonderlings, wie man es sich nur ausmalen kann. Die beiden Fenster nach dem Marienkirchhof hatten stark verbleite gelbliche Butzenscheiben, durch die das Licht gedämpft in den traulichen Raum eindrang. Die für die mäßigen Verhältnisse des Raumes etwas großen Möbel gehörten keinem besonderen Stil an. Sie mochten aus den fünfziger Jahren stammen; sie waren aus hellem Efeuholz gefertigt, das mit seiner eigentümlichen Maserung und seinen launischen schwarzen Punkten freundlich und behaglich wirkte. Das Sofa und die Lehnstühle waren mit schwarzem Roßhaarstoff überzogen. An den Wänden ringsum liefen, von einfachen Konsolen getragen, zwei Reihen Gesimse, auf denen in sorgsamer Anordnung Krüge, Kannen und andere tönerne Gefäße aufgestellt waren, in interessanten Formen, in lustigen Farben. Einer der Krüge, der an sichtbarster Stelle gerade dem Schreibtisch gegenüber hingesetzt war, mußte wohl schadhaft sein. Er war mit einer Art Gaze überzogen. In der Mitte der größten Wand stand ein schlichter Glasschrank ohne Verzierung, dessen Inhalt durch grünseidene Vorhänge verborgen wurde, wahrscheinlich die Bibliothek. Auf den Schrank war eine mächtige, sehr kunstvoll gearbeitete Kanne gestellt, die das Prachtstück der Sammlung zu sein schien. Der alte grüne Ofen war von besonderer Schönheit. In der Mitte der Stube stand auf einem einfarbig braunen schlichten Teppich ein sehr großer Tisch mit Schreibzeug, einer Schreibunterlage und verschiedenen Bildermappen, alles mit pedantischer Genauigkeit symmetrisch geordnet und in tadellosem Zustande.

Eine neue Welt für Gustav, eine Zauberwelt, die ihn ganz weich stimmte und rührte. Er fragte sich schon, was ihm die Berechtigung gäbe, in dieses Reich des Friedens und der Beschaulichkeit wie ein wilder Eroberer einzubrechen? Er bedauerte beinahe, nun, da er am Ziele war, daß er dieses Ziel überhaupt angestrebt hatte. Da ging die Tür auf, und Herr Daniel, der offenbar erst etwas Toilette gemacht hatte, trat mit freundlichem Lächeln ein und begrüßte ihn artig. Er nötigte Gustav Platz Zu nehmen und fragte, womit er ihm dienen könne. Zunächst etwas stockend, aber im Laufe des Gesprächs immer zuversichtlicher fortfahrend, sagte Gustav:

»Zufällig habe ich gehört, daß Sie sich auf alte Tonwaren gut verstehen; und man braucht sich hier nur umzusehen, um die Gewißheit darüber zu erlangen. Ich sammle auch – das heißt – eigentlich nicht; aber ich habe Zufällig vor einiger Zeit von einem Bekannten einen Apostelkrug zum Geschenk bekommen, und ich möchte mich vor allen Dingen über die Echtheit beruhigen. Ich habe ihn gleich mitgebracht... da ist er.«

Er hatte den Krug ausgewickelt und reichte ihn Daniel. Dieser trat an das Fenster, besah ihn flüchtig und blickte dann lächelnd zu Gustav hinüber.

»Vor einiger Zeit?« fragte er. »Lange wird es wohl nicht her sein. Vorgestern habe ich den Krug noch in der Hand gehabt. Er kommt von dem Händler am Zeughause; es ist ein seltenes Frachtstück.«

Er berührte den Krug, wie man einen geliebten Gegenstand berührt, er streichelte ihn förmlich und seine Blicke hatten etwas wahrhaft Zärtliches.

»Es ist ein Prachtstück«, wiederholte er.

»So«, sagte Gustav möglichst gleichgültig. »Ich mache mir eigentlich nicht viel daraus. Ich verstehe nichts davon, und wenn ich wüßte, daß ich Ihnen damit nur eine kleine Freude bereiten könnte, so würde ich mir erlauben, Ihnen das Ding, das für mich gar keinen Wert hat, nach dem ich mich nie gesehnt habe, und das ich nie vermissen werde, als Geschenk anzubieten. Es gehört in diese Sammlung, und erst hier kommt der Krug zu seiner Geltung.«

»Sie sind zu gütig,« sagte Daniel; »aber ich bin wirklich nicht in der Lage, ein so kostbares Geschenk anzunehmen.«

»Aber ich bitte Sie!«

»Ich danke Ihnen sehr für Ihre freundlichen Absichten, aber erweisen Sie mir die Freundlichkeit, nicht mehr davon zu sprechen. Sie wollen mich doch gewiß nicht kränken. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen, und ich sehe keine Möglichkeit, Ihnen jemals einen Gefallen zu erweisen; also ich bitte Sie: nehmen Sie Ihr Eigentum wieder an sich und wahren Sie es. Es ist ein sehr schönes Exemplar.«

Gustav fühlte, daß, er eine Ungeschicklichkeit begangen hatte, und es trat eine kurze Pause der Verlegenheit ein.

»Kann ich Ihnen sonst noch mit etwas dienen?« fragte Daniel nach einiger Zeit.

»Ja«, sagte Gustav entschlossen. »Herr Möllmann, ich empfinde es als ein Unrecht, daß ich Sie habe täuschen wollen! Ich will offen und ehrlich mit Ihnen sprechen. Den Krug habe ich mir lediglich verschafft, um eine Anknüpfung mit Ihnen zu finden. Es tut mir leid, daß Sie meinen gutgemeinten Vorschlag nicht so leicht hingenommen haben, wie er gemeint war. Mir würde es angenehm gewesen sein, wenn ich Ihnen eine kleine Freude hätte bereiten können, aber sprechen wir nicht mehr davon, da Sie es nicht wünschen! Das ist ja auch Nebensache. Mich führt etwas anderes zu Ihnen: Sie interessieren mich, und ich möchte Sie gern kennen lernen. Es ist nicht frivole Neugier, die mich dazu veranlaßt, in Ihren stillen Kreis einzutreten, es ist wirkliche Teilnahme. Wenn Sie mich fragen wollten, aus welcher Quelle diese Gesinnung entspringt, so müßte ich Ihnen die Antwort schuldig bleiben. Ich weiß es selbst nicht. Vielleicht aus dem zwecklosen Müßiggange, aus nichts anderem – aber gleichviel: ich möchte Ihnen irgendwie nützlich oder angenehm sein können. Ich habe bis jetzt als echter junger Mensch in den Tag hineingelebt, und ich schäme mich vor mir selbst, daß ich die Kraft meiner Jugend und die Vergünstigung meiner Freiheit in gedankenlosem Egoismus, niemandem zuliebe, nicht einmal mir selbst zu Gefallen, verzettele. Ich bin etwas abergläubisch, und ich habe mir gesagt: ich will mich vom blinden Zufall leiten lassen, vielleicht führt er mich auf den rechten Weg. Ich bin mit Ihnen zusammengetroffen, und da ist mir der Gedanke gekommen, daß Sie am Ende mein Leiter werden könnten. – Lächeln Sie nicht, Herr Möllmann, es bedarf oft nur eines geringen Anstoßes, um die Kugel ins Rollen zu bringen. Seit Jahren verkehre ich in derselben Gesellschaft, mit Leuten in meinem Alter, in meinen Verhältnissen, deren Vergnügungen die meinigen geworden sind, und von denen ich nicht die geringste Anregung zu erwarten habe. Sie sind ein ganz anderer Mensch als alle die, die ich kenne. Sie haben andere Gewohnheiten, eine andere Umgebung, – versuchen Sie es mit mir! Sie führen ein Einsiedlerleben, und es kann doch vorkommen, daß Sie einmal eines Freundes bedürfen. Dieser Freund möchte ich werden. Verfügen Sie über mich, über meine Jugend, über meine Freiheit! Ich würde Ihnen herzlich dankbar sein.«

Daniel hatte dem jungen Manne mit Überraschung und Staunen zugehört. Der Gedanke, daß derselbe etwa einen schlechten Spaß mit ihm beabsichtige, tauchte nicht in ihm auf. Dazu war die Sprache zu frei, der Ausdruck zu natürlich. Er reichte Gustav die Hand und drückte sie. Es verging eine kurze Weile, ehe Daniel antwortete. Es machte ihm offenbar Mühe, seinen Gedanken Ausdruck zu geben. Er wiederholte einige Male:

»Ich danke Ihnen... ich danke Ihnen sehr...« Und dann sagte er: »Der Zufall hat Sie doch nicht glücklich geführt! Ich bin ganz bedürfnislos. Die Leute halten mich sogar für einen Sonderling. Ich wüßte wirklich nicht, wie und wann ich von Ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch machen könnte; denn das, was mich beschäftigt, muß ich allein verrichten. Nochmals danke ich Ihnen herzlich.«

»O, so leicht entgehen Sie mir nicht!« rief Gustav mit wachsender frischer Zuversichtlichkeit. »Mit der einfachen Zurückweisung meines Antrags ist es nicht getan. Ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, mich zu Ihnen zu gesellen, und Sie sollen über die Zähigkeit meines Willens und über meine Beharrlichkeit staunen! Ich werde entsetzlich konsequent sein, da ich ja doch nichts anderes zu tun habe. Sie kennen die Geschichte jenes verrückten Engländers, der jahrelang einem Tierbändiger nachreiste und geduldig auf den Augenblick wartete, da dieser von seinen Löwen aufgefressen werden würde. Ich wünsche Ihnen gewiß alles Gute, und es hat gar keine Wahrscheinlichkeit, daß Sie jemals von irgendeinem Raubtiere verzehrt werden. Aber weshalb sollte Ihnen nicht so gut wie jedem andern Sterblichen einmal irgend etwas zustoßen, weshalb sollten Sie sich nicht einmal nach der Hand eines Freundes umzusehen brauchen? Nun, dann werden Sie erstaunt sein, wie ich zur Stelle bin! Ja, Herr Möllmann, ich werde da sein und Ihnen die Hand entgegenstrecken, die Sie nur zu ergreifen brauchen. Ich werde Ihr Schutzengel sein und Ihnen folgen auf Schritt und Tritt, wie dem verstorbenen Paganini die vermummte Gestalt seines spiritus familiaris! Also, Sie mögen nun wollen oder nicht: Sie werden mich nicht los, ich bin und bleibe der Ihrige!«

Herr Daniel, der für humoristische Äußerungen wahrscheinlich nur wenig Verständnis besaß, begnügte sich mit der Antwort:

»Ach, das dürfte Ihnen mit der Zeit doch wohl etwas langweilig werden. Und was sollte mir wohl zustoßen? – Ich habe schon öfter bemerkt, wie sich die Leute – namentlich junge Menschen in Ihrem Alter – in einer mir unverständlichen Weise bemüht haben, mit mir in Verbindung zu treten. Ich habe bemerkt, wie sie mich im Tiergarten beobachteten und mir nachgegangen sind, wie sie sich nach mir erkundigt haben. Das hat gewöhnlich einige Tage gedauert, bei einigen sogar wochenlang, aber schließlich haben sie es doch immer wieder aufgegeben; und geradeso wird es Ihnen ergehen.«

»Sie kennen mich schlecht, aber Sie sollen mich noch kennen lernen.«

»Ich glaube kaum, daß es dazu kommen wird.«

»Also Sie wollen mir gewaltsam ausweichen?«

»Ganz und gar nicht. Sie wissen nun, wo ich wohne, und um diese Stunde treffen Sie mich täglich zu Hause. Es wird mir immer ein Vergnügen sein, mich mit Ihnen ein Weilchen zu unterhalten. Ich werde auch nicht versäumen, Ihnen meinen Gegenbesuch zu machen. Aber Sie werden meiner bald überdrüssig werden. Ich bin ein einfacher alter Mann; ich bekümmere mich nicht viel um das, was die Leute tun und treiben. Meine einzige Liebhaberei für alte Tonwaren teilen Sie nicht. Sie werden bald bemerken, daß Sie viel Besseres zu tun haben, als meine Gesellschaft zu suchen. Ich wiederhole Ihnen indessen: ich werde mich jedesmal freuen, Sie hier zu sehen. Nur um eines bitte ich Sie: suchen Sie mich nicht im Tiergarten auf! Da muß ich ungesellig erscheinen, weil ich da etwas Bestimmtes zu tun habe, das mir jede Zerstreuung untersagt.«

Nachdem Gustav noch einmal feierlich beteuert hatte, daß er die Partie nicht so leicht aufgeben würde, und nachdem er Daniel auf dessen Wunsch seine Adresse gegeben hatte, verabschiedete er sich und fuhr nach Hause.

Er war eigentlich etwas entmutigt. Es war ihm gar zu leicht gemacht. Er hatte gehofft, daß er den Zutritt zu Daniel mit großer Anstrengung würde erzwingen müssen, daß dieser ihm untersagen würde, in irgendwelche Beziehungen zu ihm zu treten. Das hätte ihn vielleicht angespornt, das hätte seinen Scharfsinn angeregt, seine Tatkraft gestärkt. Nun war er mühelos bei einem alten freundlichen Herrn gewesen, der ihm nicht das geringste Hindernis in den Weg legte, und der außer seiner gar nicht seltsamen Liebhaberei als Sammler auch nicht das geringste Besondere zeigte: ein Mann wie andere mehr. Und mußte denn seinem regelmäßigen Besuch des Tiergartens ein romantisches Geheimnis zugrunde liegen? War es nicht viel einfacher, anzunehmen, daß der Mann täglich einen hübschen Spaziergang machen wollte und sich diese Stelle ausgesucht hatte, die ihm am besten gefiel? Oder war es eine Schrulle gewöhnlicher Art, deren Ursprung zu erforschen wahrlich nicht verlohnte? – Gustav hatte schon jetzt einiges Verständnis für die Auffassungen der Nachbarn und der Frau Maukel, die sich um Daniel gar nicht mehr bekümmerten. Das aber mochte er sich einstweilen noch nicht eingestehen. Am nächsten Tage ging er also wieder in den Tiergarten, um sich zu überzeugen, daß Daniel zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle wäre; dasselbe tat er auch im Laufe der folgenden Wochen einige Male. Er hielt es auch für seine Pflicht, seinen Freund, der ihm richtig seine Karte gelassen hatte, noch einmal zu besuchen; aber weder bei diesem Besuche noch bei dem dritten und letzten, den er ihm machte, ereignete sich irgend etwas, das seine Teilnahme für Daniel hätte wiederbeleben und bestärken können.

Noch einige Wochen gingen ins Land, und Gustav dachte nur in seltenen Fällen und nur flüchtig an den regelmäßigen Gast des Tiergartens. Mit der Erinnerung an Daniel waren auch seine guten Vorsätze, ein neues, vernünftigeres Leben anzufangen, immer tiefer in den Schatten gerückt. Er lebte weiter, wie er früher gelebt hatte, und unterhielt sich dabei recht gut. Der Sommer war da, Berlin entvölkerte sich, und Gustav überlegte sich, ob er nach der Schweiz oder nach Skandinavien gehen wolle. Daniel hatte recht behalten: Gustav hatte ihn gänzlich vergessen.

In letzterer Zeit hatte Gustav auffallend viel von Norwegen gesprochen. Er hatte einen Reiseführer durch Skandinavien gekauft und über das Land mancherlei Neues erfahren; und er fühlte alsbald den natürlichen Drang, die eben errungenen Kenntnisse gelegentlich seinen Freunden als etwas allgemein Bekanntes mitzuteilen.

Es war Anfang Juni. Alles war für die Abreise vorbereitet; morgen oder übermorgen wollte er Berlin verlassen, um die Wunder des Nordens kennen zu lernen. Heute hatte er mit seinen Freunden das Abschiedsmahl eingenommen; er wollte nur eben einmal bei sich vorspringen, um seine Zigarrentasche zu füllen und dann mit seinen Bekannten in der Flora wieder zusammenzutreffen. Als der Diener ihm öffnete, überreichte er ihm zugleich einen Brief, den eine alte Frau gebracht hatte. Gustav erkannte auf den ersten Blick die charakteristischen scharfen Schriftzüge von Daniel Möllmann, die sich von seinem Besuche bei dem Antiquitätenhändler her seinem Gedächtnis eingeprägt hatten. Neugierig öffnete er den Umschlag und las:

»Geehrter Herr und junger Freund!

Es ist die Stunde gekommen, in der ich Sie an Ihr Versprechen erinnern darf. Sie können mir einen Dienst erweisen. Wenn Sie dazu noch immer bereit sind und wenn es Ihre Zeit erlauben sollte, so möchte ich Sie höflichst bitten, mich recht bald, womöglich noch im Laufe des heutigen Tages, spätestens morgen vormittag, mit Ihrem Besuch zu beehren.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Daniel Möllmann.«

Gustav war schnell entschlossen. Er schrieb eine entschuldigende Zeile und sandte dieselbe durch seinen Diener an Edgar von Kößler, der im Klub auf ihn wartete. Er selbst nahm eine Droschke und fuhr sogleich zu Daniel. Die alte Frau mit dem breiten Gesicht führte ihn ohne weiteres durch das ihm wohlbekannte Zimmer mit den Butzenscheiben in die anstoßende Schlafstube – ein ganz bescheiden ausgestattetes sauberes Gemach, das ungefähr ebenso groß war wie die Wohnstube, wegen des spärlichen Mobiliars aber größer erschien. Dasselbe enthielt nur das Bett, einen Kleiderschrank, einen Waschtisch, einen Nachttisch und drei oder vier mit Stroh beflochtene Stühle, – alte steife Möbel aus massivem Mahagoni gefertigt, die mit den Jahren erheblich nachgedunkelt hatten. – Daniel lag im Bett. Er war mit gewohnter Sorgfalt frisiert, und die beiden Locken an den Schläfen waren geradeso gelungen wie an den andern Tagen. Als Gustav in das Zimmer trat, nahm das Gesicht des Kranken den Ausdruck der hellsten Freude an.

»Ich habe mich nicht in Ihnen getäuscht«, sagte Daniel, indem er Gustav bat, neben seinem Lager Platz zu nehmen. »Ich bin Ihnen aufrichtig dankbar.«

Auf Gustavs teilnahmvolle Frage gab Daniel den Bescheid, daß, ihm im Laufe des Nachmittags ein kleiner Unfall zugestoßen sei, der ihn leider für die nächsten Tage an das Bett fessele – seit vollen dreiundzwanzig Jahren zum ersten Male. Er war auf einer der Steinstufen, die zur Haustür hinanführten, ausgeglitten – ein Dienstmädchen hatte dort Wasser verschüttet – er war hingefallen, sein rechter Fuß war umgeknickt, und dabei war eine Sehne übergesprungen. Nur mit großer Anstrengung und starken Schmerzen hatte er sich bis zu seiner Wohnung hinaufschleppen können; der sofort herbeigerufene Arzt hatte den schon stark angeschwollenen Knöchel verbunden und für die nächsten Tage die vollkommenste Ruhe anbefohlen.

»Und nun,« schloß Daniel seinen Bericht, »werden Sie wohl schon erraten, weshalb ich Sie zu mir gebeten habe. Es ist eine große Gefälligkeit, die ich von Ihnen verlange, und ich verüble es Ihnen ganz und gar nicht, wenn Sie mir meine Bitte versagen. Ich werde dann eben sehen, wie ich mir helfen kann. Ich habe schon an meine alte Marianne gedacht; aber es würde mich doch beunruhigen. Ruhig wäre ich, wenn Sie mich vertreten wollten.«

Gustav sah Daniel fragend an. Er verstand ihn offenbar nicht.

»Ich denke,« fuhr Daniel fort, »daß es sich nur um einige Tage handeln kann, um zwei, drei Tage, nicht mehr. Wenn Sie mir da die Nachmittagsstunden von drei bis halb fünf opfern und anstatt meiner im Tiergarten warten wollten – ich würde Ihnen den Dienst nie vergessen.«

Der junge Mann blickte auf den Kranken, der ihn mit einem rührend bittenden Ausdruck ansah.

»Ich soll Sie an der Luiseninsel ablösen?« fragte er. »Ich soll da auf jemand warten? – Aber auf wen denn?«

»Auf die blonde Dame, die ich Ihnen bei unserer ersten Begegnung beschrieben habe.«

»Sie haben Sie noch nicht getroffen?« fuhr Gustav fragend fort.

»Noch nicht«, antwortete Daniel ruhig. »Aber sie wird kommen, ich weiß es.«

Gustav sah den Alten mit immer erstaunteren Blicken an.

»Aber darüber sind doch nun schon Monate vergangen?«

»Mehr als Monate«, versetzte Daniel trübe lächelnd. »Aber das tut nichts! Sie wird kommen.«

Es blieb eine Weile still. Gustav betrachtete mit liebevoller Aufmerksamkeit den Kranken, der ruhig, milde lächelnd vor sich auf die weiße Decke blickte und in der Erinnerung an die Vergangenheit die Gegenwart ganz zu vergessen schien. Obwohl Gustav in Daniels Wesen bis zu diesem Augenblick nichts Seltsames und Auffälliges hatte wahrnehmen können, so ward es jetzt für ihn doch zur Gewißheit, daß der alte Herr von einem harmlosen Wahngedanken beherrscht wurde. Er hatte wirkliches Mitgefühl mit Daniel, und er gab sein Vorhaben auf, unter dem berechtigten Vorwande, daß er Berlin am andern Morgen verlassen wolle, eine artig ablehnende Antwort zu geben.

»Ist Ihnen denn so viel daran gelegen?« nahm er endlich wieder das Wort, »daß ich Sie in den Nachmittagsstunden an der Luiseninsel vertrete?«

»Mehr als ich Ihnen sagen kann.«

»Aber, verzeihen Sie mir, wenn Sie dort schon seit langer, langer Zeit vergeblich warten, so ist die Wahrscheinlichkeit doch eine äußerst geringe, daß ich erfolgreicher sein werde – um so geringer, als ich nach Ihrer unvollkommenen Beschreibung mich sehr leicht irren kann.«

»Ein Irrtum ist unmöglich«, sagte Daniel ruhig. »Wenn die Dame, die ich meine, kommt, so werden Sie sie auf den ersten Blick erkennen; ich könnte mich einer jeden weiteren Beschreibung enthalten... Der Zufall spielt seltsam – ich spreche aus Erfahrung! Der Gedanke, daß sie gerade an einem Tage, an dem ich zur Stelle zu sein verhindert war, mich vergeblich aufgesucht haben könnte, würde mich immer wieder beunruhigen, und diese Ungewißheit würde mich mehr peinigen, als mich das geduldige Ausharren je gepeinigt hat. Und, weiß Gott, das Warten ist kein Kinderspiel! Wie es an meiner Seele gezehrt, wie es meine Kräfte zerrieben hat – ich habe nie darüber ein Wort der Klage laut werden lassen, aber in den letzten Monaten habe ich es doch recht stark gefühlt; und wenn mich nicht die Hoffnung, daß ich sie dennoch wiedersehen werde, aufrecht erhielte, – ich wäre schon zusammengebrochen! Was mich tief bekümmert, ja, was mich erschreckt, ist, daß diese Hoffnung, die ich mir durch lange Jahre leuchtend bewahrt hatte, sich gerade in der letzten Zeit zu trüben begonnen hat. Der kleine Anfall, der mir zugestoßen ist, ist für mich wie eine Warnung gewesen, wie ein Vorzeichen, daß es mit mir zu Ende geht. Ich fürchte mich nicht vor dem Ende: denn ich weiß, ich werde sie wiedersehen, hier oder dort! Vielleicht ist sie mir ja schon vorangegangen, vielleicht hat sie bloß deshalb ihr Wort nicht einlösen können. Nicht mehr! – oder noch nicht! Das ist die Frage. Aber in der Ungewißheit darüber muß ich hier meine Pflicht tun: ich darf mir nichts vorzuwerfen haben. Sie soll mich niemals beschuldigen dürfen, daß ich mein Wort nicht gehalten habe, und deswegen habe ich gewartet und gewartet und warte und werde warten, solange mein Herz noch schlägt.« Daniel, der seine Rede schon leise begonnen hatte, hatte die Stimme immer mehr gesenkt, und die letzten Worte waren kaum vernehmbar über seine Lippen gekommen. Er blickte starr vor sich hin, und Gustav fand kein Wort der Erwiderung, als er geendet hatte. Es war inzwischen dunkel geworden. Gustav ließ keinen Blick von dem Kranken, der halb aufrecht auf seinem Bette lag und mit beiden Händen gleichmäßig an der Decke zupfte. Die Tür ging vorsichtig auf, Marianne brachte die grüne Schirmlampe und ließ die Vorhänge herunter. Als sie ebenso leise das Zimmer wieder verlassen hatte, wandte sich Daniel zu Gustav und sagte ihm lächelnd:

»Aber Sie haben ja anderes zu tun, junger Freund, als hier am Bette eines kranken Mannes zu sitzen, den Sie wenig oder gar nicht kennen...«

»Den ich aber gern besser kennen lernen,« nahm Gustav das Wort, »dem ich von Herzen gern nützlich sein möchte! Bei unserer ersten Begegnung habe ich Ihnen gesagt: ich will nicht frivol in das Geheimnis Ihres Lebens eindringen. Nun aber sehe ich, daß Sie unter diesem Geheimnis schwer zu leiden haben, und da Sie zu mir nun einmal Vertrauen gefaßt haben, sollten Sie nicht so verschlossen sein.«

Daniel reichte dem jungen Manne die Hand und drückte sie herzhaft:

»Sie haben recht; ich will Ihnen etwas erzählen! Und Sie brauchen mir nicht Verschwiegenheit zu geloben; ich sehe es Ihnen an und ich fühle es, daß ich vor Ihnen offen sprechen darf. Und jetzt, da ich mich so elend fühle, ist es mir eine Erleichterung, daß ich das, was Sie das Geheimnis meines Lebens nennen, einem freundlich gesinnten Manne mitteilen darf. So hören Sie denn meine Geschichte!«

*

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.