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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 95
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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81. Zykel

Warm und glänzend trat die Sonne, die heute wie die Unglückliche verfinstert werden sollte, ihren Morgen an. Liane erwachte zum Begräbnis-Tage ihrer Liebe nicht mit der gestrigen Stärke, sondern weich und matt, aber heiterer durch die Aussicht in die Wiederkehr der friedlichen Zeit. Die Mutter, obwohl selber kränklich, drückte sie schon frühe an ihr Herz, um den Puls des teuersten zu prüfen. – Liane blickt' ihr liebreich und sehnsüchtig recht lange mit nassem Auge ins nasse und schwieg. »Was willst du?« fragte die Mutter. – »Mutter, liebe mich jetzt mehr, da ich allein bin«, sagte sie. Dann band sie vor der Mutter alle Briefe Albanos zusammen, ohne sie zu lesen, den ausgenommen, worin er ihren Bruder um seine Liebe bittet. Sie scherzte gegen die Mutter, wie das Schicksal es mit uns wie arme Eltern mit ihren Kindern machte, die ihnen anfangs helle, bunte Gewänder angäben, weil diese leichter in dunkle umzufärben wären.

Die Mutter suchte allmählich ihre Geisterphantasien, gleichsam das Todes-Moos, das an ihrem jungen, grünen Leben sauge, von ihr abzunehmen: »Du siehst,« (sagte sie) »wie dein Engel irren kann, da er deine Liebe billigte, die du nun mißbilligst.« Aber sie hatte eine Antwort: »Nein, der fromme Vater sagte, sie sei recht gewesen, bis da er mir das Geheimnis sagte, und die Bibel sage, man müsse alles verlassen der Liebe wegen.« – So steigt denn dieses arme Geschöpf, wie man vom Paradiesvogel sagt, so lange im Himmel gerade empor, bis es tot herunterfällt.

Sie zeigte der Mutter fast eine fieberhafte Heiterkeit, einen Sonnenschein am letzten Tage des Jahres. Sie sagte, wie es sie erquicke, daß sie nun mit ihrer lieben Mutter von ihren vorigen schönen Tagen frei reden dürfe – sie malte ihr Albanos glühendes, großes Herz, und wie er die Opfer verdiene und die »Perlenstunden«, die sie zusammen gelebt. »Im Grunde ist« (sagte sie heiter, aber so, daß dem Zuhörer Tränen ankamen) »ja nichts davon vorbei, Erinnerungen dauern länger als Gegenwart, wie ich Blüten viele Jahre konservieret habe, aber keine Früchte.« Ja, es gibt zarte weibliche Seelen, die sich nur in den Blüten des Weingartens der Freude berauschen, wie andere erst in den Beeren des Weinbergs. Des Lektors Billet kam an mit der Nachricht, daß Albano sie in Lilar erwarte.

Jetzt, da die Stunde der Zusammenkunft so dicht anrückte, wurd' ihr immer banger. »Wenn ich ihn nur überreden kann,« (sagte sie) »daß ich als ein rechtschaffenes Mädchen gehandelt habe.« Ehe sie ihr Morgenzimmer gegen den Trauerwagen vertauschte, legte sie darin alles zum Zeichen zurecht, wenn sie wiederkäme; sie habe, sagte sie, einen sehr bösen Traum gehabt, aber sie hoffe, er treffe nicht ein.

Sie stieg mit ihrem Arbeitskörbchen, worin die Briefe lagen, am Arme in den Wagen, den man aufmachen mußte, weil seine schwüle Luft sie drückte. Aber die Schwüle atmete ihr Geist, und alles Schöne, was ihr begegnete, wurd' ihr heute zur betäubenden Giftblume. Sie faßte und drückte furchtsam immer die Hand der Mutter, weil sie jeder Schrei, jede schnell vorüberlaufende Gestalt wie ein Sturmvogel rauschend überflatterte; ein Ausrufer schnitt mit seinem rohen Ton in ihre Nerven; sie bebten nur erst sanfter wieder, da ein Geistlicher und sein Diener mit dem Krankenkelch für den Abendtrank der müden Menschen vorübergingen. O, der schöne Weg wurd' ihr lang! Sie mußte das zerfallende Herz, das recht fest und bestimmt mit dem Geliebten reden sollte, so lange mit ermattenden Kräften zusammenhalten.

Der Himmel war blau, und doch merkten beide es nicht, daß es ohne Wolken anfange dunkel zu werden, da der Mond schon mit seiner Nacht an der Sonne stand. Als sie über die Waldbrücke und das lebendige Lilar fuhren, wo an allen Zweigen die alten Brautkleider einer geschmückten Vergangenheit hingen, sagte Liane mit Heftigkeit zur Mutter: »Um Gottes Willen nicht ins alte Toten-Schloß!«Wo der Fürst gestorben und sie erblindet war. – »Wohin denn aber? Er ist dahin bestellt«, sagte die Mutter. – »Überall hin – in den Traumtempel – Er sieht uns schon, dort geht er auf den Toren«, sagte sie. »Gott der Allmächtige sei mit dir, und sprich nicht lange«, sagte die weinende Mutter, als sie von ihr in den Tempel ging, in dessen Spiegeln sie der Trennung der unschuldigen Menschen zuschauen konnte.

Albano kam langsam oben in den Gängen daher, er hatte sein Auge von Tränen rein gemacht und sein Herz von Stürmen. O, wie hatt' er bisher wie ein lang umhergetriebner Seefahrer in seine dunklen Wolken hineingesehen, um zwischen ihren Nebelspitzen die Bergspitze eines festen grünen Landes auszufinden! – daß er heute so viel, nämlich alles verlieren sollte, so weit waren seine traurigsten Schlüsse nicht gegangen; ja er bewahrte so viel Ruhe, daß er oben den kleinen nachtanzenden Pollux nicht bedrohend, sondern beschenkend zurückschaffte.

Endlich stand er mit zuckenden Lippen vor der geliebten schönen Gestalt, die kindlich, bleich, zitternd und das Arbeitskörbchen bewachend, ihn ein wenig anblickte und dann mit ihren niederfallenden Augen kämpfte. Da schmolz sein Herz; die Flut der alten Liebe rauschte hoch in sein Leben zurück. »Liane,« (sagt' er im sanftesten Ton, und seine Augen tropften) »bist du noch meine Liane? Ich bin noch wie sonst; und du hast dich auch nicht verändert?« – Aber sie konnte nicht Nein sagen. In die Pulsader ihres Lebens wurde geschnitten, und Tränen sprangen auf statt Blut. Seine gute Gestalt, seine bekannte Bruder-Stimme standen wieder so nahe an ihr, und seine Hand hielt ihre wieder, und doch war alles vorbei, ein heißer Sonnenblick streifte über ihr voriges, blumiges Gartenleben und zeigt' es wehmütig erleuchtet, aber es lag fern von ihr. »Laß uns« (fuhr er fort) »jetzt stark sein in diesem sonderbaren Wiedersehen – sage mir recht kurz alles, warum du bisher so schwiegest und so tatest – ich habe nichts zu sagen – dann sei alles vergessen.« – Er hatte unbewußt ihre Hand erhoben, aber die Hand drückte sich nieder und zitterte dabei. »Zitterst du oder ich?« sagt' er. – »Ich, Albano,« (sagte sie) »aber nicht aus Schuld – ich bin treu, o Gott, ich bin treu bis in den Tod.« – Er sah sie irrend an. »Ihnen, Ihnen bin ichs, aber alles ist vorbei«, rief sie verwirrt und verwirrend. »Nein« – (setzte sie gebietend dazu, als er zufällig mit ihr aus der Perspektive des Traum-Tempels gehen wollte) – »nein, meine Mutter will uns sehen, dort aus dem Traumtempel.«

Er wurde rot über die mütterliche Wache, sein Auge blitzte in ihres wider das »Ihnen«, und die heißen Blicke wollten aus ihrem bewegten Gesicht das aufhaltende Rätsel ziehen. Die Not gebot Kraft; sie fing an.

»Hier« – (stammelte sie und konnte zitternd das Körbchen kaum aufbringen) – »Ihre Briefe an mich!« Er nahm sie sanft. »Ich hab' Ihnen entsagt,« (fuhr sie fort) »meine Eltern sind nicht schuld, wenn sie gleich unsere Liebe nicht wollten – ein Geheimnis betrifft bloß Sie und Ihr Glück – das hat mich bezwungen, daß ich von Ihnen schied und von jeder Freude.« – – »Ihre Briefe wollen Sie auch« – – sagt' er. »Meine Eltern – –« sagte sie. »Das Geheimnis über mich« – – sagt' er. – »Ein Schwur bindet mich« – sagte sie. – »Heute nachts in der Kirche zu Blumenbühl vor dem Priester« – fragt' er. Sie deckte ihre Hand auf die Augen und nickte langsam.

»O Gott!« (rief er laut weinend) – »Das ists mit dem Leben und der Freude und aller Treue? – so? – Wie habt ihr gelogen« (er sah seine Briefe an) »von ewiger Treue und Liebe. – Wen habt ihr denn gemeint, ihr höllischen Lügner?« Er warf sie weg. Liane wollte sie aufheben, er trat stark darauf und sah die Erschrockene bitter an; – nun geriet er in Sturm und goß, wie ein Schöpfrad unter dem Gießen schöpfend, seine brausende, leidende Brust aus und hörte grausam gar nicht auf mit den Gemälden seiner Liebe, ihrer Schwäche, ihrer Kälte, seines Schmerzes, ihrer vorigen Eide und ihres jetzigen meineidigen über sein geheimnisvolles Glück, das er ja nicht wolle. Ihr Schweigen trieb ihn wilder um. Ihr schnelles heftiges Atmen hört' er nicht.

»Quäle dich nicht. Es ist nun alles unmöglich«, antwortete sie bittend. »O,« (sagt' er zornig) »die Änderung will ich nicht wieder ändern; denn der Lektor und der Pfaffe würden wieder das ändern!« Er geriet nun in die männliche Verstockung und Herzens-Starrsucht; der Strom der Liebe hing als ein gefrorner zackiger Wasserfall über den Felsen.

»Ich dachte nicht, daß du so hart wärest«, sagte sie und lächelte fremd. »Noch härter bin ich« (sagt' er) – »ich rede, wie du handelst.« – »Hör auf, hör auf, Albano – es wird mir so finster – o, zu meiner Mutter will ich gleich«, rief sie plötzlich; die zwei alten, schwarzen Spinnen, vom Schicksal herabgelassen, standen wieder über ihren schönen Augen und überzogen sie, emsig-spinnend, immer dichter; und über die goldnen Streifen des Lebens wuchs schon grauer Schimmel her.

»Es ist die Sonnenfinsternis«, sagt' er, das Erblinden der matt glänzenden Sichel des Sonnenviertels zuschreibend. Er sah oben im blauen Himmel den Mond-Klumpen wie einen Leichenstein in die reine Sonne geworfen – nicht einmal recht schattige, sondern entnervte Schatten lebten im ungewissen, grauen Lichte – die Vögel flatterten scheu umher – kalte Schauder spielten wie Geister der Mittagsstunde im kleinen, matten Scheine, der weder Sonnen- noch Mondlicht war. Dunkel, dunkel lag dem Jüngling das Leben vor, im langen schwarzmarmornen Säulengang der Jahre schritten die Schmerzen als Pantertiere heran und wurden hell gefleckt unter den weglaufenden Sonnenblicken der Vergangenheit.

»Das passet ja recht für heute,« (fuhr er fort) »eine solche schnelle Nacht ohne Abendröte – Lilar muß heute zugedeckt werden – blick hinauf zum Mond, wie er sich schwarz über die Sonne gewälzt hat, sonst war er auch unser Freund – O, mach es noch finsterer, ganz Nacht!« –

»Albano, schone, ich hin unschuldig, und ich bin blind – wo ist der Tempel und die Mutter?« rief sie jammernd: die Spinnen hatten die nassen Augen von Tränen zugewebt.

»Bei dem Teufel; es ist die Sonnenfinsternis«, sagt' er und schauete in das blind herumirrende bange Gesicht und erriet alles; aber er konnte nicht weinen, er konnte nicht trösten. Der schwarze Tiger des grausamsten Schmerzes hing an seine Brust geklammert, und er trug ihn fort. »Nein, nein,« (sagte Liane) »ich bin blind und bin auch unschuldig.«

Der frohe, beschenkte Pollux hatte einen bettelnden Stummen nachgeführt, der mit der läutenden Stummenglocke folgte: »Der stumme Mann kann nur nichts sagen«, sagte Pollux. – Liane rief. »Mutter, Mutter! Mein Traum kommt, das Totenglöcklein läutet.«

Die Ministerin stürzte heraus. »Ihre Tochter« (sagte Albano) »ist wieder blind, und Gott strafe den Vater und die Mutter und wer daran schuld ist am Elend.« – »Was gibt es?« rief der schnell heraustretende Spener, der vorhin das Zusammenwandeln gesehen und zur Mutter gekommen war. »Eine Unglückliche, Euer Werk auch!« versetzte Albano.

»Lebe wohl, unglückliche Liane!« sagt' er und wollte scheiden; stand aber, und nachdem er das gefolterte schöne Gesicht, das mit den blinden Augen weinte, starr angeblickt, rief er: »Entsetzlich!« und ging.

Lange lag er oben im Donnerhäuschen auf den Armen mit den Augen, und als er sich endlich spät, ohne zu wissen, wo er sei, wie aus einem Traume aufrichtete: sah er die ganze Landschaft von einem heitern Tag beleuchtet, die Sonne glänzte unverhüllt und warm im reinen Blau, und der verschlossene Wagen mit der Blinden rollte schnell über die Brücke des Waldes. Da sank Albano wieder auf die Arme darnieder.

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