Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 93
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
Schließen

Navigation:

Achtzehnte Jobelperiode

Gaspards Brief – die Blumenbühler Kirche – die Sonnen- und Seelenfinsternis

79. Zykel

Wenn in der vorigen Nacht ein feindseliger fremder Geist die Menschen hinter Augenbinden hart widereinander und auseinander jagte: so wird er am Morgen darauf, wenn er auf einer kalten Wolke sein Schlachtfeld mit funkelnden Augen überblickte, fast gelächelt haben über alle die Freuden und Ernten, die rings um ihn darniederliegen.

In Blumenbühl drückt Rabette in einsamen Ecken gewaltsam ihre Hände mit zitternden Armen ineinander und haucht die Kalkwand an, um die Tränen-Röte wegzuwaschen – Aus Lilar kommt düster Albano, blickt die Erde statt der Menschen an und auf der Sternwarte begierig den Himmel und sucht keinen Freund – Roquairol treibt Pferde und Reiter zusammen und macht sich außer Lands einen lustigen, trunknen Abend – Augusti schüttelt den Kopf über Briefe aus Spanien und sinnt verdrüßlich, aber tief nach – Liane lehnt in einem Schlafsessel, zerknickt mit dem gegen die Schulter fallenden Angesicht, worauf nichts mehr blüht als die Unschuld – der Vater schreitet rotbraun auf und ab, sie antwortet nur schwach, indem sie die gefalteten Hände von Zeit zu Zeit ein wenig hebt – – Vor dem Nachtgeist auf der Wolke geht die Menschen-Zeit schnell als ein dahinfliegendes Flügel-Paar ohne Schnabel und Schweif; der Geist hat die ferne Woche neben sich, wo Albano nachts auf der Sternwarte sieht, daß in der Blumenbühler Kirche ein Altarlicht brennt, daß Liane darin mit aufgehobnen Händen kniet und daß ein alter Mann die seinigen auf ihre heitere, glänzende Stirn auflegt, die sich mit tränenlosen Augen gen Himmel richtet.

Der Geist sieht tiefer in die Monate hinab, vor Lust kreiset er sich um sich und grinset über alle umliegenden Wohn- und Lustörter der Menschen; oft lacht er um seine offnen Höllenzähne herum, nur zuweilen knirscht er sie bedeckt unter dem Lippenfleisch ...

Seht weg – denn auch das sieht und will es – und tretet herab von dem winterlichen Gespenst unter die warmen Menschen und auf die feste Wirklichkeit, wo die fliegende Zeit wie die fliegende Erde auf ruhenden Wurzeln zu liegen und wo nur die Ewigkeit wie die Sonne zu kommen scheint.

Albanos Wunde, die seinen ganzen innern Menschen durchschnitt, könnt ihr am besten am Verbande messen, den er um sie zu bringen suchte. Aus dem Troste und Selbst-Truge wird unser Schmerz erraten. Am Morgen ließ er die Schmerzen durcheinanderreden und lag still vor ihrem Leichengeschrei als die Leiche; dann stand er auf und sagte so zu sich: »Nur eines von beiden ist möglich: entweder sie ist mir noch getreu, und nur die Eltern zwingen sie jetzt – dann muß man diese wieder bezwingen, und da ist gar nichts zu jammern –; oder sie ist mir aus irgendeiner Schwäche etwan gegen die wütigen und geliebten Eltern nicht mehr treu, oder aus Kälte gegen mich, oder aus Religiosität, Irrtum und so weiter – dann seh' ich« (fuhr er fort und suchte die beiden Füße tiefer und fester in den Boden einzutreten, ohne doch einen Widerhall zu haben) »weiter nichts zu tun als nichts, nicht ein plärrender Säugling, ein ächzender Siechling, sondern ein eiserner Mann zu sein – nicht blutig zu weinen über ein vergangnes Herz, über die tiefe Todesasche auf allen Feldern und Pflanzungen meiner Jugend und über meinen ungeheuern – Schmerz.« So betört' er sich und hielt das Bedürfnis des Trostes für die Gegenwart desselben.

Jeden Abend besuchte er die Sternwarte außer der Stadt auf der Blumenbühler Höhe. Er fand den alten, einsamen, magern, ewig rechnenden, weib- und kinderlosen Sternwärtel immer freundlich und unbefangen wie ein Kind, nichts fragend nach Kriegszeitungen, Modejournalen und Poesien; und nirgends für sein Vergnügen Geld ausgebend außer auf der Post an Bode und Zach. Aber funkelnd blickte das alte Auge unter den sparsamen Augenbraunen in den Himmel, und poetisch erhob sich ihm Herz und Zunge, wenn er von der höchsten irdischen Stelle, dem lichten Himmel über der schwarzen, tiefen Erde, sprach – von dem unübersehlichen Welt-Meer ohne Ufer, worein der Geist, der vergeblich überfliegen will, ermüdet sinke und dessen Ebbe und Flut nur der Unendliche sehe unten an seinem Throne – und von der Hoffnung auf den Sternenhimmel nach dem Tode, den dann keine Erdscheibe wie jetzt durchschneide, sondern der sich um sich selber ohne Anfang und Ende wölbe.

Wenn Sokrates den stolzen Alcibiades durch die Erdkarte verkleinerte: so muß, wenn die Himmelskarte diese selber vernichtet, unser Stolz und Schmerz auf ihr noch mehr erröten. Albano schämte sich, an sich zu denken, wenn er aufsah in die ungeheuere aufsteigende Nacht über ihm, worin Tage und Morgenröten stehen und ziehen. – Er erhob sich und seinen Lehrer, wenn er davon sprach, wie jetzt droben in der Unermeßlichkeit Frühlinge und Paradiese junger Welten und donnernde Sonnen und zusammenbrennende Erden durcheinanderfliegen, und wir stehen hier unten als Taube unter dem erhabnen Orkan, und der brausende Gewitterguß zeigt sich uns in dieser Ferne nur als ein stiller, stehender weißer Regenbogen auf der Nacht. –

Sooft Albanos großes Auge vom Himmel kam, fand es die Erde heller und leichter. Endlich aber kam die Nacht, die der feindselige Geist schon so lange erlebt. Es war schon sehr spät und der Himmel ganz heiter, die Nebelflecken drangen sich als höhere Marktflecken näher heran, der Himmel schien mehr weiß als blau, Albano dachte an die verborgne Geliebte, die neben ihm den Himmel und ihn noch mehr heiligen würde durch ihr Herz voll unaufhörlicher Gebete: als er plötzlich durch das niedersinkende Sternrohr in der Blumenbühler Kirche Licht erblickte – die Fürstengruft offen – Lianen am Altare kniend mit aufgehobnen Händen – und einen alten Mann neben ihr, sie gleichsam einsegnend – – Fürchterlich standen die Kerzenflammen und Lianens Gesicht und Arme nach der Tiefe umgestürzt, weil das Sternrohr alles umgekehrt erscheinen ließ.

Albano bat schaudernd den Astronomen, dahin zu schauen. Auch dieser sah die Erscheinungen, ihm aber namenlose. »Es sind wohl Leute in der Kirche«, sagt' er gleichgültig. Aber Albano stürzte hinab – kaum konnt' ihm der verwunderte Astronom die Einladung auf die morgendliche totale Sonnenfinsternis nachrufen – und rannte Blumenbühl zu. Wie sich sein Herz unter dem Rennen und am meisten in Vertiefungen, worin er die erleuchtete Kirche verlor, abarbeitete, das bleibt verhüllt, weil es sich ihm selber verhüllte unter seinem Sturm. Endlich sah er die weiße Kirche vor sich, aber die Kirchenfenster waren ohne alles Licht. Er klopfte hart an die eiserne Kirch-Türe und rief. »Aufgemacht!« Er hörte nur den Nachhall in der leeren Kirche und nichts weiter.

So ging er mit der stürmenden Vergangenheit in seiner Brust durch die schlafende Nacht zurück – die Erde war ihm eine Geisterinsel, die Geisterinseln waren ihm Erden – sein Wesen, seine Stadt Gottes brannte ab, fühlt' er.

Sie lag am Morgen noch in völliger Glut, als der Lektor zu ihm kam und ihm die unbegreifliche Bitte von Lianen brachte, daß sie ihn gegen die Mittagszeit allein in Lilar zu sprechen wünsche. Er wurde diesesmal nicht gegen den verdächtigen Boten erzürnt und sagte voll Verwunderung Ja. Mit welchen kühnen, abenteuerlichen Formen steigt unser Lebens-Gewölke den Himmel hinan, eh' es verschwindet! –

 << Kapitel 92  Kapitel 94 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.