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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 92
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Die Fürstin kam auf den ihr durch die lange Trauer über ihren verstorbnen Schwiegervater auffallenden Spener wieder nachfragend zurück; und Liane, des mütterlichen Beifalls gewiß, ergoß sich in einen Strom der Rede und Rührung – ihren Augen war einer verboten –, der ein erhabenes Bild ihres Lehrers vorübertrug. Wie erschütterte die Erhabenheit dieser so weichen, zarten Seele ihren Freund! So richten sich im blassen, kleinen Mond und Abendsterne höhere Gebürge als auf der größern Erde auf. – »Sie war auch einmal für dich begeistert, aber nun nicht mehr«, sagte Albano zu sich und blieb hinter allen zurück, weil seine Seele schon längst voll Schmerzen war und weil ihm jetzt die Fürstin zu mißfallen anfing.

Er stellte sich allein und sah dem rauschenden, leuchtenden Waffentanze der Freude zu. Die Kinder liefen beglänzt durch den Lärm und im hellgrünen Laub. Die Töne schwebten, zu einem Kranze ineinandergeschlungen, hoch in ihrem Äther über den lauten Menschen fest und sangen ihnen ihre Himmelslieder herab. Nur in mir, sagt' er sich, wälzen die Töne und die Lichter den Schmerz hin und her, in niemand weiter, in Ihr gar nicht; sie hat für alle das alte erfreuende Liebesherz mitgebracht, für mich nicht; sie hat bisher nicht gelitten, sie blüht genesen. Er bedachte aber nicht, daß ja auch seine Kämpfe keinen Tropfen Wasser in das dunkle Rot seiner Jugend gegossen; in Lianen konnten Wunden aus solchen Kämpfen nur wie jene der geritzten Aphrodite die weißen Rosen zu roten färben.

Aber er nahm sich vor, ein Mann zu bleiben vor so vielen Augen und die Entscheidung und Lianens Einsamkeit abzuwarten. Er wechselte daher mit seinen Pflege-Verwandten aus Blumenbühl mehrere verständige Worte; – er sagte zu Rabetten: »nicht wahr, es gefällt dir?« – er schreckte ohne Willen den um einige neue Gesichter aus Haarhaar schwebenden Hauptmann mit der nichtsmeinenden Frage auf. »Warum lässest du meine Schwester so allein?« –

Aber sooft er hinübersah zu Lianen, die heute in ihrem langen Schleier als die einzige ohne schwere dicke Gala-Hülse, gleichsam als eine junge, atmende, weiche Gestalt unter steinernen angestrichnen Statuen ging, so verschämt-beschämend, wie eine Zitternadel glänzend und bebend, so oft wälzten sich Flammen-Klumpen in ihm los. Die Leidenschaft wirft uns, wie die Epilepsie oft ihre Elenden, gerade an gefährliche Stellen des Lebens, an Ufer und Klüfte hin. Er lehnte den Kopf an einen Baum, ein wenig gebückt; da kam Karl aus seinen Freuden-Walzern daher und fragte ihn erschrocken, was ihn so erzürne; denn das Niederbücken hatte auf sein straffes, markiges Gesicht düstere, wilde Schatten geworfen, »nichts«, sagt' er, und das Gesicht leuchtete mild, da ers emporhob. Jetzt kam auch die unbedachtsame Rabette und wollte ihn in die Freude ziehen und sagte: »Dir fehlt was!« – »Du«, versetzt' er und sah sie sehr zornig an.

»Geh in den finstern Eichenhain an Gaspards Felsen!« (rief sein Herz) »dein Vater beugte sich nie; sei sein Sohn!« Er schritt durch die Glanz-Welt darauf hin; aber als er innen in der Finsternis mit dem Kopfe am Felsen lehnte und die Töne neckend hereinspielten und er sich dachte, wie er eine so edle Seele geliebet hätte, o wie sehr: so war es, als sag' etwas in ihm: »Jetzt hast du deinen ersten Schmerz auf der Welt!«

Wie bei dem Erdbeben Türen springen und Glocken schlagen: so riß bei dem Gedanken »erster Schmerz« seine Seele auseinander, und harte Tränen schlugen nieder. Aber er wunderte sich, daß er sich weinen hörte, und trocknete erzürnt das Gesicht am kalten Moose ab.

Schwächer, nicht härter trat er in das zauberische, mit glimmenden Edelsteinen beworfene Land heraus und unter die trunkener entgegenhüpfenden Töne, die die Seele wegreißen und aufheben und auf Höhen stellen wollten, damit sie in weite Frühlinge des Lebens hinunterschauete! Hier auf diesem sonst seligen Boden sah er die zerrissene, zertretene Perlenschnur seiner künftigen Tage liegen. »O, wie wir in diesem Abende hätten selig sein können!« dacht' er und sah ins helle Laubhüttenfest, in das vergoldete, aber lebendige Laubwerk – in den grünen umherirrenden Widerschein, vom Nachtwinde gewiegt – und in das Lauffeuer brennender Gebüsche in den fließenden Wassern – auf den bogigen Triumphtoren standen Lichter wie herabgezogne Himmelswagen – und hinter ihm die schwarze Klostermauer des Tartarus, der erhaben in seinen Gipfeln nur einzelne Lichtchen zeigte – und drüben die stillen, schlafenden Berge in der Nacht und hier das laute Leben der Menschen, mit den Nachtschmetterlingen um die Lampen spielend! –

So erschafft sich in uns das Feuer selber den Sturmwind, der es noch höher jagt. Neben ihm liefen die Töne und sagten ihm jeden Gedanken, den er töten wollte. Wie der Mensch sich selber sieht, so hört er sich selber oft vor dem Tone.

Jetzt ging Liane in einiger Ferne von der Menge mit Augusti. »Ich will mit ihr reden, so ists aus«, sagt' er zu sich. Als er neben ihr kämpfend und ringend ging: merkt' er wohl, daß sie wieder unter fremde Zuhörer zurückwollte. »Liane, was hab' ich dir denn getan?« sagte er mit dem Seelentone eines zärtlichen Herzens, bitter des Lektors Gegenwart und Kräfte verachtend. »Verlangen Sie nur heute keine Antwort, lieber Graf«, sagte sie zurückkehrend und nahm eilig Augustis Arm; aber er merkte nicht, daß sie es tat, um nicht zu sinken. Hier warf er auf diesen einen Flammenblick, hoffend, beleidigt und dann gerächt zu werden – verließ sie hastig und stumm – den süßesten Liebes-Wein hatte ein heißer Strahl zu Essig geschärft und er verlief sich, ohn' es zu wissen, in den Traum-Tempel.

Er ging darin auf und ab, murmelte: »Je ne suis qu'un songe«; wurde aber bald vom Hasse der mitlaufenden Spiegel-Ichs hinausgetrieben in den Tartarus und von dem nachfliegenden ewigen Frühling der Töne, der ihm jetzt neben dem umgeackerten Blumenbeete des Lebens so unerträglich war.

Im Tartarus fand er alle Anstalten des Schreckens sehr kleinlich und lächerlich. Da kamen ihm unweit des Katakombenganges Roquairol und Rabette entgegen. Roquairols flammendes Gesicht erlosch, und Rabetten ihres kehrte sich rückwärts, da Albano heftig gegen sie hinschritt und, durch die Erinnerung gleichzeitiger Himmel mehr erbittert und durch das Anwehen in seine glühenden Ruinen aufflammend, den Hauptmann anpackte: »Bist du ein Freund? – Bist du kein Teufel? – – Du hast mich auf diesen Abend verwiesen; nie, nie red ein Wort mehr von ihm!« – Beide zitterten bestürzt und entfärbt; Albano schrieb das Erbleichen und Abwenden, ohne weiter nachzudenken, ihrem Anteile an seiner Marter zu. Welche verwirrende, feindselige Nacht!

Er schweifte immer weiter, ihn peinigte das nachleckende Freudenfeuer der Töne unsäglich – lügende entgegenflatternde Tropikvögel der schönern wärmern Zone waren sie ihm – »Ich will ja bloß in mein Bette, sobald es nur still wird drinnen!« – Er war eine halbe Meile weit, als das Lilarsche Tönen ihm noch immer nachzog; er drückte grimmig die Ohren zu, aber Lilar spielte darin noch fort – da merkte er, daß er nur sich höre. Aber immer war ihm, als müßte sich das lustige Geklingel wie im Don Juan auflösen in das Zetergetöne von Geistern.

Fürchterlich spitz lief ihm die Allee der künftigen Tage zu, da er nun aus ihnen den Mond seines Himmels, der schon über sein kindisches Herz und über die Blumenbühler Pfade geleuchtet, herausriß. Der blühende, hüpfende Genius seiner Vergangenheit schlich ungesehen, den Freudenkranz bloß in der Hand, hinter ihm weg, indes er mit dem vor ihm gehenden schwarzen Engel der Zukunft kämpfte, der ihn nachschleppte durch brausende Waldungen – durch schläfrige Dörfer – durch nasse, triefende Täler. – Endlich sah Albano gen Himmel unter die ewigen, unzähligen Sterne, zu dem hängenden Blüten-Garten Gottes: »Ich schäme mich vor euch nicht,« sagt' er, »weil ich auf dieser Kugel weine und gepresset bin vor eurer Unermeßlichkeit – droben steht ihr alle weit auseinander – und auf allen großen Welten hat jeder arme Geist doch nur eine kleine Stelle unter seinen Füßen, wo er glücklich oder elend wird. – Ist nur diese Nacht vorbei und ich ins Bette: morgen bin ich gewiß ein Mann und fest!«

Plötzlich hört' er mehrmals einen fast erbitterten Klage-Schrei. Endlich erblickt' er neben einem Flusse ausgestreckte weiße Ärmel und Arme; er ging an die weibliche Gestalt. »Ich bin leider Gottes blind«, sagte sie; »ich war auch mit bei der Illumination und bin irre gelaufen – ich kenne sonst Weg und Steg, drüben liegt unser Dorf, ich höre den Hirtenhund – aber ich kann den Steg übers Wasser nicht finden.« Es war die erwachsene Blinde von der Sennenhütte. »Gehts noch lustig da zu?« fragt' er unter dem Führen. »Alles aus«, sagte sie. Am Rosana-Stege ließ sie sich aus Eitelkeit nicht weiter zurechtweisen.

Er kehrte durch die schönen, schon vom Morgen tauenden Gebüsche auf eine Höhe vor Lilar – alles war still drunten – wenige zerstreuete Lampen flackerten im Flötental, und noch am Tartarus das Paar wie Todes-Tigeraugen – er ging in das leere Land hinunter über das stumme, platte Grab hinweg – seinen finstern, sinkend-steigenden Höhlengang hinauf – und in sein Bette hinein. »Morgen!« sagt' er kräftig und meinte seine Standhaftigkeit. –

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