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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 91
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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78. Zykel

Am schönsten Abende, als der Himmel bis auf den Boden aller Sterne durchsichtig war, ließ der Fürst die müde Versammlung nach Lilar fahren, um besser mit seinen beiden Unsichtbarkeiten, mit der Illumination und mit Lianens Rolle, zu trügen. Wie schlug dem redlichen Albano das weiche Herz banger und sanfter, als er unter dem Herabrollen von der Waldbrücke ins wartende Volksgetümmel sich dachte: Sie ist auch diesen Weg in das Lilar gegangen, das ihr sonst so lieb gewesen. Sein ganzes Ideenreich wurde ein Abendregen, dessen eine Hälfte vor der Sonne glänzend zittert und dessen andere grau verschwindet. Ach, vor Lianen hatt' es ohne Sonnenschein geregnet, als sie heute verborgen bloß in den Tempel des Traums herüberfuhr, um nur ein geliebtes Wesen zu spielen, aber keines zu sein.

Noch brannte keine Lampe. Albano blickte in jede grüne Vertiefung nach seinem Engel des Lichts. Sogar der Fürst selber, der die plötzliche Peterskuppel-Entzündung noch mit seinen Winken zurückhielt, sah dem an Höfen so seltenen Vergnügen entgegen, zweifach zu überraschen. Die Fürstin hatte dem Minister die Verlegenheit der Lüge oder Antwort erspart, denn sie hatte gar nicht nach der künftigen Hofdame Liane gefragt, gleich dieser ganzen starken Weiberklasse gegen ihr Geschlecht gleichgültig, aber desto fester an einer Auserwählten hangend. Albano erblickte im treibenden, verdunkelten Getümmel seine Pflegeeltern und Rabette, aber in diesem Taumel des Bodens und der Seele konnt' er wie andere seine Augen nur auf den selber verhangnen Vorhang richten, hinter dem er mehr als alle andere zu finden und zu verlieren hatte. Doch in Jugendjahren hängt kein schwarzer, nur ein bunter herab, und an allen ihren Schmerzen sind noch Hoffnungen!

Das Volk wartete auf den Glanz und auf die Musik. Der Fürst führte endlich seine Braut dem Tempel des Traumes entgegen; Karl, heute blind gegen, nicht für seine Rabette, nahm den brennenden Grafen mit. Am äußern Tempel ließ sich nichts erraten, was seinem magischen Namen entsprach; bloß die Fenster gingen vom Dache dieses Pavillons bis auf den Boden nieder und waren, statt von Rahmen und Fenstersteinen, in Zweige und Blätter gefasset. Aber als die Fürstin durch eine Glas-Türe eingetreten war, schien ihr der Pavillon verschwunden; man stand, schien es, auf einem einsamen, von einigen Baumstämmen bewachten freien Platz, welchen alle Perspektiven des Gartens durchkreuzten. Wunderbar, wie von spielenden Träumen, waren Lilars Gegenden untereinandergeworfen und die entgegengesetzten zusammengerückt – neben dem Berg mit dem Donnerhäuschen stand der mit dem Altare, und hart neben dem Zauberwald bäumte sich der hohe, schwarze Tartarus auf – Ferne und Nähe verschlangen sich ineinander – ein frischer Regenbogen von Gartenfarben und ein entfärbter Nebenregenbogen liefen nebeneinander fort, wie im Erwachen der Schatten des Traumbilds noch sichtbar vor der blitzenden Gegenwart entläuft. Indes die Fürstin noch in das träumerische Blendwerk versankZwischen zwei Fenstern stand immer ein Pfeilerspiegel und mengte seine zurückgespiegelte ferne Perspektive unter die der Fenster. Jedem Spiegel stand nur ein Fenster gegenüber; den Zwischenraum zwischen beiden verbarg und erfüllte Laubwerk.: so trat wie aus der Luft Liane durch eine gläserne Seiten-Türe in Idoinens Lieblingsanzug, im weißen Kleide mit Silberblumen und in ungeschmücktem Haar mit einem Schleier, der nur angesteckt an der linken Seite lang niederfloß, wankend hervor und lispelte, als die Fürstin getäuscht »Idoine!« ausrief, zitternd und kaum hörbar: »Je ne suis qu'un songe.«Ich bin nur ein Traum. – Sie sollte mehr sagen und eine Blume reichen; aber als die bewegte Fürstin fortrief: »Soeur cherie!« und sie heftig in die Arme schloß, so vergaß sie alles und weinte nur ihr Herz an einem andern Herzen aus, weil ihr das fremde, vergebliche Schmachten nach einer Schwester so rührend war. – Albano stand nahe an der erhebenden Szene; der Verband von allen Wunden wurd' ihm abgerissen, und ihr Blut floß warm aus allen nieder. O, nie war sie oder irgendeine Gestalt so ätherisch-schön, so himmlisch-blühend und so demütig gewesen! –

Als sie die Augen aus der Umarmung aufhob, fielen sie auf Albanos bleiches Gesicht. Es war bleich nicht vor Krankheit, sondern vor Bewegung. Sie fuhr zuckend zurück, umarmte die Fürstin wieder; der bleiche Mensch hatte ihr bewegtes Herz in eine Träne nach der andern zerrissen; aber beide grüßten sich nicht – und so fing ihr Abend an.

Während der Täuschung und Umarmung waren auf einen Wink des Fürsten alle Zweige und Tore des Gartens in einen glänzenden Brand gesteckt – alle Wasserwerke des Zauberwaldes flatterten mit goldnen Flügeln aufgeschreckt hoch empor – im umgekehrten Regen spielte eine weiße, grüne, goldne und finstere Welt, und die Wasser- und die Flammenstrahlen flogen wie Silber- und Goldfasanen mutwillig gegeneinander an. – Und der Glanz des brennenden Edens umfing den Tempel des Traums, und der Widerschein legte sich in sein inneres grünes Laubwerk vergoldend.

Liane trat an der Hand der ehrenden Fürstin mit niedergeschlagnen, verschämten Augen in die helle, rege Sonnenstadt heraus, ins Getümmel der Musik und der frohen Zuschauer. Auf Albano schoß die stürmische Gegenwart wie ein Strom, die entgegengesetzten verworrenen Rollen vor entgegengesetzten Menschen – der Freudenglanz des Abends – und die nächtliche Verwirrung in seiner Brust machten seinen festen Gang durch diesen Abend schwer.

Die Fürstin zog ihn bald in ihren Wirbeln weiter; Lianen ließ sie nicht von sich. Der Minister färbte und steifte mit alten Galanterien den erotischen Sklaven auf, aber jedem schien er, da die Fürstin den Kredit nach dem Tode des Fürsten bestimmt, nur die Sitte der Minister nachzumachen, deren Geist gern vom Vater und Dauphin – filioque – zugleich ausgeht, um sich nicht zwischen, sondern auf zwei Fürsten-Stühle zu setzen. Sie schien indes seit seiner Maschinerie mit Lianen ihn stolzer aufzunehmen. Hinlänglich beglückte ihn das Glück der Tochter, wie seinen Schwiegersohn Bouverot die Nähe derselben genug, und das Schelmen-Paar lag tief und ganz in Blumen weidend. Albano erriet weiter nichts, als daß sogar ein kalter Drache, ein Seelen-Urangutang die Reize dieses Engels dunkel spüre.

Die Ministerin und der Lektor teilten sich leicht wechselnd in die Bewachung Lianens vor jedem Worte – Albanos. Die Fürstin ließ sich durch die funkelnden Lustgänge, durch den in nassen Blitzen stehenden Zauberwald und zuletzt an das Donnerhäuschen führen, um den brennenden Garten aus allen Punkten in ihr malerisches Auge zu nehmen; Liane und Albano begleiteten sie durch alle Gänge ihres welken, kahlen Arkadiens und hielten ihre zertrümmerten Herzen stumm und fest zusammen. Sie gab, treu ihrem Wort gegen die Eltern, ihm keinen wärmern Blick und Anklang wie jedem, aber auch keinen kältern; denn ihre Seele wollte ja nicht quälen, sondern nur leiden und gehorchen. Er machte – glaubt' er – alle Blicke und Laute sanft; auch rächte sich der edle Mensch durch keinen Schein der Kälte oder gar einer untreuen Befreundung mit der fürstlichen Kron- und Herzenswerberin.

Die Fürstin fing an, ihm unverständlich zu werden. Man kam vom Romantischen auf Roman, dann auf die Frage, warum er die Ehe nicht male; »weil er« (versetzte sie) »ohne den Amor nicht sein kann.« – »Und die Ehe?« fragte unhöflich Albano. – »Nicht ohne einen Freund;« (sagte sie) »aber Amor ist ein Gott, nec deus intersit nisi dignus vindice nodus incideritEs braucht eben keinen Gott, wenn nicht ein Knoten daliegt, der nicht anders zu leisen ist. – –«, setzte sie dazu, weil sie Latein der Dichter wegen gelernt hatte.

Bouverot sagten den Vers gar aus, um den Sinn doppelsinnig zu machen:

»– necquarta loqui persona laboret.«Und ein Vierter (wenn nämlich die Eheleute und der Freund da sind) braucht nicht mit in die Sache zu reden.

Niemand verstand das letztere als der Lektor und die Fürstin.

»Warum sind an jenem Hause« (fragte sie) »keine Lampen, wer wohnt da?« Sie meinte Speners Haus. Liane beantwortete nur das letztere und schloß das warme Bild mit den Worten: »Er lebt für die Unsterblichkeit.« – »Was schreibt er?« fragte die mißverstehende Fürstin; und Liane mußte eine christliche Erklärung geben, worüber die Ungläubige lächelte. Es erhob sich sogar für und gegen den ewigen Schlaf ein Streit, der nicht viel weniger Zeit wegnahm, als sie brauchten, um das Donnerhäuschen zu umkreisen. Die Fürstin fing an: »Wir würden gegen unsern täglichen Schlaf ebensoviel, wenn er nicht da wäre, einzuwenden wissen wie gegen den ewigen.« – »Noch mehr aber gegen das Erwachen daraus«, griff Albano ein und kürzte die Religionsunruhen ab.

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