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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Oder man könnte die Pitschafte, als Münzstempel für Privatmünzen, nicht mehr zulassen. Es schlüge sich dann eine Siegel-Kammer mit großen Rechten ins Mittel und verpetschierte, wie jetzt den Nachlaß der Verstorbnen, alsdann der Lebendigen ihren.

Oder – was vielleicht vorzuziehen – eine Brief-Zensur müßte anfangen. Ungedruckte Zeitungen, nouvelles à la main, nämlich Briefe, können, weil sie noch größere Geheimnisse austragen, nie eine größere Zensurfreiheit fodern, als gedruckte Zeitungen genießen; besonders da jeder Brief jetzt so leicht ein umherrennender Zirkelbrief wird. Ein Katalog verbotener Briefe (index expurgandarum) wäre dann für den Korrespondenten immer ein Wort.

Oder man vereide die Postmeister, daß sie treue Referendarien alles dessen werden, was sie Wichtiges oder Bedenkliches in den Briefen angetroffen, die sie vor deren Abgang auf die geistige Briefwaage gelegt und mit der Hoffnung wieder zugemacht, sie nach dem Leibnizischen Prinzip des nichtzuunterscheidenden Siegels weiterzuschicken.

Findet der Staat alle diese Wege, Briefe zu lesen und zu schließen, neu und hart: so mag er auf seinem fortfahren, sie aufzumachen.

*

Lachend flog Froulay zur Frau und beteuerte, ihre Falschheit gegen ihn sei ihm gar nichts Neues – ihren gegenwärtigen Plan, bloß um dem Herrn v. Bouverot und ihm entgegenzuarbeiten, versteh' er ganz wohl – daher habe Rabette herein-, die Tochter hinausgemußt – inzwischen woll' er der Heuchlerin und Betschwester, und wer es sei, zeigen, daß sie nicht bloß eine Mutter habe, sondern auch einen Vater. – »Sie muß sogleich herein; je la ferai damerDamer oder zur Dame machen mußte der König vorher ein unverheiratetes Mädchen von Stande, eh' es nach Versailles an den Hof gehen durfte., mais sans vous et sans Mr. le Comte«, beschloß er mit Anspielung auf die Hofdamenstelle.

Aber die Ministerin fing – gemäß ihrer harten Verachtung gegen seine Projekte und Kräfte – mit jener Kälte, die jeden Warmen mehr erbittert hätte als diesen Kalten, an, ihm zu sagen, daß sie Lianens und des Grafen Liebe noch mehr mißbilligen und bekriegen müsse als er – daß sie bloß im zu weit getriebenen und sonst nie widerlegten Vertrauen auf Lianens offne Seele lieber ihr als sich geglaubt und sie bei so manchen Zeichen der Neigung Albanos nach Blumenbühl gelassen – daß sie aber ihm ihr Wort hier gebe, mit gleichem Feuer gegen den Grafen zu wirken wie gegen den deutschen Herrn, und daß sie, so wie sie Lianen kenne, des schönsten leichten Erfolges fast versichert sei.

Allerdings war ihm das unerwartet und – unglaublich, zumal nach dem vorigen Verschweigen; nur die feinste Männerseele sondert in der weiblichen die zusammenlaufenden Grenzen der Selbsttäuschung und der willkürlichen Täuschung ab, der Schwäche und des Trugs, des Zufalls und des Entschlusses; die Ministerin ohnehin gehörte unter die Weiber, die man erst lieben muß, um sie zu kennen, was sich sonst umkehret. Er akzeptierte auf der einen Seite gern das Bekenntnis der Beistimmung und Mitwirkung – bloß um es künftig als Waffe gegen sie zu wenden –; konnt' aber auf der andern ihr nicht verbergen, daß sie also wieder (so sprach er stets) nach eignem Geständnis über ihre Kinder aus Mangel an Argwohn fehlgesehen habe. Er behielt die Gewohnheit bei, auf eine offenherzige Seele, die ihm ihre Lücken zeigte, durch diese Lücken, als hab' er sie selber gebrochen, gewaffnet einzudringen. Das Beichtkind, das vor ihm um Vergebung kniete, drückt' er tiefer nieder und zog statt des Löseschlüssels den Hammer des Gesetzes hervor.

Ich bin hier den Spaniern, die mich einst aus schlechten Übersetzungen kennen lernen, und der österreichischen goldnen Vlies-Ritterschaft, die vielleicht das Original im Nachdruck lieset, es schuldig, die Ursachen anzugeben, warum nicht das Froulaysche Haus Freudenfeste – statt Hoftrauer – ansagen ließ bei dieser Annäherung ihres Ordenssohnes, eines spanischen Großen, der oft einen deutschen Fürstenzepter als Elle an sich legt. – Denn jeder Spanier muß sich bisher darüber gewundert haben.

Ich antworte jeder Nation. Die Froulays hatten gegen die Verbindung erstlich nichts als die – Gewißheit der Trennung; da aus demselben Grunde, den mir die Vliesritter und Spanier entgegengesetzt, der alte Gaspard de Cesara auf keine Weise eine Brücke zwischen seinem Gotthard und der Jungfrau kann schlagen lassen. Zweitens konnte eben darum der Minister dieser romantischen Liebe eine viel ältere, weisere, die er für den deutschen Herrn und dessen Gelder und Liaisons trug, entgegenstellen, so wie des Vliesritters alten Groll. Drittens hatte die Ministerin außer denselben Gründen – und außer einigen für den Lektor vielleicht – noch einen ganz entscheidenden, und der war: sie konnte den Grafen nicht ausstehen; nicht bloß allein darum, weil sie eine harte Ähnlichkeit zwischen ihm und ihrem Sohne und sogar Gemahle ausfand im Stolze, im Aufbrausen, in genialischer Wildheit gegen arme Eheweiber, im Mangel an religiöser Demut und Gläubigkeit, sondern sie konnte ihn vorzüglich deshalb nicht gut ausstehen, weil sie ihn nicht – leiden konnte. Wie das System der Prädestination einige Menschen zur Hölle verurteilt, sie mögen nachher den Himmel verdienen oder nicht: so nimmt eine Frau den Haß, zu welchem sie jemand einmal verdammte, nicht wieder zurück, es mögen Land und Stadt, Gott, die Jahre und der Person Tugenden dagegen sagen, was sie wollen.

Im Friedensschlusse des gewöhnlichen Zimmerkriegs wurden zwischen den Eheleuten diese geheimen Artikel ausgemacht: der Graf muß des Vaters und des Direktors wegen mit höflichster Achtung behandelt und beiseite geschoben werden – und Liane sanft und langsam von Wehrfritzens Hause abgelöset – die ganze Scheidung des Verlöbnisses muß ohne elterliche Einmischung bloß durch die abspringende Tochter selber zu geschehen scheinen – und alles ein Geheimnis bleiben. Froulay hoffte, vor Lianens früherem Verlobten, dem deutschen Herrn, den ganzen Zwischenakt geheimzuhalten, da er zumal jetzt im August mehr an den Spieltischen der Bäder als zu Hause war.

So blieb es; und in dieses kalte, schauerliche Geklüft zog die freundliche Liane hinein, als sie an jenem lebenswarmen Sonntag das selige, offne Lilar verließ. Geläutert und geheiligt von der Freude – denn jeder Himmel wurde ihr ein reinigendes Fegefeuer –, kam sie edel an die Mutterbrust, ohne den fremden Ernst des Empfangs zu merken vor eignem. Ihr leichtes Geständnis der Gartengesellschaft öffnete die harte Szene – fast in der Kulisse. Denn die Mutter, die anders anfangen wollte, mußte sogleich auf den Donnerwagen steigen, um gegen das unbegreifliche Vergessen der weiblichen Schicklichkeit zu blitzen und zu donnern; und doch hielt sie die Donnerpferde mitten im Laufe inne, um Lianen sogleich, da der Minister jede Minute kommen konnte, das Verschweigen der heutigen Gartengesellschaft aufzulegen. Nun warf sie den tiefsten Schlagschatten auf ihre bisherige stumme Falschheit gegen eine Mutter; denn sie verlegte die Säe- und Blütezeit dieser Liebe eigenmächtig schon in die Tage vor der Reise aufs Land. Wie erschrak die warme Seele über die Möglichkeit einer solchen Lieblosigkeit! Sie führte, so weit sie nur konnte, die Mutter den reinen, lichten Perlenbach ihrer Geschichte und Liebe hinauf und sagte alles, was wir wissen, aber ohne sehr zu befriedigen, weil sie gerade die Hauptsache ausließ; denn aus Schonung gegen die Mutter mußte sie die erscheinende Karoline, die anfangs die Bilderstürmerin ihrer Liebe und dann die begeisternde Muse und Brautführerin derselben gewesen, mit dem Totenschein der Zukunft in der Erzählung unsichtbar bleiben lassen. –

Sie hielt mit inbrünstigem Druck die mütterliche Hand unter immer frohern Versicherungen, wie sie ihr hab' immer alles sagen wollen; sie dachte hoffend, sie brauche nichts zu retten als ihr offnes Herz. O, du hast mehr zu retten, dein warmes, dein ganzes und lebendiges! – Die Mutter tadelte nun, ihr aus alter Gewohnheit halb glaubend, nichts weiter als die ganze Sache, ihre Unschicklichkeit, Unmöglichkeit, Tollheit. »O, gute Mutter,« (sagte Liane bloß immer sanft unter dem harten Abmalen des künftigen Albano) »o, so ist er nicht, gewiß nicht!« – Ebenso sanft sah sie über das mit schwarzen Strichen vorgezeichnete Nein Don Gaspards weg, weil für ihren Glauben die Erde nur ein im Äther hängender, blühender Grabeshügel war: »Ach,« (sagte sie, ihre Erden-Eile meinend) »unsere Liebe ist so wichtig nicht.« Die Mutter nahm dieses Wort und den ganzen sanften Widerstand für Vorspiele des leichten Siegs.

Jetzt ging Albanos Schwiegervater herein, mit einer Heerpauke, Sturmglocke, Feuertrommel und Klapperschlange im Gürtel, um sich damit vernehmlich zu machen. Zuerst fragt' er – er hatte vergeblich gehorcht – ganz erboset die Ministerin, wohin sie sein Ohr versteckt habe – (es war das blecherne Koppelohr, worin sich, wie in einem venezianischen Löwenkopfe, alle Geheimnisse und Anklagen der ganzen Dienerschaft und Familie sammleten) – jetzt brauch' ers ein wenig, zumal seit den neuesten »Avanturen der frommen Tochter da!« – Die Siamer Ärzte fangen die Heilung eines Patienten damit an, daß sie ihn mit Füßen treten, welches sie Erweichen nennen. Auf ähnliche Art erweichte Froulay gern zur moralischen Vor-Kur; und begann daher sich, mit den gedachten Sprachmaschinen im Gürtel, deutlich zu erklären über umschlagende Kinder – über deren Ränke und Schliche – und über Liebschaften hinter Väterrücken – (so daß kein Vater einen Band Liebesgedichte vorn mit der Prosa-Vorrede begleiten kann) – versah vieles mit den stärksten politischen Gründen, die sich alle auf ihn selber und seinen Nutzen bezogen – und schloß mit einigen Verfluchen.

Liane hörte ihn ruhig, und an solche wie am Gleicher täglich wiederkehrende Gewittergüsse schon gewohnt, ohne andere Bewegung an, außer daß sie oft das niedergeschlagne Auge zu ihm bedauernd aufhob aus zärtlichem Mitleiden mit dem väterlichen Mißvergnügen. In der Stille wurd' er am lautesten: »Sie sorgen dafür, Madame,« (sagt' er) »daß sie morgen vormittags dem Grafen, was sie von ihm hat, samt dem Abschied schickt und ihm ihr neues Amt als eine leichte Entschuldigung notifiziert – du wirst Hofdame bei der regierenden Fürstin – ob du gleich es nicht wert warest, daß ich für dich arbeitete.« –

»Das ist hart«, rief Liane, mit zerbrechendem Herzen an ihre Mutter fallend. Er glaubte, sie meine die Trennung von Albano, nicht die von der Mutter; und fragte zornig: warum? – »Vater, ich will so gern« (sagte sie und wandte nur ihr Angesicht aus der Umarmung) »bei meiner Mutter sterben!« Er lachte, aber die Ministerin machte selber den Flammen, die er noch wollte herausschlagen lassen, die Höllenpforte zu und versicherte ihn, es sei genug, Liane werde gewiß ihren Eltern gehorchen, und sie selber wolle dafür Bürge sein. Der Gesetzprediger stieg seine Kanzeltreppe mit einem vernehmlichen Stoßgebet um eine bessere Bürgschaft und unter dem Zurückrufen herab, sein Ohr müsse morgen her, und soll' ers in allen Schränken selber suchen.

Die Mutter schwieg nun und ließ die Tochter sanft an ihrem Halse weinen; beiden war nach dieser Seelen-Dürre der Trank der Liebe Erfrischung und Arzenei. Sie ließen einander ausgeheitert aus den Armen los, aber beide mit ganz irrenden Hoffnungen.

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