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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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74. Zykel

Die Siegel von den inrotulierten Akten der bisherigen Geschichte zur Einsicht abnehmen – oder die blinden Fenster derselben ab- und die wahren aufreißen – oder so viele bedeckte Wege und Wagen aufdecken – oder endlich die ganze Sache – – das sind lauter Metaphern – und die unähnlichsten dazu –, welche zu nichts dienen können, als die lang' erwartete Auflösung, welche sie beschreiben wollen, nur noch länger und verdrüßlicher aufzuhalten; vielmehr, glaub' ich, wird besser der ganze Kriegs- und Friedensetat im ministeriellen Palaste sogleich frei entflößet wie folgt:

Herr von Froulay war, wie schon gedacht, mit einem bellevue im Gesicht und mit einem mon-plaisir im Herzen (falls diese Wendungen nicht mehr gesucht als ausgesucht scheinen) von Haarhaar nach Hause gekommen. Er sagte seiner Frau offen, was ihn bisher so lange aufgehalten und bezaubert, – die künftige Fürstin, die für ihn mehr als gewöhnliche Neigungen gefasset habe. Er warf ein volles, prahlendes Licht auf ihren bereicherten Verstand – weiter lobt' er an Frauen nichtsBei den Ägyptern waren die Zauberer nur Gelehrte; bei ihm die Gelehrten Zauberinnen. –, so wie einen schwachen Streifschatten auf der seinigen ihren; und schätzte sich glücklich mit der Eroberung einer Person, deren feine, fortgesetzte Koketterie (sagt' er) er seines Orts als Muster empfehlen könne, und deren Neigung er, das verhehl' er gar nicht, auf halbem Weg erwiderte, aber nur auf halbem, da der Herzog von LauzunMémoires secrets sur les règnes de Louis XIV etc. par Duclos. T. I. so wahr behaupte: um die Liebe von Prinzessinnen zu behalten, so halte man sie nur recht hart und kurz. Im alten Manne schießet sonach, wie wir sehen, ganz spät – nicht ungleich den frischen Zähnen, die oft Greise erst als Neunziger trieben – ein Liebhaber-Herz unter dem Stern an; allein es ist mehr zu wünschen als zu hoffen, er werde dabei sonderlich den Lächerlichen spielen. Denn da er die ganze Woche das Steuerruder des Staats entweder auf der Ruderbank, um es zu bewegen, oder auf der Schnitzbank hält, um es für den Fürsten fein und leicht zuzuschnitzen: so ist er Sonnabends so müde, daß ihn kein Virgil und kein Gewitter bereden könnte – und hätt' er nicht mehr Schritte dahin als Virgils Hexameter Füße oder Moses Gebote –, eine Dido aus dem Sturm in die nächste Höhle zu begleiten. Er tuts nicht. Ebenso frei wie von sinnlicher Liebe bleibt er von sentimentalischer und weinerlicher, zumal da er besorgt, daß diese ihn am Ende in jene verflechte, weil sie wie ein Mollton eine ganz andere Tonleiter hat rückwärts- als hinaufwärtssteigend. Das Ironische und Stachlige am Mann machte ihm wie andern Weltleuten jede Vermählung – auch die der Seelen – am Ende so sauer als den Igeln die Stacheln die ihrige. Er hebt also in Zukunft für die Fürstin nur eine kalte, politische, kokette, höfliche Liebe auf, wie sie wohl selber hat und wie er braucht, um weniger sie als von ihr zu erobern, und zuerst den ganzen Fürsten. Ich verspreche mir Welt-Leser, die hoffentlich keine Beleidigung für diesen in Froulays Neigung für jene finden; denn sobald nur einmal der Hofprediger die kopulierende Hand auf die Fürstin gelegt, so hat dieser Haushofmeister gleichsam den SchnittBekanntlich wird ein Schnitt in einen ganzgebliebenen Vogel etc. zum Zeichen gemacht, daß er auf der fürstlichen Tafel gewesen, damit er nicht wieder aufgesetzt werde, sondern sonst genossen. in die Pfauhenne getan, und sie kann dann unangerührt abgehoben und an andern Orten verspeiset werden.

Ich habe im zweiten Bande schon die Besorgnis der Ministerin mitgeteilt, daß der Minister, wenn er (in diesem) wiederkäme und Liane nicht zu Hause fände, keifen würde; aber wider Erwarten genehmigte er; ihr Gebrauch des Dorfluft-Bads schlug recht in seine Absicht ein, sie ins Dampfbad der Hofluft zu treiben. Er sagte der Mutter, es sei ihm nicht mißfällig, daß sie sich jetzt gar ausheile, da die neue Fürstin sie zu ihrer Gesellschaftsdame erlesen werde auf sein Wort. Er konnte nicht drei Minuten einen Zepter oder ein Zepterlein neben sich liegen sehen, ohne dessen Polarität für sich zu probieren und damit etwas entweder zu ziehen oder zu stoßen. Wie der berühmte Gottesgelehrte Spener – ein Vorfahr des unsrigen – so schön täglich zu Gott dreimal für seine Freunde bat: so findet man mit ähnlicher Freude, daß der Hofmann bei seinem Gotte, dem Fürsten, täglich ein wenig für seine Freunde bittet und etwas haben will.

Die Ministerin, gegen seine wechselnden Plane nie im Entwerfen, sondern erst im Ausführen kriegend, vertrug sich mit seinem neuesten leicht, weil er wenigstens mit dem alten der Bouverotischen Verlobung eben in keiner helfenden Gemeinschaft zu stehen schien. –

Eines Abends landete leider der fatale, ängstliche Lektor – der das kleinste Visitenblatt an eine Fuldaische Geschichtskarte anklebte – vor ihr mit seinem Postschiff an und stieg mit den Staats- und Reichsanzeigen von ihren beiden Kindern unter beiden Armen – unter jedem hatt' er eines – ans Land; und doch warum fahr' ich über den Mann her? Konnte ein Doppelroman, zumal im Freien gespielt, verborgner bleiben als sonst ein einfacher? –

Ihr Erstaunen kann nur mit dem größeren ihres Gemahls verglichen werden, der zufällig im dritten Zimmer sein blechernes Ohr – von Schropp aus Magdeburg –, um auf die Bedienten zu horchen, eingeschraubt hatte, und der jetzt manches vernahm. Doch hatte das Doppel-Ohr von Augustis leisen Hoflippen nur einzelne, lange, eigne Namen, wie Roquairol und Zesara, mit den weiten Maschen seines Nachtgarns aufgefischt. Kaum war der leise Lektor hinaus, so trat er mit dem Ohr in der Hand froh ins Zimmer herein und foderte ihr einen Bericht von den Berichten ab. Er hielt es unter seiner Würde, je seinen Argwohn – der sich auch in der freundlichsten und frohesten Laune seine Argus-Ohren und –Augen nicht zumachen ließ – oder sein Horchen nur mit einer Silbe oder Schamröte zu verkleistern oder zu decken; die schönen Lilien der ungefärbtesten Unverschämtheit waren ihm nicht aufgemalt, sondern eingebrannt. Die Ministerin ergriff sogleich die weibliche Partei, die Wahrheit zu sagen – zur Hälfte; nämlich die angenehme von Roquairols gut aufgenommenen Annäherungen zum Wehrfritzischen Hause, dessen Landgut und Landschaftsdirektorat recht anpassend dem Schwiegervater angegossen waren. Indes hatte dieser in der Gattin Antlitz den Trauerrand um dieses frohe Notifikationsschreiben viel zu klar und breit gesehen, um sich nicht nach dem vortönenden Wort Zesara, das sein zarthöriger Blech-Sucher auch mit aufgefasset, obwohl vergeblich zu erkundigen; denn die Mutter hatte ihre fromme Tochter zu lieb, um ihr diesen Wolf in ihr Eden nachzuhetzen; sie hoffte sie daraus auf eine sanftere Art durch Gottesstimme und Engel zu bringen; und umging seine Frage.

Aber der Wolf rannte nun auf seiner Fährte weiter; er bekam Darmgicht – so wurde dem Doktor Sphex gesagt –, foderte von diesem schnelle Hülfe und auch einige Nachrichten von seinem Mietsmann, dem Grafen. Herr und Madame Sphex waren ohnedies dem aufgeblasenen Jüngling so gram – durch ihre ausgeschickten vier Kinder, als enfants perdus in jedem Sinn, als vier Gehörknochen jeder Stadt-Sage, war viel von Blumenbühl und Lilar auf Avisjachten heimzubringen. – – Kurz die Gehörknochen griffen in fremde so gut ein, daß Froulay in einigen Tagen imstande war, mit seiner Lilienstirn bei der Griechin nach einem Briefe an seinen Sohn zu fragen, den er mitnehmen wolle.

Er fand einen, den er recht freudig erbrach, ohne doch etwas von Albanos oder Lianens Hand darin zu finden, ausgenommen einige dumme Anspielungen Rabettens auf jenes Paar, welche für den Minister so viel waren, als hätt' er mit seinen scharfen Mautners-Suchnadeln in Lianens Herz gebohrt und darin auf das Konterbande getroffen. Ohne langes knechtisches Kopieren des vorigen Siegels setzte er das zweite auf den Brief und ging erleuchtet davon.

Wir können ihm alle nachfolgen, wenn wir uns nur wenige Minuten zu seiner Rechtfertigung aufgehalten haben bei meinem


Schutz- und Stichblatt für das zweite Briefsiegel in Staatssachen.

Ob dem alten Froulay das Examinatorium fremder Briefe als Minister oder als Vater zustehe – wiewohl dieser jenen, der Landesvater jeden andern Vater und seinen eignen dazu voraussetzt –, das will ich nicht entscheiden, außer durch die eben hergesetzte Parenthese. Der Staat, der die Postpferde vor die Briefe spannt, hat, scheint es, das Recht, diesen nicht sowohl blinden als blind machenden Passagieren genauer unter das geschlossene Siegel-Visier zu sehen, um zu wissen, ob er nicht seinen Feinden Pferde vorlege. Der Staat, ein immer ziehender Lichtmagnet, will ja nur Licht in der Sache und besonders Licht über alles Licht überhaupt; er verlangt nur die Wahrheit ganz nackt, ohne Couvert; alles, was durch seine Tore reitet und fährt, soll nur, sei es auch in ein Couvert gekleidet, den roten Mund aufmachen und sagen, was für Name und für Geschäfte. –

Da der gemeine Soldat seine Briefe vorher seinem Offizier vorweisen muß – der Bastillen-Garnisonist seine dem Gouverneuer – der Mönch seine dem Prior – der amerikanische Kolonist seine dem HolländerS. Klockenbrings gesammelte Aufsätze. (damit er sie verbrenne, wenn sie über ihn klagen) –: so kann wohl kein Staatsmann, er mag nun den Staat für eine Kaserne – oder für eine Engelsburg – oder für ein monasterium duplex – oder für eine europäische Besitzung in Europa ansehen, ihm das Recht absprechen, sich alle Briefe so offen zu erhalten, wie Fracht-, Adels-, Kauf- und Apostelbriefe es sind. Der einzige Fehler ist bloß, daß er die Briefe nicht eher vorbekommt als zugepicht und zugesperrt; das ist unmoralisch genug; denn es nötigt die Regierung, auf- und zuzumachen – den Brief aus der Scheide zu ziehen und in sie zu stecken, wie der Koch mühsam die Schnecke aus ihrer Schale drehet und dann, sobald sie vom Feuer weg ist, in diese wieder zurückgeschoben aufsetzt.

Letzteres ist der Punkt und Hauptwind, der uns weiterzuführen hat. Denn so allgemein es auch anerkannt, so wie Observanz sei, daß die Regierung aus demselben Grunde, woraus sie den letzten Willen öffnet, auch jeden vorvorletzten und endlich den ersten müsse früher entsiegeln können als der Erbe desselben – und daß ein Fürst noch viel leichter Diener-Briefe in dieselbe Entzifferungskanzlei (und in ihr Vorzimmer, die Entsieglungskammer) müsse ziehen können, worin Fürsten- und Legaten-Briefe aufgehen vor der Springwurzel –: so ist doch das Korkziehen der Briefe – das Koppelsiegel – das Vikariatsiegel – das mühsame Nachmachen des L. S. oder Loco Sigilli etwas sehr Verdrüßliches und beinahe Abscheuliches; aus dem Unrecht muß daher ein Recht gemacht werden durch gesetzliche Wiederholung.

Etwas davon würde, hoff' ich, sein, wenn befohlen würde, die Briefe nur auf Stempelpapier zu schreiben; ein dazu eingesetztes Schau- und Stempelämtchen läse dann vorher alles durch.

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