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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Sechzehnte Jobelperiode

Die Leiden einer Tochter

73. Zykel

Wolken wie die letzten bestanden für Albano weniger aus niederfallenden Tropfen als aus niedersinkendem Staub. Sein Leben war noch ein Treibhaus und stand daher nach der Sonnenseite. Jeder Tag brachte eine neue Schutzschrift für die ferne schöne Seele, bis sie am Ende gar keine mehr brauchte. Aber jedem Tage gab er auch einen Ablaßbrief ihres Schweigens mit; später wurden Anstandsbriefe (Moratorien) daraus; endlich als sie immer gar nichts von sich hören und lesen ließ: so fing er an, in den obigen Schutzschriften wieder nachzusehen und manches darin auszustreichen.

Ebensowenig fand er für sich oder für ein Blatt eine Treppe zu ihr. Sogar der Hauptmann war seit einigen Tagen nach Haarhaar verreiset. Mit müden Händen hielt er den schweren, ausgetrunknen Freudenbecher, der leer am schwersten wiegt. – Die wilden Hypothesen, welche der Mensch in einem solchen Falle durch sich traben lässet – wie in diesem z. B. die von Lianens Krankheit, Erkältung, Gefängnis, Abreise –, sind in ihrem Wechsel und Werte mit nichts zu vergleichen als mit der ebenso großen Wildheit und Zahl der Plane, die er anwirbt und abdankt, z. B. den der Entführung, des Hasses, der Duelle, der Verzweiflung.

Die harte, feststehende Zeit hatte keinen Zeiger auf ihrem Zifferblatte. Er stand seinem Schicksal so nahe wie der Mensch seinen Träumen; ohne daß er beider Gestalt erkennen oder vorbereiten kann. Er ging oft in die Stadt, deren sämtliche Gassen durchritten, durchlaufen und durchfahren wurden, weil man die Balken zum herrlichsten Throngerüste zusammentragen und –nageln wollte, auf welchen sich die fürstliche Braut bei ihrem Eintrittskomplimente im Lande am weitesten umsehen konnte; aber er hörte nichts darin von der seinigen, als daß sie öfters mit dem Minister die Bildergalerie besuche.

Dadurch schienen zwei ängstlichen Hypothesen, die ihrer Krankheit und ihres Hauskriegs, die Stacheln auszufallen. Das Beste, obwohl Schwerste war, geradezu den Minister wie den Vesuv zu besuchen, um da die schönste Aussicht zu haben. Er besuchte den Vesuvius. In der Tat war dieser Vulkan nie stiller und grüner; er fragte nach allem und ließ sich über vieles heraus, was das Vermählungsfest unmittelbar anging; auch sucht' er seine Hoffnungen und Wünsche nicht zu verbergen, daß der Graf die bewundernswürdige Braut bewillkommen helfen werde.

Am Ende mußte dieser auch die seinigen über die Weiber zu eröffnen wagen. Der Minister versetzte ungemein heiter, daß beide das »brave Fräulein von Wehrfritz« eben nach Blumenbühl zurückbrächten; und ließ sich sofort aufs Lob dieser »unverdorbnen Natur« ein. Albano ging bald, aber viel froher. Auf seinem Wege brannten doch einige Gassenlaternen.

Aber am Morgen geriet er in ein Winkelgäßchen, wo keine einzige war; nämlich Rabette, das Renntierchen, kam nach Lilar gelaufen, wie gestern nach Pestitz – denn was ist für ein Landfräulein ein Meilenlauf anders als eine gerade Allemande? – und schüttete und schüttelte vor ihm ihr Herz bis auf die Herzohren aus, woraus nichts herausfiel als frohe Bilder, einige Himmel, ein vollständiger Hochzeittag, ein Paar Schwiegereltern und eine Hauptmännin. »Die Ministers waren gegen mich so höflich gewesen, aber – nachher noch mehr gegen meine Eltern die Mutter – und sie haben den Hauptmann so sehr genannt und gelobt – kurz, sie wissen freilich alles, mein herrlicher, herzlieber Bruder!« sagte sie, – aber von Lianen wußte sie dem herrlichen Bruder nichts zu bringen, außer ihren Gesundheitspaß; ihr freudiges Auge hatte sich nach gar keiner dunkeln Gegend gewandt. »Wir waren keine Minute allein, das machts«, setzte sie dazu und kam wieder auf ihren Hauptmann, den der Minister als Marschkommissarius der einrückenden Fürstin auf die Haarhaarer Straße versendet habe; doch verwies sie ihn auf die Illuminations-Nacht in Lilar, wo sie und Liane und beiderseitige Eltern dabei zu sein ausgemacht hätten. Du gutes Geschöpf! wer gönnt dir nicht den blitzenden Ring der Freude, den du an deiner braun und hart gesottenen Hand ansiehst, und wer wünschet nicht gern, daß seine Steine nie ausfallen!

Bald darauf flog dem Verlassenen der Bruder der vergangnen Feste an das Herz, Karl. Er wiederholte beinahe Rabettens Aussagen, obwohl nicht ihre Entzückung; er sagte – aber ohne sonderliche Rührung –, daß der Vater wirklich ihm den Bruderkuß mit einer Kußhand durch mehrere Zimmer zuwerfe, ihn ganz besonders aus- und anzeichne und zu Geschäften freundlich verbrauche – und das alles bloß, seitdem er hinter die Liebe gegen Rabette und das stille Zunicken der Eltern gekommen sei; denn vom Herzen zwar sei bei dem Vater die Rede nicht, aber doch von Rabettens Weiberlehn, zumal da man ihm bei der romantischen Wechselreiterei seines Herzens nicht trauen könne, ob er nicht sonst einmal die Ärmste bringe.

Mit einer seufzenden Brust, die gern mehr einer erwartenden mitgebracht hätte, erzählte Karl bloß, daß er Lianen gesund und still, aber keine Minute allein gefunden. Die Zusammenhaltung der fremden Dürfigkeit mit dem eignen offnen, reichen Glück war – so glaubte Albano – die schöne, zarte Ursache, warum Karl mit so flüchtiger, kühler Freude über die elterliche Einsegnung seines Seelenbundes weglief. O, wie liebt' er ihn jetzt! Könnt' er ihn je mehr lieben, so tät' ers, wenn Liane gar seinem Glück verloren wäre, bloß um sich und ihm zu zeigen, daß die heilige Freundschaft kein drittes Herz begehre, um ein zweites zu lieben.

Dieses Gewölke des Schweigens legte sich nun wochenlang und immer finstrer um seine schönsten Höhen fest, und der Schuldlose ging unter dem Dunkel im Kreise von Widersprüchen umher. Wie mußte dieser Jüngling sich abarbeiten, wenn er bald dachte, daß die Eltern wohl gar eine Verwandtschaft mit ihm ausschlagen, da er doch mehr ihre vergessen als vergelten zu müssen glaubte, und daß sie zwei Herzen der politischen Herzlosigkeit opfern könnten – oder wenn er auf die fromme Liane den Verdacht des Weichens vor elterlichen Angriffen fallen ließ, der noch aus der Vergangenheit Zufuhr durch die Vermutung erhielt, daß sie ihn wohl mehr poetisch und fromm und mehr mit Flügeln umhalset als mit Armen und daß sie überhaupt, an so lange Ergebungen gewöhnt, Opfer und Neigungen kaum absondern und jene für diese halten könne – oder wenn er bald und am öftersten alle diese Waffenspitzen gegen seine eigne Brust kehrte und sich fragte, warum er in der Freundschaft ein so festes Vertrauen habe und in der Liebe ein so wankendes: Dann führte ihn dieser Vorwurf zu einem zweiten über jeden vorigen, den er der guten Seele gemacht, bloß um sie nach der Proselytenmacherei und Reformiersucht, welche die Männer mehr an ihren Weibern als Freunden üben, für seine eigne Gußform einzuschmelzen. Letzteres konnt' er rügen, wie HolbergDessen moralische Abhandlungen II. 96. bemerkt, daß die Männer Landgüter nicht so gut erhalten als die Weiber, weil jene mehr als diese sie reformieren wollen: aus demselben Grunde verderben die Liebhaber auch die Weiber mehr als diese jene.

Um nur aus dem langsamen Gerichtshof der Zukunft schneller sein Bluturteil zu holen oder ein schöneres Blatt, ging er wieder ins ministerielle Haus. Er wurde vom Minister wieder lächelnd und von der Mutter ernst empfangen, und – auf seine Frage – war Liane nicht wohl auf. – Er legte dem alten, sich jetzt wärmer andrängenden Schoppe, der seit einiger Zeit neben dem Skalpell des Doktors weiter kein Herz studierte, als was auszuspritzen und zu präparieren war, eine kurze Frage über des Doktors Besuch beim Minister vor; wie erstaunt' er, da er vernahm, daß niemand weiter aus dem Hause welche in jenem mache, da Liane ganz blühend in alle Zirkel fahre, als bloß der Lektor häufigere!

Er begriff wohl, daß nur die Medusenköpfe der Eltern das weichste Herz gegen ihn versteinern könnten; aber eben das fand er nicht recht, er foderte keck, daß er von ihr mehr als die Eltern geliebt werde; »nicht aus Egoismus,« (sagt' er zu sich) »nicht meiner-, sondern ihrentwegen.« Der Liebende will eine große, unbeschreibliche Liebe – von der er sich immer nur als den zufälligen und unwerten Gegenstand glaubt –, bloß um selber die höchste zu geben.

Sogar der schweigende Lektor, der sonst alle neu aufgehende Lichter hinter Licht- und Ofenschirme stellte, teilte ungebeten dem Grafen die Neuigkeit zu, Liane werde bei der kommenden Fürstin – etwas, Gesellschaftsdame. Sein alter eifersüchtiger Argwohn über Augustis Wünsche oder Verhältnisse erlaubte ihm keine Antwort darauf.

Jetzt ermannte sich sein Geist, und er schrieb geradezu an die Seele, die ihm gehörte; und schickte dem Bruder das Blatt zur Übergabe. – Dieser kam den Tag darauf; schien ihm aber noch keine Antwort zu haben, weil er sie sonst mit dem ersten Gruß gegeben hätte. Karl führte ihn an den Haarhaarer Hof, wo er neulich gewesen – sagte, jeder Nerve da hätte Steifstiefeln an und jedes Herz einen Reifrock – kam weiter preisend auf die jüngste, aber angefeindetste Prinzessin, Idoine – erklärte, sie besitze nach allen Vorzügen, z. B. der Heiligkeit, der Güte, des entschiednen Charakters, der sich sogar auf dem Throne sein eignes Los und Leben aussucht, ferner der Liebenswürdigkeit, da sogar die niemand liebende Fürstin-Braut an ihrem Herzen hänge, noch den Vorzug der täuschenden Ähnlichkeit mit Lianen.

»Hat diese nun mein Blatt?« fragte Albano. Karl händigt' es ihm wieder ein: »Bei Gott!« (sagt' er feurig und doch doppelsinnig) »ich konnt' es ihr jetzt nicht beibringen – Aber Bruder, kannst du nur eine Minute lang glauben, sie bleibe nicht ewig die Deinigste?« – »Ich glaube gar nichts« (sagte Albano beleidigt und zerriß sein Blatt in Blättchen von der Größe der Buchstaben darauf) – »Wollen nur wir« (fuhr er mit gerührter Stimme fort) »bleiben, wie wir sind, fest wie Eisen und biegsam wie Eisen aus Glut!« Der gerührte Freund suchte folgenden Trost hervor: »Erwarte doch nur den Illuminations-AbendBei der fürstlichen Vermählung. – da spricht sie mit dir – sie muß durchaus erscheinen, und du sollst dich wundern, in welcher Rolle und für wen.« Er nickte stumm; er setzte sich ihre Rolle leicht aus ihrer Ähnlichkeit mit Idoine und aus ihrem angeblichen Hofamte zusammen; aber was half es seinem Glück?

Mit der Umkehr seines Blättchens, das er wider seinen Ehrgeiz abgeschickt, kam dieser verstärkt zurück. Nun war auf Albanos blutende Lippe ein heißes Siegel gedrückt; er hatte nun nichts für und vor sich als die Zeit, die jetzt sein Gift wurde, und erst später, wie er hoffte, seine Arzenei. Über sein aufgerufenes Ehrgefühl wurde überhaupt nichts Herr; er konnte hinaufsehen zu einer Richtstätte, auf der Blut aufsprang, aber er konnte nicht an einen Pranger schauen, wo unter gift-schwerer, tötender Pein eigner und fremder Verachtung ein niederblickendes, verworrenes Gesicht auf die sündige Brust hing.

Karl näherte sich zuweilen mit einigen Lichtern dem langen, nächtlichen Rätsel; aber Albano, so sehr er sie wünschte, machte ihn irre durch Entgegentreten und suchte ihn nicht einmal auszuhören, geschweige auszufragen. So lag er auf harten, jugendlichen, stachlichten Rosen-knospen, die eine einzige Stunde zu weichen Rosen aufschließen kann. Siege geben Siege – – wie Niederlagen Niederlagen; er fand jetzt gegen die Empfindungen, die ihn belagerten, wenn nicht einen Entsatz, doch eine auf die Ewigkeit verproviantierte Bergfestung in einer – Sternwarte. Mit ganzer, festzusammengefaßter Seele warf er sich auf die theoretische Sternkunde, um nicht den Tag, und auf die tätige, um nicht die Nacht zu sehen. Die Sternwarte stand zwar auf einem Zwischenberge zwischen der Stadt und Blumenbühl und deckte beide auf; aber er schickte seine Augen nur auf Sternbilder, nicht auf jene rosenroten Stellen der Erde aus, wo sie jetzt aus den kalten Blumenkelchen nur Wasser statt Honig hätten saugen können. So ging er unter den Fest-Zurüstungen in Lilar dem langsamen Abend, wo ihn die Gegenwart der schönsten Seele entweder segnen oder zerstören sollte, bewahrt entgegen, vergeblich von Zeit zu Zeit zum fernen Telegraphen seines Schicksals aufblickend, der sich immer bewegte, ungewiß, ob friedlich oder kriegerisch.

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