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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 83
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Während Karl schnell im Zickzack, der hydraulischen und mechanischen Maschinerie wegen, hin- und herlief – ohngefähr nach den Punkten des Irrgartens in Versailles –: so konnten sie den überall aufgehenden Zauberwald durchfliegen – ein allmächtiger Arm der außen vorbeigehenden Rosana griff unter die Blumen herein und trug eine schwere, reiche Welt – bald war das Wasser ein fester Spiegel, bald eine gewundne, wellenschlagende Ader, bald eine Quelle, bald ein Blitz hinter Blumen, oder ein schwarzes Auge hinter Blätter-Schleiern – schmale Ufer, kurze Beete, Kindergärten, runde Inseln, kleine Hügel und Landzünglein wohnten dazwischen, sie hielten ihre bunten, blühenden Kinder auf dem Arm und Schoß, und die blauen Augen der Vergißmeinnicht und die vollen Tulpenwangen und die blaßwangigen Lilien spielten wie Geschwister, von Fremden geschieden, beisammen, aber Rosen liefen durch alle. Jetzt hörten die Menschen murmeln und rauschen, die Seen neben ihnen walleten; an einem abgerundeten, auf eine Insel eingepfählten Maienbaum fingen oben die gelben Tannennadeln zu tropfen an – von den Hängebirken auf der Landzunge glitt ein innerer Regen nieder – aus den beiden Seen neben ihnen flogen Wasserstrahlen wie fliegende Fische gen Himmel – Jetzt quoll es überall, und Reihen von Quellen, diesen Wasser-Kindern, spielten mit den Blumenkindern – Wie Vögel flatterten Strahlen mit breiten Flügeln aus den Lorbeerhecken und fielen in die Rosengruppen nieder – an einem Hügel voll Eichen kroch eine Wasserschlange hinauf – kriegend schossen aus allen Ufer-Mündungen belagernde Bogen an die Gipfel – Plötzlich fanden sich die überlisteten Zuschauer mit Regenbogen überwölbt, denn die Seen warfen ihre Wasser hoch über sie hinüber, daß durch das Tropfengegitter die wankende Sonne brannte wie durch eine zersplitterte Juwelenwelt. – Die Kinder schrien erschrocken. – Die aufgejagten Vögel kreuzten durch den Regen – Nachtschmetterlinge wurden niedergeworfen – die Turteltauben schüttelten sich, an die Erde gedrückt, in den Güssen – die Ufer und die Beete hielten ihre blühenden Kleinen dem Himmel unter. – –

Nach fünf Minuten war alles vorbei, und nur in allen Blumen und Augen zitterte der nasse Glanz und auf den Wellen die Sterne fort, Die Kinder liefen dem Wundertäter Karl nach. »Vorbei draußen,« (sagte Albano) »aber nicht in uns. Ich bin heute recht still-froh, denn du liebst mich, und auch die ganze Welt ist freundlich. – Bist du auch glücklich, Liane?« – Sie antwortete: »Noch froher, und ich müßte vor Freude weinen, wenn ich es sagte.« – Aber sie weinte schon. »Sieh! die Tropfen!« sagte sie naiv, als er sie anblickte, und nahm seine vom Regenbogen angesprützte sanft von seinen Wangen weg. Sein Mund berührte ihr heiliges, zärtliches Auge, aber das andere stand offen, und ihr Herz und ihre Liebe blickten ihn daraus an, und nie schwebte ihre heilige Seele ihm näher.

Nach wenigen Minuten war auch dieser nach dem Himmel gekehrte Regen vorüber. Sie gingen mitten über den freien Garten den Morgen-Partien und –Toren zu. Wie lagen in der offnen Welt die Küsten der Zukunft so hell vor ihnen mit dickem, hohem Grün, und Nachtigallen flogen um die Ufer! – Die Entzückung macht das männliche Herz weiblicher; die Stimme seiner vollen Brust redete nur leise zu Lianen, auf deren seitwärts und gen Himmel geneigten Angesicht ein stilles, frommes Danken lag, sein feuriger Blick regte sich nur langsam und ruhte an der schönen Welt, und er ging ohne hastiges Überschreiten um die kleinste Landspitze. Die junge Nachtigall wetzte den abgefütterten Schnabel am Zweige und schüttelte sich lustig, die alte sang ein kurzes Wiegenlied und hüpfte mit Tönen nach neuer Kost – Und überall flogen und schrien die Kinder des Frühlings und ihre Eltern durcheinander – Kleine, weiße Pfauen liefen ungeputzt wie kleine Kinder im Grase – Selig floß der Schwan zwischen seinen Wellen mit dem weißen Bogen über den untergetauchten Augen, und selig schwebte die glänzende Tonmücke wie ein fester Stern unverrückt in den Lüften über einer fernen, blumigen Glocke.- Die Schmetterlinge, fliegende Blumen, und die Blumen, angekettete Schmetterlinge, suchten und überdeckten einander und legten ihre bunten Flügel an Flügel – Und die Bienen tauschten Blumen nur gegen Blüten, und die Rose, die keine Dornen für sie hat, nur gegen die Linde. »Liane, (sagte Albano) »wie lieb' ich heute durch dich die ganze Welt, ich möchte den Blumen einen Kuß geben und in die vollen Bäume mich drücken; ich könnte nicht dem langen Käfer da unten in den Weg treten.« – »Sollte man« (versetzte sie) »je anders fühlen? Wie kann ein Mensch, dacht' ich oft, der eine Mutter hat und ihre Liebe kennt, das Herz einer Tiermutter so kränken und zerreißen? Aber wir vergeben den Tieren, sagt Spener, auch nicht einmal ihre Tugenden.« – »Laß uns zu ihm,« sagt' er.

Sie kamen außerhalb der Morgentore an dem Bergweg hinter dem Flötental oben an dem mittagshellen Häuschen des alten Speners an; aber da sie ihn laut lesen und beten hörten, gingen sie lieber in großer Ferne vorüber, um in seinen heiligen Himmel nicht einmal ihren Schatten zu werfen.

Sie schaueten ins schöne, stille Flötental und wollten eben hinein; endlich sprach es zu ihnen mit einer Flöte hinauf. Ihre Freunde schienen drunten zu sein. Die Flöte klagte lange einsam und verlassen fort, keine Schwestern und keine Fontänen rauschten darein. Endlich keuchte neben der Flöte eine scheue, zitternde Singstimme angestrengt daher. Es war hinter den langen Gesträuchen Rabette. Sie rührte beide in die tiefste Seele, weil die Arme mit dem Arbeiten ihrer unbehülflichen Stimme dem Geliebten das demütige Opfer des Gehorsams brachte. »O, mein Albano,« (sagte Liane, sich entzückt an ihn schlingend) »welche Süßigkeit, daß mein Bruder glücklich ist und Seelenfrieden hat und durch deine Schwester!« – »Er verdient meinen,« (sagt' er bewegt) »aber wir wollen sie beide nicht stören, sondern den alten Weg zurückgehen.« Denn Rabettens Töne wurden oft zerschnitten, aber es war ungewiß, ob von Furcht – oder von Küssen – oder von Rührung.

Als sie wieder durchs Morgentor hereintreten: kam die Sängerin und Karl ihnen aus der grünenden Pforte entgegen, beide verweint. Karl, gewaltsam über lebendige Beete tretend und mit irrenden Augen, griff nach beider Hand mit seinen und sagte: »Das ist doch einmal ein Tag auf der Regenwelt, der nicht wie eine Nacht aussieht – Bruder, aber wenn man so innig selig ist und Sphären vernimmt, so sinds solche Töne, wie man einmal zum Zeichen hörte, daß vom Markus Antonius sein Schutzgott Herkules weiche.« – So werden die Freuden, wie andere Edelsteine, mechanische Gifte, welche bloß in der Ferne glänzen, aber berührt und verschlungen uns zerschneiden. Aber Albano versetzte lächelnd: »Da du dich jetzt fürchtest, Lieber, so hast du nichts zu fürchten; denn du bist nicht rein glücklich. Ich aber fürchte leider nichts.« – »Bravo!« (sagte Karl) »Nun geht in eure Küche, Mädchen!« Er ging in den sogenannten »Tempel des Traums«, drang aber bald in die verbotene Küche nach.

Albano besuchte Lianens Frühlingsstübchen. Hier malt' er sich jenen Glanz-Sonntag zurück, wo ihn Liane durch Lilar geführet, und er ließ die Vergangenheit in die Gegenwart mildernd schimmern; aber diese überstrahlte sie. Draußen im Garten standen und glänzten, so schien es ihm, die reinen Säulen seines Himmels, die Träger seines Tempels, die Bäume; und alles, was er hier neben sich sah, gehörte wieder zu seinem Glück, Lianens Bücher und Bilder und Blumen und jede kleine Zeichnung von ihrer zarten Hand.

Endlich trat die Heilige der Rotunda selber – jungfräulich errötend über diese Nähe und über sein Erröten – herein, um ihn ins kühle Eßzimmer hinabzuholen. Es war klein und dämmernd, aber das Herz bedarf zu seinem Himmel nicht viel Platz und nicht viel Sterne daran, wenn nur der der Liebe aufgegangen. Zu den Tischreden – wodurch erst ein Essen ein menschliches wird – und zu den Scherzen – den feinsten Zwischengerichten, dem Streuzucker des Gesprächs – lieferten die Kinder das Ihrige, zumal da sie, unfähig, vom verbotnen Du zum Sie zu steigen, immer Du-Sie zugleich gebrauchten. Die hochrote Chariton machte Auszüge aus Dians Briefen und aus ihrer Lebensgeschichte und aus den Wundzetteln von Pollux' Armbruch; sie suchte die Schneeballen zu schätzen, hörte schalkhaft-gläubig auf den Hauptmann hin, der das scherzhafte Ehe-Du gegen Rabette zu fünf Akten verspann, und lächelte gern da, wo es verlangt wurde. Am meisten lief die Spielwelle aller Seelen, Karl, fröhlich um; dieser Jupiter, den immer die Finsternisse so vieler Trabanten umflogen, konnte einen großen, heitern Glanz zeigen, wenn er und man wollte. Sooft Albano wie vorhin nicht in sein Trauerspiel ging, zog er den Vorhang eines Lustspiels auf. Der guten Rabette war sein Anreden so viel wie sein Anschauen, obwohl sie nur das letztere erwiderte, um weder ins Du noch Sie zu fallen. Albano, mit Ohren und Augen an eine Seele geknüpft, konnte mit den Lippen nicht viel mehr hervorbringen als ein seliges Lächeln; einen Hymnus hätte er leichter gemacht als ein Bonmot, ein Tischgebet leichter als eine Tischrede.

Denn seine Liane war heute zu liebreich! So vergnügt und ermunternd schauete das süße Mädchen umher, mit so herzlichem Spiel die gesprächige, neckende Wirtin machend, daß ein Mann, der es sah und an ihren festen Sterbeglauben dachte, von diesem Tanz um das Grab mit Blumen auf dem Haupt nur desto inniger gerühret wurde, wenn er auch merkte – oder vielmehr eben darum –, daß sie hier mit dem Scherze selber Scherz treibe, bloß um – nach ihrer neuen moralischen Trauerordnung – ihrem Geliebten jede Scheide-Stunde zu versüßen, sowohl die nächste als die letzte. Aber das war schwer zu merken, weil in weiblichen Seelen jedes Scheinen leicht Wahrheit wird, nicht nur das trübe, auch das frohe.

Wie wurde ihr Freund und jeder gute Mensch so froh, weil die Heilige sich selber selig sprach! Und dann wurde wieder sie es mehr. So schlägt, wie zwischen zwei Spiegeln, der Glanz der Wonne zwischen teilnehmenden Herzen in wachsender Vervielfältigung hin und her und wird unabsehlich.

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