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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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70. Zykel

Am Morgen darauf waren beide Gewitter aufgelöset in ein stilles Gewölke. – Und aus den größeren Schmerzen wurden nur Irrtümer. Wir Schwache! wenn das Schicksal uns bei unserer Scheinhinrichtung mit der Rute berührt, nicht mit dem Schwerte: so sinken wir ohnmächtig vom Stuhle und fühlen das Sterben noch weit ins Leben hinein! – Alle Fieber, so auch die geistigen, kühlt der neue, frische Morgen, so wie sie alle der bange Abend glühend schürt. Welcher von uns wickelte sich nicht an Abenden – dieser eigentlichen Geisterstunde der Plage-, Haus- und Poltergeister – in den Faden, den er selber spann, den er aber für fremdes Fanggewebe hielt, immer enger durch Entfliehen und Wenden ein, bis er am Morgen seinen Schließer vor sich sah, nämlich sich! –

Albano sah auf dem ganzen gestrigen Kriegsschauplatz nichts mehr stehen als eine blasse, gute Gestalt in Halbtrauer, welche nach ihm mit unschuldigen Mädchenaugen umherblickte, und wornach er doch ewig hinübersah, wenn sie auch mehr eine Braut Gottes als die eines Menschen blieb. Er fühlte jetzt freilich mehr, wie hoch seine Foderungen an wirkliche Freunde stiegen, als sonst, wo er die höchsten an geträumte Wesen, die er immer gerade in die jedesmalige Form seines Herzens goß, nach Gefallen steigern konnte; und wie in ihm ein niemand schonender Geist regiere, der jedem fremden die Flügel nach seinen eignen ausdehnen wolle, weil er keine Eigenheit dulde außer der kopierten. –

Er hatte bisher von allen seinen Geliebten zu wenig Widerstand erfahren, wie Liane zu viel; beides schadet dem Menschen. Der geistige wie der physische wird ohne Widerstand der äußern Luft von der innern aufgeblasen und zersprengt, und ohne Widerstand der innern von der äußern zusammengequetscht; nur das Gleichgewicht zwischen innerer Wehr und äußerem Druck hält einen schönen Spielraum für das Leben und sein Bilden frei. – Männer dulden ohnehin – da nur die besten an den besten Männern feste, starke Überzeugung achten – diese an Weibern schwer und wollen letztere nicht bloß zu ihrem Widerschein, sondern auch zu ihrem Nachhall haben. Sie wollen, mein' ich, nicht bloß die Miene, auch das Wort bejahend.

Albano bestrafte sich mit einigen Tagen freiwilliger Entfernung, bis die unreinen Wolken aus ihm weggezogen wären, die den Sonnenzeiger seines Innern verschattet hatten. Bin ich ganz heiter und gut, sagt' er, so geh' ich wieder zu ihr und irre nie mehr. Er irret jetzt; ist ein fremder, unheimlicher Halbton einmal zwischen alle Harmonien zweier Wesen wiederkehrend durchgedrungen, so schwillt er immer feindlicher an und übertäubt den Grundton und endigt alles. Der Scheideton war hier die Stärke der männlichen Tonart neben der Stärke der weiblichen. Aber die höchste Liebe verwundet sich am leichtesten am kleinsten Unterschied. O, dann hilft es wenig, wenn der Mensch zu sich sagt: ich will mich ändern. Nur im schönsten, unverletzten Enthusiasmus setzt er sich es vor; aber eben im verletzten, wo er kaum des Vorsatzes fähig wäre, soll er sich zur Erfüllung desselben heben und kann es schwer.

Der Graf ging am Morgen wie gewöhnlich in seine Hörsäle und Sprachzimmer der Stadt. In den erstern war es ihm schwer, nach den Sternen der Wissenschaften seine Instrumente und Augen festzurichten und zu visieren, da er auf einem solchen Meere voll Bewegung ging. In den Letztern fand er den Lektor kälter als sonst, den Bibliothekar wärmer, die Hauswirtsleute aufgeblasener. Er ging zu Roquairol, den er heute noch inniger liebte und behandelte, um gleichsam der beleidigten Schwester genugzutun. Karl sagte sogleich mit seinem tragischen schnellen Aufreißen des Vorhangs der Zukunft: »es sei alles entdeckt – – höchst wahrscheinlich!« Sooft Liebende sehen, daß die seefahrende Welt ihre Kalypsos-Insel – die doch frei auf der offnen See daliegt – endlich in die Augen bekommt und die Segel darauf richtet: so verwundern sie sich zum Verwundern. Hat denn irgendein Paradies so weite und niedrige Staketen – so daß jeder Vorbeigehende hineingehen kann – als ihres? –

Schon längst hatten, erzählt' er, die Doktors-Kinder immer etwas bei der Baumeisterin in Lilar zu holen, Blumen, Arzneigläser u.s.w.; gewiß als Seh- und Hörröhre Augustis – dieser sei wieder der Operngucker seiner Mutter – kurz sein Vater sei wenigstens bei der Griechin gestern gewesen, hab' aber zum Glück nur ein leeres PaketNämlich immer waren Briefe von Lianen an Albano dareingeschlagen. Man sehe hier wieder an zwei Exempeln, wie an der Liebes-Harmonika ein Bruder als Tastatur für die Schwester vorstehen müsse, die zu den Glocken will. Es sollte daher immer ein Paar Paare geben, kreuzweise verschwistert und liebend. von Rabette an ihn (Karln) gefunden, das er nach den Freiheiten der ministerialischen Kirche auf- und zugemacht. »Warum zum Glück?« (sagte Albano) »Ich werde meine Liebe vor der Welt rechtfertigen und ehren.« – »Ich bezog es auf mich,« (versetzt' er) »denn nie war mein Vater freundlicher gegen mich, als seitdem er meine letzten Briefe erbrochen. Er ist diesen Nachmittag in Blumenbühl, und wohl mehr meinet- als der Schwester wegen.«

Albano fürchtete nicht, daß die Stadt Minengänge unter sein Kindheitsland hintreiben könne, um etwa durch eine Flamme die glückselige Insel zu zersprengen – durft' er nicht seinem Wert und Mut und Lianens ihrem trauen? – aber es schmerzte ihn jetzt, daß er so unnütz der kindlichen Liane die Freude und das Verdienst einer kindlichen Offenherzigkeit genommen. Wie sehnt' er sich nun nach dem abbüßenden und belohnenden Augenblick des ersten Wiedersehns, nach dem nächsten Morgen!

Er blieb bei seinem Freund wie bei einem Troste und ging erst zurück, als die Abendröte in den Regenwolken umherfloß. – Als er kam, fand er von Lianen schon einen Brief von heute:


»O, guter Albano! warum kamst du nicht? Wie viel hatt' ich dir zu sagen! Wie hab' ich Freitags deinetwegen gezittert, als die wütende Wolke dich mit ihrem Donner verfolgte! Du hast mich zu sehr vom Schmerz entwöhnt, so fremd und schwer wird er mir nun. Ich war den ganzen Abend untröstlich, endlich fiel mir nachts noch dazu ein, daß du wie von Ahnungen beklommen gewesen und daß es gern ins Donnerhäuschen schlage. Warum bist du doch da? Ich stürzte heraus und kniete neben meinem Bette und flehte Gott an, obgleich das Wetter längst verzogen war, daß er dich möge erhalten haben. Lächle über mein spätes Gebet; aber ich sagte zu ihm: du wußtest es ja, Allgütiger, daß ich beten würde. Ich wurde auch getröstet, da ich die Sterne ansah, und der gebrochene Strahl der Wonne zitterte in mir.

Aber am Morgen machte mich Rabette wieder traurig. Sie hat dich auf dem Wege weinen sehen. Tausendmal hab' ich untersucht, ob ich daran schuld habe. Sollt' es daher kommen – denn sie sagts –, daß ich dich mit meinen Sterbegedanken zu sehr betrübe? Nie mehr sollst du sie hören, auch der Schleier ist eingeschlossen; aber ich berechnete dich nach meinem Bruder, dem, wie er selber sagt, das Todes-Dunkel eine Abenddämmerung ist, wo ihm die Gestalten lieblicher werden. – Wahrlich, ich bin ganz selig – denn du sogar bist es, und hast doch so wenig an mir, nur eine kleine Blume für dein Herz, aber ich habe dich. Lasse mir mein Grab; wie von einem Berg kommt bessere fruchtbare Erde davon in mein Tal. O wie liebt man, Albano, wenn alles neben uns bricht und fällt und verraucht und wenn doch der Bund und Glanz der Liebe unzerrissen und fest auf dem wegfließenden Leben steht, wie ich oft bei Wasserfällen mit Rührung auf den zerspringenden, reißenden Fluten einen Regenbogen unverrückt und unverändert schweben sah! – O, ich wollte, die Nachtigallen sängen noch, jetzt könnt' ich mit ihnen singen; deine Äolsharfe, meine Harmonika wünscht' ich in meiner Hand. Mein Vater war bei uns und heiterer und freundlicher gegen alle als je. Sieh! sogar er ist gut. Meine Eltern schicken gewiß kein Gewitter in unser Rosenfest. Ich tat ihm daher leicht den Gefallen – vergib es –, ihm zu versprechen, daß ich keine fremde Besuche in einem fremden Hause – weil es unschicklich sei, sagt' er – annehmen würde. Ich muß auf einige Tage nach Hause wegen der fürstlichen Vermählung; aber ich sehe dich bald. O vergib! Wenn mein Vater sanft spricht, so kann meine Seele unmöglich Nein sagen. – Lebe wohl, mein Herrlicher!

L.

N. S. Bald fliegt wieder ein Blättchen auf deinen Berg. Sei nur in ewiger Freude! O Gott! warum bin ich nicht mächtiger? Welche Menschen solltest du dann an deinem Herzen haben! – Du Lieber!«


Wie beschämt' ihn diese vollblühende Liebe, die es gar nie recht weiß, wenn sie verkannt wird, und die keine andere Schuld voraussetzt als eigne! – Wie tat ihm die gebotene Entfernung jetzt nach der freiwilligen weh! – Er konnte sie nun lieben als einen wehrenden Engel vor dem Paradiese, wie viel mehr als einen gebenden in ihm! – Aber schwer ists einem Manne, fühlte der Jüngling, im weiblichen Herzen, zumal in diesem, Absicht von Instinkt, Ideen von Gefühlen rein zu sondern und an diesem dunkeln, vollen Himmel alle Sterne zu zählen und zu reihen. – Jede Härte, jede unscheinbare Knospe ging zuletzt als Blume auf; und ihr Wert breitete sich wie der Frühling stückweise aus; indes gewöhnlich von andern Mädchen ein Reisender, der sie besucht, sogleich beim ersten Abschiede abends eine kleine vollständige Blumenlese aller ihrer Reize und Künste fortnimmt, wie ein Brocken-Passagier im Wirtshause einen niedlichen Strauß überkommt, aus den Moosarten gebunden, welche der Berg trägt.

Er glaubte, sie sei nun bei den Eltern, und folgte nicht als zerrender Knabe, sondern als einstimmiger Mann dem Riesen des Schicksals nach. Im Garten herrschte Regenwetter, die Aussaat jedes starken Gewitters, das immer wie ein Krieg den Kriegsschauplatz verdirbt.

Das verheißene Blättchen erschien: »Sei nur froh. Wir sehen uns sehr, sehr bald, und dann recht selig. Vergib mir! – ach, ich sehne mich am meisten. –

L.«


Jetzt empfand er's, welche Tage es waren, die sonst d. h. bloß vor einigen Tagen – vor ihm wie göttliche Erscheinungen vorübergezogen waren und die nun wieder heraufsteigen sollten in Osten als wiederkehrende Sterne! – Warum schneidet sich erst das verlorne Gut wie ein scharfer Demant so tief ins Herz? Warum müssen wir erst etwas beweinet haben, eh' wir es heiß bis zum Schmerze lieben? –

Albano warf Vergangenheit und Zukunft von sich weg, um nur ganz rein in der Gegenwart zu wohnen, die ihm von Lianen versprochen worden.

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