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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Etwas blieb in ihm unharmonisch und unaufgelöst; er fühlt' es so sehr, da die Sommernacht für höhere Entzückungen schimmerte, als er hatte – da der tief im Äther zitternde Abendstern der Sonne durch die Wolkenrosen nachdrang, worunter sie begraben war – da die Ährenfluren dufteten und nicht rauschten, und die zugeschlossenen Auen grünten und nicht glühten – und da die Welt und jede Nachtigall schlief, und da das Leben unten ein stiller Klostergarten war, und nur oben die Sternbilder als silberne Ätherharfen vor Frühlingswinden ferner Erden zu zittern und zu tönen schienen.

Er mußte Liane morgen wiedersehen, um sein Herz auszustimmen. Rabette kam unendlich erheitert mit ihrem Freunde vom Berge herauf, beide schienen von Scherzen und Lachen fast ermattet; denn Roquairol trieb alles, sogar den Scherz, bis zur Pein hinauf. Er hatte den Abendstern, auf den er heute eingeladen, in ein Treib- und Stammhaus lustiger Einfälle und Anspielungen umgebauet. Anfangs wollt' er nicht schon morgen mitkommen; aber endlich sagt' ers zu, da Rabette versicherte, »sie errate den feinen Herrn recht gut, aber er solle doch sie nur sorgen lassen«.

Als die Morgenröte aufging, kam Albano mit ihm wieder, aber die Gartentüre am »Herrschaftsgarten« war schon offen und Liane schon in der Laube. Ein Akten-Heft (so schien es) lag auf ihrem Schoß und ihre gefalteten Hände daneben, sie blickte mehr sinnend geradehin als betend empor; doch empfing sie ihren Albano so mild- und fremdlächelnd, wie ein Mensch einen ins Gebet hereintretenden Gast grüßend anlächelt und dann weiterbetet. Der Graf hatte sich bisher immer auf eine Zurückgezogenheit des Empfangs rüsten müssen. Ein Mißverstand, der schnell wiederkommt, wirkt, sooft er auch gehoben sei, immer wieder so irrend und neu wie zum ersten Male. Er fühlte recht stark, daß ihn etwas Festeres als die erste jungfräuliche Blödigkeit, womit ein Mädchen für die blendende Sonne der Liebe immer außer der Morgenröte noch eine Dämmerung und für diese wieder eine erfinden will, im feurigen Verschmelzen ihrer Seelen störe.

Er fragte, was sie lese; sie stockte bedenkend; ein schnell heranfliegender Gedanke schien ihr Herz zu öffnen; sie gab ihm das Buch und sagte, es sei ein französisches Manuskript, nämlich geschriebene Gebete – von ihrer Mutter vor mehreren Jahren aufgesetzt –, welche sie mehr rührten als eigne Gedanken; aber noch immer blickte durch das zartgewebte Gesicht ein Klostergedanke, der ihr Herz zu verlassen suchte. – Was konnte Albano dieser Herzens-Psalmistin vorwerfen, wer kann einer Sängerin Antwort geben? – Eine Betende steht wie eine Unglückliche auf einer hohen, heiligen Stätte, die unsere Arme nicht erreichen. – – Aber wie schlecht müssen die meisten Gebete sein, da sie – obwohl früher als Reize bezaubernd gleich dem Rosenkranz, der aus wohlriechenden Hölzern gemacht wird – später, im Alter, nur als Flecken und der Reliquie oder dem Totenkopf ähnlich wirken, womit eben der Rosenkranz aufhört! –

Ohne auf seine Frage zu warten, sagte sie ihm auf einmal, was sie unter ihrem Gebete gestöret habe; nämlich die Stelle in diesem: »O mon dieu, fais que je sois toujours vraie et sincère etc.«, da sie doch ihrer lieben Mutter bisher ihre Liebe verschwiegen habe. Sie setzte dazu, sie komme nun bald, und dann werde ihr das verschlossene Herz aufgetan. »Nein,« (sagt' er fast zornig) »du darfst nicht, dein Geheimnis ist auch meines.« – Männer verhärtet oft das in der Prosa, was sie in der Poesie erweicht, z. B. weibliche Frömmigkeit und Offenherzigkeit.

Nun haßte niemand mehr als er das Eingreifen der elterlichen Schreib- und Zeige- und Ohrfinger in ein Paar verknüpfte Hände; nicht daß er etwan vom Minister Kriege oder Nebenwerber befürchtete – er setzte eher offne Arme und Freudenfeste voraus –, sondern weil seinem befreieten und befreienden, großmütigen Geiste nichts peinlicher widerstand als die widrige Erwägung, was nun auf dem Altar der Liebe an das heilige Opferfeuer die Eltern für schmutzigen Torf zur Feuerung nachlegen oder für Töpfe zum Kochen ansetzen könnten – wie leicht dann sogar poetische Eltern sich oft mit den Kindern verwandeln in prosaische oder juristische, der Vater sich ins Regierungs-, die Mutter ins Kammerkollegium – wie wenigstens dann die Hofluft leibeigen mache, so wie nur der poetische Himmels-Äther frei – und welche Perturbationen seinem Hesperus von dem anziehenden Weltkörper, vom alten Minister bevorständen, der bei der Liebe nichts unnützer fand als die Liebe und dem die heiligsten Empfindungen für Standesehen so brauchbar schienen wie für Predigtämter das Hebräische, nämlich mehr im Examen als im Dienste. – So schlimm dacht' er von seinem Schwiegervater, denn er kannte das Schlimmere nicht.

Aber die gute Tochter dachte von ihrer Mutter viel höher als ein Fremder, und ihr Herz widerstrebte schmerzlich dem Schweigen. Sie berief sich auf ihren hereintretenden Bruder. Aber dieser war ganz Albanos Meinung: »Die Weiber« (setzte er, nicht in der besten Laune, hinzu) »mögen lieber von als in der Liebe sprechen, die Männer umgekehrt.« – »Nein,« (sagte Liane entschieden) »wenn mich meine Mutter fragt, so kann ich nicht unwahr sein.« – »Gott!« (rief Albano erschrocken aus), »wer könnte auch das wünschen?« Denn auch ihm war freie Wahrheit der offne Helm des Seelenadels; nur sagte er sie bloß aus Selbstachtung, und Liane sie aus Menschenliebe.

Rabette kam mit dem Tee-Zeug und einer Flasche, worin für den Hauptmann Tee-Mark und Elementarfeurer oder Nerven-Äther war, Arrak. Er ging ungern am Morgen zu Leuten, bei denen er ihn erst am Abend trinken konnte; Rabette hatte gestern diese Unart gemeint und heute befriedigt. – »Wie kann das freie Ich« (sagte der gesunde Albano oft zu ihm) »sich zum Knechte der Sinnen und Eingeweide machen? Sind wir ohnehin nicht enggebunden genug durch die Körper-Bande, und du willst noch Ketten durch die Ketten ziehen?« – Roquairol hatte darauf immer dieselbe Antwort: »Umgekehrt! Durch Körper befreie ich mich eben von Körpern, z. B. durch Wein von Blut. Sobald du aus der Leibeigenschaft der leiblichen Sinne nie herauskannst und all dein Bewußtsein und dein Denken nur durch körperliche Dienstbarkeit, die auf dem Grundstück der Erde haftet, bei ihrem Adel bleiben: so seh' ich nicht ab, warum du nicht diese Rebellen und Despoten recht zu deinen Dienern brauchst. – Warum soll ich den Körper nur schlimm auf mich wirken lassen und nicht ebensowohl vorteilhaft?« – Albano blieb dabei, das stille Licht der Gesundheit sei würdiger als die Mohnöl-Flamme eines Opiums-Sklaven; und die körperliche Kriegsgefangenschaft, die unser Geist mit der ganzen menschlichen Mannschaft leide, sei ehrenvoller als der persönlich-krummschließende Arrest.

Indes heute konnte nicht einmal das spirituöse geschwefelte Teewasser eine gewisse Unbehaglichkeit aus Roquairol verwaschen, den das Nachtwachen bleicher, wie den Grafen feuriger gefärbt hatte. Es wollt' ihm nicht recht gefallen, daß der Herrschaftsgarten ganz in den Rahmen eines mannshohen Bretterverschlags eingezogen war, der weniger wie eine Billardsbande den Augapfel nicht hinaus-, als wie eine Marktschreierbude nichts hereinlassen sollte und der freilich keine andere Aussicht gewährte als die eigne Ansicht; ebensowenig erhielt der Lustgarten dadurch seinen Beifall, daß die Rasenbänke in der Laube, wo sie saßen, noch nicht gemäht waren – daß auf allen Beeten nur Einfassungsgewächse des Kochfleisches wehten – daß noch nichts Reifes dahing als ein paar Maulwürfe in ihren Hängsterbebetten – daß an einer Kugelbahn, worauf man in ein klingelndes Mittelloch kegelt, die schräge Retour-Rinne die Kugeln leichter wieder einwandern ließ, als sie über das Ackerland der Bahn (wenn man sie nicht warf) wegzubringen waren, und daß nirgends Orangerie zu sehen war, ausgenommen einmal, da zum Glücke die Gartentüre offen stand, als eben auf einem Schiebekarren ein blühender Orangeriekasten nach Lilar vorüberfuhr.

Der Hauptmann brauchte diese Züge bloß satirisch vorzutragen und damit die äußerlich lachende Rabette innerlich zu verwunden – weil keine den Tadel ihrer körperlichen Absenker verträgt, es seien nun Kinder, Kleider, Kuchen oder MöbelnDieses wärmere, zartere, furchtsamere, immer gelobte, mehr in fremder als eigner Meinung lebende Geschlecht sticht ein Tadel giftig, der uns nur blutig reißet, wie verletzende Tiere in warmen Ländern und Monaten vergiften, und in kalten nur verwunden. Daher bedenke der Mädchenschulmeister, daß eine Dosis, welche Satire auf den Knaben ist – der ohnehin der Meinung widerstehen soll –, Pasquill wird, wenn sie seine Schwester einbekommt. –: so konnten sich seine Berghöhen allmählich wieder entwölken, und Rabette konnte noch ungemeiner fröhlich sein.

Albano war in dieser Tags-, gleichsam Kindheits-Frühe und in diesem Paradiesgärtlein seiner Kinderjahre heimlich-froh – denn in der ersten Liebe kommt, wie in Shakespeares Stücken, nichts auf die bretterne Bühne ihre Spieles an –; aber der heutige Nachwinter der gestrigen Erkältung wollte doch nicht schmelzen. Die Morgenbläue wurde mit immer hellern Gold-Flocken gefüllt – er machte, da der Garten wie kleine Städte nur zwei Tore hatte, das obere und untere, wie eine Aurora dieses der Morgensonne auf – der Glanz quoll über das dampfende Grün herein – die unten ziehende Rosana faßte Blitze auf und warf sie herüber – Albano schied endlich voll Liebe und Seligkeit.

Aber die Liebe war größer als die Seligkeit.

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