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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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68. Zykel

Einst kam Roquairol ganz spät, um Albano mitzunehmen zur »Abendstern-Partie« auf der Sennenhütte, die jener mit Rabetten verabredet hatte. Der Hauptmann führte um die warmen Quellen seiner Liebe und Freude gern die Brunnenfassung ganz auserlesener Tage und Umstände; konnt' ers machen, so erklärte er z. B. seine Liebe etwan an einem Geburtstage – unter einer totalen Sonnenfinsternis – an einem Schalttag – in einem blühenden Treibhaus im Winter – hinter dem Stuhlschlitten auf dem Eise – oder in einem Gebeinhaus; ebenso zerfiel er mit andern gern an bedeutenden Orten und Tagen, in dem Kirchstuhle – in Frühlings- oder Wintersanfang – in der Kulisse des Liebhabertheaters – auf einer Brandstätte – unweit des Tartarus oder im Flötental. Albano aber war zu jung – wie andere zu alt –, um seine frischen Gefühle erst mit künstlichen Stunden und Stellen zu würzen, er machte lieber durch jene diese schöner.

Mit ungestümer Freude flog Albano auf den ungehofften Weg der Freude. Der gestrige Abend war so reich gewesen – die vier Paradiesesflüsse waren in einer Katarakte vom Himmel in sein Herz gestürzt – am heutigen wollt' er in die staubenden Wirbel desselben springen. – Schon der Abendhimmel war so schön und rein, und der Hesperus ging mit wachsendem Glanz seine helldämmernde Bahn hinab.

Rabette wartete unten am Berge der Sennenhütte (des Schießhäuschens), um ihn unbemerkt an die unvorbereitete Freundin zu führen, die im Fenster mit dem glänzenden Auge am Hesperus sinnend lag und an die vollen glühenden Herbstblumen dachte, welche nun in ihrem Leben so spät und so nahe neben der längsten Nacht aufgingen. Sie war heute über manches trübe. Sie hatte überhaupt bisher ihre Liebe mehr zu verdienen und zu rechtfertigen als zu genießen und zu vergrößern, und mehr mit ihr das fremde Herz als das eigne zu beglücken gesucht. Wie sehnte sie sich unbeschreiblich nach Taten für Ihn – nur Opfer waren ihr Taten – und beneidete ordentlich ihre Freundin, die für Karl jedesmal doch ein – Getränk zu bereiten hatte! Da sie nichts weiter wußte, so drückte sie ihren Diensteifer durch größere töchterliche Liebe und Annäherung gegen Albanos Eltern und Schwester aus; und lernte sogar ein wenig kochen, welches ihr andere Ministers-Töchter, die nichts machen als Salat und Tee, mit Nachsicht und mit dem Gedanken verzeihen müssen, daß sie in Lianens Falle auch nichts anders machen würden, sondern eher ein Gericht mehr. Ja, sie hielt Rabette für tugendhafter, weil diese mehr in die Breite und Länge tätiger sein konnte; Rabette hielt wieder Lianen für besser, weil sie lieber betete; den ähnlichen Irrtum verdoppelten sie über die Brüder: Rabetten kam Karl sanfter vor und Lianen Albano, beiden nach Schlüssen aus ihren gegenseitigen Berichten.

Solang' ein Weib liebt, liebt es in einem fort – ein Mann hat dazwischen zu tun –; Liane verwandelte alles in sein Bild und seinen Rahmen; dieser Berg, dieses Stübchen, diese für ihn einmal gefährliche Vogelstange wurden die Pastellstifte zu seinem festen Bilde. Sie kam immer darauf zurück, daß er etwas Besseres verdiene als sie; denn die Liebe ist Demut; der Trauring prangt mit keinem Juwel. Es rührte sie, daß ihn ihr früher Tod betrübe. Da sah sie noch das von Blattern erblindete Mädchen, das er einmal unwissend sich ans Herz gedrücktTitan I im 13. Zykel.; und sie fand sich mit dem Witze der Trauer auch darin der Blinden ähnlich, nicht bloß in der gleichen, obwohl kürzern Nacht, die einmal der Schmerz über ihre Augen geworfen.

So sanft wie ihr Ebenbild, der Hesperus, sich in den Abendhorizont des Lebens eintauchend, fand sie ihr Geliebter. Sie konnte nie sogleich aus ihrem Herzen heraus in die überraschende Gegenwart; ihre Wendungen waren immer wie der Sonnenblume ihre nur langsam, und jede Empfindung lebte lange in ihrer treuen Brust. Selten findet überhaupt der Liebende den Empfang der Liebenden dem letzten Bilde ähnlich, das ihm der Abschied mitgegeben; eine weibliche Seele soll – das begehrt der Mann – völlig mit den Flügeln, Stürmen, Himmeln der letzten Minute wieder in die nächste brausen. Aber von jeher empfing Liane ihren Freund scheu und sanft und anders, als sie geschieden war; und zuweilen kam dem Feuergeiste dieses zarte Warten, dieses langsame Heben des Augenlids fast wie ein Umkehren in die alte Kälte vor.

Heute ergriff es den wärmern Grafen stärker als sonst. Wie ein Paar fremde Kinder, die miteinander bekannt werden sollen und sich anlächeln und anrühren, standen beide freundlich und verlegen nebeneinander. Sie erzählte, daß sie von seiner Schwester sich sein Kindeswagstück auf diesem Berge erzählen lassen. Eine Geliebte kennt keine schönere, reichhaltigere Geschichte als die ihres Freundes. »O da schon« (sagt' er bewegt) »blickt' ich nach deinen Bergen! Dein Name ist wie eine goldne Inschrift an meine ganze Jugend geschrieben. Ach Liane, hast du mich wohl geliebt wie ich dich, als du mich noch nicht gesehen?« –

»Gewiß nicht, Albano,« (antwortete sie) »viel später!« Sie meinte aber ihre Blindheit und sagte, er sei ihr in dieser Augendämmerung an jenem Abend, wo er bei ihrem Vater aß, wie ein alter nordischer Königssohn, etwa wie OloAm Hofe des Königs Olaus bot sich der Königsjüngling Olo, als Landmann verkleidet, der Tochter zum Schutze gegen Räuber an. Damals galt Feuer der Augen und Adel der Gestalt als Beweis einer hohen Abkunft; so erkannte z. B. die Suanhita den König Regner in der Hirtentracht an der Schönheit seines Auges und Gesichts. Die Königstochter blickte prüfend in Olos Flammenauge und kam der Ohnmacht nahe; sie versuchte den zweiten Blick und war ohne Besinnung, und bei dem dritten in Ohnmacht. Der göttliche Jüngling schlug daher das Augenlid nieder, enthüllte aber die Stirn und sein goldnes Haar und seinen Stand. S. der Deutsche und sein Vaterland von Rosenthal und Karg I. S. 166, 167. vorgekommen, und sie habe ihn wie ihren Vater und Bruder ehrend gefürchtet. Ihre hohe Achtung für die Männer waren die wenigsten kaum zu erraten wert, geschweige zu veranlassen. »Und als du sehen konntest?« sagte Albano. »Das sagt' ich eben«, versetzte sie naiv. »Aber da du meinen Bruder so liebtest« (fuhr sie fort) »und so gut warst gegen deine Schwester: so wurd' ich freilich ganz beherzt und bin und bleibe nun deine zweite Schwester – du hast ohnehin eine verloren – Albano, glaube mir, ich weiß es, ich bin gewiß zu wenig, zumal für dich, – aber ich habe einen Trost.« –

Verwirrt von dieser Mischung von Heiligkeit und Kälte, konnte er sie nur heftig küssen und mußte, ohne sie zu widerlegen, sogleich fragen: »Welchen Trost?« – »Daß du einmal ganz glücklich wirst«, sagte sie leise. »Liane, deutlicher!« sagt' er. Denn er verstand nicht, daß sie ihren Tod und Lindas Verkündigung durch Geister meinte. »Ich meine, nach einem Jahre,« (versetzte sie) »nach den Prophezeiungen.« Er sah sie stumm, wild, ratend und bänglich an. Sie fiel ihm weinend ans Herz und lösete plötzlich das Gedränge innerer Seufzer: »Bin ich denn dann nicht« (sagte sie heftig) »gestorben und seh' aus der Seligkeit zu, daß du belohnet wirst für deine Liebe gegen Liane? Und das gewiß recht sehr!« –

Weine, zürne, leide, frohlocke und bewundere immerhin, heftiger Jüngling! Aber du fassest diese demütige Seele doch nicht! – Heilige Demut! einzige Tugend, die nicht vom Menschen, sondern von Gott geschaffen wird! Du bist höher als alles, was du verbirgst oder nicht kennst! Du himmlischer Lichtstrahl, wie das irdische LichtDenn was man Licht nennt, ist nur stärkeres Weiß. Niemand sieht nachts den Lichtstrom, der vor der Erde vorbei von der Sonne auf den Vollmond hinaufstürzt. zeigst du alle fremde Farben und schwebst unsichtbar ohne eine im Himmel! Niemand entheilige deine Unwissenheit durch eine Belehrung! Sind deine kleinen weißen Blüten gefallen: so kommen sie nicht wieder, und um deine Früchte deckt dann nur die Bescheidenheit ihr Laub.

Schmerzhaft zerteilte sich in Albano das Herz in Widersprüche, gleichsam in seines und in Lianens Herz. Sie war nichts als die lautere Liebe und Demut, und ihr Talentenglanz war nur ein fremder Besatz, wie Götterbilder von weißem Marmor den bunten nur als Zierat haben; man konnte nichts tun als die anbeten, sogar auf ihren Irrwegen. Auf der andern Seite hatte sie neben weichen, beweglichen Gefühlen so feste Meinungen und Irrtümer, seine Bescheidenheit bekriegte so vergeblich ihre Demut, und sein Ansehn ihren Geisterwahn. Das feindselige Gefolge, das dieser nachschleppte, sah er so deutlich über alle Freuden ihres Lebens herziehen. Sein ihm ewig nachstellender Argwohn, daß sie ihn liebe, bloß weil sie nichts hasse, und daß sie immer eine Schwester statt einer Liebhaberin sei, drang wieder gewaffnet auf ihn ein. So stritt hier alles gegeneinander, Wunsch, Pflicht, Glück und Ort. Beide waren sich neu und unbekannt aus Liebe; aber Liane erriet so wenig als er. O wie zwei Menschen, ähnliche Wesen, einander fremd und ungleich werden, bloß weil eine Gottheit zwischen beiden schwebt und beide anglänzt!

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