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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Auf einmal faltete Liane wie betend die Hände und lächelte und errötete; da hob sie den Schleier von den göttlichen Augen, und die Verklärte, vom Rosen-Widerschein angestrahlt, sah ihn zärtlich an – und schlug das Auge nieder – und hob es wieder auf – und senkt' es nieder – und der Schleier fiel wieder vor, und sie sagte leise: »Ich will dich lieben, guter Albano, wenn ich dich nicht elend mache.« – »Ich sterbe mit dir,« sagt' er, »was ists?« – – Und nun verhüllte die heilige Wolke den Sonnengott, der flammend durch seine Sterne zieht! – –

Seine Einsamkeit und Lianens Auflösung so vieler Wunder wurden durch den Eintritt Rabettens und Karls verschoben, welche beide mehr gerührt als beglückt schienen, sie durch die tröstende Nähe des Geliebten, er durch die sonderbare Lage und durch den zwingenden Abend; denn gewissen Menschen geht ein Sturm nach, und sie müssen die Schritte, die sie tun, wider Willen schneller machen.

Als Albano wieder mit dem Friedensengel seines Lebens, mit der Geliebten, die mitten im Rauschen der Gefühle doch die Stimme ihrer Freundin hörte, allein vorausging auf den Felsen-Damm zwischen duftenden Tempetälern in der dämmernden Welt: so war ihm, als habe sich sein Leben wie ein Adler durch eine Sturmwolke durchgearbeitet und der schwarze Sturm laufe unter seinen Flügeln weiter und der ganze Sternenhimmel brenne hell über seinem Haupt. Liane, jungfräulich-edel und fest, gab ihm, eh' er eine Frage getan, die Antwort: »Ihnen muß ich nun ein Geheimnis sagen, was ich jedem und sogar meiner Mutter verbarg, weil es sie beunruhigt hätte. Ich erzählte vorhin von meiner unvergeßlichen Karoline. Am Tage meines Abendmahls, das ich mit ihr empfangen wollen, ging ich nachts von meinem Lehrer zur Mutter zurück, und zwar durch die sonderbare lange Höhle, worin man niederzusteigen glaubt, wenn man aufwärts steigt. Mein Mädchen ging mit der Laterne voraus. In der romantischen Laube, wo ein Hohlspiegel steht, kehr' ich mich gegen den hereinströmenden Vollmond, aus Furcht vor dem wilden Spiegel, der den Menschen so grausam verzieht. Plötzlich hör' ich ein himmlisches Konzert, wie nachher öfters wieder in Krankheiten – ich denke an meine selige Freundin – und schaue voll Sehnsucht in den Mond. – – Da sah' ich sie mir gegenüber, mit unzähligen Strahlen – in ihren schönen Augen war ein zärtlicher Blick, aber doch etwas Auflösendes; der zarte, fast allein lebendige Mund glich einer roten, aber durchsichtigen Frucht, und alle ihre Farben schienen nur Licht zu sein. Doch nur im blauen Auge und roten Munde schien der Engel Karolinen ähnlich. Ich könnt' ihn zeichnen, wenn man mit Licht malen könnte. Ich wurde gefährlich krank; da erschien sie mir öfter und erquickte mich mit unsäglich-süßen Lauten – es waren keine rechte Worte – worauf ich immer in einen sanften Schlaf wie in einen süßen Tod versank. Einmal fragt' ich sie – mehr mit innern Worten –, ob ich denn bald zu ihr ziehe ins Reich des Lichts. Sie antwortete, ich stürbe jetzt nicht, sondern etwas später, und sie nannte recht deutlich das künftige Jahr und sogar den Tag, den ich aber vergessen ... O lieber Albano! vergeben Sie mir nur einige Worte! Ich genas bald und trauerte über die lange schleppende Zeit ...«

»Nein« – (unterbrach Albano sie, dessen Gefühle wie Schwerter gegeneinanderschlugen) – »ich ehre, aber hasse Ihr gefährliches Schreckbild. Phantasie und Krankheit sind die Eltern des luftigen Würgengels, der wie ein taubes Wetterleuchten sengend über alle Blüten der Jugend fliegt.«

Sie antwortete gerührt: »O du guter, frommer Geist! du hast mich nie betrübt, du hast mich stets getröstet, geleitet, froh und fromm gemacht. – Ein Schreckbild ist er, Albano? – Eben gegen alle Schreckbilder, gegen alle Geisterfurcht bewahrt er mich, weil er immer um mich ist. Warum, wenn er nur ein Traumbild ist, erscheint er mir nie in meinen Träumen?Darum vielleicht, warum der Dichter seine so bestimmt und oft angeschaueten Geschöpfe nicht in seinen Träumen unter den Bildern des Tages gehen sieht. Warum kommt er nicht, wenn ich will? Sondern bloß in wichtigen Fällen; dann frag' ich ihn und gehorche sehr gern. Er ist mir heute, Albano,« (setzte sie leiser und blöder hinzu) »schon zweimal erschienen, unterwegs, als ich die innere Musik hörte, und vorhin im Donnerhäuschen, als die Sonne unterging, und hat mir liebreich geantwortet.«

»Und was sagt' er, Himmlische?« fragte Albano unschuldig. – »Ich sah ihn unterwegs nur an und fragte nichts«, versetzte die Kindliche errötend; und hier stand auf einmal ihre heilige Seele unwissend ohne Flor vor ihm; denn sie hatte im Donnerhäuschen von der unsichtbaren Karoline das Ja zu ihrer Liebe empfangen, weil jene ihr Geschöpf war und dieses ihre – Eingebung. Jawohl, Himmlische! du stehst vor dem Spiegel mit dem jungfräulichen Schleier über deiner Gestalt, und wenn dein Bild seinen leise hebt, glaubst du dich noch verhüllt! –

Kein Wort spricht Albanos Verehrung eines so geheiligten Herzens aus, das verklärte Wesen so helle träumte – dessen goldne Blumen auf dem Gedanken des Todes, wie irdische auf Gottesäckern, nur höher wuchsen – das zugleich mit ihm unsichtbare Hände in zwei ähnliche TräumeDenn an seinem und ihrem Abendmahlstage hatt' er an ihren Tod durch das Gewitter geglaubt. gezogen – dem man sich schämte, gemeine Wahrheiten zu geben für seine heiligen Irrtümer. – – »Du bist vom Himmel« – (sagt' er begeistert, und seine Freude wurde die im Auge zerschmolzene Perle, die den Durst des Menschenherzens löscht) – »darum willst du wieder dahin!« – »O ich weihe dir, mein Freund,« (sagte sie lächelnd-weinend und drückte seine Hand an ihr frommes Herz) »das ganze kleine Leben, das ich habe, jede Stunde bis zur letzten, und vorher will ich dich auf alles zubereiten, was Gott schickt.«

Eh sie in des frommen Vaters Hütte traten, griff Albano nach des Freundes Hand, und die Schwestern vereinigten sich. Die Freunde gingen eine Zeitlang stumm voraus; Karl blickte Albano an und fand den Frieden der Seligkeit auf seinem Angesicht. Als dieser sah, wie Liane das überfüllte Herz an das schwesterliche drückte: so wurde die Aufrichtigkeit und Freude in ihm zu stark, und er fiel ohn' ein Wort dem lieben Bruder der ewigen Braut ans Herz und ließ ihn stumm alles erraten aus den Tränen der Seligkeit. O er hätt' es doch erraten aus dem bräutlichen Blick der Liebe, den seine Schwester von seinem Freunde seltener wegzog, und aus der Innigkeit, womit sie Rabetten – gleichsam als würden beide bald einander verwandt, als würde selber der Bruder bald schöner sprechen, da er sie lange nicht mehr die kleine Linda hieß – an ihrem Herzen einweihte für das brüderliche. Bei dem frommen Vater versteckte sich der entzückte Blick wenig, den Albano, gleichsam unter dem Tore der Ewigkeit stehend, in die Himmel warf, die wie Welten hintereinander schimmerten; er war still, sanft, und in seinem Herzen wohnten alle Herzen. O liebe eines rein und warm, so liebst du alle nach, und das Herz in seinem Himmel sieht wie die wandelnde Sonne vom Tau bis zum Meere nichts als Spiegel, die es wärmt und füllt.

Aber in Roquairol fuhr sogleich, als er das himmlische Glück so nahe sah, der aufrührerische Geist seiner Vergangenheit und schlug epileptisch die Glieder des innern Menschen blutig – die unsterblichen Seufzer nach dem ewig fliehenden Frieden quälten ihn wieder, seine Fehltritte und Irrtümer und sogar die Stunden, wo er unschuldig litt, wurden ihm schmerzlich vorgerechnet – und da sprach er (und rührte jedes Herz, am meisten aber das der armen Rabette, das er, sich zu erwärmen, an sich preßte, wie nach der Sage der Adler die Taube, der dann sie nicht zerreißet) – da sprach er edel von der Wüstenei des Lebens und vom Schicksal, das den Menschen wie den Vesuv zum Krater ausbrenne und dann wieder kühle Auen darein säe und ihn wieder mit Feuer fülle – und vom einzigen Glück des hohlen Lebens, von der Liebe, und von der Verletzung, wenn das Geschick mit seinen Winden eine Blumez. B. die Winterlevkoje. reibend hin- und herbewege und dadurch die grüne Rinde an der Erde durchschneide. – –

Aber indem er so sprach, sah er die glühende Rabette an und wollte durch diese Erwärmung gleichsam die feste Blumen-Knospe seiner Liebe gewaltsam sprengen und die Blätter unter die Sonne breiten – o ganz glücklich war doch der Verworrene und Sehnsüchtige auch heute nicht, und er wollte weniger andere rühren als sich.

Wie selig-ahnend traten sie wieder heraus vor die Sphinx der Nacht, welche lächelnd mit sanften Sternenblicken vor ihnen lag. Gingen sie nicht durch eine stille, dämmernde Unterwelt, leicht und frei ohne die schwere, klebende Erde an den Füßen, und im weiten Elysium flattert nur der warme Äther, weil ihn unsichtbare Psychen mit ihren Flügeln schlagen? Und aus dem Flötentale sendet ihnen der Greis seine Töne als süße Liebespfeile nach, damit das schwellende Herz an ihren Wunden selig blute. – Albano und Liane kamen vor eine Aussicht, wo die weite Morgenlandschaft mit den Lichtstreifen von blühenden Mohnfeldern und mit dunkeln Dörfern an die sanften Gebirge hinanstieg, wo der Mond aufwachte und der Glanz seines Gewandes schon wie der eines Geistes durch den Himmel streifte – hier blieben sie, auf die Luna wartend, stehen. Albano hielt ihre Hand. Alle Gebirge seines Lebens standen im glühenden Morgenrot. »Liane,« (sagt' er) »so unzählige Frühlinge sind jetzt droben auf den Welten, die herunterhängen; aber dieser ist der schönste.« – »Ach das Leben ist lieblich, und heute wird es mir zu lieb. – Albano,« (setzte sie leise dazu, und ihr ganzes Angesicht wurde eine erhabne tränenlose Liebe, und die Sterne webten und stickten ihr Brautkleid) »wenn mich Gott fodert, so lass' er mich dir immer erscheinen wie mir Karoline; o wenn ich dich nur so durch dein ganzes liebes Leben begleiten und trösten und warnen könnte, ich wünschte gern keinen andern Himmel.«

Aber als er die Fülle seiner Liebe und den zürnenden Schmerz über den Todeswahn aussprechen wollte, so kam sein wilder Freund, der, wie ein Vesuv Lava- und Regenströme zugleich über die gläubige Rabette ausgießend, ihr und sich das Herz nur voller, nicht leichter gemacht; da sah Karl die verherrlichten Menschen an und den blauen Horizont, wo schon der Mond seinen Schimmer zwischen den festen Mastspitzen und Gipfeln vorauswarf, und blickte wieder in den Glanz der heiligen Liebe. – – Da konnt' er sich nicht länger halten, sein qualvolles Herz stieg wie zu Gott auf zu einem ewigen Entschluß, und er umfaßte Albano und Rabette und sagte: »Geliebter! – Geliebte! – behaltet mein unglückliches Herz!« –

Rabette umklammerte ihn mitleidig wie eine Mutter das Kind und gab ihm heiß-weinend ihre ganze Seele hin. – Albano umschloß staunend den Liebesbund. – Liane wurde vom Strudel der Wonne an die geliebten Herzen gezogen. – Ungehört riefen die Flöten fort, ungesehen wehten die weißen Fahnen der Sterne darüber. – Karl sprach wahnsinnige Worte der Liebe und wilde Wünsche des Freuden-Todes. – Albano berührte bebend Lianens Blumenlippe, wie Johannes Christum küßte, und die schwere Milchstraße bog sich wie eine Wünschelrute hernieder zu seinem goldnen Glück. – Liane seufzte: »O Mutter, wie sind deine Kinder glücklich.« – Der Mond war schon wie ein weißer Engel des Friedens in das Blau geflogen und verklärte die große Umarmung; aber die Seligen merkten es nicht. Wie ein Wasserfall überdeckte sie brausend das reiche Leben, und sie wußten es nicht, daß die Flöten schwiegen und alle Hügel glänzten.

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