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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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66. Zykel

Der Wagen flog durchs Dorf mit den vier jungen Menschen – wie tut unserm Jüngling die Weite des Himmels und der Erde wohl! Das Portal des Lebens, die Jugend, war mit Blumen und Lichtern behangen. Sie rollten unten am Berge vor der Vogelstange vorbei, der Zeigerstange eines Knaben-Arkadiens, vor der Wiege, wo er kindlich-schlaftrunken nach dem hohen Himmel langte mit dem Knaben-Arm – und durch das ihm jetzt nur zu Gebüsch gesunkne Birkenwäldchen, das er an jenem goldnen Morgen so breit und lang gefunden – und vorbei vor den östlichen offnen Triumphbogen, hinter denen das Meer des vielgestaltigen Lilars seine Reize wogen ließ – und hinter der Bergmauer des Flötentals schickten sie den Wagen zurück.

Sie gingen auf einer herrlichen Erde unter einem herrlichen Himmel. Rein und weiß schwamm die Sonne wie ein Schwan durch die blaue Flut – Fluren und Dörfer drängten sich dichter an die fernen niedrigen Gebürge – ein sanfter Wind trieb die grünen Ähren-Wogen auf der Ebene umher – an den Hügeln ruhten Schatten unter den Schwingen weißer Wölkchen fest – und hinter den Gipfeln der Anhöhe zogen die Mastbäume der Rheinschiffe majestätisch weg.

Wie Albano so nahe neben der Geliebten ging, fiel das unter seinem Eden brennende Fegfeuer immer tiefer in den Erdkern zurück; voll Unruhe und Hoffnung warf er das feurige Auge bald auf den Sommer, bald auf den milden Hesperus-Stern, der so nahe an ihm aus dem Frühlingsäther schimmerte. Die Gute schien heute stiller, ernster und unruhiger als sonst. Als sie durch ein überall offnes Laubwäldchen am Hügelrücken, der das Flötental umzog, hingingen: sagte Liane plötzlich zum Grafen, sie höre Flöten. Kaum konnt' er sagen, er höre nur ferne Turteltauben: als sie auf einmal sich wie zu etwas Wunderbarem sammelte – ihre Augen in den Himmel heftete – lächelte – und plötzlich sich nach Albano umsah und rot wurde. Sie redete ihn an: »Ich will aufrichtig sein, ich höre jetzt in mir MusikDieses Selbst-Ertönen – wie die Riesenharfe bei verändertem Wetter unberührt anklingt – ist in Migräne und andern Krankheiten der Schwäche häufig; daher im Sterben; z. B. in Jakob Böhme schlug das Leben wie eine Konzertuhr seine Stunde von Harmonien umrungen aus. – sehen Sie mir heute meine Schwäche und Weichheit nach; es kommt von gestern.« – »Ich – Ihnen?« sagt' er heftig; denn er, um welchen in Krankheiten nur brennende Bilder stürmten, wurde zur Verehrung eines Wesens begeistert, zu welchem gleichsam aus einer höhern Welt in seinen Schmerzen wie goldne Sonnenstrahlen leise Töne reichen, die verhüllt durch die rauhe Tiefe gehen.

Aber Liane, wie um sein Feuer abzuwenden, kam auf ihre Freundin Karoline und sagte: wie sie ihr an solchen Tagen und zumal auf diesem Spaziergange immer vorschwebe. »Anfangs sucht' ich sie auf,« (sagte Liane) »weil sie meiner Linda glich. Sie war meine Lehrerin, ob sie gleich nur einige Wochen älter war als ich. Ihr frommer, strenger, unerschrockner Charakter und ihre Willigkeit, sich freudig und stumm aufzuopfern, machte sie sogar, wenn ich es so sagen darf, in den Augen ihrer Mutter verehrungswürdig. Man sah sie niemals weinen, so weich sie auch war, bloß um ihre Mutter immer heiter zu machen. Wir wollten miteinander den Schleier nehmen, um beisammen zu bleiben; ich würde nicht alt werden, sagte sie, und ich müßte mein kurzes Leben froh und ohne Sorgen, aber auch in Zubereitung auf das andere verbringen. Ach sie ging selber voran! Die Nachtwachen am Krankenbette ihrer Mutter und der Schmerz über den Tod nahmen sie dahin. Sie empfing das heilige Nachtmahl, auf das wir uns miteinander zubereiteten, im Sterben allein. – Da gab mir der Engel diesen Schleier, worin ich ihr einst folgen soll. – O, gute, gute Karoline!« – Sie weinte unverhohlen und drückte bewegt Albanos Hand. »O ich hätte nicht davon anfangen sollen! – Dort kommt schon unser Freund; wir wollen recht heiter sein.« –

Sie waren jetzt durch ein hohes Gebüsche, das neckend die umherschweifenden Landschaften auf- und zudeckte, nahe an die über das Flötental hereinschauende Turmspitze gelangt, neben welcher eine einsame Kirche und Speners Wohnung lag und unten in der Ebene das offne Dorf. Spener ging seiner Schülerin – nach Greisen-Sitte um andere unbekümmert – entgegen, und ein junges Reh lief ihm nach. Eine schöne Stelle! Kleine weiße Pfauen – freie Turteltauben – eine Bienenstadt mitten in ihrer Bienenflora – alles sagte den ruhigen Alten an, dem nun die ehrende Erde dient und der, gleichgültig gegen sie, nur in Gott lebt. Er kam gegen die Erwartung eines kirchlichen Ernstes mit einem leichten Scherz über die bunte Reihe und legte die segnenden Finger auf Lianens Stirn, die seine Enkelin zu sein schien, gleichsam eine zweite Baum-Blüte im Spätherbst des Lebens. Sie steckte ihm töchterlich den Strauß der Zwerg-Röschen an die Brust und gab sehr acht, ob es ihn besonders freue. Sie lächelte ganz heiter, und alle ihre Tränen schienen verweht; aber sie glich dem beregneten Baum unter der wiederlachenden Sonne: die kleinste Erschütterung wirft den alten Regen vom stillen Laub.

Der alte Mann erfreuete sich über die Teilnahme der jungen Leute und blieb mit ihnen auf der blühenden und lärmenden Anhöhe, welche zwischen einer weiten Landschaft und zwischen den reichbeladen ins Elysium hineinlaufenden Bergrücken thronte. Sie ließen ihn, da zu ihm wie zu einem, der im Luftschiff aufsteigt, die Töne der Erde nicht so weit nachreichten als die Gestalten, mehr reden als hören, wie man Alte schonet.

Er sprach bald von dem, worin sein Herz atmete und lebte; aber in einer sonderbaren, halb theologischen, halb französischen, Wolffianischen und poetischen Sprache. Man sollte von manches Schwärmers Poesie und Philosophie statt der Verbal- Realübersetzungen geben, damit man sähe, wie die goldreine Wahrheit unter allen Hüllen glühe. Spener sagt in meiner Übersetzung: »er habe sich sonst, eh' er das Rechte gefunden, in jeder menschlichen Freundschaft und Liebe gemartert. Er habe, wenn er inbrünstig geliebt wurde, zu sich gesagt, daß er sich selber ja nie so ansehen oder lieben könne; und ebenso könne ja das geliebte Wesen nicht so von sich denken wie das liebende, und wär' er noch so vollkommen oder so eigenliebig. Sähe jeder den andern an wie er sich: so gäb' es keine feurige Liebe. Aber jede fordere einen unendlichen Wert und sterbe an jedem unauflöslichen, deutlich erkannten Fehl; sie hebe ihren Gegenstand aus allen heraus und über alle und verlange eine Gegenliebe ohne Grenze, ohne allen Eigennutz, ohne Teilung, ohne Stillstand, ohn' Ende. Da sei ja das göttliche Wesen, aber nicht der flüchtige, sündige, wechselnde Mensch. Daher müsse sich das liebeskranke Herz in den Geber dieser und jeder Liebe selber, in die Fülle alles Guten und Schönen, in die uneigennützige, unbegrenzte All-Liebe senken und darin zergehen und aufleben, selig im Wechsel des Zusammenziehens und Ausdehnens. Dann sieht es zurück auf die Welt und findet überall Gott und seinen Widerschein – die Welten sind seine Taten – jeder fromme Mensch ist ein Wort, ein Blick des All-Liebenden; denn die Liebe zu Gott ist das Göttliche, und ihn meint das Herz in jedem Herz.« – –

»Aber« – (sagte Albano, dessen frisches energisches Leben aller mystischen Vernichtung widersträubte) – »wie liebt uns denn Gott?« – »Wie ein Vater sein Kind, nicht weil es das beste ist, sondern weil es ihn braucht.«Irgendeine uneigennützige Liebe muß ewig gewesen sein. Wie es ewige Wahrheiten gibt, so muß es auch eine ewige Liebe geben. – »Und woher« (fragt' er weiter) »kommt denn das Böse im Menschen und der Schmerz?« – »Vom Teufel«, sagte der Greis und malte ununterbrochen mit verklärter Freude den Himmel seines Herzens aus, wie es immer umgeben sei vom all-geliebten All-Liebenden, wie es gar kein Glück und keine Gaben von ihm begehre (die man nicht einmal in der irdischen Liebe wünsche), sondern nur immer höhere Liebe gegen ihn selber, und wie es, indem der Abendnebel des Alters immer dichter um seine Sinne ziehe, sich im Lebens-Dunkel immer fester von den unsichtbaren Armen umschlungen fühle. »Ich bin bald bei Gott!« sagt' er mit einem Glanze der Liebe auf dem vom Leben erkälteten und unter den Jahren einbrechenden Gesicht. Man hätt' es ausgehalten, ihn sterben zu sehen. So steht der Montblanc vor dem aufgehenden Mond; die Nacht verhüllt seinen Fuß und seine Brust, aber der lichte Gipfel hängt hoch im dunkeln Himmel, als ein Stern unter den Sternen.

Liane hatte wie eine Tochter das Auge und die Hand nicht von ihm gelassen und jeden Laut schmachtend eingezogen; ihr Bruder hatt' ihn mit mehr Freude als Alban gehört, aber bloß um den mystischen Heros ganz in den mimischen Berg Athos seiner Nachbildung reiner abzuformen; und Rabette hatt' ihn wie in einer Kirche unter gläubigen – Nebengedanken angeschauet.

Er entfernte sich jetzt ohne Umstände, um für seine Tiere zu sorgen, die er wie alles Unwillkürliche, z. B. die Kinder, wie aus der ersten Hand Gottes kommend liebte; alles sei göttlich, sagt' er, und nichts irdisch als das Unmoralische. Er konnte keine Bienen schwefeln, keine Blumen im Scherben-Käfig verdursten lassen, kein abgetriebenes, wundes Pferd ertragen und ging vor einer Fleischbank nur mit schaudernden Gliedern vorüber.

»Wollen wir« (sagte der Freund Karl) »den herrlichen Abend auf der prächtigen Bergstraße einnehmen und dein Donnerhäuschen besehen und jeden Leidens-Kelch herunterwerfen in die Täler hinein?« – Welche magische Nachbarschaft durchzogen sie nun auf dem gebognen Gebirge zum Donnerhäuschen! Zur Rechten gleichsam den Okzident der Natur, zur Linken ihren Orient – vor ihnen das prangende Lilar in der Abendfeerei – der glänzenden Rosana in den Armen liegend – Ährengold hinter Pappelsilber – und darüber den Himmel, gefüllt mit lebenstrunknen lärmenden Wesen – und der Sonnengott schreitet über seinen Abend weg und bückt sich ein wenig unter der Mitternacht, um in Osten das goldne Haupt zu erheben. Albano ging an Lianens heiliger Hand voraus. »O wie ist alles so schön!« (sagt' er) »Wie rauschet die aufgeblätterte Weltkarte mit langen Flüssen und Wäldern – wie sonnen sich die Morgenberge in fester Ruhe – wie steigen die Haine mit glühenden Stämmen die Hügel hinauf – man möchte sich in die rauchenden Täler stürzen und in die kalten glänzenden Wellen – ach Liane, wie ist alles so schön!« – »Und Gott ist auf der Welt«, sagte sie – »und in dir!« sagte er und dachte an das Wort des Greisen, daß die Liebe Gott meine und er im Herzen wohne, das wir ehren.

Jetzt rollten ihm schon die großen Wogen entgegen, welche die Äolsharfe im Donnerhäuschen schlug; und sein Genius flog vor ihm vorbei mit den Worten: sag ihr darin dein ganzes Herz.

Vor der kleinen Hütte der gestrigen Träume ging sein stürmendes Herz auseinander; und die Sonne und die Erde schwankten vor den wilden Tränen. Da er hineintrat mit ihr in den füllenden Rosenglanz der Abendsonne und in das Geistergetümmel der einsam miteinander redenden Töne: so faßte er Lianens Hände und drückte sie wild an seine Brust und sank vor ihr ohne Laut und geblendet nieder – Flammen und Tränen flogen über Augen und Wangen – der Wirbelwind der Töne wehte in seine lodernde Seele – der milde Engel der Unschuld bückte sich weinend und bebend gegen den brennenden Sonnengott – und es schlängelte sich ein Schmerz wie eine bleiche Schlange durch die Rosen des milden Angesichts – und Albano stammelte: »Liane, ich liebe dich –« ...

Da kehrte die Schlange um und faßte und bedeckte die süße Rosen-Gestalt. »O guter Mensch, du bist unglücklich, aber ich bin unschuldig.« Sie trat erhaben zurück und zog schnell den weißen Schleier über ihr Gesicht herab und sagte außer sich: »Liebst du die Toten? Das ist mein Leichenschleier; im künftigen Jahre liegt er auf diesem Gesicht.« – »Das ist nicht wahr«, sagte Albano. »Karoline, antworte ihm!« sagte sie und sah starr in die brennende Sonne wie nach einer höhern Erscheinung. Fürchterliche Minute! wie bei dem Erdbeben das Meer wogt und die Luft fürchterlich still ruht, so war seine Lippe neben der Verschleierten stumm und das ganze Herz ein Sturm – auf den Saiten wandelte eine seufzende Geisterwelt vorüber, und der letzte endigte mit einem scharfen Schrei – die Schönheit der Erde verzerrte sich vor ihm, und in das Abendgewölk waren breite Feuerfahnen gepflanzt, und das Sonnenauge schloß sich blutend zu. – –

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