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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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63. Zykel

Ach am Morgen darauf wurde freilich aus dem Abendrote eines ganzen Himmels ein trübes Gewölke. Denn Liane ging dem Jüngling in so langen dichten Schleiern dahin. Irgendein Geheimnis der Not wirft kalte Klostermauern zwischen nahen Herzen auf – das ist offenbar. Bis hieher bogen mancherlei Zufälle einige Blumen, die Liane verhüllend über das Herz gezogen, wie die Erdstockwerke in Städten durch Blumen und Reben das Einsehen in die Fenster abwehren, von der dunkelsten Ecke des Hintergrundes weg, in der etwan die Rückseite eines Brustbildes hing, das umgedreht vielleicht dem Grafen glich. Aber noch hängt das Bild mit dem Gesichte gegen die Wand. – Indes gleicht ein weibliches Herz oft dem Marmor: der geschickte Steinmetz tut tausend Schläge, ohne daß der parische Block nur in die Linie eines Sprunges reiße; aber auf einmal bricht er auseinander eben in die Form, die der geschickte Steinmetz so lange hämmernd verfolgte.

Am Sonnabend, wo die Ministerin und das Freundinnen-Paar nach Blumenbühl abreisen wollten, um das Begraben und Einweihen anzusehen, kam der Hauptmann nicht nur voll Freude – denn er hatte gern aus Liebe zu Rabetten für Lianen zwar nicht die Flügel, aber doch die Flügeldecken machen und aus dreifachem Interesse gegen den Freund am Flugwerk spannen helfen –, sondern auch voll Angst zum Grafen ... Aber ihr Musen! warum sind in der poetischen Welt alle die Begebnisse selten so vielfach motiviert als häufig in der wirklichen? ...

Seine Angst war bloß die, daß sein Vater früher anfahre als seine Mutter ab – denn er kannte den Minister. Letzterer wollte nach seinen Briefen Montags, Dienstags (spätestens am Sonnabend) anlangen; allein dies konnte – da Froulay gern die Seinigen im breiten Spielraum des Erwartens schwimmen ließ – noch gewisser drohen, daß er – weil er wie die Basler Uhren immer eine Stunde zu früh bloß in der Hoffnung ausschlug und kam, seine Leute über irgend etwas recht Häßlichem zu ertappen – in jeder Minute zum Hoftore hereinjage. Kam er angejagt, an diesem Vormittage oder in der Minute, wo der Bediente die Tochter in den Wagen hob und die Mutter schon darin saß: so war so viel durch tausend Schlüsse aus der Observanz gewiß, daß beide wieder hinauf mußten in die Zimmer – daß er alle Kisten und Schachteln wieder abpacken hieß und daß er die Landschafts-Direktors-Tochter nach ihren 10 000 Bitten – wiewohl ihr schon die zweite auf der Lippe erfröre – freundlich mit ganz spaßhafter Gleichmut als einsame Konklavistin im zugemachten Wagen nach Hause würde ziehen lassen. Gewisse Menschen – und er ist ihr Generalissimus – wissen sich kein süßeres Labsal, als den Ihrigen die Gartentüre irgendeines Arkadiens, wozu sie ihnen nicht die Reiseroute und die Landkarte aufgesetzt, vor der Nase ins Schloß zu werfen und solche gerichtlich zu versiegeln. Kurz vor einer Lustfahrt setzen ohnehin die meisten Eltern Galle ab; konnte Froulay vollends eine verriegeln, so war ihm das so viel, als komm' er von einer rot und munter nach Hause. –

Nachmittags um 3 Uhr gingen unsere Freunde unter dem schönsten Himmel spazieren – alles war schon geordnet, Karl wollte morgen nachgehen, Albano erst nach der allgemeinen Rückreise, am Montag (seine zarten Rücksichten und fremde harte entschieden) – und es zog durch das ganze gewölbte Blau kein Nebel als Karls Besorgnis, die zweite Lokation der Fürsten-Leichen ziehe seinen Vater noch heute her – – als er plötzlich heraussuchte: dort fahr' er. Er kannt' ihn an dem Tiger-Postzug und noch mehr an den lang vorgespannten Vorderpferden. Eine Fegfeuer-Lebens-Minute! – Der Wagen fuhr rasch die Straße herab – die Vorderpferde zogen noch länger ganz unförmlich voraus – man wunderte sich – endlich wurde die Ziehweite einen Acker lang – das schien ganz unmöglich – als Albanos Adlerauge keine lederne Verbindung zwischen dem Postzug und zuletzt gar entdeckte, daß bloß ein fremder Kerl mit zwei Pferden zufällig vor dem Wagen herreite. Und in dieser Minute sahen sie den offnen Triumphwagen mit der weiblichen Dreieinigkeit langsam die Blumenbühler Höhe hinaufziehen, und das vermengte Tulpenbeet der drei Sonnenschirme schimmerte ihnen lange zurück.

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