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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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61. Zykel

Noch ehe der Hauptmann seinem Freunde Augustis wahrscheinliche Verräterei entdeckte: war Albano fast ganz mit dem Lehrer-Paar in Zwist. In einem Kreise voll Jünglingsherzen, die für einander schlagen und noch lieber fechten, fassen immer zwei unzerreißlich ineinander und werden eins auf fremde Kosten.

Albano schied sich keck von jedem, dem Karl mißfiel. Schoppe wurde ohnehin von wenigen lange geliebt, weil wenige einen ganz freien Menschen erdulden; die Blumenketten halten besser, denken sie, wenn Galeerenketten durch sie laufen. Er litt es daher nicht, wenn einer »mit zu enger Liebe sich so fest um ihn klammerte, daß er die Arme so wenig freibehielte, als trag' er sie in Bandagen von 80 Köpfen«. Die sarkastische Lebhaftigkeit seiner Pantomime erkältete durch den Schein einer strengen Beobachtung den Hauptmann mehr als das gelassene Gesicht des Lektors, der eben darum alles schärfer ins stille Auge faßte.

Der gute Schoppe hatte einen Fehler, den kein Albano vergibt; nämlich eine Intoleranz gegen die »weiblichen Heiligenbilder von Hausenblase«, wie er sagte, gegen die sanften Irrungen des Herzens, gegen die heiligen Übertreibungen, durch welche der Mensch ins kurze Leben eine noch kürzere Freude einwebt. Einst ging Karl wie auf einer Bühne mit untergesteckten Armen und niedergesenktem Kopfe auf und ab und sagte zufällig, daß es der Titular-Bibliothekar vernahm: »O ich wurde noch wenig von den Menschen verstanden in meiner Jugend.« Weiter sagt' er nichts; aber man schütte aus Scherz ein Mandel Hornisse, ein Schock Krebse, eine Kanne voll Waldameisen auf einmal über die bibliothekarische Haut und beobachte flüchtig die Wirkungen des Stechens, Kneipens, Beißens: so kann man sich doch einigermaßen vorstellen, was in ihm zuckte, schwoll und auffuhr, sobald er die obige Phrasis vernahm. »Herr Hauptmann,« (fing er tief-einatmend an) »ich halte viel auf dieser rostigen Tölpel-Erde aus, Hungersnot – Pestilenz – Höfe – den Stein – und die Narren von Pol zu Pol – aber Ihre Phrasis übersteigt meine Schultern. Herr Hauptmann, Sie dürfen – ganz gewiß – die Redensart mit Fug gebrauchen, weil Sie, wie Sie sagen, nicht verstanden werden. Aber o Himmel, o Teufel! Ich höre ja 30 000 Jünglinge und Mädchen von Leihbibliothek zu Leihbibliothek alle mit aufgeblähter Brust rings umher sagen und klagen, es fasse sie niemand, weder der Großvater noch die Paten noch der Konrektor, da doch das packpapierne Alltags-Pack selber nicht fasset. Aber der Junge meint damit bloß ein Mädchen und das Mädchen einen Jungen; diese können einander fassen. Aus der Liebe will ich wie aus den Kartoffeln 14 verschiedene Gerichte zubereiten; man scher' ihr, wie dem Bären in Göttingen, das tierische Haar ab, kein Blumenbach kennt sie mehr.

Herr v. Froulay, ich habe diese verdammte Erhebung der Seelen bloß aus Niedrigkeit wohl öfters mit den englischen Pferdeschwänzen verglichen, die auch immer gen Himmel stehen, bloß weil man ihre Sehnen durchschnitten. Soll man nicht toll werden, wenn man alle Tage höret und alle Tage lieset, wie die gemeinsten Seelen, die Leberreime und Trompeterstückchen der Natur, sich durch die Liebe über alle Leute erhoben denken wie Katzen, die mit angeschnallten Schweinsblasen fliegen; – wie sie sich ins Hasenlager und in die Stapelstadt der Liebe, in die andere Welt bestellen wie auf einen Blocksberg, und wie sie auf diesem Finkenherd in dieser theatralischen Anziehstube – die dann das Gegenteil wird – ihr Wesen treiben, bis sie kopuliert sind? Dann ists vorbei, Phantasien und Poesien, die ihnen jetzt erst recht dienlich wären, sind geholt! Sie laufen von ihnen weg wie Läuse von Toten, ob diesen gleich die Haare dazu fortsprießen. Vor der zweiten Welt grauset ihnen; und werden sie Witwer und Witwen, so machen sie ihre Liebschaft recht gut ab ohne Schweinsblasen und ohne das Federspiel und die spanische Wand der zweiten Welt. – So etwas, Herr Hauptmann, bringt nun auf, und dann muß in der Hitze der Gerechte mit dem Ungerechten leiden, wie Sie leider hören.« – –

Alban, der nie leichtsinnig vergab, sonderte sich schweigend von einem Herzen ab, das, wie er unrecht sagte, die Flammen der Liebe mit satirischer Galle auslöschte.

In der Kette der Freundschaft mit Augusti brach vollends ein Ring nach dem andern entzwei. Der Graf fand im Lektor den Kleinigkeitsgeist, der ihm widriger war als jeder böse; – die Eleganz des guten Hofmanns – sein Anstand, selber in der Einsamkeit – seine Neigung, die kleinsten Mysterien so gut zu verwahren als die großen – seine Sucht, hinter jeder Handlung einen langen Plan aufzutreiben – sein Wahrheitsdurst nach echten historischen Quellen am Hofe und in der Stadt – und seine Kälte gegen die Philosophie trocknete das Bild, das sich Albano von ihm ausgespannt, so aus, daß es einrunzelte und rissig wurde. Solche Unähnlichkeiten schlagen unter gebildeten Menschen nie zu offnen Fehden aus; aber sie legen heimlich dem innern Menschen ein Affenstück nach dem andern an, bis er hartgepanzert dasteht und losschlägt.

Nun war noch dazu der Lektor dem Hauptmann von Herzen gram, weil dieser der Ministerin viele bange Stunden und Lianen und sogar dem Grafen viel Geld kostete und weil er ihm den Jüngling zu verdrehen schien. Die sonst gerade aufsteigende Flamme Albanos wurde jetzt durch die Hindernisse der Liebe nach allen Seiten gebogen und glühte wie Lötfeuer schärfer; aber diese Schärfe schrieb Augusti dem Freunde zu. Albano erschien denen, die er liebte, wärmer, denen, die er ertrug, kälter, als er war, und sein Ernst wurde leicht mit Trotz und Stolz vermengt; aber der Lektor glaubte, ihm sei dessen Liebe gestohlen von Karl.

Er versuchte mit gleichviel Feinheit und Freimütigkeit, dem Grafen eine gute Karte von den Flecken zuzuspielen, die im Himmelskörper dieses Jupiter ausgesäet waren. Aber er zerriß jede Karte – Karls schmerzliche Bekenntnisse in jener Nacht löschten alle fremde Nachträge aus – und Albanos herrlicher Glaube, man müsse den Freund ganz decken und ihm ganz vertrauen, wehrte jeden Einfluß ab. O es ist eine heilige Zeit, worin der Mensch für den Altar der Freundschaft und Liebe noch Opfer und Priester ohne Fehl begehrt und – erblickt; und es ist eine zu harte, worin die so oft belogne Brust sich an der fremden mitten im Liebestrunk des Augenblicks die kalte Nachbarschaft der Gebrechen weissagt! –

Da der Lektor überall sah, daß Alban über manche seiner Rügen an Karl z. B. dessen Wildheit und Unordnung, darum kalt bleibe, weil er selber unter fremdem Tadel gemeiner zu sein glauben konnte, wie die Franzosen (nach Thickneß) das Lob eines Fremden an Einheimische richten: so griff er statt der Ähnlichkeit eine vollendete Unähnlichkeit des Hauptmanns an, seinen Leichtsinn gegen das Geschlecht. – Aber damit verdarb er noch mehr. Denn in der Liebe war ihm Karl der höhere Feueranbeter und der Lektor nur der, den die Kohle dieses Feuers schwärzt. Augusti nährte über die Liebe ziemlich die Grundsätze der großen Welt, die er bloß aus Ehre nie in Taten ausprägte, und gab nur den Erde-nahen Wolkenhimmel der Liebe zu; der Hauptmann aber sprach von einem dritten oder Freudenhimmel derselben, worin nur Heilige die Seligen sind. Augusti sprach nach der Sitte der großen Welt viel freier, als er handelte, und zuweilen so offen, als speis' er in einem – Brunnensaal; Karl sprach mädchenhaft. Das jungfräuliche Ohr Albanos – das leicht in guten Visitenzimmern abfällt, und das in Studierstuben festsetzt – vereinigt mit seinem Mangel an der Erfahrung, daß sich eine zynische Zunge oft bei den enthaltsamsten Menschen, z. B. bei unsern possenreißenden Vorfahren, und eine aszetische in bescheidnen Libertins aufhalte – beides mußte den reinen Menschen in einen doppelten Irrtum verwickeln.

So jagte in ihm Augusti immer mehr Sturmvögel auf. Beide standen oft nahe an völliger Trennung und Ausforderung; denn der Lektor hatte zu viel Ehre, um sich vor irgend etwas zu fürchten, und wagte mit kaltem Blut so viel als andere mit heißem.

Jetzt entdeckte Karl nun vollends seinem Freunde, obwohl mit aller Zartheit der Freundschaft, Lianens Bekanntschaft mit jener Tartarus-Nacht. – Der sonst verschwiegene Lektor muß nähere Vorteile durch sein Plaudern suchen, schloß Albano, und nun sog sich die Kröte der Eifersucht, die im lebendigen Baume lebt und wächst ohne sichtbaren Eingang und Ausgang, in seinem warmen Herzen fest. Die unbeantwortete Liebe ist ohnehin die eifersüchtigste. Gott weiß, ob er nicht der Maschinendirektor der mit so vielen Rädern ineinander gehenden Geisterszenen ist. Alles das sind Albanos verhüllte Schlüsse; offne Anklagen waren seinem Ehrgefühl versagt. Aber sein warmes, sich immer aussprechendes Herz forderte eine wärmere Nachbarschaft; und diese fand er, wenn er dem frommen Vater folgte und nach Lilar ins Donnerhäuschen zog – mitten unter die Blumen und Gipfel, um, näher am Herzen der Natur gelagert, schöner zu träumen und zu genesen.

Nur eine warme sonnen-helle Stelle war für ihn in Karls historischem Gemälde: es war die Hoffnung nämlich, daß vielleicht bloß die Irrtümer über sein Verhältnis zur Gräfin, aus denen der Bruder Lianen geholfen, ihr das bisherige immer gleich-kalte Benehmen gegen ihn vorgezeichnet haben. Auf diese sonnige Stelle warf Rabette ein Billet, worin sie ihm schrieb, sie reise Sonnabends zu ihren Eltern zurück, weil der Minister komme. Jene Hoffnung – diese Nachricht – die künftig ungünstigern Umgebungen – sein Ziehen nach Lilar, das alles entschied in ihm den Vorsatz, eine einsame Minute an sich zu reißen und darin vor Lianen den Schleier von seiner Seele zu werfen und von ihrer.

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