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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Gaspard hatte ein parteiloses tiefreichendes Auge für jede, sogar die fremdeste Brust und suchte am wenigsten sein Ebenbild. Er zog daher den Bibliothekar in sein Haus. Da nun dieser nur vom Porträtmalen zu leben schien und jetzt ohnehin nach Deutschland zurückwollte: so trug er, hoffend, diesem reichen, vieläugigen, strengen Geiste Albanos Gesellschaft an, die bloß der gegenwärtige Mitarbeiter Augusti mit ihm teilen sollte. – Aber der Bibliothekar verlangte vorher vier Dinge voraus, die Schilderung des Grafen, die Silhouette desselben und – als beides gegeben war – noch das dritte und vierte so: »Soll ich von den drei Ständen kalandertD. h. zwischen zwei hölzernen Walzen und einer metallenen gepresset werden. werden und mich glatt und poliert drücken lassen von Glanzpressen? – Ich will nicht; überallhin, in den Himmel und in die Hölle will ich Ihren Sohn begleiten, aber nicht in die Poch-, Wasch-, Röst-, Schmelz- und Treibwerke vornehmer Häuser.« Das wurd' am leichtesten zugestanden; dazu war ohnehin der zweite Reichsvikarius des väterlichen Oberhaupts, Augusti, bestimmt. Aber über den vierten Punkt zerfielen sie fast. Schoppe, der lieber vogelfrei als nicht-frei oder freigelassen sein wollte, und dessen ebenso reichsunmittelbarer als fruchtbarer Boden keine Zäune litt, konnte sich nur zu zufälligen unbestimmten Diensten bequemen und mußte das Fixum eines Lohns ablehnen: »Ich will ihm«, sagt' er, »Kasualpredigten halten, aber keine Wochenpredigten; ja es kann sein, daß ich oft ein halbes Jahr gar nicht auf die Kanzel steige.« Der Ritter fand es unter sich, Verbindlichkeiten schuldig zu sein, und zog zurück; bis Schoppe den Diagonalweg ausmittelte, er gebe seine Gesellschaft als don gratuit und erwarte daher auch vom Ritter von Zeit zu Zeit ein don gratuit von Belang. Übrigens war dem Ritter jetzt Schoppe gerade so lieb wie der erste beste Hoftürke, der ihm auf den Wagenfußtritt geholfen; seine Prüfung eines Menschen war eine kalte Totenbeschau, und nach dem Prüfen liebt' er nicht stärker und haßt' er nicht stärker; für ihn waren im Spektakelstück des polternden Lebens der Regisseur und die ersten und zweiten Liebhaberinnen und die Lears und Iphigenien und Helden weder Freunde, noch die Kasperls und die Tyrannen und Figuranten Feinde, sondern es waren verschiedene Akteurs in verschiedenen Rollen. – – O Gaspard, stehest denn du in der Frontloge und nicht auch auf dem Theater? Und siehest du nicht, wie Hamlet, im großen Schauspiele einem kleinern zu? Ja setzet nicht jede Bühne am Ende ein doppeltes Leben voraus, ein kopierendes und ein kopiertes? – –

Entweder die wenigen paar Gläser Wein oder auch sein verdrüßlicher Abstand vom zierlichen gehaltenen Lektor setzten Schoppes Fegemühle mit allen Rädern in Gang – so wenig dieser Humor auf der glänzenden Insel eine vorteilhafte Stelle fand –; und als Augusti wünschte, Schoppe möchte froher als andere Maler nach Deutschland gehen: so zog dieser ein Päckchen vergoldeter Heiligenbilder deutscher Schutzpatrone heraus und sagte Kartenmischend: »Mancher würde hier ein päpstliches Miserere aufs Pult legen und absingen, zumal wenn er mitten im Frühling das Winterquartier, die deutsche Eis- und Nebelbank, beziehen muß wie ich; – und ungern, das sag' ich frei, lass' ich den Arlechino und den Pulcinella und den Scapin und die ganze Comedia dell' Arte dahinten. – Aber die heiligen Herren, die ich hier tailliere, haben ihre Patronatsländer aufs Trockne gebracht; und man passiert sie gern. Baumeister, Ihr lacht, aber Ihr wisset im ganzen zu wenig von dem, was diese gemalten himmlischen Schirmvögte für deutsche Kreise stündlich unternehmen. Baumeister, sucht mir überhaupt ein Land, worin so viele Prügel, Programmen, Professoren, Allongeperücken, gelehrte Anzeigen, Reichsanzeigen, Klein- und Vorstädter, Zeremonien, Krönungen und Heidelberger Fässer, aber ohne innewohnende Diogenesse, aufzutreiben sind als im gedachten! Oder suchen Sie es, mein Herr v. Augusti. – Weiset mir doch überhaupt ein Territorium auf, dem ein ebenso langes Parlament, nämlich ein längster Reichstag bescheret ist, gleichsam eine außerordentlich heilsame pillula perpetuaDiese Pille besteht aus Spießglaskönig und wird ihrer Festigkeit wegen stets von neuem mit altem Erfolge gebraucht: man schüttet bloß vorher einen Aufguß von Wein darüber., die der Patient unaufhörlich einnimmt und die ihn unaufhörlich ausreinigt; und wem fällt dabei nicht ebensogut wie mir die capitulatio perpetua und überhaupt das Reichscorpus als perpetuum immobile aus Gründen ein?« – (Hier trank Schoppe.) »Dabei ist der Reichskörper wie das erste Prinzip der Moral oder wie Jungfernerde sehr unauflöslich; ja gesetzt, einer von uns nähme ein Kurschwert und schnitte ihn damit wie einen Ohrwurm entzwei, so würde sich die gezähnte Hälfte eben wie der gespaltene Ohrwurm umkehren und den Hinterrest rein aufspeisen – und dann wäre ja der gesamte verknüpfte Ohrwurm wieder da und satt dazu. Es ist keine schädliche Folge dieses festen Reichsnexus, daß das corpus seine eignen Glieder wie der Bachkrebs seinen Magen verzehren und verdauen ohne wahren Schaden, so daß einer das corpus wie einen homerischen Gott nur verwunden, aber nicht ertöten kann: reibe, sag' ich oft, diesen Federbuschpolypenstamm mit Rösel zu Brei – stülp ihn um wie einen Handschuh – schneide den Polypen wie Lichtenberg geschickt mit einem Haare entzwei – stecke wie Trembley mehrere abgeschnittene Glieder ineinander und verleibe, wie andere Naturforscher, Reichsstädte, Abteien, kleine Länder größern ein oder umgekehrt – – und schaue nach einigen Tagen darnach: wahrhaftig herrlich und ganz genesen sitz dein Polype wieder dort, oder ich will nicht Schoppe heißen.« –

Der Graf hörte ihn schon länger und konnte also leichter und besser lächeln; der Lektor mußt' es erst lernen, da sogar der komische Akteur für seinen neuen Zuhörer noch keiner ist. Aber unter allen diesen Zerstreuungen dauerte in Albanos Seele ein verwirrter Tumult, gleichsam das Rauschen vom Wasserfalle der kommenden Zeiten fort. Er blickte sehnend durch die wankenden Fugen der Lorbeerzweige nach den glänzenden Hügeln draußen, da Dian in seiner Malersprache sagte: »Ist es nicht, als wenn alle Götter mit tausend Fruchthörnern auf den Bergen um den Lago maggiore ständen und Wein und Kaskaden niedergössen, damit nur der See wie ein Freudenpokal üppig überlaufe und herunterschäume?« – Schoppe versetzte: »Freuden von ausnehmendem Geschmack wie Ananas haben das Schlimme, daß sie wie Ananas das Zahnfleisch bluten machen.« – »Ich glaube«, sagte Augusti, »man muß über die Freuden des Lebens nicht viel reflektieren, so wie über die Schönheiten eines guten Gedichts, man genießet beide besser, ohne sie zu zählen oder zu zergliedern.« – »Und ich«, sagte Cesara, »würde zählen und zergliedern schon aus Stolz; was herauskäme, ertrüg' ich, und ich würde mich schämen, unglücklich zu sein. Ist das Leben wie eine Olive eine bittere Frucht, so greife nur beide scharf mit der Presse an, sie liefern das süßeste Öl.« – Hier stand er auf, um bis abends in der Insel allein zu bleiben; er bat um Nachsicht, machte aber keinen Vorwand. Seine hohe ehrgeizige Seele war unfähig, sich zur kleinsten Lüge niederzubücken; nicht einmal gegen – Vieh. Er lockte in Blumenbühl Flugtauben täglich durch Futter näher, und seine Pflegeschwester bat ihn oft, eine zu ergreifen; aber er sagte immer Nein, weil er sogar ein tierisches Vertrauen nicht belügen wollte. –

Als sie ihm nachsahen, da er langsam mit nachspringenden Schatten und mit den an ihm herabschlüpfenden Sonnenblitzen durch die Lorbeerbäume ging und wie in einem Traume die Zweige mit vorausgehaltenen Händen sanft auseinanderbog: so brach Dian aus: »Welche Jupiters-Statue!« – »Und die Alten«, fiel Schoppe ein, »glaubten noch dazu, daß jeder Gott in seiner Statue hause.« – »Eine herrliche dreifache Breite der Stirn, der Nasenwurzel und der Brust!« (fuhr Dian fort) »Ein Herkules, der auf dem Olympus Ölbäume pflanzt!« – »Es frappierte mich sehr,« (sagte der Lektor) »daß ich durch langes Anschauen auf seinem Gesichte lesen konnte, was ich wollte und was sich widersprach, Kälte – Wärme – Unschuld und Sanftmut – am leichtesten Trotz und Kraft.« – Schoppe setzte dazu: »Ihm selber mag es noch schwerer werden, einen solchen Kongreß kriegführender Mächte in sich zu einem Friedenskongreß zusammenzuzwingen.« – »Wie schön« (sagte der menschlich-fühlende Dian) »muß einer so kräftigen Gestalt die Liebe anstehen – wie erhaben der Zorn!« – »Das sind zwei malerische Schönheiten,« (versetzte Schoppe) »woraus sich zwei Pädagogiarchen und Xenophone wie wir wenig bei ihrem Cyrus machen in ihrer Cyropädie.«

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