Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
Schließen

Navigation:

Dreizehnte Jobelperiode

Roquairols Liebe – Philippica gegen die Liebhaber – die Gemälde – Albano Albani – das harmonische tête-à-tête – die Blumenbühler Reise

60. Zykel

Aus den Tropfen, welche die Harmonika aus Rabettens Herzen gezogen hatte, bereitet der alte Zauberer, das Schicksal, wie andere Zauberer aus Blut, vielleicht finstere Gestalten; denn Roquairol hatte es gesehen und sich über das Gefühl eines Herzens verwundert, das bisher mehr Arbeiten als Romane in Bewegung gesetzt hatten. Nun trat er ihr mit Anteil näher. Er hatte seit der Nacht des Schwurs sein Herz aus allen unwürdigen Ketten gezogen. In dieser Freiheit des Sieges ging er stolzer einher und streckte die Arme leichter und sehnsüchtiger nach edler Liebe aus. Er besuchte jetzt seine Schwester unaufhörlich; aber er hielt noch an sich. Rabette war ihm nicht schön genug neben der zarten Schwester, eine Bandrose neben einer von van der Ruysch; sie sagte selber naiv, sie sehe mit ihrer Dorf-Farbe im weißen Linon wie brauner Tee in weißen Tassen aus. Aber in ihren gesunden, noch nicht von tragischen Tropfen mattgebeizten Augen und auf den frischen Lippen glühte Leben, ihr kräftiges Kinn und ihre gebogne Nase drohten und versprachen Mut und Kraft, und ihr aufrichtiges Herz ergriff und verstieß entschieden und heftig. Er beschloß, sie zu – prüfen. Der TalmudBasa Mezia. c. 4. m. 10. verbietet, nach dem Preis einer Sache zu fragen, wenn man sie nicht kaufen will; aber die Roquairols feilschen immer und gehen weiter. Sie reißen eine Seele wie Kinder eine Biene entzwei, um aus ihr den Honig zu essen, den sie sammeln will. Sie haben vom Aale nicht nur die Leichtigkeit, zu entschlüpfen, sondern auch die Kraft, den Arm zu umschlingen und zu zerbrechen.

Er ließ nun vor ihr alle blendenden Kräfte seines vielgestaltigen Wesens spielen – das Gefühl seiner Überlegenheit ließ ihn sich frei und schön bewegen, und das sorglose Herz schien nach allen Seiten offen – er kettete den Ernst an den Scherz, die Glut an den Glanz, das Größte ans Kleinste so frei und die Kraft an die Milde. – Unglückliche! nun bist du sein; und er trägt dich von deinem festen Boden mit Raubschwingen in die Lüfte, und dann wirft er dich herab. Wie ein Gewächs am Gewitterableiter wirst du deine Kräfte reich an ihm entfalten und hinaufgrünen; aber er wird den Blitz auf sich und deine Blüten ziehen und dich entblättern und zerschlagen.

Rabette hatte einen solchen Menschen nie gedacht, geschweige gesehen; er drang gewaltsam in ihr gesundes Herz, und eine neue Welt folgte ihm nach. Durch Lianens Liebe gegen den Hauptmann ging ihre noch höher auf; und beide konnten von ihren Brüdern in freundlichem Wechsel sprechen. Die gute Liane suchte der Freundin mancherlei beizubringen, was sich schwer festsetzen wollte, besonders die Mythologie, welche ihr durch die französische Aussprache der Götter noch unbrauchbarer wurde. Sogar mit Büchern suchte Liane sie zusammenzubringen, so daß Lektüre ihr eine Art von Wochen-Gottesdienst wurde, dem sie mit wahrer Andacht beiwohnte und dessen Ende sie stets ergötzte. Durch alle diese Schöpfräder der Erkenntnis strömte Roquairols Liebe hindurch und half treiben und schöpfen. – Wie viele Errötungen flogen jetzt ohne allen Anlaß über ihr ganzes Gesicht! Das Lachen, womit sie sonst heiter war, kam jetzt zu oft und bedeutete nur ein unbeholfnes Herz, das seufzen will.

So stand ihr Verhältnis, als Karl einst scherzend hinter sie schlich und ihr die Augen mit einer Hand verdeckte, um ihr unter der Maske der brüderlichen Stimme sanfte schwesterliche Namen zu geben. Sie verwechselte die ähnliche Stimme, sie drückte inbrünstig die Hand, aber ihr Auge war heiß und naß. Da fand sie den Irrtum und floh mit der bedeckten Abend- und Morgenröte ihres Angesichts aus dem Zimmer. Jetzt schaute er Lianen, die ihn darüber tadelte, näher ins Auge, und auch ihres hatte geweint. Sie wollte ihm anfangs den Gegenstand der verschwisterten Rührung verhehlen; aber das fremde Nein war für ihn von jeher ein Hülfswort, ein Rückenwind, der ihn in den Hafen brachte. Liane wurde immer bewegter, endlich erzählte sie, daß Rabettens Berichte von Albanos Jugendgeschichte ihr die von der seinigen abgefodert und daß sie ihr die Sterbe-Nacht auf der Redoute gemalt und sogar sein blutiges Kleid gewiesen habe. »Und da weinte sie« (sagte Liane) »mit mir so herzlich, als wenn sie deine Schwester wäre. – O es ist ein liebes Herz!« Karl sah beide wie zwei Auen miteinander verbunden, nämlich durch den Regenbogen, der auf beiden mit Tropfen aufsteht; er zog sie mit dankender Liebe an die Brust. »Bist du denn glücklich?« fragte Liane mit einem Ton, der etwas Trübes weissagt.

Sie mußte ihr volles Herz aufschließen und ihm alles sagen – – staunend hörte er, daß ihr die ganze Tartarus-Nacht, worin die unbekannte Stimme Linda de Romeiro seinem Freunde zugesprochen, bekannt geworden. Durch wen? – Sie schwieg unerbittlich; er beruhigte sich, weil es doch nur Augusti sein konnte, der allein es wußte. »Und nun glaubst du, du Herz vom Himmel,« (sagt' er) »ich und mein Seelenbruder könnten uns je raubend entzweien? O es ist all' anders, all' anders! – Er verflucht die After-Geister und den Zweck der Äfferei – o er liebt mich; und mein Herz wird am Tage glücklich sein, wo es seines wird.« Der vielfache rührende Sinn dieser letzten Worte löste ihn in eine heilige Wehmut auf.

Aber sie nahm sich mitten in der herzlichsten Ergießung wie aus Frömmigkeit der Geister an und sagte: »Sprich nicht so von Geister-Erscheinungen! Sie sind, das weiß ich. – Nur nicht zu fürchten braucht man sie. –« Sie hielt aber hier mit fester Hand den Schleier über ihren Erfahrungen fest, auch wußt' er längst, daß sie, ungeachtet ihres fast zuckend-weichen Gefühls, das sogar der Anblick der blauen Adern auf der Lilien-Hand wie eine Wunde scheuete, doch vor Toten und in den Geisterstunden der Phantasie unerwartet beherzt erschien.

Hinter den Wellen so verschiedener Art, die jetzt sein Herz auf- und abtrieben, war Rabette verdunkelt. Er brannte nun bloß nach der Stunde, wo er seinem Albano die sonderbare Verräterei des Lektors sagen konnte.

 << Kapitel 68  Kapitel 70 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.