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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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59. Zykel

Es war ein romantischer Tag für Zesara, sogar von außen; Sonnenfunken und Regentropfen spielten blendend durch den Himmel. Er hatte einen Brief von seinem Vater aus Madrid bekommen, der auf den gedrohten Tod seiner Schwester endlich das schwarze Siegel der Gewißheit drückte und worin nichts Angenehmes war als die Nachricht, daß Don Gaspard mit der Gräfin de Romeiro, deren Vormundschaft er nun schließe, in dem Herbste (dem italienischen Frühling) nach Italien gehe. Zwei Töne waren ihm aus der Tonleiter der Liebe gerissen: er erfuhr nie, wie man einen Bruder liebe und eine Schwester. Das Zusammentreffen ihrer Sterbenacht mit der Tartarus-Nacht, dieses ganze Einkrallen in die heiligen Bilder und Wünsche seines Herzens empörte seinen Geist, und er fühlte zornig, wie ohnmächtig eine ganze antastende Welt Lianens Bild in ihm wegzurücken suche; und fühlte wieder schmerzlich, daß eben diese Liane selber an ihr nahes Vergehen glaube. –

So fand ihn eine unerwartete Einladung von der – Ministerin selber – – Sonnenfunken und Regentropfen spielten auch in seinem Himmel. – Er flog; im Vorzimmer stand der Engel, der die sechs apokalyptischen Siegel erbrach – Rabette. Sie war ihm entgegengelaufen aus Scheu vor der Gesellschaft und hatt' ihn früher umarmt als er sie. Wie gern sah er ins bekannte redliche Angesicht! Mit Tränen hört' er den Namen Bruder, da er heute eine Schwester verloren! – –

Die Ursache ihrer Erscheinung war diese: als der Direktor das letztemal bei der Ministerin war, hatte diese mit leichter verdeckter Hand seiner Tochter »zur Kenntnis des leeren Stadtlebens und zur Veränderung« – ihr Haus geöffnet, um künftig an seines für ihre klopfen zu dürfen. Er sagte, »er spedier' ihr den weiblichen Wildfang mit Freuden«. Und da ihm in Blumenbühl Rabette Nein, dann Ja, dann Nein, dann Ja geantwortet und sie mit der Mutter noch vor Mitternacht eine Reichskammergerichts-Revision, einen Münzprobations-Tag über alles gehalten hatte, was ein Mensch vom Land anziehen kann in der Stadt: so packte sie dort auf und hier – ab.

»Ach ich fürchte mich drinnen,« (sagte sie zu Albano) »sie sind alle zu gescheut, und ich bin nun so dumm!« – Er fand außer dem Familienkleeblatt noch die Prinzessin und die kleine Helena aus Lilar, dieses schöne Medaillon eines schönen Tages für sei gerührtes Herz. Unbeschreiblich ergriff ihn Lianens weibliche Annäherung an Rabette, gleichsam als teil' er sie mit ihr. Mit Leutseligkeit und Zartheit kam die Milde, die ohne Falsch und Stolz war, der verlegnen Gespielin zu Hülfe, auf deren Gesicht die angeborne lachende und beredte Natur jetzt sonderbar gegen den künstlichen Stummen-Ernst abstach. Karl war mit seiner gewandten Vertraulichkeit mehr imstande sie zu umstricken als loszuwickeln; bloß Liane gab ihrer Seele und Zunge schon durch den Stickrahmen freies Feld; Rabette schrieb mit der Sticknadel zwar keine Zier- und Anfangsbuchstaben, aber doch eine gute Kurrenthand.

Sie gab – das Gesicht gegen das brüderliche gewandt, um Mut davon zu holen – von dem gefährlichen Wege und Umwerfen einen deutlichen Bericht und lachte dabei, nach der Sitte des Volks, wenn es sein Unglück erzählt. Der Bruder war ihr auf Kosten der Gesellschaft selber die Gesellschaft und die Welt; nach ihm allein strömte ihre Wärme und Rede hin. Sie sagte: sie könn' ihn aus ihrer Stube »klavieren« sehen. Liane führte beide sofort darein. Wie reich und erhaben über Rabettens Ansprüche ans Stadtleben war das jungfräuliche Hospitium ausgestattet, von der Tulpe an – keiner blühenden, sondern einem Arbeitskörbchen von Liane, wiewohl jede Tulpe eines für den Frühling ist – bis zum Klavier, von dem sie gegenwärtig freilich nicht mehr verbrauchen kann als sieben Diskanttasten für einen halben Walzer! Fünf mäßige Kleiderkästen – denn damit glaubte sie auszukommen und der Stadt zu zeigen, daß auch das Land sich kleiden könne – stellten ihm in ihren wohlbekannten Blumenstücken und Blechbändern gleichsam die alten Drucke (Inkunabeln) der ersten Lebenstage vor; und heute erquickte ihn jede Spur der alten Liebes-Zeit. Sie ließ ihn seine Fenster suchen, aus deren einem der Bibliothekar einen soliden Blick auf einen Gassenstein heftete, um ihn immer zu treffen mit Anspucken.

Hier einsam neben dem Bruder sagte Liane der Schwester das Wort der Freundschaft lauter und versicherte, wie sie sie erfreuen wolle und wie gut und wahr sie es mit ihr meine. O sehet in die Flamme der reinen religiösen schwesterlichen Liebe mit keinem gelben Auge des Argwohns! Fasset ihr nicht, daß diese schöne Seele eben jetzt ihre reichen Flammen zerteile für alle Schwesterherzen, bis die Liebe sie zusammendrängt in eine Sonne, wie nach den Alten die zerstreueten Blitze der Nacht am Morgen sich zu einer dichten Sonne sammlen? – Sie war überall Auge für jedes Herz; wie eine Mutter vergaß sie nicht einmal die Kleine über Große; – und sie goß – keiner streiche mir dieses kleine Beispiel weg – der kleinen Helena die Tasse Kaffee, die der Doktor verbot, halb voll Sahne, damit er ohne Kraft und Nachteil sei.

Die ungeduldige Prinzessin hatte schon zehnmal nach dem Himmel geschauet, durch welchen bald Lichtstrahlen, bald Regensäulen flogen – bis endlich aus dem verzehrten Wolkenschnee das Blau in weiten Feldern wuchs und Julienne die erfreueten jungen Leute in den Garten zum Anstoß der Ministerin entführen konnte, die ungern Lianen dem Serein, fünf oder sechs Abendwind-Stößen und dem Waten durch das 1/19 Linie hoch stehende Regenwasser aussetzte. Sie selber blieb zurück. Wie war alles drunten so neu geboren, widerscheinend und liebkosend! Die Lerchen stiegen aus den fernen Feldern wie Töne auf und schmetterten nahe über dem Garten – in allen Blättern hingen Sterne, und die Abendluft warf das nasse Geschmeide, die zitternden Ohrrosen aus den Blüten in die Blumen herab und trieb süße Düfte den Bienen entgegen. Die Idylle des Jahrs, der Frühling, teilte sein holdes Schäferland unter die jungen Seelen aus. Albano nahm die Hand seiner Schwester, aber er hörte mühsam auf ihre Berichte vom Hause. Liane ging mit der Prinzessin weit voraus und labte sich am offnen Himmel der Vertraulichkeit.

Plötzlich stand Julienne mit ihr scherzend still, um den Grafen heranzulassen und zu fragen nach Briefen von Don Gaspard und nach Nachrichten von der Gräfin Romeiro. Er teilte mit erglühendem Gesicht den Inhalt des heutigen mit. In Juliennes Physiognomie lächelte fast Neckerei. Auf die Nachricht von Lindas Reise versetzte sie: »Daran erkenn' ich sie; alles will sie lernen – alles bereisen. – Ich pariere, sie steigt auf den Montblanc und in den Vesuv. Liane und ich nennen sie darum die Titanide.« Wie freundlich hörte diese zu, mit den Augen ganz auf der Freundin! »Sie kennen sie nicht?« fragte sie den Gepeinigten. Er verneinte heftig. Roquairol kam nach; »Passez, Monsieur!« sagte sie, Platz machend und ihn fortwinkend. Liane blickte sehr ernst nach. »La voici!« sagte Julienne, indem sie an einem Ringe ihrer kleinen Hand durch einen Druck die Decke eines Bildnisses aufspringen ließ. – – Guter Jüngling! es war ganz die Gestalt, welche in jener Zaubernacht aus dem Lago maggiore aufstieg, dir von den Geistern zugeschickt! – »Sie ist getroffen«, sagte sie zu dem erschütterten Menschen. »Sehr!« sagt' er verwirrt. Sie untersuchte dieses widersprechende »Sehr« nicht; aber Liane sah ihn an; »Sehr – schön und kühn!« (fuhr er fort) »aber ich liebe Kühnheit an Weibern nicht.« – »O, das glaubt man den Männern gern«, versetzte Julienne; »keine feindliche Macht liebt sie an der andern.«

Sie gingen jetzt in der Kastanienallee vor der heiligen Stätte vorbei, wo Albano die Braut seiner Hoffnungen zum ersten Male hinter den Wasserstrahlen hatte glänzen und leiden sehen. O er hätte hier mit dieser vom Gegeneinanderarbeiten wunderbarer Verhältnisse bang-erhitzten Seele gern vor dem nahen stillen Engel niederknien mögen! – Die zarte Julienne merkte, sie habe ein bewegtes Herz zu schonen; nach einem ziemlich lauten Schweigen sagte sie in ernstem Ton: »Ein holder Abend! Wir wollen aufs Wasserhäuschen. – Liane wurde da geheilt, Graf!. Die Fontänen müssen auch springen.« – »O die Fontänen!« sagte Albano und sah unbeschreiblich gerührt Lianen an. Sie dachte aber, er meine die im Flötental. Helena gebot hinter ihnen, zu warten, und kam mit zwei Händchen voll gepflückter tauiger Aurikeln nachgetrippelt und gab sie alle Lianen, von ihr als der Kollatorin der Benefizien die Blumen-Spende erwartend; »auch die Kleine denkt noch an den schönen Sonntag in Lilar«, sagte Liane. Sie gab der Prinzessin ein paar, und Helena nickte; und als Liane sie ansah, nickte sie wieder zum Zeichen, der Graf soll' auch etwas haben; – »noch mehr!« rief sie, als er bekommen; und je mehr jene gab, desto mehr rief sie »mehr!« – wie Kinder in den Hyperbeln ihres Hanges zur Unendlichkeit pflegen.

Man ging über eine grüne Brücke und kam in ein niedliches Zimmer. Statt des vorigen Pianofortes stand ein gläsernes Heiligenhaus der Tonmuse da, eine Harmonika. Der Hauptmann schraubte innen hinter einem Tapetentürchen, und sogleich fuhren draußen alle festgebundnen Springwasser mit silbernen Flügeln gen Himmel. O wie brannte die beregnete Welt, als sie hinaus auf die Höhe traten!

Warum warst du, mein Albano, gerade in dieser Stunde nicht ganz glücklich? – Warum stechen denn durch alle unsre Bündnisse Schmerzen, und warum blutet das Herz wie seine Adern am reichsten, wenn es erwärmt wird? – Über ihnen lag der stille verwundete Himmel im Verband eines langen weißen Gewölkes – die Abendsonne stand noch hinter dem Palast, aber auf beiden Seiten desselben wallete ihr Purpurmantel aus Wolken in weiten Falten über den Himmel hin – und wenn man sich umkehrte nach Osten, zu den Bergen von Blumenbühl, so liefen grüne Lebens-Flammen hinauf, und wie goldne Vögel hüpften die Irrlichter durch die feuchten Zweige und an die Morgenfenster, aber die Fontänen warfen noch ihr weißes Silber in das Gold. – –

Da schwamm die Sonne mit roter heißer Brust, goldne Kreise in den Wolken ziehend, hervor, und die gebognen Wasserstrahlen brannten hell ... Julienne sah Albano, neben welchem sie immer gleichsam gutmachend geblieben, herzlich an, als ob es ihr Bruder wäre, und Karl sagte zu Liane: »Schwester, dein Abendlied!« – »Von Herzen gern«, sagte sie; denn sie war recht froh über die Gelegenheit, sich mit dem wehmütigen Ernst ihres Genusses zu entfernen und drunten in der einsamen Stube auf den Harmonikaglocken alles laut zu sagen, was die Entzückung und die Augen verschweigen.

Sie ging hinab, das melodische Requiem des Tages stieg herauf – der Zephyr des Klanges, die Harmonika, flog wehend über die Garten-Blüten – und die Töne wiegten sich auf den dünnen Lilien des aufwachsenden Wassers, und die Silberlilien zersprangen oben vor Lust und Sonne in flammige Blüten – und drüben ruhte die Mutter Sonne lächelnd in einer Aue und sah groß und zärtlich ihre Menschen an. – – Hältst du denn dein Herz, Albano, daß es mit seinen Freuden und Leiden verborgen bleibt, wenn du die stille Jungfrau im Mondschein der Töne wandeln hörst? O wenn der Ton, der im Äther vertropft, ihr das frühe Verrinnen ihres Lebens ansagt und wenn ihr die langen weichen Melodien als das Rosenöl vieler zerdrückter Tage entfließen: denkst du daran nicht, Albano? – Wie der Mensch spielet! Die kleine Helena wirft mit Aurikeln nach den lodernden Wasseradern, damit sie eine mit aufschleudern; und der Jüngling Zesara bückt sich weit über das Geländer und lässet an der schiefen Hand den Wasserstrahl auf sein heißes Gesicht und Auge abspringen, um sich damit zu kühlen und zu verhüllen. – Durch seine Schwester wurde ihm der feurige Schleier geraubt; Rabette gehörte unter die Menschen, welche dieses tönende Beben sogar physisch zernagt – so wie wieder den Hauptmann die Harmonika wenig ergriff, der immer am wenigsten gerührt war, wenn es andere am meisten waren –; die Unschuldige war mit keinen Schmerzen weniger vertraut als mit süßen; die bittersüße Wehmut, worein sie in der müßigen Einsamkeit der Sonntage versank, hatten sie und andere bloß für Verdrießlichkeit gescholten. Jetzt fühlte sie auf einmal mit Erröten ihr rüstiges Herz wie von heißen Strudeln gefasset, umgedreht und durchgebrannt. Ohnehin war es heute durch das Wiederfinden des Bruders, durch das Verlassen der Mutter und die verlegne Bangigkeit vor Fremden und selber durch den sonnenroten Blumenbühler Berg hin und her bewegt. Umsonst kämpften die frischen braunen Augen und die überreife volle Lippe gegen den aufwühlenden Schmerz, die heißen Quellen rissen sich durch, und das blühende Angesicht mit dem kräftigen Kinn stand errötend voll Tränen. Schmerzlich-verschämt und bange, für ein Kind gehalten zu werden, zumal da alle Rührungen der andern unsichtbar geblieben waren, drückte sie das Schnupftuch über das brennende Gesicht und sagte zum Bruder: »Ich muß fort, mir ist nicht wohl, es will mich ersticken« – und lief hinab zur sanften Liane.

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