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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Hat ein Vater – wie unser Minister – nicht viel, so kann er die Kinder, wie die Ägypter die Eltern (nämlich die Mumien davon), als Schuld- und Faustpfänder oder Reichspfandschaften, die man nicht einlöset, einsetzen.

Jetzt hat sich der Kaufmannsstand, der sonst nur fremde Produkte vertrieb, auch dieses Handelszweigs bemächtigt; mich dünkt aber, er hätte in seinem untern Kaufgewölbe Spielraum genug, eigennützig und verdammt zu werden, ohne die Treppe hinaufzusteigen zur Tochter. In Guinea darf nur der Adel handeln; bei uns ist ihm fast aller Handel, außer dem kleinen mit den Töchtern und den übrigen wenigen Dingen, die auf den eignen Gütern wachsen, abgeschnitten und verwehrt; daher hält er so fest auf diese Handelsfreiheit, und die Noblesse scheint hier eine für diesen zarten Handelszweig verbundne Hansa zu sein; so daß man gewissermaßen den erhabnen Stand mit dem erhabnern im eigentlichen Sinn vergleichen mag, den in Rom verkäufliche Leute besteigen mußtenPlaut. Bach. Act. 4. Scen. 7. 17., um besehen zu werden.

Es ist eine gemeine Einwendung sogenannter gefühlvoller junger Herzen, daß dergleichen Verhandlungen die Liebe sehr sperren oder gar sprengen; indes ihr wohl nichts so sehr vorarbeitet als eben dies. Denn ist nur der Handel geschlossen und vom Buchhalter (dem Pfarrer) ins Hauptbuch eingetragen: so tritt ja die Zeit ein, wo die Tochter ihr Herz bedenken und versorgen darf, nämlich die schöne Zeit nach der Heirat, die allgemein in Frankreich und Italien und allmählich auch in Deutschland als die schicklichere angenommen wird, wo ein weibliches Herz frei unter der Männer-Schar erwählen kann; ihr Staat wird dann, wie der venezianische, aus einem merkantilischen ein erobernder. Auch den Gemahl selber unterbricht das kurze Handlungsgeschäft so wenig nach- als vorher in seiner Liebe; nur tritt jetzt – wie in Nürnberg dem Juden eine alte Frau – unserem immer ein junge nach. Ja oft fasset der eheliche Handels-Mann selber Neigung für das heimgeführte Subjekt – welches ein ungemeines Glück –, und wie Moses Mendelssohn mit dem seidnen Waren-Bündel unter dem Arm seine Briefe über die Empfindungen aussann, so meditieren bessere Männer unter dem Handel Liebesbriefe an den Handelszweig und handeln mit der Jungfrau – wie Kaufleute in Messina7ter Teil der neuen Sammlungen der Reisebeschreibungen. mit der heiligen – in Compagnie; aber freilich solche profitable Verbindungen der Liebe mit Geschäften bleiben seltene Vögel und sind wenig zu prätendieren. – –

– Das Vorige schrieb ich für Eltern, die gern scherzen mit – kindlichem Glück; ich will jetzt aus ihrem und meinem Scherz Ernst machen. Ich frage euch erstlich über euer Recht, moralischen freien Wesen die Neigungen oder gar den Schein derselben vorzuschreiben und durch eine Machthandlung den giftigen Blei-Zepter über ein ganzes freies Leben auszustrecken. Eure zehn Lehrjahre des Lebens mehr machen so wenig einen Unterschied in der gegenseitigem Freiheit als Talent oder sein Mangel. Warum befehlt ihr denn Töchtern nicht ebensogut Freundschaft auf Lebenslang? Warum übt ihr bei der zweiten Ehe nicht dasselbe Recht? Aber ihr habt eben keines zu verwerfen, ausgenommen in der minorennen Zeit, wo das Kind noch keines hat, zu wählen. Oder fodert ihr für die Erziehung zur Freiheit beim Abschiede als Ehrensold das Opfer der Freiheit? – Ihr tut, als hättet ihr erzogen, ohne selber erzogen zu sein, indes ihr bloß eine schwere geerbte Schuld, die ihr an eure Eltern nie bezahlen könnt, an eure Kinder abtragt; und ich kenne hierin nur einen unbezahlten Gläubiger, den ersten Menschen, und nur einen insolventen Schuldner, den letzten. Oder schützet ihr euch noch mit dem barbarischen unmoralischen römischen Vorurteil, das Kinder als weiße Neger der Eltern feilbietet, weil die frühere erlaubte Gewalt über das nicht-moralische Wesen sich hinter der Allmählichkeit seiner Entwicklung unbemerkt als eine über das moralische herüberschleicht?

Dürft ihr aus Liebe Kinder zu ihrem Glück, so dürfen sie später ebensogut aus Dankbarkeit euch zu eurem zwingen. Aber was ist denn das Glück, wofür sie ihr ganzes Herz mit allen seinen Träumen wegwerfen sollen? – Meistens eures; eure Beleuchtung und Bereicherung, eure Feind- und Freundschaften sollen sie mit dem Opfer des Innersten büßen und kaufen. Dürft ihr eure stillen Voraussetzungen zum Glück einer Zwangsehe laut bekennen, z. B. die Entbehrlichkeit der Liebe in der Ehe, die Hoffnung eines Todesfalles, die vielleicht doppelte Untreue sowohl gegen den ehelichen Käufer als gegen den außer-ehelichen Geliebten? Ihr müsset SünderinnenIch spreche mehr von Töchtern, weil diese die gewöhnlichsten und größten Opfer sind; die Söhne sind unblutige Meßopfer. voraussetzen, um nicht Räuber zu sein.

Tut mir nicht dar, daß Neigungsehen oft schlecht und Zwangsehen oft gut genug ausgefallen, wie an Herrnhutern, Germanen und Orientalern zu ersehen. Nennt mir sonst lieber alle barbarischen Völker und Zeiten her, worin, weil beide ja nur den Mann, nie die Frau berechnen, eine glückliche Ehe nichts bedeutet als einen glücklichen Mann. Niemand steht nahe genug dabei, die weiblichen Seufzer zu hören und zu zählen; der ungehörte Schmerz wird endlich sprachlos; neue Wunden schwächen das Bluten der ältesten. Ferner: am Mißgeschick der Neigungs-Ehen ist eben ihr Verwehren und euer Krieg gegen die Verehlichten schuld. – Ferner: jede Zwangs-Ehe ist ja meistens zur Hälfte eine Neigungs-Ehe. Endlich: die besten Ehen sind im mittlern Stand, wo mehr die Liebe, und die schlechtesten in den höhern, wo die Rücksicht bindet; und sooft in diesen ein Fürst bloß mit seinem Herzen wählte, so erhielt er eines, und er verlor und betrog es nie. – –

Welches ist denn nun die Hand, in welche ihr so oft die schönste, feinste, reichste, aber widersträubende presset? Gewöhnlich eine schwarze, alte, welke, gierige. Denn veraltete, reiche oder steigende Libertins haben zu viel Kenntnis, Sättigung und Freiheit, um sich andere Wesen zu stehlen als die herrlichsten; die minder vollkommnen fallen bloß Liebhabern anheim. Aber wie niedrig ist ein Mann, der, verlassen vom eignen Wert, bloß vom fremden Machtgebot beschützt, sein Glück bezahlend mit einem gestohlnen, nun die unbeschirmte Seele von einer geliebten nachweinenden in ein langes kaltes Leben wegschleppen und sie in seine Arme wie in frostige Schwerter drücken und sie darin so nahe an seinem Auge blutend erbleichen und zucken sehen kann! – Der Mann von Ehre gibt schon errötend, aber er nimmt nicht errötend; und der bessere Löwe, der tierische, schonet das WeibPlin. H. N. VIII. 16.; aber diese Seeleneinkäufer erpressen vom bezwungnen Wesen noch zuletzt das Zeugnis der Freiwilligkeit.

Mutter des armen Herzens, das du durch Unglück beglücken willst, höre du mich! Gesetzt, deine Tochter härte sich ab gegen das aufgedrungene Elend: hast du ihr nicht den reichen Traum des Lebens zum leeren Schlafe gemacht und ihr daraus die glückseligen Inseln der Liebe genommen und alles, was auf ihnen blüht, die schönen Tage, wo man sie betritt, und das ewige frohe Umsehen nach ihnen, wenn sie schon tief im Horizonte mit ihren blühenden Gipfeln liegen? Mutter, war diese frohe Zeit in deiner Brust, so nimm sie der Tochter nicht; und war sie dir grausam entzogen, so denk an deinen bittersten Schmerz und erb' ihn nicht fort.

Gesetzt ferner, sie macht den Entführer ihrer Seele glücklich, rechne nun, was sie für den Liebling derselben gewesen wäre und ob sie dann nichts verdiene, als den zu ihr von einer Gefängnistüre auf immer eingeschlossenen Kerkermeister zu ergötzen! – Aber so gut ists selten; – du wirst ein doppeltes Mißgeschick auf deine Seele häufen, den langen Schmerz der Tochter, das Erkalten des Gatten, der später die Weigerungen fühlt und rügt. – Du hast die Zeit verschattet, wo der Mensch am ersten Morgensonne braucht, die Jugend. O macht lieber alle andere Tageszeiten des Lebens trübe – sie sind sich alle ähnlich, das dritte und das vierte und fünfte Jahrzehend –, nur bei Sonnenaufgang lasset es nicht ins Leben regnen; nur diese einzige, nie umkehrende, unersetzliche Zeit verfinstert nicht.

Aber wie, wenn du nicht bloß Freuden, Verhältnisse, eine glückliche Ehe, Hoffnungen, eine ganze Nachkommenschaft für deine Plane und Befehle opfertest, sondern das Wesen selberUnd das ist durchaus wahrscheinlich. Doktor Eduard Hill berechnete, daß in England jährlich 8000 an der unglücklichen Liebe – am gebrochnen Herzen, wie die Engländerinnen rührend sagen – sterben. Beddoes erweiset, daß die vegetabilische Kost – und diese lieben gerade diese Wesen – die Schwindsucht nähre und daß die weiblichen sich zu dieser neigen. Noch dazu fallen die Zeiten der Sehnsucht, die schon ohne Fehlschlagen, wie das Heimweh zeigt, eine vergiftend-herumziehende Bleikugel ist, in die Jugend ein, wo der Same der Brustkrankheiten am leichtesten aufgeht. O manche fallen in der Ehe unter falschen Auslegungen vor dem Todesengel, dem sie vor ihr das Schwert geschärft und gegeben., das du zwingst? Wer kann dich rechtfertigen oder deine Tränen trocknen, wenn die beste Tochter – denn gerade diese wird gehorchen, schweigen und sterben, wie den Mönchen von La Trappe ihr Kloster niederbrennt, ohne daß einer das Gelübde des Schweigens brichtForsters Ansichten. 1. B. – wenn sie, sag' ich, wie eine Frucht halb vor der Sonne, halb im Schatten, nach außen hin blüht und nach innen kalt erbleicht, wenn sie, ihrem entseelten Herzen nachsterbend, dir endlich nichts mehr verhehlen kann, sondern jahrelang die Blässe und die Schmerzen des Unterganges mitten im Aufgange des Lebens herumträgt – und wenn du sie nicht trösten darfst, weil du sie zerstöret hast und dein Gewissen den Namen Kindermörderin nicht verschweigt – und wenn nun endlich das ermüdete Opfer vor deinen Tränen daliegt und das ringende Wesen so bang und früh, so matt und doch lebensdurstig, vergebend und klagend, mit brechenden und sehnsüchtigen Blicken peinlich-verworren und streitend in den bodenlosen Todesfluß mit den blühenden Gliedern untersinkt: o schuldige Mutter am Ufer, die du sie hineingestoßen, wer will dich trösten? – Aber eine schuldlose würde ich rufen und ihr das schwere Sterben zeigen und sie fragen: soll dein Kind auch so untergehen? –

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