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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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– – Man will es sehr preisen an der Familie der QuintierAlexand. ab Al. V. 4., daß sie nie Gold besessen; ich führe – ohne tausend andere Familien aufzustellen, von denen dasselbe zu beschwören ist – nur die Froulaysche an. Gewisse Familien haben wie Spießglas durchaus keine chemische Verwandtschaft mit diesem Metall, wenn sie auch wollten; – wahrlich Froulay wollte; er sah sehr auf seinen Vorteil (auf etwas anderes nicht), er setzte (obwohl nur in Kollisionsfällen) gern Gewissen und Ehre beiseite; aber er brachte es zu nichts als zu großen Ausgaben und großen Projekten, bloß weil er das Geld nicht als Endzweck des Geizes, sondern nur als Mittel des Ehrgeizes und der Tätigkeit sucht. Sogar für einige Gemälde, die Bouverot für den Fürsten in Italien gekauft, war er jenem noch den Kaufschilling schuldig, den er von der Kammer erhoben. Durch seine Schuldbriefe stand er wie durch Zirkelbriefe in ausgebreiteten Verbindungen. Er hätte gern seinen Ehekontrakt in einen Schuldbrief umgeschrieben und mit der Ministerin wenigstens die innigste Gemeinschaft – der Güter gehabt – denn unter den jetzigen Umständen grenzten Scheidung und Konkurs nachbarlich aneinander –; aber wie gesagt, manche Menschen haben bei den besten Krallen – wie der Adler des römischen KönigsUm sich von dem Adler des Kaisers zu unterscheiden, der in beiden Fängen etwas hält. – nichts darin. –

Er fuhr fort: »jetzt höret diese Gêne vielleicht auf. Haben Sie bisher Beobachtungen über ihn gemacht?« – Sie schüttelte. »Ich« (versetzt' er) »schon lange und solche, die mich wahrhaft soulagierten; – j'avois le nez bon quant à cela – er hat reelle Neigung für meine Liane.«

Die Ministerin konnte keinen Verfolg erraten und bat ihn mit verdecktem Erstaunen, zur angenehmen Sache zu kommen. Komisch rang auf seinem Gesicht der freundliche Schein mit der Erwartung, er werde sich sogleich erbosen müssen; er versetzte: »Ist Ihnen das keine? Der Ritter meint es ernsthaft. Er will sich jetzt mit ihr heimlich verloben; nach drei Jahren tritt er aus dem Orden, und ihr Glück ist gemacht. Vous êtes je l'espère pour cette fois un peu sur mes intérèts, ils sont les vôtres.« –

Ihr so schnell und tief getroffenes Mutterherz weinte und konnte kaum verhüllet werden. »Herr von Froulay!« (sagte sie nach einiger Fassung) »ich verberge mein Erstaunen nicht. Eine solche Ungleichheit in den Jahren – in den Neigungen – in der Religion«Bouverot war katholisch. – –

»Das ist des Ritters Sache, nicht unsere«, versetzt' er, erquickt von ihrer entrüsteten Verwirrung, und warf wie das Wetter in seiner Kälte nur feinen spitzen Schnee, keinen Hagel. – »Was Lianens Herz anlangt, dieses bitt' ich Sie eben zu sondieren.« – »O dieses fromme Herz? – Sie persiflieren!« – »Posito! desto lieber wird das fromme Herz sich fügen, um das Glück des Vaters zu machen, wenn sie nicht die größte Egoistin ist. Ich möchte die gehorsame Tochter nicht gern zwingen.« – »N'épuisez pas ce chapitre; mon coeur est en presse. – Es wird ihr das Leben kosten, das ohnehin an so schwachen Fäden hängt.« – – Diese Erwähnung schlug allezeit Zornfeuer aus seinem Kiesel: »Tant mieux,« (sagt' er) »so bleibt es bei der Verlobung! hätt' ich bald gesagt – sacre – –! Und wer ist daran schuld? So gehts mir mit dem Hauptmann auch; anfangs versprechen meine Kinder alles, dann werden sie nichts. – Aber, Madame,« (indem er sich schnell und giftig zusammenfaßte und statt seiner Lippen und Zähne bloß die Gehörwerkzeuge eines schlafenden Schoßhundes mäßig drückte) »Sie allein wissen ja alles durch Ihren Einfluß auf Liane zu dressieren und zu redressieren. Sie gehorcht Ihnen vielleicht noch eher als mir. Ich werde dann nicht bei dem Ritter kompromittiert. – Die Vorteile detaillier' ich nicht weiter.« Seine Brust wurde hier schön erwärmt unter dem Geierfell der Entrüstung.

Aber die edle Frau stand jetzt unwillig auf und sagte: »Herr von Froulay! Bis jetzt sprach ich nicht von mir – Nie werd' ich es raten, oder billigen, oder zulassen; ich werde das Gegenteil tun. – Herr von Bouverot ist meiner Liane nicht würdig.« –

Der Minister hatte während der Rede mehrmals mit der Lichtschere ohne Not über den Wachslichtern zugeschnappt und nur die Flammenspitze geköpft; die fixe Luft des Zorns strich jetzt die Rosen seiner Lippen (wie die chemische die botanischen) blau an. – »Bon!« – (versetzt' er) – »Ich verreise; Sie können darüber reflechieren – aber ich gebe mein Ehrenwort, daß ich nie in irgendeine andere Partie konsentiere, und wäre sie« (wobei er die Frau ironisch ansah) »noch ansehnlicherEr meinte eine mit dem armen Lektor. als die eben projektierte – entweder das Mädchen gehorcht, oder sie leidet – decidez! – Mais je me fie à l'amour que vous portez au père, et à la fille; vous nous rendrez tous assez contents.« Und dann zog er fort, nicht als Gewitter, sondern als Regenbogen, den er aus der achten Farbe allein verfertigte, aus der schwarzen, und zwar mit den Augenbraunen.

Nach einigen mit der Mutter und – Tochter zürnenden Tagen reisete er als Luigis Geschäftsträger nach Haarhaar zur fürstlichen Braut. Die bedrängte Mutter vertrauete ihrem ältesten und einzigen Freunde, dem Lektor, das trübe Geheimnis. Beide hatten jetzt ein reines Verhältnis der Freundschaft gegeneinander, das in Frankreich durch die höhere Achtung für die Weiber häufiger ist. In den ersten Jahren der ministerialischen Zwangsehe, die nicht mit Morgentau, sondern mit Morgenreif anbrach, flatterte vielleicht der Dämmerungsvogel, Amor, ihnen nach; aber später vertrieben die Kinder diese Sphinx. Über die Mutter wird oft die Gattin verschmerzt. Sie nahm daher mit der ihr eignen kalten und klaren Stärke alles Schwankende in ihrem Verhältnis gegen Augusti auf immer weg; und er machte ihr die Festigkeit durch die seinige leichter, weil er bei mehr Ehr- als Weiber-Liebe über kein Flechtwerk röter wurde als über das eines Korbes und irrig glaubte, ein Empfänger habe sich so zu schämen wie eine Empfängerin.

Der Lektor konnte voraussehen, daß sie auch nach ihrer Ehescheidung – die sie nur Lianens wegen verschob – schon darum unverbunden bleiben werde, um ihrer Tochter ein Allodialgut, Klosterdorf, für dessen Vorbehaltung sie nun 21 Jahre lang den Sturmbalken und Sichelwagen und Doppelhaken des alten Ministers bloßgestanden, nicht zu entziehen. Ob sie einem so festen und zarten Manne, der in nichts von ihr abwich als in der Welt-Kälte gegen positive Religion, nicht ihre teuere Liane selber schweigend zudenke, ist eine andere und schönere Frage. Eine solche Wechselgabe wäre einer solchen Mutter und Freundin würdig, die aus ihrem Herzen wußte, daß Zart- und Ehrgefühl zusammen einer geliebten Seele ein festeres Glück bereiten als die Genieliebe, dieser Wechsel von fliegender Hitze und fliegender Kälte, dieses Feuer, das wie das elektrische stets zweimal zertrümmert, bei dem Anfliegen und bei dem Abspringen. Der Lektor selber warf jene Frage nicht auf; denn er machte nie unsichere, kecke Plane; und welcher wär' es mehr gewesen als der einer solchen Verbindung bei seiner Armut oder bei einem solchen Schwiegervater in einem Lande, wo, wie in Kursachsen, ein so wohltätiges Gesetz (- für die Eltern) sogar eine vieljährige Ehe, die kein elterlicher Konsens geschlossen, wieder abbestellen kann! –

Mit nassen Augen zeigte die Ministerin ihm die neuen Sturmwolken, die wieder über sie und ihre Liane heraufstiegen. Sie konnte auf sein feines Auge für die Welt, auf seine stumme Lippe und auf seine gewandte Hand für Geschäfte bauen. Er sagte – wie immer –, das hab' er alles vorausgesehen; bewies ihr aber, daß Bouverot sein Ritterkreuz – schon aus Habsucht – nie gegen den Ehering vertauschen werde, welche Absichten er auch auf Lianen nähre. Er ließ sie, soweit es die Schonung für ihre wunden Verhältnisse vertrug, es erraten, bis zu welchem Grade von Bereitwilligkeit für Bouverots Wünsche gerade Lianens zerbrechliches Leben den Minister locken könne, um es abzuernten, bevor es abblühe. Denn Froulay brachte Zumutungen gegen die Ehre behender die Kehle hinab als Verletzungen seiner Eitelkeit, wie der Wasserscheue leichter derbe Brocken als Flüssiges. Doch klang das alles der Ministerin nicht so unmoralisch-hart, als Leser aus den mittlern Ständen denken möchten; ich berufe mich auf die vernünftigen aus den höhern.

Augusti und die Ministerin sahen, man müßte in der Abwesenheit des Ministers doch etwas für Liane tun; und beide trafen wunderbar im Projekte zusammen. – Liane muß aufs Land in dieser schönen Zeit – sie muß ihre Gesundheit rüsten für die Kriege der Zukunft – sie muß den Besuchen des Ritters entzogen sein, die nun der Geburtstag vervielfältigen wird – der Minister muß sogar gegen den Ort nichts einzuwenden haben. – – Und wo kann dieser liegen? – Bloß unter dem Dache des Direktors Wehrfritz, der den deutschen Herrn nicht ausstehen kann, weil er sein vergiftendes Verhältnis zum Fürsten weiß. Aber freilich sind vorher noch andere Berge zu übersteigen als der nach Blumenbühl.

Selber der Leser muß jetzt über einen niedrigen hinüber; und der ist ein kurzes komi-tragisches Extrablatt

über den grünen Markt mit Töchtern

Folgendes ist gewiß: jeder Inhaber einer sehr schönen oder sehr reichen Tochter verwahrt gleichsam einen Pitt unter dem Dach, der ihm selber unbrauchbar ist und den er erst nach langem Ruhen einem RegentenIch meine nicht (wie es etwa aus dem Verkaufen scheint) Pitt den Minister, sondern Pitt den Diamanten, den der Vater des jetzigen dem Herzog Regenten von Frankreich verhandelte und für dessen Splitter er noch 12000 Dukaten bekam. verkaufen muß. Genau und merkantilisch gesprochen sind Töchter eigentlich kein Handelsartikel – denn die elterlichen Großavanturhändler kann niemand mit jenen Trödlerinnen und Ständel- oder Fratschlerweibern vermengen, deren Transitohandel man nicht gern nennt –, sondern eine Aktie, mit der man in einer Südsee gewinnt, oder eine Scholle, womit man das Grundstück symbolisch (scotatione) übergibt. »je ne vends que mes paysages et donne les figures par dessus le marché«Ich verkaufe bloß die Landschaften und gebe die Figuren zum Kauf darein., sagte Claude Lorraine, wie ein Vater – und konnt' es leicht, weil er durch andere die Figuren in seine Landschaften malen ließ –; ebenso werden nur die Rittersitze in den Kauf- oder Ehekontrakt gesetzt und die Braut, die auf jenen sitzt, dareingegeben. Ebenso höher hinauf ist eine Prinzessin bloß ein blühender Zweig, den ein fürstlicher Sponsus nicht der Früchte wegen, sondern weil sich ein Bienenschwarm von Land und Leuten daran angelegt, abnimmt und nach Hause trägt.

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