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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Elfte Jobelperiode

Stickrahmen – Anglaise – cereus serpens – musikalische Phantasien

56. Zykel

Freudig trug Roquairol am ersten Abende, da er seinen Vater verreiset wußte, zum Freunde die Bitte, zur Mutter mitzugehen. Albano errötete zauberisch über jene feurige Nacht zum ersten Male, die ihm das älteste Geheimnis abgedrungen; denn bisher hatten beide in den gemeinen Stunden des Lebens das Heiligtum nicht wieder berührt. Nur der Hauptmann konnte leicht und gern von Linda so wie von jedem Verluste sprechen.

Liane erblickte ihren Bruder – den regierenden Schöpfer ihrer weichsten Stunden – allezeit mit herzlichster Freude, ob er gleich meistens etwas haben wollte, wenn er kam; vor Freude trug sie ihm das Buch, woraus sie der stickenden Mutter vorgelesen, in der Hand entgegen. Sie und die Mutter hatten den ganzen Tag heiter und einsam mit gegenseitigem Ablösen in Sticken und Lesen verlebt; sooft der Minister verreiste, waren sie zugleich von Unfriede und Visiten-Charivari frei. Wie gerührt erkannte Albano das Morgenzimmer wieder, aus dem er das erstemal das teuere Mädchen nur als Blinde in der Ferne zwischen Wasserbogen stehen sehen! Die gute Liane nahm ihn unbefangener auf, als er es durch Karls Einweihung in seine Wünsche bleiben konnte. Welche paradiesische Mischung von unberechneter Scheu und überfließender Freundlichkeit, Stille und Feuer, von Blödigkeit und Anmut der Bewegung, von scherzender Güte, von schweigendem Wissen! Dafür gebührt ihr der herrliche Beiname Virgils: die Jungfräuliche. In unsern Tagen der weiblichen Krachmandeln, der akademischen Kraftfrauen, der Hopstänze und Doubliermarschschritte im platten Schuh kommt der virgilianische Titel nicht oft vor. Nur zehn Jahre lang (vom 14ten an gezählt) kann ich ihn einem Mädchen geben; später wird es manirierter. Dreizehn und siebzehn Jahre zugleich ist gewöhnlich ein solches holdes Wesen alt.

Warum warest du so reizend-unbefangen, zarte Liane, als weil du wie die Bourignon nicht einmal wußtest, was zu fliehen war, und weil deine heilige Schuldlosigkeit noch das verdächtige Ausspähen der entlegensten Absichten, das an die Erde gebückte Behorchen des kommenden Feindes und alle kokette Manifeste und Ausrüstungen ausschloß? – Die Männer waren dir noch gebietende Väter und Brüder; und darum erhobest du zu ihnen noch nicht stolz, sondern so freundlich das treue Augenpaar! –

Und mit diesem gütigen Blick und mit ihrem Lächeln – dessen Fortdauer oft auf männlichen Gesichtern, aber nicht auf jungfräulichen die Titelvignette der Falschheit ist – nahm sie unsern edeln Jüngling an, aber ihn nicht allein.

Sie setzte sich an den Stickrahmen; und die Mutter schiffte den Grafen bald in das kühle Weltmeer allgemeiner Gespräche ein, in das nur zuweilen der Sohn eine grüne warme Insel herauftrieb. Alban sah zu, wie Liane ihre musivischen Blumenstücke wachsen ließ: wie die kleine weiße Hand auf dem schwarzen Atlasgrunde (Froulays Thorax soll an seinem Geburtstage die Blumen anziehen) lag, und wie ihre reine Stirn, von gekräuselten Haaren durchsichtig überwebt, sich vorbückte, und wie sich ihr Angesicht, wenn sie sprach oder wenn sie neue seidene Farben suchte, mit dem höhern Feuer der Arbeit im Auge und auf der Wange beseelet aufrichtete. Karl streckte ihr zuweilen hastig die Hand entgegen. Sie reichte ihre willig hinüber, er legte sie zwischen seine beiden und wandte sie um, sah in die inwendige, drückte sie mit beiden, und die Geschwister lächelten einander liebreich an. Und da lächelte Albano allemal treuherzig aus den Gesprächen mit der Mutter mit herein. Aber armer Held! – Schon an sich ists herkulische Arbeit, neben einer feinen müßig zu sitzen, neben Sticken, Miniaturmalen u.s.w.; aber vollends mit deinem Geiste, der so viele Segel nebst einem Paar Stürmen hintendrein hat, untätig neben dem Stickrahmen zu ankern und nicht etwan ein Herkules zu sein (das wäre leicht), welcher spinnt, sondern einer, der nur spinnen sieht – und das vor dem großen Frühling und Sonnenuntergange draußen – und noch dazu neben der wortkargen Mutter (überhaupt ists schon neben jeder eine Unmöglichkeit, ein erhebliches Gespräch mit der Tochter einzuleiten) – – das sind schwere Sachen.

Er sah scharf gegen die gestickte Flora nieder: »Mich schmerzt nichts so sehr,« – sagte er, weil er überall philosophierte und weil ihn alles Vergebliche auf der Erde peinlich beklemmte – »als daß so viele tausend künstliche Zieraten auf der Welt umsonst geschaffen werden, ohne daß sie je ein Auge trifft und genießet. Mir kann es ordentlich nahe gehen, wenn das grüne Blättchen hier nicht besonders angesehen wird.« Mit derselben Trauer über fruchtlose ungenossene Pflanzungen der Mühe hielt er oft sein Auge nahe an den Tapeten-Baumschlag, an geblümte Zeuge, an architektonische Verzierungen.

Liane konnt' es für einen malerischen Tadel des überladenen Näh-Gartens nehmen, den sie bloß ihrem Vater zu Liebe so voll säete – denn Froulay, aus den Zeiten gebürtig, wo man noch mit dem Kleide die Tressen besetzte, knöpfte gern ein kleines Seiden-Herbarium an den Leib –; aber sie sagte nichts als lächelnd das: »Nun das Blättchen ist dem bösen Schicksal ja entgangen, es ist angeschaut.«

»Was tut Vergehen und Vergeblichkeit?« (nahm Roquairol voll Gleichgültigkeit gegen den Lektor, der eben hereintrat, das Wort und voll Gleichgültigkeit gegen die Meinung der Mutter, der wie dem Vater ihn nur die Bitten der Schwester zuweilen unterwarfen) »Genug, wenn etwas ist. Über der Wüste singen die Vögel und ziehen die Sterne, und kein Mensch sieht die Pracht. Wahrlich überall geht in und außer dem Menschen mehr ungesehen vorüber als gesehen. Die Natur schöpft aus ewigen Meeren und erschöpft sich nicht; wir sind auch eine Natur und sollen schöpfen und ausgießen und nicht immer bekümmert dem wässernden Nutzen jedes Strichregens und Regenbogens nachrechnen. – Sticke nur fort, Schwester!« beschloß er ironisch.

»Die Prinzessin kommt heute!« sagte der Lektor, und entzückt über die Hoffnung, küßte Liane der Mutter die Hand. Sie sah oft und vertraulich von der Stickerei zu dem Hofmann auf, der sehr einheimisch zu sein schien, aber als ein feiner Mann, ebenso geehrt und ehrend war, als steh' er zum ersten Male da.

Die Anmeldung der Prinzessin setzte den Hauptmann in eine reizende gelenke Freude; eine weibliche Rolle war ihm zur Gesellschaft so nötig wie den Franzosen zur Oper, und eine Frau, die da war, unterstützte ihn so sehr im Dozieren, wie Kant ein Knopf, der fehlteEr soll lehrend immer auf die leere Knopf-Stätte eines Studenten gesehen haben; und wurde irre, als dieser sie besetzt hatte.. Er nahm, um seine Schwester von den Blumen abzuführen, einer Statue auf dem Spiegeltische den roten Flor ab und warf ihn, wie ein kleines Morgenrot, den Lilien auf dem Gesichte der Stickerin über; – da gingen die Türen auf und Julienne herein – Liane verwickelte sich in die kleine Morgenröte unter dem Abheben derselben im Entgegeneilen. – Albano reichte ihr mechanisch die Hand zum Empfange des Schleiers – und sie gab ihm diesen und einen weiten lieben Blick dazu – – o wie glänzte seiner trunken!

Julienne brachte ein Gefolge von Scherzen mit. Der Hauptmann, der wie ein Feuerwerker seinem Feuer alle Formen und Farben geben konnte, verstärkte sie mit seinen; und seine Schwester säete gleichsam die Blumen, mit welchen die Zephyretten der Scherze spielen konnten. Julienne sagte fast zum Ja Nein und zum Nein Ja. Nur gegen die Ministerin war sie ernst und nachgiebig, ein Zeichen, daß auf ihrer Disputier-Arena unter den Sandkörnern noch die Goldkörner lagen, indes für Philosophen die Arena der Preis und der Boden ist, zugleich das Schlacht-, März- und elysische Feld. Den Grafen fixierte sie leidenschaftlich so kühn, als nur Fürstinnen dürfen und pflegen; und als er ihr wieder ins braune Auge blitzte, schlug sie es nicht nieder, sondern sie erinnerte ihn an ihren alten Besuch in Blumenbühl und fragte nach den Seinigen. Er machte jetzt gern etwas, das so feurig war wie sein Inneres – Lobeserhebungen. Es ist gegen den feinsten Ton, Personen – Sachen darf man – mit Heftigkeit zu loben oder zu tadeln. Indem er mit dankbarer Erinnerung seine Schwester Rabette malte: versank Julienne so ernst und tief in sein Auge, daß sie auffuhr und den Lektor nach den Touren der Anglaise fragte, die er in der Redoute vorgetanzt. Als er sein Bestes getan im Nachschildern: sagte sie, sie habe kein Wort verstanden, man müss' es lieber exekutieren.

Und hiemit werden plötzlich sämtliche Leserinnen von mir auf einen Hausball von zwei Paaren geführt. Sehet die Seelenschwestern nebeneinander wie zwei Flügel an einer Taube harmonisch auf- und niederfliegen! Albano hatte erwartet, Julienne werde sich durch feuriges vielgelenkes Geflatter von dem stillen Schweben ihrer Freundin unterscheiden; aber beide walleten gleich Wellen leicht neben- und ineinander, und keine Regung war zu viel und keine zu schnell.

Daher wünscht' ich so oft, die Mädchen tanzten völlig und immer wie die Grazien und die Horen – nämlich bloß miteinander, nicht mit uns Herren. Der jetzige Bund der weiblichen Wellenlinie mit dem männlichen Schwalbenzickzack sowohl in der Bekleidung als in der Bewegung verschönert den Tanz nicht beträchtlich.

Liane nahm eine neue ätherische Gestalt an, wie etwan ein Engel unter dem Zurückfliegen in den Himmel seine holde irdische weglegt. Für die weibliche Schönheit ist der Tanzboden, was für unsere das Pferd ist, auf beiden entfaltet sich der gegenseitige Zauber, und nur ein Reiter holet eine Tänzerin ein. Glücklicher Albano! der du kaum von der dargebotenen Hand Lianens die Fingerspitzen anzufassen wagst mit deinen! du bekommst genug. Und siehe nur dieses freundliche Mädchen an, dessen Augen und Lippen die Charis so lachend für den Tanz erheitert, und das doch wieder so rührend erscheinet, weil es ein wenig erblasset! Wie verschieden von jenen launischen oder ungelenken Stiefschwestern, die, mit dem halben Kato von Utika auf dem faltigen oder gespannten Gesichte, hopsen, abfallen und schleifen. Julienne flieht freudig hin und her, und es ist schwer zu sagen, vor wessen Augen sie am liebsten flattere, vor Lianens oder Albanos. –

Als es vorbei war: wollt' es Julienne wieder von vornen anfangen – Liane sah ihre Mutter an – und bat sogleich ihre Freundin lieber um Abkühlung. Es ist Vorwand! Eine Freundin ist gern einsam mit der Freundin; beide hatten sich vor andern nur mit Herzen unter dem Schleier lieb und trachteten nach der dunklen Laube, wo er fallen durfte. Liane hatte ordentlich eine liebende Ungeduld, bis sie mit ihrer Nebenseele, ihrem Zwillingsherzen zeugenfreie Minuten im Mai- und Abendgarten hatte pflücken können. Sie kamen verändert zurück, voll weichen Ernstes. Die schönen Wesen waren sich vielleicht im Innersten und im stillen so ähnlich wie im Tanze und mehr, als es schien.

Und so ging vor dem Jüngling ein schön-gestirnter Abend vorbei! Haltet ihm aber zugute, daß er diesen Blütenstrauß so fest drückte und fassete, bis er einige Stacheln darin herausfühlte. Sein Herz, dessen Liebe neben dem fremden schmerzlich wuchs, mußte dieses, ohne ein Zeichen der Antwort, zugleich höher und ferner finden. Ihre Liebe war Menschenliebe – ihr Lächeln galt jedem guten Auge – sie war so heiter – in Lilar kam sie leicht in Rührung und in allgemeine Betrachtungen; hier aber nicht – freilich sah sie recht teilnehmend auf den wild-liebenden Bruder hin, der seit jener Beicht-Nacht gleichsam mit Eichenwurzeln sich um den Liebling strickte; aber ihre halbblinde Liebe für den Bruder konnte ja im Trug des Widerscheins auf dessen Freund nachglänzen – – Das alles sagte sich der Bescheidne. Aber was er im vollen Maße der Entzückung genossen hatte, war die so steigende, helle, zarte, stete Liebe seines Seelenbruders. – –

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