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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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54. Zykel

Einst kam Albano schon vormittags zum Hauptmann, wo dieser sonst nach seiner Sprache noch »ein von gestern herabgebranntes Lichtstümpfchen auf Stacheln« war; aber heute stand er brausend-arbeitend wechselnd am Pianoforte und am Schreibpult und war wie ein verdorrtes Infusionstierchen schon so früh der Rege und Alte, weil Wein genug aufgegossen war, nämlich viel. Voll Entzückung lief er dem willkommnen Freunde zu. Albano bracht' ihm von Falterle die kindlichen Blätter der Liebe (- denn der Exerzitienmeister hatte nicht den Mut gehabt, sie ins Feuer zu werfen), die er aus Blumenbühl an das unbekannte Herz geschrieben. Karl wäre darüber bis zu Tränen gerührt geworden, wär' ers – nicht schon vor der Ankunft gewesen. Der Graf mußte dableiben – den ganzen Tag und alles versäumen – es war sein erster unordentlicher Tag – komisch wars, wie sich der sonst so unbändige, aber einer langen Gewohnheit täglicher Anstrengungen dienstbare Jüngling gegen die kurze Meerstille, worin er keine Schiffe trieb, wie gegen eine Sünde sträubte.

Indessen wars himmlisch; der tiefliegende Kindertag, der ihn sonst beflügelte, wenn das Haus voll Gäste war und er – wo er nur wollte, kam wieder herauf; die Gespräche spielten und beschenkten mit allem, was uns hebt und bereichert; alle Kräfte waren ohne Ketten und im trunknen Tanz. Genialische Menschen haben so viele Festtage als andere Werkeltage, und daher ertragen jene so schwer einen Trivial- und Schlendrians-Schalttag – und vollends an solchen Jünglingstagen! – Wenn ihm Karl tragische Gewitterwolken aus Shakespeare, Goethe, Klinger, Schiller vorführte und sich das Leben kolossalisch im dichterischen Vergrößerungsspiegel beschauete: so standen alle schlafenden Riesen seines Innern auf, sein Vater kam und seine Zukunft, selber sein Freund stand neu wie aus jener glänzenden phantastischen Kinderzeit herausgehoben da, wo er sich ihn in diesen Rollen vorgeträumt, und in den innern Heldenzug wurde sogar die Wolke, die durch den Himmel schwamm, und die über den Markt wegmarschierende Wach-Truppe eingeschichtet. Zu groß erschien ihm der Freund, weil er wie alle Jünglinge noch von Schauspielern und Dichtern glaubte, daß sie wie die Bergleute immer die Metalle in den Leib bekommen, in denen sie arbeiten. Wie oft sagten beide in der Jünglings-Metapher: »Das Leben ist ein Traum« und wurden bloß froher und wacher dadurch! Der Greis sagt es anders. Und die schwarze Todespforte, an welche Karl so gern hinführte, wurde vor dem Jünglingsauge eine Glastür, hinter welcher das helle goldne Zeitalter des verspäteten Herzens in unermeßlichen Auen lag.

Mädchen, bekenn' ich, – da ihre Gespräche zerstückter, faktischer und weniger berauschend sind – erstehen statt eines solchen Eden-Parks einen hübschen holländischen Garten, gut zugeschnitten von Krebs- und Damesscheren und (nachmit-)täglich dargereicht von der schwarzen Stunde, die ihnen auf dem Kaffee- oder Teebrette das schmale schwarze Brett einiger übeln Nachreden, ein paar neue dasitzende Shawls, einen wohlgewachsenen Menschen, der mit einem Testamente oder Trauschein vorbeigeht, und letztlich die Hoffnung des häuslichen Referats serviert. – Kommt zu den Jünglingen zurück!

Gegen Abend bekam der Hauptmann ein rotes Billet. »Es ist ganz gut!« sagt' er zur Überbringerin und nickte. »Wird nichts daraus, Madame!« (sagt' er, sich gegen Albano kehrend) – »Bruder, wahre dich nur gegen Eheweiber! Schnappe einmal zum Spaße nach einem roten Schminkläppchen von ihnen: flugs schieben sie dir die Angelhaken in die RückenhautAnspielung auf die Art, Frösche mit einem Stückchen roten Tuch zu angeln.. Der Haken sieben sind in meiner allein, wie du sie da siehst, seßhaft.« Das unschuldige Kind Albano! Es nahm es für etwas moralisch-Großes, die Freundschaft von sieben Eheweibern auf einmal zu behaupten, und wäre froh in Karls Fall gewesen; er konnte das Schlimme nicht finden, daß die Freundinnen, wie die Römer, der Viktoria (nämlich uns) gern die Flügel abschneiden, damit die Gottheit nicht weiterfliege. –

An einem schönen Tag ist nichts so schön als sein Sonnenuntergang; der Graf schlug vor, ins Abendrot hinauszureiten und auf der Höhe nach der Sonne zu schauen. Sie trabten durch die Straßen; Karl zog bald vor einer schönen Nase, bald vor einem großen Augenpaar, bald vor durchsichtigen Stirnlocken den großen schiefsitzenden Hut ab. Sie flogen in die Lindenallee, die sich mit einer bunten Lambris von Spazier-sitzerinnen festlich putzte. Ein großes, feurig durchblickendes Weib schritt im roten Shawl und gelben Kleide durch das weibliche Blumenbeet, hoch wie die Blumengöttin; es war die Konzipientin des roten Blattes; sie war aber aufmerksamer auf den schönen Grafen als auf ihren Freund. An allen Wänden und Bäumen blühte das Rosenspalier des Abendrots. Sie brauseten die weiße Straße nach Blumenbühl hinauf – an beiden Seiten schlug das goldgrüne Meer des Frühlings die lebendigen Wellen – eine geflügelte Welt ruderte darin, und die Vögel tauchten sich tief in die Blumen unter – hinter den Freunden brannte die Sonne, und vor ihnen lag die Blumenbühler Höhe ganz rosenrot. Oben wandten sie die Pferde gegen die Sonne, die hinter den Kuppeln und Rauchsäulen der stolz-brennenden Stadt in fernen hellen Gärten ruhte. Nahegerückt lag die erleuchtete Erde um sie her, und Albano konnte die weißen Statuen auf Lianens Dach lebendig unter dem blühenden Gewölk erröten sehen. Er drängte sein Pferd an das fremde, um die Hand auf Karls Achsel zu drücken; und so sahen sie schweigend zu, wie die liebevolle Sonne die goldne Wolkenkrone ablegte und mit dem flatternden Laubgewinde um die heiße Stirn ins Meer hinunterzog. Und als es dämmerte auf der Erde und glühte am Himmel und Albano sich hinüberneigte und seinen Freund ans brennende Herz herüberzog: so stieg das Abendgeläute in Blumenbühl herauf – »Und dort drunten«, sagte Karl mit sanfter Stimme und kehrte sich hin, »liegt dein friedlich Blumenbühl wie ein stiller Kirchhof deiner Kindertage. – Wie sind die Kinder glücklich, Albano, ach, wie sind die Kinder glücklich!« – »Sind wirs nicht?« (antwortete er mit freudigen Tränen) »Karl, wie oft stand ich auf den Höhen an Abenden wie dieser und streckte inbrünstig meine kindischen Hände aus nach dir und nach der Welt. – Nun hab' ichs ja alles. Wahrlich du hast nicht recht.« – Aber er, am brausenden Ohrenklingen vergangner weiter Zeiten krank, blieb taub gegen das Wort und sagte: »Nur die Wiegenlieder, nur die zurücktönenden Wiegenlieder schläfern die Seele ein, wenn sie heiß geweinet hat.«

Stiller und langsamer ritten sie zurück. Albano trug eine neue Welt der Liebe und der Wonne in der Brust; und der Jüngling – noch nicht ein Schuldner der Vergangenheit, sondern ein Gast der Gegenwart – sank, vom langen Jubel des Tags süß abgespannt, in helldunkle Träume unter, gleichsam ein hoher Raubvogel, still auf entzückt-offnen Schwingen hängend.

»Wir wollen die ganze Nacht bei Ratto bleiben«, sagte Karl in der Stadt.

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