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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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3. Zykel

Endlich als die drei Frohen sich in die Tafelstube eines Lorbeerwaldes vor ihre Speis- und Trankopfer, die Schoppe zu Sesto ins Proviantschiff eingepackt hatte, niedersetzen wollten: ging durch die Zweige ein feiner, elegant und einfarbig gekleideter Fremder mit langsamen festen Schritten auf die liegende Tischgesellschaft zu und wandte sich, ohne zu fragen, sofort an Cesara mit der deutschen, langsam, leise und bestimmt prononcierten Anrede: »Ich habe dem Herrn Grafen Cesara eine Entschuldigung zu bringen.« – »Von meinem Vater?« fragt' er schnell. – »Um Verzeihung, von meinem Prinzen;« (versetzte der Fremde) »er verhinderte Ihren Herrn Vater, der kränklich aufstand, in der Morgenkühle zu reisen, aber gegen Abend wird er eintreffen. – Indes bring' ich« (setzte er mit einem wohlwollenden Lächeln und mit einer leichten Verbeugung hinzu) »dem Herrn Ritter ein Opfer, daß ich den Anfang des Glücks, künftig länger bei Ihnen zu sein, Herr Graf, mit einer Nachricht Ihres Verlustes mache.« – – Schoppe, der fein erriet, ohne fein zu sprechen, fuhr sofort heraus – weil er sich von keinem Menschen imponieren ließ –: »Sonach sind wir pädagogische Maskopisten und Unioten. Willkommen, lieber Grau-Bündner!« – »Es freuet mich«, sagte kalt der Fremde, der grau angezogen war.

Aber erraten hatt' es Schoppe; der Fremde sollte künftig das Oberhofmeistertum bei Cesara bekleiden, und Schoppe war Kollaborator. Mir kommt es vernünftig vor; der elektrische funkelnde Schoppe konnte das Katzenfell, der Fuchsschwanz, die Glasscheibe sein, die unsern aus Leiter und Nichtleiter gebaueten Jüngling vollud, der Oberhofmeister konnte als Leiter der Funkenzieher sein, der ihn mit feinen Franklinschen Spitzen auslud.

Der Mann hieß von Augusti, war Lektor bei dem Prinzen und hatte viel in der großen Welt gelebt; er schien, wie dieser ganze Hof-Schlag, zehen Jahre älter zu sein, denn er war wirklich erst 37 Jahre.

Man hätt' es auszubaden unter dem umgekehrten Dintentopf rezensierender Xanthippen, wenn man die Rezensenten oder Xanthippen in der Unwissenheit ließe, wer der Prinz eigentlich war, dessen wir alle oben erwähnten. Es war der Erbprinz von Hohenfließ, in dessen Dorfe Blumenbühl der Graf erzogen war und in dessen Hauptstadt er nun ziehen sollte. Der hohenfließische Infant jagte aus Italien, worin er viele Notmünzen und Territorialmandate nachgelassen hatte, stäubend und keuchend nach Deutschland zurück, um da auf sich Huldigungsmünzen auszuprägen, weil sein regierender Vater die Treppe in das Erbbegräbnis hinabging und nur noch einige Stufen zum Sarge hatte.

Unter dem Essen sprach der Lektor Augusti mit wahrem Geschmack über die liebliche Gegend, aber mit wenig Sturm und Drang, und zog sie einigen TempestasGemälde von Peter Molyn, den man wegen seiner guten Gewitter nur Tempesta nannte. im borromäischen Palaste bei weitem vor. Dann ging er – um des Ritters öfter zu gedenken – zu den Personalien des Hofes über und gestand, daß der deutsche Herr, Mr. de Bouverot, in besonderer Gnade stehe – denn bei Hofleuten und Heiligen tut die Gnade alles – und daß der Prinz ungemein an Nerven leide u.s.w. Die Hofleute, die sonst ihr Ich nach dem fremden zuschneiden, fassen doch für einen, der nicht am Hofe lebt, ihre ministeriellen Blätter darüber so ausführlich und ernsthaft ab, daß ihr Zeitungsleser dabei entweder lacht oder einschläft; ein Hofmann und das Buch »des erreurs et de la verité« nennen den Jesuitergeneral Gott – die Jesuiten Menschen – und die Nichtjesuiten Tiere. – Schoppe horchte mit einem fatalen Kräusel- und Schnörkelwerke auf dem Gesichte zu; er hassete Höfe bitter. Der Jüngling Albano dachte nicht viel besser; ja da er gern wagte, lieber mit dem Arm des innern Menschen als mit den Fingern desselben arbeitete und anpackte und vor den Schneepflug und die Egge- und Säemaschine des Lebens gern Streit- und Donnerrosse vorspannte, anstatt eines Zugs tüchtiger Filial- und Ackerpferde: so konnt' er Leute, die vorsichtig und bedächtig zu Werke gingen und die lieber lackierte Arbeit und leichte Frauenzimmerarbeit machten als Herkulesarbeiten, nicht sonderlich leiden. Gleichwohl mußt' er für die auf einer schönen Selbstständigkeit ruhende Bescheidenheit Augustis, der kein Wort von sich selber sprach, so wie für seine Reisekenntnisse, Achtung tragen. –

Cesara – beiläufig, in diesem Zykel will ich ihn noch mit C, der spanischen Orthographie zu Gefallen, schreiben; aber vom vierten an wird er, weil ich in meiner keines gewohnt bin und mich im langen Buche nicht ewig verschreiben kann, mit einem Z geschrieben – Cesara konnte den Lektor nicht genug über seinen Vater abhören. Er erzählte ihm die letzte Handlung des Ritters in Rom, aber mit einer irreligiösen Kälte, die im Jüngling eine andere wurde. Don Gaspard wettete nämlich mit einem deutschen Nuntius Gemälde gegen Gemälde, daß er einen gewissen Deutschen (Augusti wollt' ihn nicht nennen), dessen Leben nur ein längerer moralischer Kotmonat in Epikurs Marstalle war, in zwei Tagen, ohne ihn zu sehen, auf so lange bekehren wollte, als der Nuntius verlangen würde. Dieser wettete, ließ aber den Deutschen heimlich umstellen. Nach zwei Tagen sperrte sich der Deutsche ein, wurde andächtig, bleich, still, bettlägerig und kam im Handeln einem wahren Christen nahe. Der Nuntius sah dem Übel eine Woche lang zu, dann verlangt' er schleunige Verwandlung oder den Circes-Stab, der die tierische Gestalt wieder herstellte. Der Ritter berührte den Deutschen mit dem Stabe, und das epikureische Schwein stand genesen da. Ich weiß nicht, was unerklärlicher ist, das Wunderwerk oder die Härte. Aber der Lektor konnte nicht sagen, mit welchen Menstruis Gaspard diese schnellen Auflösungen und Wolken und Präzipitationen erzwang. – –

Nun kam der Lektor, den schon lange die Vokation und das Kollaborat des sonderbaren Schoppe frappiert hatte, auf verbindlichen Umwegen endlich auf die Frage, wie ihn der Ritter kennen lernen. »Durch den Pasquino!« (versetzt' er) »Er trat eben um die Ecke des Palazzo degli Ursini, als er einige Römer und unsern Erbprinzen um einen Menschen stehen sah, der zu den Statuen des Pasquino und Marforio folgendes Gebet auf den Knien – es waren meine – tat: 'Lieber Kastor und Pollux, warum säkularisieret ihr euch nicht aus dem Kirchenstaat und bereiset mein Deutschland als Bischöfe in partibus infidelium, oder als zwei arbeitsame Vikarien? Könntet ihr denn nicht als Gesandtschaftsprediger und Referendarien in den Reichsstädten herumgehen, oder euch als Chevaliers d'honneur und Wappenhalter auf beide Seiten eines Throns postieren? – Wollte Gott, man könnte wenigstens dich, Pasquino, als Oberhofprediger und Konduitenmeister in Hofkapellen vozieren oder doch darein als Taufengel zum Namengeben an einem Strick herunterlassen! – Sprecht, könnt ihr Zwillinge denn nicht einmal als Landrequetenmeister in Landtagssälen auftreten und sprechen, oder als magistri sententiarum in Universitätsgebäuden einander unter dem Promovieren opponieren? – Pasquino, bist du durch keinen Della PortaDer Pasquino ist bekanntlich verstümmelt. – Della Porta war ein großer Ergänzer alter Statuen. nur so weit herzustellen, daß du bei Kongressen und Verträgen des diplomatischen corps wenigstens als Ofenaufsatz den Silhouetteur machen könntest, sondern taugt ihr höchstens nur in Universitätsbibliotheken zu Brustbildern kritischer Redakteurs? – – Ach, munteres Paar, möchte nur Chigi, der da neben mir steht, dich modellieren zu einer tragbaren Taschenausgabe für Damen: ich steckte dich bei und zöge dich erst in Deutschland aus der Tasche.' – – Ich kanns aber auch hier auf der Insel tun!« – Und hier bracht' er das spöttische Kunstwerk heraus; denn der berühmte Architekt und Modellierer Chigi, der ihm zuhörte, hatt' es wirklich nachgebacken. – Schoppe erzählte weiter, daß Don Gaspard alsdann ernsthaft an ihn trat und ihn spanisch fragte, wer er sei. »Ich bin«, versetzt' er, auch spanisch, »wirklicher Titularbibliothekar des Großmeisters zu Malta – und ein Abkömmling des sogenannten grammatikalischen Hundes, des gezahnten Humanisten Scioppius (deutsch Schoppe) – mein Taufname ist Pero, Piero, Piètro (Peter). Aber hier nennen mich viele aus Versehen Sciupio oder Sciopio (Vergeudung).«

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