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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Zweiter Band

Zehnte Jobelperiode

Roquairols advocatus diaboli – der Feiertag der Freundschaft

53. Zykel

Nicht nach den Kinderjahren, sondern nach der Jünglingszeit würden wir uns am sehnsüchtigsten umkehren, wenn wir aus dieser so unschuldig wie aus jenen herkämen. Sie ist unser Lebens-Festtag, wo alle Gassen voll Klang und Putz sind und um alle Häuser goldne Tapeten hängen, und wo Dasein, Kunst und Tugend uns noch als sanfte Göttinnen mit Liebkosungen locken, die uns im Alter als strenge Götter mit Geboten rufen! – Und in dieser Zeit wohnt die Freundschaft noch im heiter offnen griechischen Tempel, nicht wie später in einer engen gotischen Kapelle.

Herrlich und reich schimmerte jetzt um Albano das Leben, mit Inseln und Schiffen bedeckt; er hatte die ganze Brust voll Freundschaft und Jugend und durfte die drängende Kraft der Liebe, die auf Isola bella an einer Statue, am Vater, zurückprallte, nun ungebändigt und fröhlich auf einen Menschen stürmen lassen, der ihm völlig so erschien, wie ihn der Jünglingstraum entwirft. Er konnte keinen Tag von Karl lassen – er deckte ihm seine Seele auf und sein ganzes Leben (nur Lianens Name stieg tiefer in sein Herz zurück) – alle Vorbilder der Freundschaft unter den alten wollt' er nachbilden und erneuern und alles tun und leiden für seinen Geliebten – sein Dasein war jetzt ein Doppelchor, er trank jedes Glück mit zwei Herzen, sein Leben schloß ein doppelter Himmel in lauter Äther ein.

Als er am andern Tage die befreundete feste Gestalt antraf, die ihm aus dem nächtlichen Spektakelstück der Geisterwelt übrig geblieben war, wie ein blasser Mond aus den weggelöschten Sternen der Nacht; und als er sie so kahlköpfig und bleich fand – wie die feurige Ätnas-Rauchsäule am Tage grau aufsteigt –: so sah er gleichsam den vorigen Selbstmörder vor sich stehen; freier, aber desto wärmer reicht' er dem einsamen Wesen, das nach dem Sprunge über das Leben nur noch auf seinem Grabe wie auf einem fernen Eiland wohnte, die Hand hinüber. Andere ziehen sie eben darum weg; der gestörte Selbstmörder, der das schöne feste Leben durchrissen, kehrt aus seiner Todesstunde als ein fremder unheimlicher Geist zurück, dem wir nicht mehr trauen können, weil er in seiner Ungebundenheit jede Minute das wegwerfende Spiel mit der Menschengestalt wieder treiben kann.

Daher sah Albano im chaotischen Leben des Hauptmanns nur die Unordnung eines Wesens, das einpackt und auszieht. Als er das erstemal in dessen Sommerstube trat, so hatt' er freilich darin eine Bedienten-, eine theatralische Anziehstube und ein Offizierszelt auf einmal vor sich. Auf der Tafel lagen verworrene Völkerschaften von Büchern, wie auf einem Schlachtfeld, und auf Schillers Tragödien das hippokratische Gesicht von der Redoute, und auf dem Hofkalender eine Pistole – das Bücherbrett bewohnte die Degenkuppel neben ihrer Seifenkugel aus Kreide, ein Schokoladequerl, ein leerer Leuchter, eine Pomadebüchse, Fidibus, das nasse Handtuch und die eingetrocknete Mundtasse – das Glashaus der ausgelaufenen Standuhr und der Wasch- und der Schreibtisch standen offen, auf welchem letztern ich mit Erstaunen umsonst nach Unterlage und Streusand suche – der Pudermantel lehnte sich in der Ottomane zurück, und ein langes Halstuch ritt auf dem Ofenschirm, und das Hirschgeweihe an der Wand hatte zwei Federhüte aufs rechte und linke Ohr geschoben – Briefe und Visitenkarten waren wie Schmetterlinge an die Fenstervorhänge gespießet. Ich wäre nicht fähig, darin ein Billet zu schreiben, geschweige einen Zykel.

Gibt es aber nicht ein sonnenhelles freiflatterndes Alter, wo man alles gerne sieht, was reisefertige Unruhe, Abbrechen der Zelte und Nomadenfreiheit verkündigt, und wo man mit Dank in einem Reisewagen haushielte und darin schriebe und schliefe? Und hält man nicht in diesen Jahren gerade eine solche Studentenstube für geistiges Studentengut des Genies und jedes Chaos für ein infusorisches voll Leben? Man gönne meinem Helden diese irrende Zeit; es hielt ihn doch etwas Edles in seiner Natur zurück, aus einem Lobredner ein Nachahmer zu werden.

Wie nach einem weggeschmolznen Nachwinter auf einmal die grüne Erdendecke in Blumen und Blüten hoch aufflattert, so fuhr in der warmen Luft der Freundschaft und Phantasie auf einmal Albanos Wesen üppig blühend und grünend aus. Karl hatte und kannte alle Zustände des Herzens, er erschuf sie spielend in sich und andern, er war ein zweites Sanenland, das alle Klimate von Frankreich bis Nova Sembla beherbergt, und worin eben darum jeder seines findet; er war für andere alles, wiewohl für sich nichts. Er konnte sich in jeden Charakter werfen, wiewohl ihm eben darum zuweilen einkam, bloß den bequemsten durchzusetzen. Die Gurt-, Brust-, Schwanz- und Sattelriemen des höfischen, kleinstädtischen und bürgerlichen Lebens hatte sein Buzephalus längst abgesprengt; und wenn sich der Graf jeden Tag über den Sprach-Laufzaum des Lektors ärgerte, der alles richtig sagte, Kanaster statt Knaster, Juften statt Juchten, funfzig statt fufzig, und barbieren (welches R ich selber für eine dumme Härte halte): so war Roquairol ein Freidenker bis zum renommistischen Freiredner und sprach nach seinem eignen Ausdruck, der zugleich das Beispiel war, »von der Leber und vom Maule weg«. Dem Grafen klebte zu seinem Verdruß eine gewisse epische, von Büchern anerzogene Sprach-Würde an. Sie überdachten und verwünschten oft miteinander das erbärmliche Glatzen-Leben, das man hätte, wenn man, wie der Lektor, als ein wohlgewachsener Staatsbürger von Extraktion dahinlebte, Konduite und seinen saubern Anzug hätte und hübsche, nicht unebene Kenntnisse von mehreren Fächern und zur Erholung seinen Tischwein und Geschmack an trefflichen Maler- und andern Meistern, und wenn man zu höhern Posten avancierte, bloß um von da aus zu noch höhern aufzusteigen, und man so nach allem diesen sich frisiert und gewaschen in den Sarg streckte, damit doch die gigantische Körperwelt ihren Pestitzer auch der erhabenen Geisterwelt einhändige. – – Nein, sagte Albano, lieber wirf eine schwarze Bergkette von Schmerzen ins platte Leben, damit nur eine Aussicht dasteht und etwas Großes. –

Aber Roquairol war nicht der, der er ihm schien; – die Freundschaft hat ihre Täuschungen wie die Liebe – und oft wenn er diesen liebestrunknen hochherzigen Jüngling mit keuschen Mädchenwangen und stolzer Männerstirn, der ein solches Vertrauen auf seine wankende Seele setzte, und dessen Herz so weit offen stand, und an dessen Phantasie sogar er die Heiligkeit beneidete, lang anblickte: so rührte ihn die Täuschung des Edeln bis zum Schmerz, und sein Herz drängte sich vor und wollte ihm mit Tränen sagen: Albano, ich bin deiner nicht wert. Aber dann verlier' ich ihn, setzt' er allemal hinzu; denn er scheuete die moralische Orthodoxie und die Entschiedenheit eines Mannes, der nicht wie ein Mädchen spielend zu erzürnen und wieder zu gewinnen war.

Und doch kam der wichtige Tag für beide, wo ers tat. Wie hätt' er je der Phantasie widerstanden, da er nur durch Phantasie widerstand! – Ich tu' ihm halb unrecht; höret den bessern Engel, der seinen Mund aufschloß.

Roquairol ist ein Kind und Opfer des Jahrhunderts. Wie die vornehmen Jünglinge unserer Zeit so früh und so reich mit den Rosen der Freude überlaubt werden, daß sie wie die Gewürz-Insulaner den Geruch verlieren und nun die Rosen zum Sybariten-Polster unterbetten, Rosensirup trinken und in Rosenöl sich baden, bis ihnen davon nichts zum Reiz mehr dasteht als die Dornen; so werden die meisten – und oft dieselben – von ihren philanthropischen Lehrern anfangs mit den Früchten der Erkenntnis vollgefüttert, daß sie bald nur die honigdicken Extrakte begehren, dann den Apfel-Wein und Birnmost davon, bis sie sich endlich mit den gebrannten Wassern daraus zersetzen. Haben sie noch dazu wie Roquairol eine Phantasie, die ihr Leben zu einem Naphthaboden macht, aus welchem jeder Fußtritt Feuer zieht: so wird die Flamme, worein die Wissenschaften geworfen werden, und die Verzehrung noch größer. Für diese Abgebrannten des Lebens gibt es dann keine neue Freude und keine neue Wahrheit mehr, und sie haben keine alte ganz und frisch; eine vertrocknete Zukunft voll Hochmut, Lebensekel, Unglauben und Widerspruch liegt um sie her. Nur noch der Flügel der Phantasie zuckt an ihrer Leiche.

Armer Karl! – Du tatest noch mehr! Nicht bloß die Wahrheiten, auch die Empfindungen antizipierte er. Alle herrliche Zustände der Menschheit, alle Bewegungen, in welche die Liebe und die Freundschaft und die Natur das Herz erheben, alle diese durchging er früher in Gedichten als im Leben, früher als Schauspieler und Theaterdichter denn als Mensch, früher in der Sonnenseite der Phantasie als in der Wetterseite der Wirklichkeit; daher als sie endlich lebendig in seiner Brust erschienen, konnt' er besonnen sie ergreifen, regieren, ertöten und gut ausstopfen für die Eisgrube der künftigen Erinnerung. Die unglückliche Liebe für Linda de Romeiro, die ihn später vielleicht gestählet hätte, öffnete so früh alle Adern seines Herzens und badete es warm im eignen Blute; er stürzte sich in gute und böse Zerstreuungen und Liebeshändel und stellte hinterher alles auf dem Papier und Theater wieder dar, was er bereuete oder segnete; und jede Darstellung höhlte ihn tiefer aus, wie der Sonne von ausgeworfenen Welten die Gruben blieben. Sein Herz konnte die heiligen Empfindungen nicht lassen, aber sie waren eine neue Schwelgerei, höchstens ein Stärkungsmittel (ein tonicum); und gerade von ihrer Höhe lief der Weg zu den Sümpfen der unheiligsten abschüssiger. Wie im dramatischen Dichter engelreine und schmutzige Zustände nebeneinander stehen und folgen, so in seinem Leben; er fütterte wie in Surinam die Schweine mit Ananas; gleich den ältern Giganten hatt' er hebende Flügel und kriechende Schlangenfüße.

Unglücklich ist die weibliche Seele, die sich in ein so großes, mitten im Himmel aufgespanntes Gewebe verfliegt; und glücklich ist sie, wenn sie sich unvergiftet durchreißet und bloß die Bienenflügel beschmutzt. Aber diese allmächtige Phantasie, diese strömende Liebe, diese Weichheit und Stärke, diese erobernde Besonnenheit wird jede weibliche Psyche mit Gespinsten überziehen, sobald sie nicht die ersten Fäden wegschlägt. – Könnt' ich euch warnen, arme Mädchen, vor solchen Kunturs, die mit euch in ihren Krallen auffliegen! Der Himmel unserer Tage hängt voll dieser Adler. Sie lieben euch nicht, aber sie glauben es; weil sie wie die Seligen in Muhammeds Paradies statt der verlornen Liebes-Arme nur Fittiche der Phantasie haben. Sie sind gleich großen Strömen nur am Ufer warm und in der Mitte kalt.

Bald Schwärmer, bald Libertin in der Liebe, durchlief er den Wechsel zwischen Äther und Schlamm immer schneller, bis er beide vermischte. Seine Blüten stiegen am lackierten Blumenstabe des Ideals hinauf, der aber farbenlos am Boden verfaulte. Erschreckt, aber glaubt es: er stürzte sich zuweilen absichtlich in die Sünde und Marter hinab, um sich drunten durch die Wunden der Reue und Demut den Schwur der Rückkehr tiefer einzuschneiden; wie etwan die Ärzte (Darwin und Sydenham) behaupten, daß stärkende Mittel (China, Stahl, Opium) kräftiger wirken, wenn vorher schwächende (Aderlaß, Brechmittel etc.) verschrieben worden.

Äußere Verhältnisse hätten ihm vielleicht etwas helfen können, und das Gelübde der Armut hätt' ihm die beiden andern erleichtert; hätte man ihn als Neger verkauft, sein Geist wäre ein freier Weißer und ein Arbeitshaus ihm ein Purgatorium geworden. Daher gaben die ersten Christen den Besessenen immer Geschäfte, z. B. KirchenausfegenSimons christl. Altertümer, von Mursinna etc. p. 143. u.s.w. Aber das müßige Offiziersleben arbeitete ihn bloß noch eitler und kecker aus.

So stand es in seiner Brust, als er an Albanos seine kam – Liebe schwelgerisch aufragend, aber bloß um mit ihr zu spielen – mit einem unwahren Herzen, dessen Gefühl mehr lyrisches Gedicht als wahres dichtes Wesen ist – unfähig, wahr, ja kaum falsch zu sein, weil jede Wahrheit zur poetischen Darstellung artete und diese wieder zu jener – leichter vermögend, auf der Bühne und auf dem tragischen Schreibpult die wahre Sprache der Empfindung zu treffen als im Leben, wie Boileau nur Tänzer nachmachen konnte, aber keinen Tanz – gleichgültig, verschmähend und keck gegen das ausgeschöpfte stofflose Leben, worin alles Feste und Unentbehrliche, Herzen und Freuden und Wahrheiten, zerschmolzen herumschwammen – mit ruchloser Kraft vermögend, alles zu wagen und zu opfern, was ein Mensch achtet, weil er nichts achtete, und immer nach seinem eisernen Schutzheiligen umblickend nach dem Tode – an seinen Entschlüssen verzagend und sogar in seinen Irrtümern schwankend – aber doch nur des Stimmhammers, und nicht der Stimmgabel der feinsten Moralität beraubt und mitten im Brausen der Leidenschaft stehend im hellen Lichte der Besonnenheit, wie der Wasserscheue seinen Wahnsinn kennt und davor warnt. – –

Nur ein guter Engel war nicht mit den andern entflohen, die Freundschaft. Zur Liebe konnte sich sein so oft aufgeblähtes und zusammengefallenes Herz schwer aufheben; aber die Freundschaft hatt' er noch nicht verschwendet. Seine Schwester hatt' er bisher befreundet geliebt, so brüderlich, so umgehemmt, so wachsend! Und jetzt tritt ihm Albano glänzendgewaffnet entgegen! –

Anfangs spielt' er auch mit ihm lügend wie mit sich, in der Redoute und im Tartarus. Er merkte bald, daß ihn der ländliche Jüngling vor eignen Strahlen falsch und geblendet sehe; aber er wollte lieber den Irrtum wahrmachen als benehmen. Die Menschen – und er – gleichen der Quelle der Sonne neben dem Tempel des Jupiter Ammon, die am Morgen nur kalt war, mittags lau, abends warm, mitternachts heiß; von den Tageszeiten hing er nun so sehr ab – wie der rüstige gesunde Albano so wenig, der sich daher vorstellte, ein großer Mann sei den ganzen Tag vom Aufstehen bis zum Niederlegen groß, wie die Heraldiker dem Adler immer die Schwingen ausspreizen –, daß er selten am Morgen und meistens abends zu Albano ging, wenn die ganze Girandole seiner Kräfte und Gefühle brannte in dem Weingeist, den er vorher aus Flaschen zugegossen. – –

Aber kennt ihr die Arzenei des Beispiels, die Heilkraft der Bewunderung und der seelenstärkenden Achtung? »Es ist schändlich von mir;« (sagte Roquairol) »ist er nicht so gläubig und offen und bieder? – Nein, die ganze Welt will ich belügen, nur seine Seele nicht! –« Solche Naturen wollen die Verheerung der Menschheit durch Treue gegen einen vergüten. Die Menschheit ist ein Sternbild, in welchem ein Stern oft die Hälfte des Bildes malet.

Von dieser Stunde an stand sein Entschluß der herzlichsten Beichte und Buße fest; und Alban, vor welchem das Leben noch nicht in einen Brei der Verwesung zerlief, sondern sich fest und scharf und organisch zergliederte und der nicht wie Karl klagte, daß ihn nichts recht erpacke und alles nur luftig umspüle, dieser sollte dessen kranken Wünschen Jugend wiederbringen, und mit dem unwandelbaren Sinn des reinen Jünglings und mit der Gefahr der Freundschaft wollte Roquairol sich zwingen, diesem das Wort der fruchttragenden Bereuung zu halten, das er sich selber zu oft gebrochen.

Lasset uns ihm folgen in den Tag, wo er alles sagt.

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