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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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51. Zykel

Indes er am Tore auf seinen Degen wartete: lief eine Gruppe neuer Masken (meistens Repräsentanten der Leblosigkeit, z. B. ein Stiefel, ein Perückenstock u.s.w.) in die Stadt, und sie guckten verwundert den fremden weißen langen Ritter an. Er nahm den Degen mit, aber nicht den Bedienten. Übrigens ließ ihm sein Charakter bei aller Gefahr, worein der Besuch eines abgelegnen düstern Katakombenganges und das fremde Vorauswissen dieses Besuches ihn stürzen konnte, doch keine andre Wahl als die getroffne; nein, er hätte sich lieber morden lassen als vor seinem Vater geschämt.

Wie stieg dein Geist empor, gleich einem Blitze, der aufwärts gegen den Himmel hineinschlägt, als die große Nacht mit ihrem Heiligenscheine aus Sternen aufgerichtet vor dir war! – Unter dem Himmel gibt es keine Angst, nur unter der Erde! Breite Schatten legten sich ihm in den Weg nach Elysium, den am Sonntage Tautropfen und Schmetterlinge färbten. In der Ferne wuchsen feurige Zacken aus der Erde und gingen; es war der Leichenwagen mit den Fackeln in der tiefen Straße. Als er an den Scheideweg kam, der durch die Schloßruinen in den Tartarus führt: sah er sich nach dem Zauberhaine um, auf dessen gewundner Brücke ihm Leben und Freudenlieder begegnet waren; alles war stumm darin, und nur ein langer grauer Raubvogel (wahrscheinlich ein papierner Drache) drehte sich darüber hin und her.

Er kam durch das alte Schloß in einen abgesägten Baumgarten, gleichsam ein Baumkirchhof; dann in einen bleichen Wald voll abgeschälter Maienbäume, die alle mit verblühten Bändern und erblaßten Fahnen gegen das Elysium sahen; – ein verdorrter Lusthain so vieler Freudentage. Einige Windmühlen griffen mit langen Schattenarmen dazwischen, um immer zu fassen und zu schwinden.

Ungestüm lief Albano eine von Überhängen verfinsterte Treppe hinab und kam auf ein altes Schlachtfeld – eine dunkle Wüste mit einer schwarzen Mauer, nur von weißen Gipsköpfen durchbrochen, die in der Ecke standen, als wollten sie versinken oder auferstehen – ein Turm voll blinder Tore und blinder Fenster stand in der Mitte, und die einsame Uhr darin sprach mit sich selber und wollte mit der hin- und hergeführten eisernen Rute die immer wieder zusammenrinnende Welle der Zeit auseinanderteilen – sie schlug drei Viertel auf 12 Uhr, und tief im Walde murmelte der Widerhall wie im Schlafe und sagte noch einmal leise den entfliegenden Menschen die fliegende Zeit. Der Weg umlief im ewigen Kreise ohne Pforte die Gottesackermauer; Alban mußte, nach der Nachricht, eine Stelle an ihr suchen, wo es unter ihm brausete und schwankte.

Endlich trat er auf einen mit ihm sinkenden Stein, da fiel ein Ausschnitt der Mauer um, und ein verstrickter Wald aus Baumklumpen, deren Stämme sich in Buschwerk einwickelten, war vor jeden Strahl des Mondes gewälzt. Als er unter der Pforte sich umsah, hing über der schattigen Treppe ein bleicher Kopf gleich einer Büste des Mordfeldes und ging ohne Körper herab, und die verbluteten Toten schienen aufzuwachen und ihm nachzulaufen – der kalte Höllenstein des Schauders zog sein Herz zusammen; er stand; – der Leichenkopf schwebte unbeweglich über der letzten Staffel.

Auf einmal sog das Herz wieder warmes Blut, er wandte sich gegen den unförmlichen Wald mit gezogenem Degen, weil er sein Leben neben dem bewaffneten Tode vorbeitrug. Er folgte in der Finsternis der grünenden Türme dem Getöse des unterirdischen Flusses und dem Wiegen des Bodens. Zum Unglück sah er sich wieder um, und der Leichenkopf stand noch hinter ihm, aber hoch in den Lüften auf dem Rumpfe eines Riesen. – – Der höchste Schauer trieb ihn allzeit mit zugedrückten Augen auf ein Schreckbild los; er rief zweimal durch den hallenden Wald: »Wer ist da?« Aber als jetzt auf einmal ein zweiter Kopf neben dem ersten zu stehen schien; so klebte seine Hand an dem eiskalten Schlosse der Pforte der Totenwelt gefroren an, und er riß sie blutig ab. –

Er floh und stürzte durch immer dichtere Zweige endlich hinaus in einen freien Garten und in den Glanz des Mondes; – hier, ach hier als er den heiligen unsterblichen Himmel und die reichen Sterne im Norden wieder schimmern sah, die nie auf- und untergehen, den Pol-Stern und Friedrichs Ehre, die Bären und den Drachen und den Wagen und Kassiopeja, die ihn mild wie mit den hellen winkenden Augen ewiger Geister anblickten; da fragte der Geist sich selber: »Wer kann mich ergreifen, ich bin ein Geist unter Geistern«, und der Mut der Unsterblichkeit schlug wieder in der warmen Brust. – –

Aber welcher sonderbare Garten! Große und kleine blumenlose Beete voll Rosmarin, Raute und Taxus zerstückten ihn – ein Kreis von Trauerbirken umgab wie ein Leichengefolge gesenkt den stummen Platz – unter dem Garten murmelte der begrabne Bach – und in der Mitte stand ein weißer Altar, neben welchem ein Mensch lag.

Albano wurde gestärkt durch die gemeine Kleidung und durch den Handwerksbündel, worauf der Schläfer ausruhte; er trat ganz dicht an ihn und las die goldne Inschrift des Altars: »Nimm mein letztes Opfer, Allgütiger!« – Das Herz des Fürsten sollte hier zur Asche werden im Altare.

Ach nach diesen starren Szenen linderte es seine Seele bis zu Tränen, hier Menschenworte zu finden und einen Menschenschlaf und die Erinnerung an Gott; aber als er gerührt dem Schläfer zusah, sagte ihm plötzlich die Schwesterstimme, die er auf Isola bella gehört, leise ins Ohr: »Linda de Romeiro geb' ich dir.« – »Ach guter Gott!« rief er und fuhr herum – und nichts war um ihn – und er hielt sich an die Altarecke – »Linda de Romeiro geb' ich dir«, sagte es wieder – fürchterlich packte ihn der Gedanke, der schwebende Leichenkopf rede neben ihm – und er riß am festen Schläfer, der nicht erwachte – und riß und rief noch gewaltsamer, als die Stimme zum dritten Male sprach.

»Wie?« – (sagte der Schlaftrunkene) »Gleich! – Was will Er? – Sie?« und richtete sich unwillig und gähnend auf, aber er fiel bei dem Anblicke des nackten Degens wieder auf die Knie und sagte: »Barmherzigkeit! ich will ja alles hergeben!« –

»Zesara!« rief es im Walde, »Zesara, wo bist du?« und er hörte seine eigne Stimme; aber kühn rief er nun zurück: »Am Altare!« – Eine schwarze Gestalt drang heraus mit einer weißen Maske in der Hand und stockte im Mondlichte vor der bewaffneten; da erkannte endlich Albano den Bruder Lianens, nach dem er so lange gelechzet – er schleuderte den Degen zurück und lief ihm entgegen – Roquairol stand stumm, bleich und mit einer erhabnen Ruhe auf dem Gesichte vor ihm – Albano blieb nahe stehen und sagte gerührt: »Hast du mich gesucht, Karl?« – Roquairol nickte stumm und hatte Tränen in den Augen und öffnete die Arme. – Ach da konnte der selige Mensch mit allen Flammen und Tränen der Liebe an die langgeliebte Seele stürzen, und er sagte unaufhörlich: »Nun haben wir uns, nun haben wir uns!« Und immer heftiger umschlang er ihn wie den Pfeiler seiner Zukunft und strömte in Tränen hin, weil ja nun die verschlossene Liebe so langer Jahre und so viele zugedrückte Quellen des armen Herzens auf einmal fließen durften. – Roquairol drückte ihn nur zitternd an sich und leise mit einem Arme; und sagte, aber ohne Heftigkeit: »Ich bin ein Sterbender, und das ist mein Gesicht,« (indem er die gelbe Totenmaske emporhielt) »aber ich habe meinen Albano, und ich sterbe an ihm.«

Sie verstrickten sich wild – das Mark des Lebens, die Liebe, durchdrang sie schöpferisch – der Boden über dem rollenden Erdenflusse wankte heftiger – und der Sternenhimmel zog mit dem weißen Zauberrauche seiner zitternden Sterne um die magische Glut – –

Ach ihr Glücklichen! –

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