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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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49. Zykel

Der blaue Tag, wo eine Himmelfahrt, eine Huldigung und ein Geburtstag gefeiert wurde, stand schon über Pestitz nach abgelegter Morgenröte – zwei Pferde waren schon die Vorläufer von vieren, der niedrige Kutschbock vom höchsten – der Landadel ging schon unbequem-frisiert in die Wirtsstuben herab und kränkte sich über das gestohlne schönste Wetter zur Birkhahn-Falz, und der Stadtadel sprach noch ungepudert über den Tag, aber ohne wahren Ernst – der Hof-MikrometerEin Mikrometer besteht aus feinen, in das Sehrohr eingespannten Fäden, die zum Messen der kleinsten Entfernung dienen., der Hofmarschall, war von allen seinen Furiers umgeben – die Hof-PassageinstrumenteDas Passageinstrument oder Kulminatorium beobachtet es, wenn ein Stern den höchsten Stand in seinem Laufe hat., die Hofleute, hatten statt ihres halben Feiertages, wo sie nur nachmittags fronen, einen ganzen Werkeltag und standen schon am Waschtische – der Huldigungsprediger Schäpe glaubte fast alles von seiner Rede, weil er sie zu oft gelesen, und die Nähe der Publikation flößte ihm Rührung ein – kein Domino für den Abend war mehr zu haben, außer bei den Juden – – als ein Mann vor der Haustüre des Doktors abstieg, ders unter allen mit der Huldigung am redlichsten und wärmsten meinte, der Direktor Wehrfritz. Es war ein Sohn und ein Vater einander in den Armen, ein feuriger Jüngling und ein feuriger Mann. Albano schien ihm nicht mehr der alte zu sein, sondern noch – wärmer als sonst. Er brachte von »seinen Weibern«, wie er sie nannte, glückwünschende Briefe und Angebinde für den Geburtstag mit; er selber machte nicht viel aus dem Tage oder vergaß ihn, und Albano hatt' ihn nur nach dem Erwachen ein wenig gefeiert. Diese Feste gehören mehr weiblichen Wesen an, die gern mit Zeiten liebend und gebend tändeln.

Der Titularbibliothekar marschierte auf ein Dorf, namens Klosterdorf, hinaus, wo der Schulz mit seiner Familie nach einer alten Sitte den Fürsten mit der seinigen nachmachen und so als Kommissionär die Huldigung des benachbarten Umkreises eintreiben mußte; diese, sagte Schoppe, lass' er sich noch gefallen, aber die andre wirke zu fatal auf seine Eingeweide. Der vom heutigen Tage geblendete und mit einer Amtsrede vorn an die Ritterschaft postierte Direktor biß sich mit Schoppe herum: »Die Kammer und der Hof«, sagt' er, »sind freilich von jeher, wie sie sind; aber die Fürsten, lieber Herr, sind gut, sie werden selber ausgesogen, und dann scheinen sie auszusaugen.« – »Wie etwan«, versetzte Schoppe, »die Leichen-Vampyren nur Blut von sich geben, indes sie es zu nehmen scheinen; aber das bring' ich dadurch wieder ein, daß ich den Regenten außer den fremden Sünden auch fremde Verdienste, Siege und Opfer ganz beimesse; hier sind sie die Pelikane, die ein Blut für ihre Kinder vergießen, das wirklich ihr eignes zu sein scheint von weitem.« –

Alle gingen; Schoppe aufs Land; Wehrfritz in die Kirche mit der Prozession; Albano in eine Zuschauer-Loge am Huldigungssaale; denn er wollte auf keine Weise in die Schleppe des Fürsten eingesteckt sein, nicht einmal als Besatz. Das Prunk-Getümmel rauschte bald in den Saal zurück. – Die Ritterschaft, die Geistlichkeit und die Städte bestiegen die Schwurbühne. – Im Schloßhofe stand ein Fuß auf dem andern, und eine Nadel konnte zwar zur Erde kommen, aber kein Mensch, um sie aufzuheben; jeder sah auf den Balkon herauf und fluchte früher, als er schwur. – Der Fürst blieb auch nicht weg – der Thron, dieser graduierte und paraphrasierte Fürstenstuhl, stand offen, und Fraischdörfer hatt' ihn mit schönen mythologischen und heraldischen Verkröpfungen und Außenwerken dekoriert. –

Dem Grafen gegenüber blühten die Hofdamen und darunter eine Rose und eine Lilie, Julienne und Liane. – – Wie man das Auge von der frostigen starren Wintergegend zum blauen wehenden Himmel aufhebt, der unsre Frühlingsabende ansah und worin die leichten Sommerwolken gingen und der Regenbogen stand: so blickte er über das glänzende Schneelicht des Hofes zur lieblichen Grazie des Lenzes hin, um welche Erinnerungen wie Blumen hingen, und die nun so fern stand, so abgetrennt, so eingekerkert in den schweren Putz des Hofes! Nur durch die nahe Freundin wurde sie leise mit der grellen Gegenwart verschmolzen und versöhnt. –

Nun fingen schöne Amtsreden an, die längste hielt der alte Minister, die kürzeste Wehrfritz; der Fürst ließ an seinem Dezember-Gesicht, ohne aufzutauen, die warmen Lobreden vorüberstreichen; eine fehlerhafte Gleichgültigkeit! Denn das Lob vom Minister wie von andern Hof-Bedienten kann ihm noch bei der Nachwelt helfen, da nach Bako keines gültiger ist als das, so Bediente geben, weil sie ja den Herrn am besten kennen. –

Dann las der Obersekretär Heiderscheid Luigis Stammtafel ab und beleuchtete den hohlen Stammbaum samt seiner Baumtrocknis und dem letzten blaßgrünen Ästchen; – mit gesunknen Augen hörte Julienne dieses unter dem Vivat des Volkes an, und Albano, nie von einem Gedanken allein bezwungen, sah ihre Augen und konnte, so hart auch der Regent zuhörte, sich des Leichengemäldes nicht erwehren, wie einmal, d. h. sehr bald, dieser erloschne Mensch den Namen seines ganzen Stammes in die Gruft nachziehen werde; er sah das Wappen verkehrt einbauen und den Schild verkehrt aufhängen und hörte die Schaufeln, die den Helm zerstießen und dem Sarge nachwarfen. – – Düstre Idee! die weiche Schwester hätte gewiß geweint, wäre sie nur allein gewesen! –

Zuletzt kam die Reihe auch an die, an welche sie nie zuerst kommt, ob sie gleich die einzigen sind, die es mit solchen Zeremonien herzlich meinen; Heiderscheid trat auf den Balkon und ließ die wimmelnde laute Menge die Vorderfinger und den Daum ausstrecken und den Eid nachsagen. Diese immer bezauberte jauchzete Vivat – in den geblendeten Augen funkelte die Zuversicht einer bessern Regierung und die Liebe für einen Ungekannten. – Der Graf, den ohnehin eine Menge feurig, so wie Schoppen trübe machte, glühte begeistert von Bruderliebe und Tatendurst; er sah die Fürsten wie Allmächtige auf ihren Höhen walten und sah die blühenden Landschaften und die heitern Städte eines weise regierten Landes aufgedeckt – er stellte es sich vor, wie er, wär' er ein Fürst, mit dem schlagenden Funken aus der Zepterspitze in Millionen verknüpfter Herzen auf einmal belebend und erschütternd strahlen könnte, indes er jetzt so mühsam einige nächste entzünde – er sah seinen Thron als einen Berg in Morgenlicht, der schiffbare Ströme statt der Lava in die Länder herabgießet und die Stürme bricht und um dessen Fuß Ernten und Feste rauschen – er dachte sichs, wie weit er von einer so hohen Stelle das Licht umherstreuen könnte, gleichsam ein Mond, der nicht die Sonne am Tage verbauet, sondern ihr fernes Licht aus seiner Höhe der Nacht zuwirft – und wie er die Freiheit, statt sie nur zu verteidigen, erschaffen und erziehen und ein Regent sein wollte, um SelbstregentenAutarchen; denn Monarchen oder Einherrscher sind von Selbstherrschern etymologisch verschieden. zu bilden; »aber warum bin ich keiner?« sagt' er traurig.

Edler Jüngling! geben denn dir deine Rittergüter keine Untertanen? – Aber ebenso glaubt der kleinere Fürst, ein Herzogtum wollt' er ganz anders regieren, und der höhere glaubt es von einem Königreiche und der höchste von der Universalmonarchie.

Indes zogen sich den ganzen sonderbaren unruhigen Tag wilde Jünglings-Perspektiven vor ihm hin und her, und die alte Geisterstimme, der er heute entgegenging, wiederholte in ihm den dunkeln Zuruf: Nimm die Krone! – Wehrfritz kam abends mit rotem Gesichte vom feurigen Huldigungsmahle zurück, und Albano nahm von ihm einen bewegten Abschied, gleichsam von der Ebbe und Windstille des Lebens, von der kindlichen Jugend; denn heute tritt er tiefer in die Wellen desselben. Schoppe kam zurück und wollte ihn vor das Loch seines Guckkastens haben, worin er die Vikariats-Huldigung in Klosterdorf in komischen Bildern vorbeischob; aber diese stachen zu hart mit höhern ab und machten wenig Glück.

Nachts legte Albano seine schöne ernste Charaktermaske an, die eines Tempelherrn – zu einer komischen war seine Gestalt und fast seine Gesinnung zu groß –; die letztere wurde noch feierlicher durch dieses Totenkleid eines ganzen ermordeten Ritterordens. Nachdem er sich noch einmal die schauerlichen Gänge des Tartarus und die Begräbnisstätte des Fürstenherzens wegen des nächtlichen Verirrens beschreiben lassen: so ging er um 10 Uhr fort mit einer hochschlagenden Brust, welche die Nachtlarven der Phantasie und die Freundschaft und die Liebe und die ganze Zukunft vereinigt aufregten.

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