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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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47. Zykel

In Albano sprach ein andrer Geist als in Schoppe, aber beide begegneten sich bald. Dem Grafen machten die Nachtgestalten aus Flor, die stillen Trauerfahnen, der Totenmarsch, der schleichende Krankengang, das Glockengetöse die Totenhäuser der Erde weit auf, zumal da vor seine blühenden Augen zum ersten Male diese Totenspiele kamen; aber lauter als alles rief vor ihm etwas – das man kaum erraten wird – die Scheidungen des Lebens aus, der vom Leichentuche erstickte Trommelschlag; eine gedämpfte Trommel war ihm ein von allen irdischen Katakomben gebrochener Widerhall. Er hörte die stummen erwürgten Klagen unsrer Herzen; er sah höhere Wesen oben herunterschauen auf das dreistündige weinerliche Lustspiel unsers Lebens, worin das rote Kind des ersten Akts im fünften zum Jubelgreis ermattet und dann erwachsen und gebückt vor dem herablaufenden Vorhange verschwindet.

Wie wir im Frühlinge mehr an Tod, Herbst und Winter denken als im Sommer, so malet sich auch der feurigste kräftigste Jüngling öfter und heller in seiner Jahreszeit die dunkle entblätterte vor als der Mann in seiner nähern; denn in beiden Frühlingen schlagen sich die Flügel des Ideals weit auf und haben nur in einer Zukunft Raum. Aber vor den Jüngling tritt der Tod in blühender griechischer Gestalt, vor den müden ältern Menschen in gotischer.

Mit komischem Humor fing Schoppe gewöhnlich an und endigte mit tragischem; so führte auch jetzt der leere Trauerkasten, die Flöte der Pferde, die Wappen-Schabaracken derselben, des Fürsten Verachtung des schwerfälligen deutschen Zeremoniells und die ganze herzlose Mummerei, alles das führte ihn auf eine Anhöhe, wohin ihn immer das Anschauen vieler Menschen auf einmal trieb und wo er mit einer schwer zu malenden Erhebung, Ergrimmung und lachenden Kümmernis ansah den ewigen, zwingenden, kleinlichen, von Zwecken und Freuden verirrten, betäubten schweren Wahnsinn des Menschengeschlechts; – und seinen dazu.

Plötzlich durchbrach die schwarze Kette ein bunter glänzender Ritter, Roquairol auf dem paradierenden Freudenpferde, und erschütterte unsre zwei Menschen, und keinen weiter. Ein blasses eingestürztes Angesicht, vom langen innern Feuer verglaset, von allen Jugendrosen entblößet, aus den Demantgruben der Augen unter dem schwarzen Augenbraunen-Überhange blitzend, ritt in einer tragischen Lustigkeit daher, deren Linien-Geäder sich unter den frühen Runzeln der Leidenschaft verdoppelte. Welch ein Mensch voll verlebten Lebens! – Nur Hofleute oder sein Vater konnten dieses tragische Frohlocken zu einer schmeichlerischen Freude über die neue Regierung herabsetzen; aber Albano nahm ihn ganz in sein Herz hinein und wurde bleich vor inniger Bewegung und sagte: »Ja, er ists! – O guter Schoppe, er wird gewiß unser Freund, dieser zerrissene Jüngling. – Wie schmerzlich lacht der Edle über diesen Ernst und über Kronen und Gräber und alles! Ach er starb ja auch einmal.« – »Daran tut der Reiter recht,« (sagte Schoppe mit zuckenden Augen und tippte schnell an Albanos Hand und dann an seinen eignen Kopf) »mir kommt schon der Schädel da als ein enger bonsoir, als ein Lichttöter vor, den mir der Tod aufgesetzt – wir sind artige, mit Silber überzogne Figuren, in einem elektrischen Tanze begriffen, und vom Funken springen wir auf, ich bewege mich zum Glücke doch noch ... und dort schleicht unser guter Lektor auch daher und zieht seinen langen Flor« – – wobei freilich Augustis bürgerlich-ernste Stimmung sehr gegen die menschlich-ernste des Bibliothekars abstach.

Auf einmal sagte Schoppe verdrüßlich über die Rührung: »Welche Maskerade wegen einer Maske! Lumperei wegen Lumpenpapier! Werft einen Menschen still in sein Loch und rufet niemand dazu. Ich lobe mir London und Paris, wo man keine Sturmglocken läutet und die Nachbarschaft rege macht, wenn der Undertaker einen Eingeschlafnen zu Bette bringt.« – »Nein, nein,« (sagte Zesara, voll Kraft zum Schmerz) »ich lob' es nicht – wem die heiligen Toten gleichgültig sind, dem werden es die lebendigen auch – nein, ich lasse gern mein Herz in eine Träne nach der andern zerreißen, kann ich nur des lieben Wesens noch gedenken.« –

O wie traf die Nachbarschaft mit seinem Herzen zusammen! In einer Zisterne, wovor der Sarg des Sarges vorüberging, stand der abgebildete Greis auf einem Pferde in Bronze und sah unter sich vorübergehen die abgesattelten Trauerpferde und das berittne Freuden-Roß – ein Taubstummer machte mit seiner Glocke an den Türen ein bettelndes Geläute, das er wie der Begrabne nicht vernahm – und war nicht der vergessene Fürst ungesehen und einsamer unter die Erde gelegt als irgendeiner seiner Untertanen? – O Zesara, dir fiel es aufs Herz, wie leicht der Mensch vergessen wird, er liege in der Urne oder in der Pyramide – und wie man unser unsterbliches Ich wie einen Schauspieler für abwesend ansieht, sobald es nur in der Kulisse steht und nicht auf der Bühne unter den Spielern poltert.- –

Aber legte nicht der graue Einsiedler Spener dem tiefern Einsiedler eine doppelte Jugend auf die gesunkne Brust? O zählet nicht in dieser frostigen Stunde des Gepränges die treue Julienne alle Töne des Leichengeläutes an ihren Tränen ab, diese arme, durch Krankheit nur vom Zeremoniell, nicht vom Schmerze befreiete Tochter, die nun den vorletzten, vielleicht den letzten Verwandten verloren, da ihr Bruder kaum einer ist? – Und wird Liane in ihrem Elysium nicht das Nachspiel des Schmerzes erraten, das so nahe vor ihr hinter den hohen Bäumen im Tartarus gegeben wird? Und wenn sie etwas vermutet, o wie wird sie nicht so innig trauern! –

– Dieses alles hörte der edle Jüngling in seiner Seele an, und er dürstete heiß nach der Freundschaft des Herzens; – ihm war, als wehe ihre Berg- und Lebensluft aus der Ewigkeit herab und treibe den Totenstaub weg vom Lebenssteige und er sehe droben den Genius die umgestürzte Fackel auf den kalten Busen stellen, nicht um das unsterbliche Leben auszulöschen, sondern um die unsterbliche Liebe anzuzünden.

Er konnte nun nicht anders, sondern mußte ins Freie gehen und unter dem fliegenden Getöne des Frühlings und unter dem dumpf-zurückmurmelnden Totenmarsche die folgenden Worte an Lianens Bruder schreiben, womit er ihm jugendlich sagte: sei mein Freund!

An Karl

»Fremder! Jetzt in der Stunde, wo uns im Totenmeere und in den Tränen die Siegessäulen und Thronen der Menschen und ihre Brückenpfeiler gebrochen erscheinen, fragt dich frei ein wahres Herz – und deines antwort' ihm treu und gern!

Wurde dir das längste Gebet des Menschen erhört, Fremder, und hast du deinen Freund? Wachsen deine Wünsche und Nerven und Tage mit seinen zusammen wie die vier Zedern auf Libanon, die nichts um sich dulden als Adler? Hast du zwei Herzen und vier Arme, und lebst du zweimal wie unsterblich in der kämpfenden Welt? – Oder stehst du einsam auf einer frostigen verstummten schmalen Gletscherspitze und hast keinen Menschen, dem du die Alpen der Schöpfung zeigen könntest, und der Himmel wölbt sich weit von dir und Klüfte unter dir? – Wenn dein Geburtstag kommt, hast du kein Wesen, das deine Hand schüttelt und dir ins Auge sieht und sagt: wir bleiben noch fester beisammen? –

Fremder, wenn du keinen Freund hättest, hast du einen verdient? – Wenn der Frühling glühte und alle seine Honigkelche öffnete und seinen reinen Himmel und alle hundert Tore an seinem Paradiese: hast du da schmerzlich aufgeblickt wie ich und Gott um ein Herz gebeten für deines? – O wenn abends die Sonne einsank wie ein Berg und ihre Flammen aus der Erde fuhren und nur noch ihr roter Rauch hinanzog an den silbernen Sternen: sahest du aus der Vorwelt die verbrüderten Schatten der Freundschaft, die auf Schlachtfeldern wie Gestirne eines Sternbildes miteinander untergingen, durch die blutigen Wolken als Riesen ziehen, und dachtest du daran, wie sie sich unvergänglich liebten, und du warst allein wie ich? – Und, Einsamer, wenn die Nacht, wo der Geist des Menschen, wie in heißen Ländern, arbeitet und reiset, ihre kalten Sonnen verkettet und aufdeckt und wenn doch unter allen weiten Bildern des Äthers kein geliebtes teures ist und die Unermeßlichkeit dich schmerzlich aufzieht und du auf dem kalten Erdboden fühlest, daß dein Herz an keine Brust anschlägt als nur an deine: o Geliebter, weinest du dann und recht innig? –

– Karl, oft zählt' ich am Geburtstage die wachsenden Jahre ab, die Federn im breiten Flügel der Zeit; und bedachte das Verrauschen der Jugend; da streckt' ich weit die Hand nach einem Freunde aus, der bei mir im Charons-Nachen, worin wir geboren werden, stehen bliebe, wenn vor mir die Jahreszeiten des Lebens am Ufer vorüberlaufen mit Blumen und Blättern und Früchten und wenn auf dem langen Strome das Menschengeschlecht in tausend Wiegen und Särgen hinunterschießet.

Ach nicht das bunte Ufer fliehet vorüber, sondern der Mensch und sein Strom; ewig blühen die Jahreszeiten in den Gärten des Gestades hinauf und hinab, aber nur wir rauschen einmal vor den Gärten vorbei und kehren nicht um.

Aber der Freund geht mit. O wenn du in dieser Stunde der Gaukeleien des Todes den bleichen Fürsten mit den Jugend-Bildern auf der Brust ansiehst und an den grauen Freund denkst, der ihn verborgen im Tartarus betrauert: so wird dein Herz zerfließen und in sanften warmen Flammen in der Brust umherrinnen und leise sagen: ich will lieben und dann sterben und dann lieben; o Allmächtiger, zeige mir die Seele, die sich sehnet wie ich!

Wenn du das sagst, wenn du so bist, so komm an mein Herz, ich bin wie du. Fasse meine Hand und behalte sie, bis sie welkt. Ich habe heute deine Gestalt gesehen und auf ihr die Wunden des Lebens; tritt an mich, ich will neben dir bluten und streiten. Ich habe dich schon früh gesucht und geliebt. Wie zwei Ströme wollen wir uns vereinigen und miteinander wachsen und tragen und eintrocknen. Wie Silber im Schmelzofen rinnen wir mit glühendem Lichte zusammen, und alle Schlacken liegen ausgestoßen um den reinen Schimmer her. Lache dann nicht mehr so grimmig, daß die Menschen Irrlichter sind; gleich Irrlichtern brennen und fliegen wir fort im regnenden Sturme der Zeit. Und dann, wenn die Zeit vorbei ist, finden wir uns wie heute, und es ist wieder im Frühlinge.

Albano de Cesara«

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