Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
Schließen

Navigation:

38. Zykel

Lianens Augen heilten, aber nur langsam; die Natur wollte sie nicht auf einmal aus ihrem düstern Kerker in die Sonne führen; jetzt konnte sie erst, wie die Philosophen, mehr Licht als Gestalten erkennen. Gleichwohl gab der Minister den Kabinettsbefehl, sie müsse übermorgen die Harmonika spielen, bei dem Souper erscheinen und sogar den Salat machen und dabei ihre Blindheit maskieren. Er befahl zuweilen unmögliche Dinge, um so viel Ungehorsam zu finden, als sein Zorn zum Bestrafen brauchte; gewisse Leute sind den ganzen Tag schon im voraus voll Ärger für irgendeine Zukunft, gleich dem Urinphosphor, der immer unter dem Mikroskope kocht, oder den Eisenhütten, worin jeden Tag Feuer auskommt.

Die Ministerin sagte dazu ein sanftes festes Nein. Über die Harmonika, sagte sie, habe sie in seinem Namen den Doktor gefragt, der es streng' verboten, und das übrige sei eine Unmöglichkeit. Hier konnt' er schon, so gut wurd' es ihm, über mehrere Dinge ungehalten werden, besonders über das Fragen des Doktors, das aber gar noch – nicht geschehen war; er wurde toll genug und schwur, er handle nach seinen Prinzipien und frage den Teufel nach fremden.

Dieses Prinzip war dasmal der deutsche Herr. Die obige Anekdote nämlich – Bouverots Fürsorge für den reisenden Erbprinzen – oder die Absicht dabei war an beiden Höfen assemblee- und tafelfähig, und nur dem Fürsten Luigi verdeckt; denn an Thronen gibt es fast für niemand Geheimnisse (kaum für seine Frau) als für den, der darauf sitzt, wie in Schallgewölben die Leute in fernen Winkeln alles laut vernehmen, nur der nicht, der in der Mitte steht. Der deutsche Herr war also im Hohenfließer Systeme die wichtige Pfortader und Lungenpulsader, womit auch Froulay sich wässern wollte. Dieser mußte durchaus der Gegenwart und der Zukunft oder zweien Herren dienen, von denen der Haarhaarer sehr bald seiner werden konnte.

Bouverot war nicht bloß an Froulay den Minister, sondern auch den Vater geknüpft; ein Mann wie er, der sich aus Italien ein ganzes Kunstkabinett nachfahren lässet und dessen Kunst-Kenntnisse eben ihn und den Fürsten so lange verknüpfen, mußte eine Madonna von solcher Karnation wie Liane und aus der römischen Schule und die noch dazu, von der Leinwand abgelöset, sich als eine volle atmende Rose bewegte, ein solcher mußte dergleichen zu schätzen wissen. Heiraten konnt' er die Rose nicht wollen, da er deutscher Herr war.

Er hatte sie seit seiner welschen Reise nicht gesehen – der Graf auch nicht – beiden wollte sie der Minister zeigen als eine Zahlperle von besonderer Weiße und Figur. Froulay hatte – was überhaupt öfter ist, als man denkt – gleich viel Eitelkeit und Stolz; diesen gegen den Tadel, jene für das Lob. Aber ich müßte nun ein Turnierbuch schreiben, um sein Toben, Rennen, Lanzenstoßen in einem Gefechte, wo er unter den Fahnen der Feindschaft, der Eitelkeit und Habsucht diente, nur zum Teil auf die Nachwelt zu bringen. Er war so wenig totzujagen als ein Wolf. Alle Waffen waren ihm gleich, und er nahm immer schärfere und giftigere. In den alten gerichtlichen Zweikämpfen zwischen Mann und Frau stand gewöhnlich der Mann bis an den Magen in einem Loche, um seine Stärke zur weiblichen herabzubringen, und sie schlug gegen ihn mit einem in einen Schleier gewickelten Stein; in den ehelichen aber scheint der Mann im Freien zu stehen und die Frau in der Erde und hat oft nur den Schleier ohne den Stein. –

– In diesem Gefechte stellte sich ein glänzender Friedensengel zwischen beide und fing die Wunden auf, nämlich Liane. Die Tochter, die eine schwärmerische Liebe für die Mutter und die weibliche Achtung des stärkern Geschlechts für den Vater hatte, und die so unendlich unter dem Zwiespalte litt, fiel der Mutter um den Hals und bat sie, ihr das zu erlauben, was der Vater fordere – sie wolle alles gewiß so machen, daß man nichts merke, sie wolle sich recht anstrengen und vorher besonders üben – ach er werde sonst ihrem armen Bruder nur noch ungewogner – diese Uneinigkeit bloß ihrentwegen sei ihr so schmerzlich und vielleicht schädlicher als das Harmonika-Spiel.

»Mein Kind, du weißt,« (sagte die Mutter, denn jetzt hatte sie gefragt) »was gestern der Arzt gegen die Harmonika gesagt hat; das andre kannst du wagen!« Liane küßte sie freudig. Man mußte sie zum Vater führen, damit sie vor ihm die Freude ihres Gehorsams lautmachte. »Ich dank' euchs mit dem Henker,« (sagt' er sanft) »es ist eure verfluchte Schuldigkeit.« – Sie ging mit zerstobener Freude, aber ohne große Schmerzen; sie war es schon gewohnt.


39. Zykel

Der Lektor bat Albano noch auf dem Wege zum Minister, das Feuer seiner Behauptungen und seiner Pantomime zu mäßigen. Er machte ihm vom Hauskriege nur so viel bekannt, als nötig war, damit er nicht Lianen durch den Wahn der Heilung in Verlegenheit setze. Als sie ins Spielzimmer traten, war schon alles im Feuer.

Da ihm jetzt niemand präsentiert wird: so muß ich es tun; es sind Jünger (wenigstens zwölfte) des Ministers.

Zuerst stelle ich dir den Herrn Justizpräsidenten von Landrock vor, eine gute Apothekerwaage der Themis, die Skrupel auswägt und worin keine falsche Gewichte liegen, aber, was ebensoschlimm ist, viel Schmutz, Reste und Rost. Die am L'hombretisch daneben sind die Herren und Frauen von Vey, Flöl und Kob, glatte feine Seelen, die wie Mineralien in Kabinetten auf der Schauseite abpoliert sind, nur aber auf der verborgnen Basis noch eckig und kratzend.

Geh mit mir an den Eingang des andern Zimmers; hier hab' ich dir zu präsentieren den jungen, aber fetten Domherrn von Meiler, der, um seinen innern Menschen mit einem dicken warmen äußern zu bekleiden und auszuschlagen, jährlich nicht mehr Bauern abzufinden braucht, als der Russe Lindenstämme für seine Bastschuhe abschindet, nämlich 150.

Das Zimmer, worein du siehst, präsentier' ich dir als ein Fliegenglas voll Hofbediente, die, um ins Himmelreich zu kommen, nicht bloß Kinder, sondern gar Embryonen von vier Wochen wurden, die bekanntlich aussehen wie Fliegen; sie wollen, wenn Swift von seinen Bedienten nichts begehrt als das Zumachen der Türen, nichts von ihrem Brotherrn als das Offenlassen derselben.

Ich habe die Ehre, dir dort – es ist der, der nicht spielt – den Herrn Kirchenrat Schäpe, der Oberhofprediger werden will, vorzustellen, einen weichen Halunken, der die Samenkörner des göttlichen und menschlichen Worts wie Melonenkerne (sie sollen dadurch früher in den Herzen aufgehen) so lange in gezuckertem Weine einweicht, bis sie in jenen verfaulen; ein geistlicher Herr, der in seinem Leben nie andre Bitten tat als die beiden, die er stets abschlägt, die vierte und die fünfte.

– Aber der Lektor wird dir im Fenster ja alle Herren und Damen kalt, leise und ohne Pantomime nennen. Jetzt führt dich der Minister selber einem spielenden Herrn mit einem Kreuze zu, der Wasser mit Salpeter trinkt und immer den dürren Mund beleckt; es ist Bouverot – jetzt steht er vor dir auf, betrachte das kalte, aber kecke und schneidend-geschliffne Auge, dessen Winkel eine offne Blechschere oder aufgestellte Falle scheinen – die rote Nase und den harten lippenlosen Mund, dessen rötliche Krebsschere sich abgewetzt zusammenzwickt – das aufgestülpte Kinn und die ganze stämmige feste Figur.

Albano überraschet ihn nicht, er hat alle Menschen schon gesehen, und er fragt nach keinem.

Der Minister erquickte den in sich verworrenen Jüngling mit der Verheißung, bei dem Souper werd' er ihm seine Tochter vorstellen. Er bot ihm ein Spiel an; aber Alban versetzte mit einem zu jugendlichen Akzent: er spiele nie. –

Er konnte nun die Spieltischgassen durchstreichen und alles besehen, was er wollte. In einem solchen Falle postiert man sich, wenn man niemand in der Gesellschaft ausstehen kann, gerade vor oder neben das Gesicht, das man am meisten anfeindet, um sich über jedes Wort und jeden Zug des Gesichts heimlich zu erärgern. Albano hätte viele Gesichter gehabt, die wenigstens in einem kleinen Grade nicht zu leiden waren und zu denen er sich hätte stellen können; – ja es wären keine hinlängliche Gründe anzugeben, warum er nicht einen gewissen ausgepelzten eingetrockneten Kleisteraal, einen Schwächling voll Impertinenz in einem fort angesehen hätte, da dieser mit einer Flügelbrille die aufgehenden Kartengestirne observierte, indes Albano die Fühlhörner seiner Sehnerven bis zu den Kartenfarben des zweiten Zimmers ausstrecken konnte – es wären keine Gründe dagewesen, wäre nicht der deutsche Herr dagewesen; vor diesen mußt' er sich stellen; von diesem wußt' er das Meiste und Schlimmste; dieser stand ja mit Schoppe in weiter Verbindung, sogar mit Lianen – – Verdammt! neben gewissen Gesichtern krümmen und mausern sich die Seelenschwingen, wie neben Adlerkielen Schwanen- und Taubenfedern zerfallen; allen schuldlosen Gefühlen in der so geräumigen Brust Albanos wurd' es so unruhig und eng wie einem Taubenfluge, in dessen Schlag man einen Iltisschwanz geworfen.

Ich darf es nicht verhehlen, er murrte und grollte innerlich über alles, was der Mann tat und hatte – dieser mochte nun Finger tragen, deren Spitzen feingeschabet waren für das Pharaospiel und deren Nägel von einem ganz noch schlimmern Hasardspiele sich etwas abgeblättert hatten – oder er mochte zuweilen durch die Haare der Augenbraunen blicken – oder (nur einmal) eine Mücke durch ein schnelles Schnappen der Lippen erquetschen wie die Fliegenfalle – oder bald eine deutsche, bald eine gallische Zeile sagen, was ich doch von guten Zirkeln erwarte, indes nur schlechte kein deutsches Wort vorbringen, wenige solche wie Lansquenet, canif (Kneif), birambrot (Bier am Brot) ausgenommen – – – genug er dachte immer an Schoppes schönen Ausspruch: »Es gibt Menschen und Zeiten, wo einen rechtschaffenen Mann nichts mehr erquicken könnte als – Prügel, die er gäbe.« Duellieren ist ebensogut, meinte der Graf.

Indes muß er hier entschuldigt werden durch eine Autorität. Nämlich selber Schreiber dieses – sonst ein so weiches warmes Schwanenfell – wurde immer zu einem völligen Kampfhahne hinter Spiel-Sesseln und spreizte den kratzenden struppigen Flügel weiter auf, je länger er müßig zusah; der Grund ist der, weil man überhaupt nur die Menschen immer leidlicher und besser findet, mit denen man einerlei treibt und will.

Albano wünschte sich herzlich seinen Waffenbruder Schoppe her; er ging zwar oft zu Augusti, sich auszuschütten; aber dieser linderte stets; ja er schnitt ihm durch die Verflechtung mit dem Kirchenrate die Gelegenheit ab, seine jugendliche unerfahrne Seele Horchern zu verraten. Auch wählte der Lektor nachher auf eine halbe Stunde – was Hausfreunde oft tun in Abwesenheit der Hausfreundinnen – letztere (die Abwesenheit).

Der Graf stand einige Zeit hinter Bouverots Sessel und sah in einen innen mit grotesken Bildern lackierten sinesischen Spiegel und veränderte seine Stellung so lange, bis er darin Zefisios Gesicht hart neben einem gemalten Drachen stehen hatte zur bloßen Vergleichung; – das alles fiel vor, aber mit immer stärkern Herzschlägen für Lianen unterbrochen: – – als die Bedienten die Türen öffneten zu dem Speisesaale; und ihm nun das Herz bis zum Schmerzen pochte und seine ohnehin so jugendlich-blühende Gestalt ganz voll Rosen der frohen und verschämten Röte hing.

 << Kapitel 44  Kapitel 46 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.