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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Siebente Jobelperiode

Albanos Eigenheit – das Nestelknüpfen der Politik – der Herostrat der Spieltische – väterliches mandatum sine clausula – gute Gesellschaft – Herr von Bouverot – Lianens Gegenwart des Geistes und Körpers

36. Zykel

Wäre der Lehnpropst von Hafenreffer nicht, sondern nur meine Phantasie: so würd' ich gewiß in meiner Historie fortfahren und der Welt als wahr berichten (und das ganze romantische Schreibgelag ließe sich darauf totschlagen), Albano sei am andern Morgen blind und taub hinter der breit vorgebundenen Binde des Bandagisten Amor dortgesessen – er habe nicht mehr über fünf zählen können, außer abends an der Glocke, um nachher das Froulaysche Wasserhäuschen magisch zu umkreisen wie einer, der das Feuer besprechen will, das sich ihm nachschlängelt – aus den beiden Blaselöchern, womit sentimentale Walfische sich öffentlich ausweinen in Buchläden, hab' er beträchtliche Ströme aufgespritzt – übrigens hab' er kein Buch mehr angesehen (ausgenommen einige Bogen im Buche der Natur) und keinen Menschen mehr (einen blinden ausgenommen) – – »und unter diesen meinen Wundzettel erotischer Wundfieber« (würd' ich am Schlusse meiner Lüge sagen) »setzt wohl offenbar die Natur ihr Sekrets-Insiegel.« Das tut sie nicht, sagt Hafenreffer; – nichts wie verdammte Lügen sinds; die Sache ist vielmehr so:

Zesara schlich kein zweitesmal mehr in Froulays Garten; eine stolze Schamröte überflog ihn schon bei dem Gedanken an die peinliche, mit der er das erstemal einem mißtrauischen oder fragenden Auge aufgestoßen wäre.

Aber auf diese Weise blieb ihm vor der Heilung die liebe Seele verhüllt wie ihr der Mai; und er quälte sich still mit Berechnungen ihrer Leiden und mit Zweifeln an ihrer Kur. Er schämte sich der Freude während ihrer Trauerzeit und verbot sich den Genuß des Frühlings und den Besuch von Lilar; ach er wußte ja auch, es würde durch den liebenden Frühling und durch das Lilar, wo sie so viele Freuden und die letzte Wunde empfangen, sein Herz zu unbändig werden und zu voll.

Sein Durst nach Wissen und Wert, sein Stolz, der ihm bei dem Vater und seinen beiden Freunden in einem rühmlichen Lichte zu stehen gebot, trieben ihn in seine Laufbahn hinein. Mit allem ihm eignen Feuer warf er sich über die Jurisprudenz und machte keinen andern Weg mehr als den zwischen dem Hörsaale und dem Studierzimmer. Zu diesem Eifer zwang ihn ein eigentümlicher Trieb nach Komplettierung; alles Unvollendete war ihm beinahe ein physischer Greuel; ihn schmerzten defekte Sammlungen – abgebrochene Monatsschriften – eingeschlafne Prozesse – Bibliotheken, weil er sie nie auslesen konnte – Leute, die als Akzessisten starben, oder in Bau-Planen, oder ohne ein abgerundetes Denksystem, oder als Gesellen, Tuchknappen und Schuhknechte – und sogar Augustis Flötenblasen, ders nur so beiher mittrieb. Es war dieselbe Stärke, womit er Psyches Flügelpferde den Zügel straff hielt und womit er ihm das Spornrad einstieß; schon als Kind hatte er diese Stärke an der Zurückhaltung des Atems, oder am peinlichen Pressen einer wunden Stelle versucht – und beim Himmel! figürlich tat er ja nun beides wieder. In ihm wohnte ein mächtiger Wille, der bloß zur Dienerschaft der Triebe sagte: es werde! Ein solcher ist nicht der Stoizismus, welcher bloß über innere Missetäter oder Hämlinge oder Kriegsgefangene oder Kinder gebeut, sondern es ist jener genialisch-energische Geist, der die gesunden Wilden unsers Busens dingt und bändigt, und der königlicher zu sich, als der spanische Regent zu andern, sagt: Ich, der König! –

– Ach freilich – wie konnte seine warme Seele anders? – stand er oft in der Nachmitternacht am luftigen Fenster und schauete voll Tränen auf die weiße Madonna des ministerialischen Palastes, die der reine Mond versilberte. Ja am Tage zeichnete er oft in sein Souvenir (zufällig wars ein Springbrunnen und eine Gestalt dahinter, weiter nichts) – oder er las im Messias (natürlich fuhr er in dem Gesange fort, den er schon bei der Ministerin angefangen) – oder er belehrte sich über Nervenkrankheiten (war er bei seinem Studieren dagegen gedeckt?) – oder er ließ das Feuer seiner Finger über die Saiten laufen – ja er hätte nichts als Rosen gepflückt, obwohl mit Dornen, wäre ihre Blütezeit gewesen.

Und diese seufzende schwüle Seele mußte sich verschließen! O er war schon in Sorge, jede Taste werde eine Schriftpunze, das Klavier ein Letternkasten und alle Handlungen verräterisch-leserliche Worte. Denn er mußte schweigen. Die erste junge Liebe hat wie die der Geschäftsleute (die kursächsischen ausgenommen) keine Sprachwerkzeuge, höchstens eine tragbare Schreibfeder mit Dinte. Nur die Weltleute, die ihre Liebeserklärungen ebenso wiederholen wie Schauspieler, sind imstande – und aus gleichen Gründen –, sie ebenso zu publizieren wie diese. Aber in der heiligern Zeit des Lebens wird das Bild der geliebtesten Seele nicht im Sprach- und Vorzimmer, sondern im dunkeln stillen Oratorium aufgehangen; nur mit Geliebten spricht man von Geliebten. Ach er hörte über seine Himmelsbürgerin ungern sogar andre reden; und er entwich oft (mit dem innern Rauchopferaltar in sich) aus dem Zimmer, worin man für sie eine Rauchpfanne mehr voll Kohlendampf als Wohlgeruch herumtrug. –


37. Zykel

Man erwartete in Pestitz jeden Tag die Zurückkunft des deutschen Herrn, Mr. de Bouverot, der in Haarhaar an die fest skizzierte Vermählung zwischen Luigi und einer haarhaarschen Prinzessin, Isabella, die letzte retuschierende Hand gelegt. Augusti war ihm nicht gut und sagte sogar, Bouverot habe keine honnêtetéHonnêteté schließet in den höhern Ständen Morden, deshonnêteté, Lügen etc. völlig aus; ausgenommen in einem gewissen Grade.; und erzählte folgendes, aber mit der weichen Ironie eines Weltmannes.

Vor einigen Jahren wurde Bouverot in Kapitel-Streitigkeiten vom haarhaarschen HofeDieser Hof ist katholisch, aber das Land lutherisch, und zu dieser letztern Konfession bekennt sich auch der Hohenfließer. nach Rom an den Papst versandt; gerade zur Zeit, wo auch Luigi den gewöhnlichen Römerzug der Fürsten tat mit seinen Römer-Zinszahlen. Nun wollte Haarhaar – das eigentlich schon chapeaubas geht mit dem Hohenfließer Fürstenhute und das alle mögliche offizinelle Aussicht hat, ihn aufzusetzen – eben darum nicht gern den Anschein geben, als seh' es das Erlöschen des Hohenfließer Stammes mit kalten Augen an, um so mehr, da eben der Stammhalter Luigi gleich in den ersten Jahren kein Held von nervöser Bedeutung war. Ja dem Haarhaarer Hofe mußte daran liegen, daß der gute dünne Stamm-Herbstflor womöglich anders wiederkäme, als er ausgezogen war; und eben aus solchen Gründen war von jenem dem Deutsch-Herrn heimlich aufgetragen, dergestalt über alle seine Freuden und Leiden als maitre de plaisirs – zumal bei maitresses des plaisirs – zu walten und zu wachen, daß man damit zufrieden wäre. War inzwischen Abiturient schon als Fötus eingesessen, so wurd' er leider gar zum punctum saliens ausgeschliffen zurückgefahren, besonders da er durch mehrere Bocks- und andre Sprünge durch den Reif der Lust verdorben war zu einem Rittersprunge. Es kann möglich sein, daß der Deutsch-Herr der Verjüngung des Fürsten zu sehr entgegenging; ja er kanns der jungmachenden Wunderessenz des Marquis d'AymarS. des Grafen Lamberg Tagebuch eines Weltmannes. nachgetan haben, welche eine alte unschuldige Dame, die vom Elixier mehr versalbte, als gegen ihre Jahre nötig war, durch das übermäßige Verjüngen zum kleinen Kinde einzog. – – Kurz durch diesen Kreuzzug hinter dem Kreuzherrn Bouverot wird einmal – wie öfters durch Kreuzzüge – der Hohenfließer Fürstensessel offen zu rechter Zeit, und Haarhaar setzt sich darauf. – –

Ich gestehe ungern, daß Albano anfangs – weil bei aller seiner Scharfsicht seine Reinheit ebenso groß war – das Faktum nur verworren faßte; als ers aber begriff, wars für ihn pharmazeutisches Manna, wie für Schoppe israelitisches. »Der Kreuzherr« (sagte dieser) »trägt sein Kreuz nicht umsonst – es tut ihm ebensoviel Dienst wie in den Häusern in Italien ein darangeschmiertes, es darf beide keine Seele anpissen, ob mans gleich in Rom vor jedem Vorzimmer mag.«-

Nicht lange darnach gingen unsre drei Freunde in der Stunde, wo die Wagen lärmend zum Tee und Spiele rollen, auf der Gasse, als man vor ihnen eine Sänfte mit dem Sitze rückwärts, worin gleichwohl jemand saß, vorübertrug. »Du heiliger Vater!« (rief Schoppe) »da drinnen sitzt der leibhafte Zefisio aus Rom, der mich irgendeinmal durchprügeln muß.« – »Leise, leise!« (sagte Augusti) »das ist der deutsche Herr; Zefisio ist sein arkadischer NameWer in die Akademie der Arkadier tritt, nimmt einen arkadischen Namen an..« – »Nun, so freu' ich mich desto mehr, daß ich mit der Rotnase einmal herzlich schlecht umsprang«, sagt' er und kehrte um und begleitete mit untergesteckten Armen die Sänfte fast zehn Schritte weit, um den Vogel des Bauers besser zu beschauen, bis dieser die Vorhänge vorriß. Albano ertappte darin im Vorübereilen nur einen scharfen, gleich einem Dolche gezognen Blick und einen rotglimmenden Nasenknopf. –

Schoppe kam wieder und erzählte die Händel in Rom. Nämlich gegen alle Todsünder, Blutschuldner und Sündenbälge trug er keinen so bittern Ingrimm als gegen Professions-Bankhalter, Croupiers und Grecs; er sagte, hätt' er ein Raupeneisen, womit er dieses Gewürm von der Erde wegschaben, oder eine Kochenille-Mühle, worin er es zerknicken könnte, er tät' es ganz lustig; »O Himmel,« (rief er dann aus) »hielt' ich vollends über den ringelnden verwickelten Wurmstock gerade meinen ausgestreckten Fuß (und wäre auch das Podagra daran), freudig stieß' ich ihn darein und träte den Bettel aus.« – Was er aber konnte, tat er. Da er sein eigner Reisediener und eine in ganz Europa hin- und herfahrende Lauferspinne war: so hatt' er recht oft die Freude, diese Pharao-Blattwickler und Blattminierer unter die Finger zu bekommen – ihr Schein-Genosse zu werden – ihre Kriegslisten einzulernen – und dann irgendein Feuerrad in ihre zischende Schlangenhöhle zu rollen. Ich bin nicht näher unterrichtet, ob man es in Leipzig weiß, wer der Rädelsführer war, der vor kurzem in der Messe eine Vexier-Polizei mit Schein-Stadtknechten spielte und eine Bank aufhob; wenigstens waren die Bankiers darüber irrig, weil sie den andern Tag der wahren Polizei aufwarteten und um einige Indulgenzen und Un-Rechtswohltaten anbettelten; aber ich bin hier imstande, den Diebsfänger zu nennen: Schoppe wars gewesen. – – Die Beute legt' er meistens zu neuen Fladderminen unter Pharao-Tischen an.

Mit Zefisio hatt' ers anders gekartet. Er trat vor dessen Bank und sah einige Minuten zu und belegte endlich ein Blatt mit einem Schildlouisd'or. Es gewann, und er zeigte hinter der Karte eine lange Rolle von Louis. Bouverot wollte diese Rolle nicht bezahlen; »er habe« (sagt' er) »nichts gesehen.« – »Wozu sitzt Ihr Croupier denn dort?« sagte Schoppe und erklärte sie für Betrüger, wenn sie nicht zahlten. Man zahlte ihm, um größern Schaden zu vermeiden, den Gewinst. Er nahm ihn kalt und schied mit den Worten an die Pointeurs: »Meine Herren, Sie spielen hier doch mit ausgemachten Betrügern; aber bloß weil ich sie kenne, haben sie mich bezahlt.« Unter dem Steif- und Blaßwerden der Interessenten ging er langsam mit seiner breitschultrigen gedrungnen Figur und mit seinem Knotenprügel unversehrt davon. – –

Augusti wünschte von Herzen – der Verfolgung wegen –, daß Bouverot den Bibliothekar nicht mehr kenne. Zu Hause fanden sie eine Einladung vom Minister auf Tee und Souper; »die arme Tochter!« (sagte Augusti) »Dieses Bouverot wegen muß die Halbblinde morgen an die Tafel.« – – Indes sieht sie doch unser Jüngling endlich wieder, und nur ein Frühlingstag sondert ihn vom teuersten Wesen ab! – Hat Augusti recht: so trifft meine Bemerkung hier ein, daß ein guter Filou immer der motivierende Hecht wird, der den frommen Karpfensatz der Stillen im – Teiche zum Schwimmen bringt; die versteckte Blattermaterie, die kalte Kinder auf einmal lebendig macht.

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