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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Er nahm, sagt' ich, den Grafen ungemein verbindlich auf, so wie den Lektor; und entdeckte beiden, er müsse ihnen seine Frau vorstellen, die ihre Bekanntschaft wünsche. Er ließ es ihr sagen; führte beide aber, ohne Erwarten der Antwort, in ihr Zimmer. Dem Jünglinge war nun, als drehe sich die schwere Tür eines heiligen stillen Tempels auf. – Sogar ich bin jetzt, während ihres Ziehens durch die Zimmer, mit so närrisch, daß ich in eine ebenso große Angst gerate, als ging' ich mit hintennach. Als wir ins Morgenzimmer, welches Papiertapeten zu einer gegitterten Jelängerjelieber-Laube ausfärbten, eintraten: saß bloß die Ministerin da, die uns gefällig aufnahm, mit fester und kalter Haltung in Miene und Ton. Ihre streng-geschlossenen und wenig bezeichneten Lippen taten stumm einen Ernst, der die Gabe des frommen Herzens, und eine Stille kund, die der Schmuck der Schönheit ist – wie manche Flügel nur, wenn sie zugefaltet sind, Pfauenspiegel gießen –, und das Auge glänzte im Wohlwollen der Vernunft; aber die Augenlider waren von harten Jahren tief und kränklich über die milden Blicke hereingezogen. Ach wie zwischen Neuvermählten oft ein Schwert trennend lag, so schliff Froulay täglich am dreischneidigen, das ihn und sie absonderte. Sonderbar stach mit dem hellen Nachsommertage auf ihrem Angesichte das unreine Gewühl auf seinem ab, wiewohl er vor Zeugen, wie es schien, seiner Höflichkeit gegen sie die Ironie benahm und den Haß, wie andre die Liebe, nur für die Einsamkeit aufhob.

Zum Glück verpflanzte sich dieser Nußbaum, der einen ungesunden frostigen Nußbaumschatten auf den ganzen Nelkenflor der Liebe und der Dichtkunst warf, bald unter ähnlichere Gäste zurück. Die Ministerin richtete sich nach den ersten Gaben der Gefälligkeit mehr an den Lektor, dessen korrekte bürgerliche Mensur zu ihrer religiösen ganz stimmte; besonders da nur er über Liane fragen und kondolieren konnte. Sie versetzte, dieses Zimmer Lianens sei gerade so gelassen, wie es am Abend der Erblindung gewesen, damit es, wenn sie heile, eine schöne Erinnerung für sie bleibe, oder eine traurige für andre, wenn sie nicht genese. – O bewegter Albano, wenn jede Abwesenheit verklärt, wie muß es erst eine mit so vielen Spuren der Gegenwart tun! Ich bekenne, außer einer Geliebten kenn' ich nichts Schöneres als ihr Wohnzimmer in ihrer Abwesenheit.

Auf Lianens Arbeitstische lag ein umrissener Christuskopf neben der aufgeschlagenen Messiade – ein zusammengelegter Spazierflor nebst dem grünen Spazierfächer mit eingeschriebenen Wünschen von Freundinnen – einige aufgeschnittene Couverts – der Gevatterbrief eines Froulayschen Pachters – eine ganze lackierte Schäferei mit Wagen, Stallung und Haus, mit deren lilliputischen Arkadien sie Dians KinderDians Familie wohnt in Lilar. erfreuen wollen – ein aus dem verfliegenden Stammbüchlein einer Freundin ausgerupftes Blatt, das sie mit einer getuschten Blumenrabatte gerändert und dann mit holden Wünschen vollgepflanzet hatte, die das Schicksal aus ihrem eignen Leben weggenommen. – – Ach schönes Herz, wie gern wollt' ich über alle kleine Rudera deiner lichten Vorzeit etwas Tabellarisches entwerfen und verteilen, hätte sich der Lehnpropst näher darauf eingelassen! – Was aber mich und den Grafen am tiefsten bewegt, ist eine aufgespannte Stickerei, auf welche ihre Nadel wie ein Inokuliermesser an jenem düstern Tage eine Rose mit zwei Knospen geimpfet hatte und woran nichts mehr fehlte als die Dornen – – o diese zog an deinen Freudenrosen das Verhängnis nur zu weit hervor und preßte sie dann so tief durch deine Brust bis ans Herz! –

In keiner Stunde seines Lebens war Albanos Liebe so heilig-zart als in dieser, oder sein Mitleiden so innig. Zum Glück blickte die Ministerin immer durch das Fenster in den Garten und nahm seine Rührung nicht wahr. Zuletzt zeigte sie noch auf Lianens dastehende Harmonika; nun ward ihm das Herz zu voll und zu sichtbar, er sprang auf mit den hastigen Worten, er habe noch keine gehört, und trat davor. Ach er wollte etwas berühren, worauf so oft ihre Finger gewesen. Er legte die Hand wie an ein Heiligtum an diese Betglocken, die so oft unter der ihrigen für fromme Gedanken gezittert hatten; aber sie gaben ihm keine Antwort, bis ihm der Lektor, ein Kenner des Abcs wie der Technologie aller Künste, das Nötigste in drei Worten gewiesen. Jetzt sog er in die Seele voll Seufzer und Kriege den ersten Dreiklang ein, die ersten Klagesilben dieser Muttersprache der lechzenden Brust – ach dieser Stummenglocken, die der innere Mensch in der Hand schüttelt, weil er keine Zunge hat –; und seine Adern schlugen wild als Flügel, die ihn vom Boden aufwehten und ihn vor eine höhere Aussicht trugen, als die in die letzte Freude oder Marter ist. Denn in starken Menschen werden große Schmerzen und Freuden zu überschauenden Anhöhen des ganzen Lebensweges. – –

Ich weiß nicht, ob viele Leser den Fehler möglich finden werden, den er jetzt wirklich beging. Die Ministerin war im Gespräche sehr natürlich – durch Liane und Roquairol – auf den Satz geraten, daß Kindern keine Schule nötiger sei als die der Geduld, weil entweder der Wille in der Kindheit gebrochen werde oder im Alter das Herz. Ach sie und ihre Tochter knieten ja selber voll Geduld vor dem beladenden Schicksale oder auch vor dem bewaffneten; wiewohl die Mutter mit einer frommen, die mehr an den Himmel als auf die Wunde sah, Liane mit einer liebenden, die sich in neue Leiden wie in alte Krankheiten ergibt, wie eine Königin am Krönungstage in die Schmerzen und Friktionen des schweren Juwelenputzes und wie ein Kind, das die Wundenmale süß verschläft und süßer verträumt. – Aber Zesara, der gleich dem Wolfe schon den Klang einer Kette floh und gegen jede, von den leichten Panster- und Ritterketten an bis zu den schweren Hafenketten, die den Jünglingen die Fahrt ins arbeitende Meer verhängen, erbittert ansprengte, konnte sich nicht halten, zumal mit diesem Herzen voll Bewegungen, in zu großer zu sagen: »Der Mensch soll sich wehren – lieber will ich auf dem regen Schlachtfelde freiarbeitend alle Adern ausgießen als einen Tropfen daraus über die Folterleiter angebunden.« – »Die Geduld« (sagte die Ministerin voll davon) »streitet und siegt auch, aber im Herzen.« – »Lieber Graf,« (sagte Augusti, nicht bloß auf die Arria anspielend) »die Weiber müssen noch immer zu den Männern sagen: es schmerzet nicht!«

Ich hatte nicht eher als jetzt Gelegenheit, den Fehler Albans bekannt zu machen, daß er seine Meinung niemals freier und stärker sagte als da, wo er mit ihr gerade einen oder ein paar Himmel seines Lebens zu verspielen fürchten konnte: bei geringerer Gefahr konnt' er nachgiebiger sein. Ob er also gleich merkte, daß die Ministerin dabei an die muskulöse, aber auch hartgreifende Hand ihres wilden Sohnes mit schmerzlichen Erfahrungen denke – oder vielmehr, eben weil ers merkte und weil er für diesen künftigen Freund gern der Waffenschmied und Waffenträger werden wollte –: so blieb er dabei, warf alles Brechzeug des jungen männlichen Willens aus den Schulstuben auf die Gasse und sagte in seiner abstechenden Sprache: »Die Goten schickten ihre Knaben lieber in keine Schule, damit sie Löwen blieben. Wenn man auch Mädchen einen Tag vor dem Pflanzen in die bürgerliche Welt in Milch einweichen muß: so soll man doch Knaben wie Aprikosen mit der steinernen Schale in die Erde stecken, weil sie den Stein durch ihr Wurzeln und Wachsen schon abwerfen und verlassen.« – Der Lektor mit seiner feinen Offenheit – ein kristallenes Gefäß mit goldnem Schnitt – bemerkte mit leiser Rüge von Albans Heftigkeit: wenigstens habe selber die Art, womit beide ihre Beweise geführt, zu den Beweisen gehört; und die Weiber bedürften und bewiesen mehr Geduld bei Personen, und wir mehr bei Sachen.

Die Ministerin, die mehr ihren Sohn als seinen Freund zu hören glaubte, schwieg und trat näher ans Fenster. Unter den Kriegstroublen hatte der Abend seinen licht-vollen Mond auf die Morgenberge gewälzt, und die Güsse seines Lichts flossen jetzt von allen Seiten herein durch den ganzen vor dem Morgenzimmer ausgespannten Garten und blieben in seinen breiten Alleen und in seinen Blumenzirkeln stehen: als auf einmal ein rundes Häuschen durch aufschießende, vom Mondlicht zu Ehrenbogen entzündete Wasserstrahlen bis an sein welsches umgittertes Dach umlodert wurde. Stillgerührt sagte die Ministerin: »Auf jenem Wasserhäuschen steht meine Liane; sie gebraucht die Ausdünstung der Fontänen; der Arzt verspricht sich viel davon. Und die Vorsicht geh' es!« –

Allein der erschütterte Zesara konnte mit seinen so scharfen Augen doch mitten im Blendwerke des waagrechten Mondenscheins und hinter dem zitternden Nonnengitter aus verschränkten Silber- oder Wasseradern jetzt nichts aus dem dämmernden Eden absondern als eine unkenntliche stille weiße Gestalt. Aber es war genug für ein Herz, das weint und glüht. »Du Engel meiner Jugendträume,« dacht' er, »wirst du es sein? Sei du mir gegrüßet mit tausend Schmerzen und Freuden. – Ach können denn Leiden in dir sein, du Himmelsseele?« – Und es ergriff ihn, daß sie mit ihrer gequälten und entzückenden Gestalt, wenn sie hier im Zimmer wäre, sein ganzes Wesen zerknirschen würde durch Mitleid, und er hätte jetzt die Umarmung des Bruders verworfen, mit dessen Hand das Verhängnis die sanften Augen zum langen Traume zugedrückt.

Die Stickluft des bangsten Mitleids zwang ihn, wegzugehen und sich umzuwenden und in den aufgeschlagenen Messias die Augen zu heften, deren Tropfen er nicht zeigen wollte; aber sie wurden durch die Erinnerung, daß er ihre letzte Lese-Freude wiederhole, nur heißer und dichter. Plötzlich richtete etwas Verfinsterndes, das vor dem Fenster wie ein fallender Rabe niederflatterte, seinen Blick wieder auf Lianen, über welcher ein vollgestrahltes Wölkchen stand, gleichsam ein aufgezogener oder niederkommender Heiligenschein – Unsterbliche schienen darauf wie auf Ossians Wolken zu wohnen und die Schwester zu erwarten – und da sie endlich sich bewegte und langsam in das Wasserhäuschen untersank, schien es da nicht, als gehe ihre Hülle in die Erde und ihr stiller Geist in die Wolke? –

Hier gab ihm Augusti, da die Mutter der zurückkommenden Kranken ins Krankenzimmer folgen mußte, den Wink zum Abschiede, den er willig nahm; seine Liebe befriedigte sich jetzt mit Einsamkeit und mit der Hoffnung des Wiedersehens: junge Liebe und junge Vögel haben anfangs nur Wärme durch Bedecken nötig, erst später Nahrung. –

Aber ein Paraklet oder Tröster sagte unter dem Weggehen dem Jünglinge leis' ins Herzohr: morgen siehst du sie wenige Schritte von dir im Garten! – Und das ist recht leicht zu machen; er darf nur morgen in der Abenddämmerung, wenn die Abendwandlerin die Augenkur gebraucht, sich in die Allee begeben und aus den Blättern frei hinauf in das zauberische Antlitz schauen und dann die ganze Glückseligkeitslehre in einem Paragraphen, in einem Zuge, Atem, Momente verschlingen – – aber welche Aussicht!

Der Graf bat den Lektor, nicht lange bei dem beschäftigten Minister zu sitzen. Als sie ihn wiederfanden, wußt' er hinter einem Aktenstocke kaum nach einigem (vielleicht maskierten) Besinnen, daß sie dagewesen, und bedauert' es innig, daß sie fortgingen. – Ach der Tröster lispelt den ganzen Abend und die ganze Nacht: Morgen, Albano! –

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