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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Sechste Jobelperiode

Die Zehn Verfolgungen des Lesers – Lianens Morgenzimmer – Disputation über die Geduld – die malerische Kur

34. Zykel

Heischesätze – Apophthegmen – Philosopheme – Erasmische Adagia – Bemerkungen von Rochfoucauld, von La Bruyere, von Lavater ersinn' ich in einer Woche unzählige und mehrere, als ich in sechs Monaten loszuwerden und als Einschiebeessen in meinen biographischen petits soupers wegzubringen imstande bin. So läuft der Lotto-Schlagschatz meiner ungedruckten Manuskripte täglich höher auf, je mehr ich dem Leser Auszüge und Gewinste gedruckter daraus gönne. Auf diese Weise schleich' ich aus der Welt und habe nichts darin gesagt. Lavater nimmt sich hierin vernünftiger, er lässet das ganze mit Schätzen gefüllte Lottorad unter dem Titel: Manuskripte (so wie wir umgekehrt Manuskripte den Verlegern auf der Post unter dem Titel gedruckter Sachen zufertigen) selber unter die Gelehrten laufen.

Aber warum tu' ichs nicht und lasse wenigstens eine oder ein paar Wasseradern meines Wasserschatzes springen und auslaufen? – Auf zehn Verfolgungen des Lesers – bloß so nenn' ich meine zehn Aphorismen, weil ich mir die Leser als Märtyrer ihrer Meinungen und mich als den Regenten denke, der sie mit Gewalt bekehrt – schränk' ich mich ein. Der folgende Aphorismus ist – wenn man den vorhergehenden als die erste Verfolgung anschlägt –, hoff ich,

die zweite.

Nichts fegt und siebt unsere Vorzüge und Liebhabereien besser durch als eine fremde Nachahmung derselben. Für ein Genie sind keine schärfere Poliermaschinen und Schleifscheiben vorhanden als seine Affen. – Wenn ferner jeder von uns neben sich noch ein Doppel-Ich, einen vollständigen ArchimimusSo hieß bei den Römern ein Mann, der hinter der Leiche ging und die Gebärden und das Wesen derselben im Leben nachäffte. Pers. Sat. 3. und Repetenten im Komplimentieren, Hutabnehmen, Tanzen, Sprechen, Zanken, Prahlen etc. herlaufen sähe: beim Himmel! ein solches genaues Repetierwerk unsrer Mißtöne würde ganz andre Leute aus mir und andern Leuten machen, als wir gegenwärtig sind. Der erste und kleinste Schritt, den wir zur Besonnenheit und Tugend täten, wäre schon der, daß wir unsre körperliche Methodologie, z. B. unsern Gang, Anzug, Dialekt, unsre Schwüre, Mienen, Leibgerichte etc., nicht besser, sondern gerade so befänden als alle fremde. Fürsten haben das Glück, daß sich alle Hofleute um sie zu treuen Supranumerarkopisten und Pfeilerspiegeln ihres Ichs zusammenstellen und sie durch diese Heloten-Mimik bessern wollen. Aber sie erreichen selten die gute Absicht, weil der Fürst – und das wäre von mir und dem Leser auch zu befürchten – wie der Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden an keine wahre Menächmen glaubt, sondern sich einbildet, in der Moral wie in der Katoptrik zeige jeder Spiegel und Nebenregenbogen alles verkehrt.

Dritte

Es ist dem Menschen leichter und geläufiger, zu schmeicheln als zu loben.

Vierte

In den Jahrhunderten vor uns scheint uns die Menschheit heranzuwachsen, in denen nach uns abzuwelken, in unserm herrlich-blühend aufzuplatzen: so scheinen uns nur die Wolken unsers Scheitelpunktes gerade zu gehen, die einen vor uns steigen vom Horizonte herauf, die andern hinter uns ziehen gekrümmt hinab.

Fünfte

Das Alter ist nicht trübe, weil darin unsre Freuden, sondern weil unsre Hoffnungen aufhören.

Sechste

Das Alter der Weiber ist trüber und einsamer als das der Männer: darum schont in jenen die Jahre, die Schmerzen und das Geschlecht! – Überhaupt gleicht das Leben oft dem Fang-Baume mit aufwärtsgerichteten Stacheln, an welchem der Bär leicht hinauf zum Honig-Köder klettert, wovon er aber unter lauter Stichen wieder zurückrutschet.

Siebente

Habt Mitleiden mit der Armut, aber noch hundertmal mehr mit der Verarmung! Nur jene, nicht diese macht Völker und Individuen besser.

Achte

Die Liebe vermindert die weibliche Feinheit und verstärkt die männliche.

Neunte

Wenn zwei Menschen im schnellen Umwenden mit den Köpfen zusammenstoßen: so entschuldigt sich jeder voll Angst und denkt, nur der andre habe den Schmerz und nur er selber die Schuld. (Nur ich exkusiere mich ganz unbefangen, eben weil ich aus meinen Verfolgungen weiß, wie der andre denkt.) Wollte Gott, wir kehrtens bei moralischen Stößen nicht um!

Letzte Verfolgung des Lesers

Der hintergangene bedeckte und vom Trauerschleier zum Leichenschleier lebende Mensch glaubt, es gebe kein Übel weiter als das, was er zu besiegen hat; und vergisset, daß nach dem Siege die neue Lage das neue mitbringe. Daher geht – wie vor schnellen Schiffen ein Hügel aus Wasser vorschwimmt und eine nachgleitende Wellengrube hinter ihm zuschlägt – immer vor uns her ein Berg, den wir zu übersteigen hoffen, und hinter uns nach eine Tiefe, aus der wir zu kommen glauben.

So verhofft der Leser jetzt nach überstandnen zehn Verfolgungen in den historischen Hafen einzufahren und da ein ruhiges Leben zu führen vom unruhigen meines Personale; aber kann ihn der geist- und weltliche Arm denn decken gegen einzelne Gleichnisse – gegen halbseitige Kopfschmerzen – Waldraupen – Rezensionen – Gardinenpredigten – Regenmonate – oder gar Honigmonate, die nach dem Ende jedes Bandes einfallen? – –


Nun zur Historie! Abends fuhren Albano und Augusti mit dem väterlichen Kreditbriefe zum Minister. Den Frost und Stolz desselben suchte der Lektor unterwegs durch das Lob seiner Arbeitsamkeit und Einsicht zu überfirnissen. Mit Herzklopfen faßte der Graf den Türklopfer am Himmels- oder Höllentore seiner Zukunft an. In der Antichambre – diesem höhern Bedientenzimmer und Limbus infantum et patrum – standen noch Leute genug, weil Froulay ein Vorzimmer für eine Bühne hielt, die nie leer sein darf und auf der es, wie im jüdischen Tempel nach den Rabbinen, denen, die knien und beten, nie zu enge wird. Die Ministerin war als eine Patientin abwesend, bloß weil sie eine hüten wollte. Der Minister war auch nicht da – weil er wenig Zeremonien machte und nur ungemein viel forderte –, sondern in seinem Arbeitskabinett; er hatte bisher den Kopf unter dem warmen Thronhimmel gehabt und tief in den verbotnen Reichsapfel gebissen, daher opferte er willig auf (nicht andern, sondern andre) und ließ sich als eine Heiligenstatue mit Votivgliedern behängen, ohne seine zu regen, und wie der heilige Franziskus zu Oporto mit Dank- und Bittschriften, die er niemals erbricht.

Froulay kam und war – wie immer außer den Geschäften – so höflich wie ein Perser. Denn Augusti war sein Hausfreund – d. h. die Ministerin war dessen Hausfreundin –, und Albano war nicht gut vor den Kopf zu stoßen, weil man dessen Pflegevater in Landschafts-Votis brauchte und weil Don Gaspard viel bei dem Fürsten galt und weil der Jüngling durch einen ihm eignen anständigen Stolz gebot. – Es gibt einen gewissen edlen, durch welchen mehr als durch Bescheidenheit Verdienste heller glänzen. – Froulay hatte für die Zukunft nicht die bequemste Rolle; denn der haarhaarsche Hof war dem Vlies-Ritter so ungewogen wie dieser jenemDieser hatte früher dem spanischen Ritter die Prinzessin abgeschlagen; es sind mir aber über diesen wichtigen Artikel hinlängliche Dokumente versprochen.; Haarhaar wurd' aber ohne Zweifel (allen welschen chirurgischen Berichten zufolge) und in wenig Jahren (allen nosologischen gemäß) der Erbe von dessen Erbschaft oder Throne. – Nun war das Schlimme dabei, daß der Minister, der wie ein Christ mehr auf die Zukunft sah, sich zwischen dem deutschen Herrn von Bouverot, der eine haarhaarsche Kreatur heimlich war, und zwischen der kurzen Gegenwart zugleich durchzuschleichen hatte.

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