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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Zum allgemeinen Erstaunen schlug sich mein Graf gegen alle auf Roquairols Partei. Ach deine ersten Frühlingsstürme zogen jetzt gefangen in deiner Brust umher ohne eine freundschaftliche Hand, die ihnen einen Ausweg gab, und du wolltest deinen blutigen Gram bedecken! – Und suchtest du nicht einen Geist voll Flammen, ein Auge voll Flammen für deine, und hättest du dich nicht lieber mit einem donnernden Höllengotte verbrüdert als mit einem pietistischen matten, gleich einer Schabe unterhöhlenden Himmelsbürger? – Barsch fragt' er den Doktor: »Wo haben Sie das Herz des Fürsten?« – »Ich hab' es nicht,« sagte Sphex betroffen, »im TartarusDer Tartarus ist die melancholische Partie in Lilar. liegts – wiewohls der Wissenschaft profitabler gewesen wäre, hätte man es unter seine Präparate stellen dürfen; groß wars und sehr singulär.« Er dachte daran, daß er oft – wo er konnte – wie ein Augur unter dem Sezieren ein oder das andre bedeutende Glied als ein Prinzen- und Junkern-Räuber à la minuta heimlich beiseite geschafft – für sein Studium, ein Honig, den er sich gern mit seinem Anatomier- und Zeidelmesser ausschnitt.

»Hat sonach das Fräulein eine unglückliche Liebschaft oder dergleichen?« fragte Schoppe. »Mehr als eine!« (sagte Sphex) »Krüppel – Preßhafte – Waisenjungen – blinde Methusalems; alle diese Liebschaften hat sie. Späße und junge Herren, sag' ich oft zur Alten, bekämen ihr gesünder.«

Aber darin, in der Forderung der Heiterkeit, geb' ich ihm nach – Freude ist die einzige Universaltinktur, die ich präparieren würde – sie wirkt (und stets) als antispasmoticum, als glutinans und adstringens – das Freudenöl dient zur Brand- und Frost-Salbe zugleich. – Der Frühling z. B. ist eine Frühlingskur, eine Landpartie eine Austernkur, eine Brunnenbelustigung eine Maß Bitterwasser, ein Ball eine Motion, ein Fasching ein medizinischer Kursus – und daher ist der Sitz der Seligen zugleich der Sitz der Unsterblichen. –

»Ja er habe,« beschloß der Doktor, »weils Leute von Stande wären, zuletzt zum Hochmut geraten, der alle offizinellen Heilkräfte der Freude zeige; sehr starker wirke völlig wie diese, belebe den Puls, stähle die Fibern, sperre die Poren auf und jage das Blut durchs lange AderngewindeDen Blutumlauf beschleunigt Hochmut bis zum Wahnsinn. Übrigens ist die ganze Bemerkung von dem pharmazeutischen Werte des Hochmuts aus Tissots »traité sur les Nerfs« geholt.. Seiner schwächlichen Frau, wie man sie da sehe, hab' er früher durch Kleider und Doktors-Rang dieses Medikament beigebracht und ihr damit auf die Beine geholfen. – Aber er wolle lieber 60 gemeine Weiber als eine vornehme kurieren – und er bedauere als Hausarzt bloß seine Rezepte und medizinischen Bedenken, falls einmal, wie er gewiß glaube, die schöne Liane von hinnen fahre.« –

Die erste Frage, die der nie etwas überhörende Albano auf dem Rückwege vom Doktor an Augusti tat, war, was die Doktorin mit dem unterschreibenden Bedienten haben wollen. Er erklärte es. Es ist nämlich in Pestitz wie in Leipzig die Observanz, daß, wenn ein Mensch verstirbt oder sonst verunglückt, dessen Familie einen leeren Bogen Papier samt Dinte und Feder in den Vorsaal legt, damit Personen, die nähern Anteil nehmen und zeigen, einen Lakaien dahin schicken können, der ihren Namen auf den Bogen setzt, so gut er weiß; – dieses kaufmännische Indossement des näheren Anteils, dieses niedersteigende repräsentative System durch Bediente, die überhaupt jetzt die Telegraphen unsers Herzen sind, macht beiden Städten großen Schmerz und Anteil süß und leicht durch Dinte und Feder.

»Ach das, Gott?« – (sagte Alban und erzürnte sich ungewöhnlich, als dringe man ihm Bedienten zu Chrysographen und Geschäftsträgern seiner Gefühle auf) – »o ihr egoistischen Gaukler! durch die Feder schreibender Lakaien gießet ihr euch aus? – Lektor, dem Satan selber würd' ich wärmer kondolieren als so!« –

Warum ist dieser verhüllte Geist so rege und laut? – Ach alles hat ihn bewegt. Nicht bloß der Jammer über die von allen nächtlichen Pfeilen des Verhängnisses verfolgte Liane trat eisern in sein offnes Herz, sondern auch das Erstaunen über das dunkle Einmischen des Schicksals in sein junges Leben; – Roquairols wiederkommender Ausdruck »Brust ohne Herz« klang ihm, als wenn er ihm bekannt sein sollte; endlich fiel ihm die Umkehrung ein, das Wort der insularischen Sphinx: Herz ohne Brust – – Also sogar dieses Rätsel war gelöset und der Ort bestimmt, wo er wider jede Erwartung die Weissagung der Geliebten hören sollte – aber wie unbegreiflich, unbegreiflich! –

»O Liane heiltet sie, und kein Gott soll den Namen ändern«, sagte seine innerste Seele. – Denn in frühern Jahren hat eben der kräftigste Jüngling an Mädchen reizende Kränklichkeit und weiche Vollgefühle und nasse Augen lieber – so wie man überhaupt in Albanos Jahren die Flut (später die Ebbe) der Augen zu hoch anschlägt, ob sie gleich oft wie zu reiches Begießen die Samenkörner der besten Entschlüsse wegschwemmen –; indes er später (weil er den Ehestand und die Wirtschaft antreten will) sich mehr nach hellen und scharfen Augen als nach feuchten, und mehr nach kaltem und gesundem Blute erkundigt. –

Da Alban das Feuer seiner innern Wolken meistens an den Ausladeketten der Klaviersaiten niedergehen ließ – seltener in die Hippokrene der Poesie –: so macht' er aus seinem innern Charivari unbewußt einen Klavierauszug. Ich transportiere seine Fantaisie folgendermaßen in meine Phantasie. Auf den weichsten Molltönen ging die Erblindung mit ihren langen Schmerzen vorüber, und im Sprachgewölbe der Tonkunst hört' er alle leisen Seufzer Lianens laut. – Dann führten ihn härtere Molltöne in den Tartarus an das Grab und Herz des alten freundlichen Mannes, der mit ihm einmal gebetet hatte, und da sank in der Geisterstunde leise wie ein Tau der Laut vom Himmel: Liane! – Mit einem Donnerschlage des Entzückens fiel er in den Majore-Ton, und er fragte sich: »Diese fromme lichte Seele konnte das Schicksal deinem unvollkommnen Herzen versprechen?« Und da er sich antwortete, daß sie ihn vielleicht lieben werde, weil sie ihn nicht sehen könne – denn die erste Liebe ist nicht eitel –, und da er sie von ihrem gigantischen Bruder führen sah und da er an die hohe Freundschaft dachte, die er ihm geben und abverlangen wollte: so gingen seine Finger in einer erhebenden Kriegsmusik über die Tasten, und es klangen die himmlischen Stunden vor ihm, die er genießen werde, wenn seine zwei ewigen Träume lebendig aus der Nacht in den Tag herübergingen und wenn ein verschwistertes Paar seinem so jungen Herzen zugleich den Freund und die Freundin gäbe. – Hier verklang leise sein inneres und sein äußeres Stürmen – und die gleichschwebende Temperatur des Instruments wurde die des Spielers ...

Aber eine Seele wie seine wird leichter vom Schmerze befriedigt als vom Glücke. Als wäre die Wirklichkeit da, so drang er weiter: unbeschreiblich-hold und überirdisch sah er Lianens Bild in ihrem Leidenskelche zittern; denn die Dornenkrone veredelt leicht zum Christuskopfe, und das Blut der unverdienten Wunde ist Wangenrot am innern Menschen, und die Seele, die zu viel gelitten, wird leicht zu viel geliebt. – Die zarte Liane schien ihm schon für die Flora der zweiten Welt in den Leichenschleier eingesponnen, wie die weichen Glieder der Bienennymphe durchsichtig über der kleinen Brust gefaltet liegen – die weiße Gestalt aus Schnee, die einmal in seinem Traume auf seinem Herzen zerronnen war, öffnete das helle Wölkchen wieder und sah blind und weinend auf die Erde und sagte: »Albano, ich werde sterben, eh' ich dich gesehen habe.« – »Und wenn du mich auch«, sagte das sterbende Herz in seiner Brust, »niemals siehst: so will ich dich doch lieben. – Und wenn du auch bald vergehst, Liane, so erwähl' ich gern den Schmerz und gehe treu mit dir, bis du im Himmel bist.« ... Der Himmel und die Hölle hatten vor ihm zugleich ihre Vorhänge aufgezogen – nur wenige und dieselben Töne und höchste und unterbrochene konnt' er noch leise bestreifen – und endlich sanken die Hände unter – und er fing zu weinen an, aber ohne zu harte Schmerzen, wie das Gewitter, das seine Blitze und Donner aufgelöset hat, nur noch mit einem leisen weiten Regen über der Erde steht. – –

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