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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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33. Zykel

Das deutsche Publikum wird sich noch der vom Antrittsprogramm versprochenen obligaten Blätter erinnern und mich fragen, wo sie bleiben. Der vorige Zykel war das erste, bestes Publikum; aber sieh daraus, wie obligate Blätter sind und daß vielleicht so viel Geschichte darin stecke als in irgendeinem Zykel, wie er auch heiße.

Der Graf hatte noch nichts von Lianens Unglück erfahren, als er mit den andern hinunter zum Diner des Doktors ging, der heute sehr gastfrei war. Sie fanden ihn im heftigsten Lachen begriffen, die Hände in die Seiten gestützt und die Augen über zwei Salbennäpfchen auf dem Tische gebückt. Er stand auf und war ganz ernsthaft. In Reils Archiv für die Physiologie hatt' er nämlich gefunden, daß nach Fourcroy und Vauquelin die Tränen den Veilsaft grün färben und also Laugensalz enthalten. Um nun den Satz und die Tränen zu prüfen, hatt' er sich hingesetzt und ernsthaft stark gelacht, um zu weinen und einige Tropfen für die Solwaage des Satzes zu gewinnen; er hätte sich gern anders erschüttert, durch Rührung, aber er kannte seine Natur und wußte, daß nichts dabei herauskäme, nicht ein Tropfe.

Er ließ die Gäste ein wenig allein – die Frau war auch noch nicht zu sehen – Malz saß in einer Ottomane – die Kinder hatten satirische Mienen – kurz die Unverschämtheit wohnte in diesem Hause wie in ihrem Tempel. – Auf den Alten wirkte kein Spott, und er ordnete nur ab, was ihm, nicht was andern mißfiel.

Endlich schwenkte sich als Voressen oder Vorbericht der Suppe die rosabackige Physikussin in die Stube herein mit 3 oder 4 Esprits oder Federstutzen – mit einer scheckigen Hals-Schürze – in einem roten Ballkleide, dem die Walzer die Farbe ausgezogen, die sie ihr aufgelegt – und mit einem durchbrochnen Putzfächer. Wenn ich wollte, könnt' ich mich ihrer annehmen; denn anlangend die Esprits (da oft der Esprit, wie bei den Embryonen das Gehirn, sich auf die Gehirnschale heraussetzt und da sonnet), so dachte sie, Weiber und Rebhühner würden am besten mit Federn auf dem Kopfe an der Tafel serviert – anlangend den Fächer, so gab sie vor, sie komme von einem Morgenbesuche (wobei sie recht deutlich voraussetzte, daß Damen so wenig ohne Fächerstäbe als Tischler ohne Maßstab durch die Gasse dürfen) – anlangend den Rest, so wußte sie, der Gast sei ein Graf. Sonach scheint es, daß sie unter die Honoratiorinnen gehöre, die (der größern Anzahl nach) gleich den Klapperschlangen nie besser zu genießen sind, als wenn man vorher ihren Kopf beseitigt; aber das haben wir noch immer Zeit zu glauben, wenn wir besser hinter sie kommen.

Der schöne Zesara war für sie blind, taub, stumm, geruch-, geschmack-, gefühllos; aber manchen Weibern kann man mit der größten Mühe und Langweile kaum – mißfallen; Schoppe vermocht' es leichter. Sphex machte sich für seine Person aus einer Fett-Zelle Malzens mehr als aus dem ganzen Zell- und Florgewebe einer oder seiner Frau; gleich allen Geschäftsleuten hielt er die Weiber für wahre Engel, die Gott zum Dienste der Frommen (der Geschäftsmänner) ausgesandt. –

Der Zug des Essens hob an – Augusti, ein feiner Esser, freuete sich auf viel und hielt sich nicht nur ans feine Service, sondern auch an die zerrissenen Servietten, dergleichen er oft an Höfen auf dem Magen gehabt, weil man da in der Moral und im Weißzeuge Wunden lieber hat als Pflaster. – Es traten sogar schon wie gewöhnlich Vorposten und erste Treffen von elenden Speisen auf, die gewöhnlichen Propheten und Vorläufer des besten Kerns, wiewohl ich an hundert Tafeln es verwünschte, daß sie nicht wie gute Monatsschriften die besten Stücke zuerst und die magersten zuletzt geben. – Der Physikus hatte schon zu den drei Knaben gesagt: »Galenus! Boerhaave! Van Swieten! wie sitzet man artig?« – und die drei Ärzte hatten schon drei rechte Hände zwischen die Westenknöpfe und drei linke in die Westentaschen geschoben und passeten steilrecht – als guter Schabzieger anlangte zum Nachtisch. Sphex gab teils Lust zum Käse, teils Abscheu davor, wie ers gerade offizinell fand. Er merkte auf der einen Seite an, wie die Tischler in ihrem Leimtopfe keinen bessern Leim hätten, als was da vor ihnen stehe – er binde ebenso im Menschen – doch würd' er für seine Person ihn lieber mit Doktor Junker wie Arsenik äußerlich überschlagen; – aber er gestand auch auf der andern Seite, daß der Schabzieger für den Lektor Gift sei. »Ich wollte mich dafür verpfänden,« (sagt er) »daß Sie, wenn man Sie untersuchen könnte, hektisch wären; die langen Finger und der lange Hals sprechen für mich, und besonders sind die weißen schönen Zähne nach Camper ein böses Zeichen. Personen hingegen, die ein Gebiß haben wie meine Frau da, dürfen sicher sein.«

Augusti lächelte und fragte bloß die Doktorin, zu welcher Zeit man am besten zum Minister komme.

Solche vergiftende Reflexionen so wie den Mittags-Katzentisch gab er nicht aus satirischer Bosheit, sondern aus bloßer Gleichgültigkeit gegen andre, auf die er, gleich einem Rechtschaffnen, nie unter seinem Handeln Rücksicht nahm. Mit der Freiheitsmütze des Doktorhuts auf dem Kopfe erhielt er von seiner medizinischen Unentbehrlichkeit so viele akademische Freiheiten, daß er zwischen seinen vier Pfählen nicht freier aß und agierte als zwischen dem bunten spitzen Pfahlwerke des Hofes. Bracht' er da jemals – das frag' ich – einen Tropfen süßen Wein über die Lippen, ohne vorher einen Ephraimiten, der selber die Probationstage nicht überlebte, herauszuziehen und ins Glas zu hängen, bloß um vor dem Hofe zu untersuchen, ob der Ephraimit darin nicht schwarz werde? Und wenns das Silber tat, war da nicht das Überschwefeln des Weins so gut als demonstriert, und hätte der Physikus nicht den Hof, die Süßigkeit, das Schwärzen, Vergiften und Überschwefeln recht artig applizieren können, wenn er der Mann dazu gewesen wäre? –

Dem Zufalle, daß der Lektor über die Einlaßzeit bei dem Minister für heute nachforschte, hatt' es Albano zu danken, daß er den schmerzlichen Unfall nicht im Hause des Ministers oder neben der Blinden selber erfuhr. »Sie können« (antwortete Sara, die Doktorin) »auch den Bedienten hinschicken; der unterschreibt sich für Sie alle; mich aber dauert niemand wie die Tochter.« – Nun brach ein Sturm von Fragen nach dem unbekannten Vorfalle los. »Es ist so«, fing der Physikus mürrisch an, legte sich aber bald, weil er in einigen Augen Wasser für seine Mühle sah – und weil er alle medizinische Schuld von sich auf den Hauptmann Roquairol zu wälzen suchte –, so gut er konnte, auf pathetisches Detail und log fast sentimental. Er schob mit einem unbemerkten Winke der gerührten Frau einen leeren Teller zu als Lakrymatorium, damit nichts umkäme. Aus den verfinsterten Augen des vergeblich-kämpfenden Jünglings riß der erste Lebensschmerz einige große Tropfen. »Ist wohl eine Herstellung möglich?« fragte Augusti sehr bekümmert, wegen seiner Verbindungen mit der Familie.

»Wahrlich ein bloßer Nervenanfall ists« (versetzte Schoppe keck) »und weiter nichts; Whytt erzählt, daß eine Frau, die zu viel Säuere im Magen hatte (im Herzen wär's noch ärger), alles umnebelt erblickte, wie Mädchen vor naher Migräne.« – Sphex, der nur des Pathos und Laugensalzes wegen gelogen hatte und den es ärgerte, daß der Bibliothekar seiner heimlichen Meinung gewesen, antwortete so, als hätte dieser gar nicht geredet: »Der höchste Grad der Schwindsucht, Herr Lektor, schließet sich oft mit Erblinden; und zu beiden wäre hier wohl Rat. Inzwischen kenn' ich eine gewisse nervöse periodische Blindheit – ich hatte den Fall an einer FrauEine nervenschwache (ich weiß nicht, obs die nämliche ist), welche viel Religion, Phantasie und Leiden hatte, wurde, wie sie mir erzählt, auf dieselbe Weise blind und auf dieselbe geheilt., die ich bloß durch Aderlassen, Dampf von gebrannten Kaffeebohnen und die Abenddünste des Wassers aufbrachte – das wird nun an der Nervenpatientin wieder versucht. Ein pflichtmäßiger Arzt wird aber immer wünschen, daß der Teufel Mutter und Bruder hole.«

Nämlich der Wiederstrich von Lianens Zugkrankheit setzte ihn außer sich. Beleidigungen der Ehre, der Liebe, des Mitleidens machten den Physikus nie warm, und er behielt seinen Überzug aus Glatteis an; aber Störungen seiner Kuren erhitzten ihn bis zum Zerspringen; und so sind wir alle Springgläser, die den Hammer vertragen und nicht eher in tausend Splitter zerfahren, als bis man die kleine Spitze abbricht; bei Achilles wars die Ferse, bei Sphexen der Arznei-Doktor-Ringfinger, bei mir der Schreibfinger. Der Doktor schüttete nun sein Herz aus, wie einige ihre Gallenblase nennen; er schwur bei allen Teufeln, er habe mehr für sie getan als jeder Arzt – er hab' es aber schon vorausgewußt, daß eine so dumme Erziehung bloß für das Schönaussehen und Beten und Lesen und Singen eine verdammte Wirtschaft wäre – er hätte gern oft die Harmonikaglocken und TambournadelnDas ewige Prickeln der empfindlichen Finger-Nerven durch Strick-, Tambour- u. a. Nadeln macht vielleicht so gut wie das Berühren der Harmonikaglocken durch Reizen nervenschwach. zerbrochen – er habe oft die Mutter ohne Schonen auf Lianens sogenannte Reize und auf die Empfindsamkeit, helle Wangenröte und sammet-weiche Haut aufmerksam genug gemacht, hab' aber damit fast mehr zu erfreuen als zu betrüben geschienen – was ihn allein belustige, sei, daß das Mädchen vor einigen Jahren todkrank geworden vom ersten heiligen Abendmahle, wovon er sie abzuhalten versucht, weil er schon an der vierten Patientin die betrübtesten Folgen dieses heiligen Aktus kennen lernen. – –

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