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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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26. Zykel

Während Dian einen schönern Tempel in die Höhe steigen ließ als den steinichten im Dorfe: verstarb die Fürstin, deren castrum doloris dieser werden sollte; sie mußte man also vor der Hand in das Absteigequartier einer Pestitzer Kirche beisetzen. Das änderte ein paar tausend Sachen. Der Hohenfließer Kronprinz Luigi sollte und mußte nun aus Welschland zum Fürstenstuhle zurück, worauf der alte, von den Jahren zusammengewickelte Fürst winzig und sprachlos mehr lag als saß – wiewohl der hinter der Fürstenstuhl-Lehne stehende Minister dessen Figur und Stimme munter genug nachspielte –; Don Gaspard, der alle bisherige Briefe Albanos nicht erhöret hatte, fertigte nun diesem die gleich feurigem Weine die Adern durchbrausende Ordre zu: »Auf meinem Rückwege aus Italien sehen wir uns in deinem Geburtsorte Isola bella. Man wird dich abholen.« – Auch Leser, die noch keine Woche lang Briefe eines Gesandten-Personale zugeschnitten und zugesiegelt haben, merken leicht, daß der Vlies-Ritter gedenkt, seinen Sohn mit dem jungen Fürsten und ihre ersten Pestitzer Verhältnisse zu verknüpfen und zu mischen. –

Ich bitte aber die Welt, nun das Paradies eines Menschen auszumessen, der nach so langer Seefahrt endlich die langen Ufer der neuen Welt im Meere hinliegen sieht. War ihm jetzt nicht das Leben an hundert Ecken aufgetan? Lorbeerkränze – Efeukränze – Blumenkränze – Myrtenkränze – Ährenkränze – – alle diese Girlanden überhingen das Pestitzer Haupttor und seine Haustüre. Du Bruder, du Schwester (ich meine Roquairol und Liane), welcher volle schmachtende Mensch zog euch entgegen! – Und welcher träumende und unschuldige! Homer und Sophokles und die alte Geschichte und Dian und Rousseau – dieser Magus der Jünglinge – und Shakespeare und die britischen Wochenschriften (worin eine höhere humanere Poesie spricht als in ihren abstrakten Gedichten), alle diese hatten im glücklichen Jünglinge ein ewiges Licht, eine Reinheit ohnegleichen, Flügel für jeden Tabors-Berg und die schönsten, aber schwierigsten Wünsche zurückgelassen. Er glich nicht den bürgerlichen Franzosen, die wie Teiche die Farbe des nächsten Ufers, sondern den höhern Menschen, die wie Meere die Farbe des unendlichen Himmels tragen. –

Überhaupt war jetzt der reifste beste Zeitpunkt für seine Veränderung. Durch Dian und durch dessen Reisen war sogar sein äußerer Mensch schöner entwickelt in Gastzimmern. Die Menschen gehen wie Schießkugeln weiter, wenn sie abgeglättet sind; bei Zesara blieben ohnehin genug Demant-Spitzen stehen, woran sich das Mittelgut stößet und sticht; und selber ungewöhnlicher Wert ist ungewöhnlicher Fehler – wie hohe Türme eben darum übergebogen scheinen. Zesara lernte eben außerhalb des ländlichen Junkerzirkels eine Behendigkeit der Ideen und Worte ein, die ihm sonst nur im Enthusiasmus zu Gebote stand; denn der Witz, sonst ein Feind des letztern, war bei ihm bloß ein Diener und Kind davon. Er kokettierte nicht, wie witzige Säuglinge, mit allen Ideen, sondern er wurde von ihnen entweder angepackt oder gar nicht angestreift; daher kam jenes stumme, langsame, unscheinbare Reifen seiner Kraft, er glich langsam-aufsteigenden Gebirgen, die stets mehr Ausbeute abwerfen als schnell-aufstehende. Bei großen Bäumen ist der Same kleiner und im Frühlinge die Blüte später als bei dem kleinen Gesträuche. –

Die Zeit, eh' Gaspards abholender Bote kam, wurde dem aufgehaltenen Jünglinge eine Ewigkeit und das Dorf ein Kerker, es schrumpfte zu den Wirtschaftsgebäuden eines Klosters ein. Der bedeckte, aber mit Enkaustik in sein Gehirn geschriebene Plan des Lebens war (wie bei allen solchen Jünglingen) der, nichts Größeres zu werden und zu tun als – alles, nämlich zugleich sich und ein Land zu beglücken, zu verherrlichen, zu erleuchten – ein Friedrich II. auf dem Throne, nämlich eine Gewitterwolke zu sein, welche Bannstrahlen für den Sünder, elektrisches Licht für Taube und Blinde und Lahme, Güsse für die Insekten und warme Tropfen für durstige Blumen, Hagel für Feinde, eine Anziehung für alles, für Blätter und Staub, und einen Regenbogen für das Ende hat. – – Da er nun Friedrich II. nicht sukzedieren durfte, so wollt' er künftig wenigstens Minister werden – zumal da Wehrfritz soviel aus der Länge dieses Nebenzepters, des Ablegers und Schnittlings vom Mutterzepter, machte –; und in den Freistunden nebenbei ein großer Dichter und Weltweiser.

Es soll mir lieb sein, Graf, wenn du der zweite Friedrich der zweite und einzige wirst; – mein Buch hier wird davon profitieren, und ich selber poussiere dadurch mein Glück als ein seltener, aus Xenophon, Curtius und Voltaire zusammengewachsener Historiograph! –


27. Zykel

Zesara wird nie den Frühlingsabend vergessen, woran er einen Passagier im Überrocke – ein wenig hinkend und mit brauner Reise-Schminke, wogegen die weißen Augäpfel glänzend abstachen – den seichten Bach neben dem hohen Stege durchwaten sah, und wie ferner der Passagier einen Wächterspieß, den der zeitige Bettler-Polizei-Leutnant als seinen vikarierenden Mitarbeiter an seine Haustüre angelehnt, mitnahm und solchen unterwegs einem Krüppel mit den Worten reichte: »Alter, ich habe nichts Kleineres bei mir als den Spieß. Wenn Ihn jemand fragt, so sag' Er nur, Er wach' im Dorfe gegen das verhenkerte Bettelvolk, aber Er habe nicht Augen genug.« – Dabei streckte der Pilger noch sein Schnupftuch einem Rektors-Söhnchen, dems nötig war, auf drei Minuten vor. –

Natürlich war es unser alter Titularbibliothekar Schoppe, den Don Gaspard mit der Einladungskarte für Isola bella abgesandt. Albanos Entzückung war so groß, daß er erst einige Tage später sich im humoristischen Sonderlinge jugendlich irrte, indes dieser sehr bald den leichten, heißen, stillen Wildling richtig auswog. – Ging es nicht dem alten Landschaftsdirektor noch schlimmer, welcher, bloß weil er den deutschen Reichskörper so hoch anschlug, als wär' er die darin eingepfarrte Reichsseele, über Schoppes Ausfälle gegen die Konstitution in einen patriotischen Harnisch kam? »Herr,« (sagt' er aufgebracht) »wenns auch wo haperte: so muß ein redlicher Deutscher still dazu schweigen, wenn er nicht helfen kann, zumal in so verfluchten Zeiten.«

Das Schönste war, daß auf Luigis Begehr zugleich der Baumeister abzureisen hatte, um aus Rom Abgüsse der Antiken zu holen. –

– Und nun zieht fort, damit ihr wiederkommt und wir endlich einmal einlaufen in Pestitz! – Freilich wirst du, gutes Kind (Waldbiene sollt' ich sagen), deinen Abflug aus dem ländlichen Honigbaume in den städtischen gläsernen Bienenstand mit tiefern Schmerzen halten, als du vorausgesetzt – reiset nicht sogar der alte Pflegevater ohne Abschied fort, um nur dem deinigen zu entfliehen – und deiner guten Mutter ist, als reiße eine zornige Parze ihr einen Sohn von der Brust, als lange sein zartes, nur aus der kindlichen Gewohnheit gesponnenes Liebes-Band nicht hinein in die weite Zukunft – und deine Schwester sperret sich in die Mansardenstube ein mit ihrem ländlichen, von Feuerfoltern tobenden Herzen und kann dir nichts sagen und nichts geben als eine von ihr bisher heimlich gestickte Brieftasche mit der seidnen Umschrift: Gedenke unserer! – und selber auf deinen lorbeer-süchtigen Kopf wird der Triumph- oder Regenbogen des Abschiedes, wenn du unter ihm durchschreitest, schwere, schwere Tropfen werfen (ach an den nachblickenden Augen werden sie länger hängen bleiben) – dein alter redlicher Lehrer Wehmeier wird an dir den letzten Strom seiner Worte und Tränen vergießen und sagen (und dein weiches Herz wird nicht lächeln): »er sei ein alter abgeschabter Kerl und habe nun nichts vor sich als das Loch (das Grab) – du hingegen seiest ein frischer blutjunger Mann, voll Sprachen und Altertümer und herrlicher Talente von Gott – freilich werd' ers nicht erleben, daß aus dir ein berühmter Mann werde, aber seine Kinder wohl; und dieser Würmer sollest du dich einmal annehmen, junger Herr!« –

– Du reine Seele, an jedem bekannten Hause, an jedem teuren Garten und Tale wird ja der Schmerz sein Einlegemesser schleifen und damit in dein glühendes zartes Herz leise-quellende Wunden ritzen – wie? sogar von deinen befreundeten Abend- und Morgen-Höhen (den Sprachgittern deiner heiligsten Hoffnungen) und von Lianen selber wirst du zu entweichen glauben. – – –

Aber wirf deine weinenden Augen in das offne blaue Italien und trockne sie an Frühlingsdüften – das Leben hebt an – die Signale zu den Waffenübungen und Lusttreffen der rüstigen Jugend werden gegeben – und mitten in den olympischen Kampfspielen wirst du herrlich von nahen Konzert- und Tanzsälen umschmettert.

Was phantasier' ich da her? – Wie, ists nicht uns allen mehr als zu wohl bekannt, daß er längst fort ist schon seit der ersten Jobelperiode, ja sogar wieder retour, und er hält schon seit der zweiten – jetzt zählen wir die vierte – mit dem Bibliothekar und dem Lektor zu Pferde vor Pestitz und kann nicht hinein wegen der Torsperre der –

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