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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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25. Zykel

Auch meine Meinung ists, daß das antiphonierende Doppelchor der beiden Erziehungs-Kollegien, Wehmeier und Falterle, unsern Normann bisher so gut erzog, als zwei ähnliche Gymnasiarchen, die Gouvernante England und die Hausfranzösin Frankreich, die Kurrentschülerin Deutschland nach den besten Schulbüchern wirklich erzogen haben, so daß wir nun wieder unsers Orts imstande sind, Polacken zu schulen und solche mit dem Schulbakel aus dem Katheder unserer Fürstenschule herab so viel als nötig zu kantschuen. –

Aber jetzt war zu viel in Albano aufgewacht. Er fühlte überschwellende Kräfte, die keinen Lehrer fanden – sein in Italien herumstreifender Vater schien ihn zu versäumen – den Musensitz Pestitz (der doch dazu eine Muse mehr hatte) schien er ihm ungerecht zu versperren – er wußte oft nicht zu bleiben – Phantasie, Herz, Blut und Ehrliche goren. In solchem Falle ist wie in jedem gärenden Fasse nichts gefährlicher als ein leerer Raum (es sei an Kenntnis oder Arbeit).

Dian füllte das Faß auf

Er kam in jeder Woche aus der Stadt, als hätt' er das Einhämmern der Kirche so gut nach Rissen zu ordnen als ihr Aufmauern. Ein Jüngling, der den ersten Griechen sieht, kanns anfangs gar nicht recht glauben, er hält ihn für klassischverklärt und für einen gedruckten Bogen aus dem Plutarch. Wenn ihm nun gar das Herz so brennt wie meinem, und wenn sein Grieche noch dazu ein spartischer Nachkömmling ist wie Dian, nämlich ein unbesiegter Mainotte, der im klassischen Doppelchore der ästhetischen Singschule, in Atiniah (Athen) und Roma erzogen worden: so ist es natürlich, daß der begeisterte Jüngling jeden Tag in den Staub- und Moder-Wolken des fallenden Kirchengemäuers steht und darauf wartet, ob sein Heerführer hinter der Wolkensäule vortrete.

Dian begleitete den Geliebten auf seine Spaziergänge – las oft halbe Nächte mit ihm – und nahm ihn auf die architektonischen Landreisen mit, die er immer zu machen hatte. Er führte ihn mit begeisterter Ehrfurcht in die heilige Welt des Homers und des Sophokles ein; und ging mit ihm unter die höhern, ganz entwickelten, von einseitiger ständischer Kultur noch unverrenkten, schöngegliederten Menschen dieses Zwillings-Prometheus, die wie Salomo für alles Menschliche, für Lachen, Weinen, Essen, Fürchten und Hoffen eine Zeit hatten und die bloß die rohe Grenzenlosigkeit flohen; die auf den Altären aller Götter opferten, aber auf dem der Nemesis zuerst. Und Dian – dessen innerer Mensch ein ganzer war, dem kein Glied ausgerissen ist, keines aufgeblasen und alle großgewachsen – ging selber als ein solcher Sophokles-Homerischer Grieche mit dem Lieblinge um. Er machte ihm – indes Wehmeier und die Pflegeeltern ihm überall mit einer Kanzel und einem Kirchenstuhle nachliefen, bei jedem heftigen Unwillen oder Wunsche oder Jubel, den er zeigte – mit schöner liberaler Freiheit Raum, sich breit und hoch zu entwickeln. Er ehrte am Jünglinge das St. Elms- oder Helenen-Feuer, wie am Greise das Eis; das Herz kräftiger Menschen, glaubt' er, müsse wie ein Porzellangefäß anfangs zu groß und zu weit gedrehet sein, im Brennofen der Welt laufen beide schon gehörig ein. Ebenso fordr' ich von einem Jünglinge erst Intoleranz, dann nach einigen Jahren Toleranz, jene als die steinige saure harte Frucht eines kräftigen jungen Herzens, diese als das weiche Lager-Obst eines ältern Kopfes.

Aber indem der Baumeister mit ihm zeichnete, mit ihm Abgüsse der Antiken und Kunstwerke anschauete: so machte er am schönsten vor diesen seine Liebe für das artistische Zeichen der Waage am Menschen, der sein eignes Kunstwerk sein soll, und seine Abneigung vor jedem Paroxysmus offenbar, der die äußere Schönheit in Falten bricht wie die innere, und seinen Wunsch, seine Gestalt und sein Herz nach der hohen Stille auf den Antiken zu ordnen.

Der Baumeister bewahrte, wie oft der Künstler und öfter der Schweizer, europäische Kultur und ländliche Naivetät und Einfachheit nebeneinander, seiner geliebten Baukunst gleich, worin mehr als in den andern Künsten Schönheit und messende Vernunft zusammengrenzen; er ließ daher zuerst Albano in den Hörsaal der Philosophie, aber im Freien außen am Fenster stehend, hineingehen und hineinhören. Er führte ihn nicht in den Steinbruch, vor die Kalkgrube und auf den Zimmerplatz der Metaphysik, sondern sogleich in das damit fertig gemachte schöne Bethaus, sonst die natürliche Theologie genannt. Er ließ ihn keine eiserne Schlußkette Ring nach Ring schmieden und löten, sondern er zeigte sie ihm als hinunterreichende Brunnenkette, woran die auf dem Boden sitzende Wahrheit herauf, oder als eine vom Himmel hängende Kette, woran von den Untergöttern (den Philosophen) Jupiter heruntergezogen werden soll. Kurz das Skelett und Muskeln-Präparat der Metaphysik versteckt' er in den Gottmensch der Religion. – – Und so soll es (anfangs) sein; aus der Sprache lernt man die Grammatik leichter als jene aus dieser, aus den Kunstwerken leichter die Kritik, aus dem Leibe das Gerippe, als umgekehrt, wiewohl man es immer umkehrt. – Unglücklich sind unsere jetzigen Jünglinge, die vom Baume des Erkenntnisses früher die Tropfen und die Käfer schütteln müssen als die Früchte.

Und nun macht' er ihm kühn alle Stubentüren der philosophischen Schulen auf, d. h. alle drei Himmel; denn in dieser Jugendzeit hält man noch den Docht jedes gelehrten Lichtes der Welt für Asbest, wie Brahminen sich in Asbest kleiden – und die Eisstücke an den Polen unserer geistigen Welt stellen noch, wie die der hiesigen, Städte und Tempel auf himmelblauen Säulen vor.

Wenn nun Albano über irgendeine große Idee, über die Unsterblichkeit, über die Gottheit, sich in Flammen gelesen: so mußt' er darüber schreiben, weil der Baumeister glaubte – und ich auch –, daß in der erziehenden Welt nichts über das Schreiben gehe, nicht einmal Lesen und Sprechen, und daß ein Mensch 30 Jahre mit weniger Ertrag seiner Bildung lese, als ein halbes schreibe. Dadurch schwingen eben wir Autoren uns zu solchen Höhen; – daher werden sogar schlechte, wenn sie aushalten, am Ende etwas und schreiben sich von Schilda nach Abdera und von da nach Grubstreet hinauf. –

Allein welche glühende Stunde ging dann für unsern Liebling an! Was sind alle sinesische Laternenfeste gegen das hohe Fest, wo ein entflammter Jüngling alle Gehirnkammern erleuchtet und in diesem Glanze seine ersten Aufsätze hinwirft!

Vorn auf der Schwelle des Aufsatzes ging Albano vielleicht noch Schritt für Schritt und bediente sich bloß des Kopfes; – aber wenn es weiterkam und das Herz mit den Flügeln zuckte und er wie ein Komet vor lauter schimmernden Sternbildern großer Wahrheiten vorüberfahren mußte – konnt' er sich da enthalten, dem rosenroten Flammantvogel nachzuahmen, der im Zuge gegen die Sonne sich zu einem fliegenden Brande anzufärben und sich mit Doppelflammen zu beschwingen scheint? Kam er vollends auf die Nutzanwendung: wahrhaftig! so war jede wie die andere – in jeder formte und besäete er ein Arkadien voll menschlicher Engel, die in drei Minuten in das so nahe schwimmende Elysium aussteigen konnten auf einem dazu hineingeworfenen Charons-Ponton – in jeder Nutzanwendung waren alle Menschen Heilige, alle Heilige Selige, alle Morgen Blüten und alle Abende Früchte, Liane gesund und er nicht weit davon ihr Liebhaber – alle Völker stiegen die Mittagshöhe lichter hinan, und er auf seiner eignen erblickte, wie Menschen auf Bergen, alles Gute näher – ach die ganze sumpfige Gegenwart voll Sturzeln und Egeln hatt' er mit einem Fuße seitwärts weggestoßen und war nur von den grünenden Welten voll Auen umflogen, die die Sonnenkugel seines Kopfes in den Äther geworfen hatte. – –

Selige, selige Zeit! du bist schon lange vorbei! O die Jahre, worin der Mensch seine ersten Gedichte und Systeme lieset und macht, wo der Geist seine ersten Welten schafft und segnet, und wo er voll frischer Morgengedanken die ersten Gestirne der Wahrheit kommen sieht, tragen einen ewigen Glanz und stehen ewig vor dem sehnenden Herzen, das sie genossen hat und dem die Zeit nachher nur astronomische Ephemeriden und Refraktionstabellen über die Morgengestirne reicht, nur veraltete Wahrheiten und verjüngte Lügen! – O damals wurd' er von der Milch der Wahrheit wie ein frisches durstiges Kind getränkt und großgezogen, später wird er von ihr nur als ein welker skeptischer Hektikus kuriert! – Aber du kannst freilich nicht wiederkommen, herrliche Zeit der ersten Liebe gegen die Wahrheit, und diese Seufzer sollen mir eben nur deine Erinnerung wärmer geben; – und kehrst du wieder, so geschieht es gewiß nicht hier im tiefen niedrigen Grubenbaue des Lebens, wo unsere Morgenröte in den Goldflämmlein auf dem Goldkiese besteht und unsere Sonne im Grubenlicht – nein, sondern dann kann es geschehen, wenn der Tod uns aufdeckt und den Sargdeckel des Schachtes von den tiefen blaßgelben Arbeitern wegreißet, und wir nun wieder, wie erste Menschen, in einer neuen vollen Erde stehen und unter einem frischen unermeßlichen Himmel! –

In dieses goldne Zeitalter seines Herzens fiel auch seine Bekanntschaft mit Rousseau und Shakespeare; wovon ihn jener über das Jahrhundert erhob und dieser über das Leben. Ich will es hier nicht sagen, wie Shakespeare in seinem Herzen gebietend regierte – nicht durch das Atmen der lebendigen Charaktere, sondern – durch die Erhebung aus dem irdischen lauten Reiche ins stumme unendliche. Wenn man nachts den Kopf unter das Wasser taucht: so ist eine fürchterliche Stille um uns her; in eine ähnliche überirdische der Unterwelt bringt uns Shakespeare. –

Was viele Schullehrer an Dian tadeln können, ist, daß er dem Jünglinge alle Bücher untereinander gab, ohne genaue Ordnung der Lektüre. Aber Alban fragte in spätern Jahren: »Ist eine solche Ordnung etwas anders als Narrheit? – Ist sie möglich? Ordnet denn das Schicksal die Erscheinung der neuen Bücher oder Systeme oder Lehrer oder die äußern Begebenheiten oder die Gespräche je so paragraphenmäßig, daß man weiter nichts brauchte, als die Gegenwart abzuschreiben ins Gedächtnis, um die Ordnung obendrein zu haben? – Braucht und macht nicht jeder Kopf seine eigne? – Und kommt es mehr auf die Rangfolge der Speisen oder auf ihre Verdauung an?« –

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