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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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23. Zykel

Es kommt nicht bloß aus meiner Gefälligkeit gegen die Lese-Nachwelt her, mein lieber Zesara, sondern auch aus einer wirklichen gegen dich, daß ich alle Akte in diesem Schäferspiele deines Lebens so treu nachschreibe – in deinen alten Tagen sollen dir diese melodischen labend aus meinem Buche nachklingen, und du sollst abends nach deinen Arbeiten nichts lieber lesen als meine hier.

Die folgende Nacht verdient ihren Zykel. Bald nach Pfingsten wurd' er mit wöchentlichen medizinischen Bedenken über ein neues Kranksein der armen Liane gequält, das am Abendmahlstage, gleich als hätt' er recht geahnet, begonnen hatte. Er hörte, daß sie in Lilar, dem Lust- und Wohngarten des alten Fürsten, nebst ihrem Bruder lebe oder leide, von dessen Schweigen jetzt der Wiener an 1001 Ursachen aufgebracht hatte. Um Lilar, obwohl nahe an Pestitz, hatte sein Vater keine Sperrketten gezogen – Lianens Nachtlicht konnt' ihm vielleicht entgegenschimmern, oder gar ihre Harmonika entgegentönen – ja ihr Bruder konnte wohl noch im Garten herumgehen – die Junius-Nacht war ohnehin hell und herrlich – – ach kurz er ging.

Es war spät und still, weit außer dem schlafenden Dorfe ohne Lichter konnt' er die Flötenstücke der Stubenuhr im Schlosse noch auf dem Pestitzer Berge vernehmen. Es erquickte ihn, daß sein Weg eine Strecke lang auf der Lindenstädter Chaussee fortlief. Er drückte das Auge an die westlichen Berge fest, wo die Sterne Ihr wie weiße Blüten zuzufallen schienen. Oben auf der weiten Höhe, dem Herkules-Scheidewege, lief der rechte Arm hinunter und wand sich dem blühenden Lilar durch Haine und Auen zu.

Schreite nur freudentrunken voll junger lichter Bilder durch die italienische Nacht, die um dich schimmert und duftet und die wie über Hesperien nicht weit vom warmen Monde einen vergoldeten AbendsternIn Italien sehen die Sterne nicht silbern, sondern golden aus. im blauen Westen aufhängt, gleichsam über der Wohnung der geliebten Seele. Dir und deinen jungen Augen werfen die Sterne nur Hoffnungen, noch keine Erinnerungen herunter, du hast einen abgebrochenen starren Apfelzweig voll roter Blütenknospen in der Hand, die wie Unglückliche zu blassen werden, wenn sie aufblühen, aber du machst noch nicht solche Anwendungen davon wie wir.

Jetzt stand er in einer Talrinne von Lilar glühend und bange, das aber ein sonderbarer runder Wald aus Laubengängen noch versteckte. Der Wald wuchs in der Mitte zu einem blühenden Berge auf, den breite Sonnenblumen, Fruchtschnüre von Kirschen und blinkende Silberpappeln und Rosenbäume in so künstlicher Verschränkung einhüllten und umliefen, daß er von den malerischen Irrlichtern des Mondes ein einziger ungeheurer Kesselbaum voll Früchte und Blüten zu sein schien. Albano wollte seinen Wipfel besteigen, gleichsam die Sternwarte des unten ausgebreiteten Himmels oder Lilars; er fand endlich am Walde einen offnen Laubengang.

Die Lauben drehten ihn in Schraubengängen in eine immer tiefere Nacht hinein, durch welche nicht der Mond, sondern nur die stummen Blitze brechen konnten, von denen der warme Himmel ohne Wolken überschwoll. Der Berg hob die Zauberkreise immer kleiner aus den Blättern in die Blüten hinauf – zwei nackte Kinder hatten unter Myrten die Arme liebkosend einander um die zugeneigten Köpfe gelegt, es waren die Statuen von Amor und Psyche – Rosennachtfalter leckten mit kurzen Zungen den Honigtau von den Blättern ab, und die Johanniswürmchen, gleichsam abgesprungene Funken der Abendglut, wehten wie Goldfaden um die Rosenbüsche – er stieg zwischen Gipfeln und Wurzeln hinter dem aromatischen Treppengeländer gen Himmel, aber die kleine, mit ihm herumlaufende Spiralallee verhing die Sterne mit purpurnen Nachtviolen und die tiefen Gärten mit Orangegipfeln – endlich sprang er von der obersten Sprosse seiner Jakobsleiter mit allen Sinnen in einen unbedecktem lebendigen Himmel hinaus; ein lichter Berggipfel, nur von Blumenkelchen bunt-gesäumt, empfing ihn und wiegte ihn unter den Sternen, und ein weißer Altar leuchtete hell neben ihm im Mondenlichte. – –

Aber schaue hinunter, feuriger Mensch mit deinem frischen Herzen voll Jugend, auf das herrliche unermeßliche Zauber-Lilar! Eine dämmernde zweite Welt, wie leise Töne sie uns malen, ein offner Morgentraum dehnt sich vor dir mit hohen Triumphtoren, mit lispelnden Irrgängen, mit glückseligen Inseln aus – der helle Schnee des gesunknen Mondes liegt nur noch auf den Hainen und Triumphbogen und auf dem Silberstaube der Springwasser, und die aus allen Wassern und Tälern quellende Nacht schwimmt über die elysischen Felder des himmlischen Schattenreichs, in welchem dem irdischen Gedächtnisse die unbekannten Gestalten wie hiesige Otaheiti-Ufer, Hirtenländer, daphnische Haine und Pappelinseln erscheinen – seltsame Lichter schweifen durch das dunkle Laub, und alles ist zauberisch-verworren – was bedeuten jene hohen offnen Tore oder Bogen und die durchbrochnen Haine und der rötliche Glanz hinter ihnen und ein weißes Kind, unter Orangelilien und Goldblumen schlafend, aus deren Kelchen weiche Flammen perlenBei gewitterhafter Luft steigen aus Orangelilien, Goldblumen, Sonnenblumen, indischen Nelken etc. kleine Flammen., gleichsam als wären Engel zu nahe über sie hingeflogen – die Blitze erleuchten Schwanen, die unter lichttrunkenen Nebeln auf den Wellen schlafen, und ihre Flammen lodern golden nach in den tiefen BäumenWahrscheinlich auf flatternden Goldblechen gegen die Vögel., wie Goldfische den brennenden Rücken aus dem Wasser drehen – und selber um deine Bergspitze, Albano, schauen dich die großen Augen der Sonnenblumen feurig an, gleichsam von den Funken der Johanniswürmchen entzündet. – –

»Und in diesem Reiche des Lichts« (dachte zitternd Albano) »verbirgt sich der stille Engel meiner Zukunft und verklärt es, wenn er erscheint. – O wo wohnest du, gute Liane? In jenem weißen Tempel? – Oder in der Laube zwischen den Rosenfeldern? – Oder drüben im grünen arkadischen Häuschen?« – Wenn die Liebe schon Schmerzen zu Freuden macht und den Schattenkegel der Erde zum Sternenkegel aufrichtet, o wie wird sie erst die Entzückung bezaubern! – Albano war in diesem äußern und innern Glanze unvermögend, sich Lianen krank zu denken; er dachte sich jetzt bloß die selige Zukunft und kniete sehnsüchtig und umfassend an dem Altare nieder – er blickte nach dem glänzenden Garten und malte es sich, wie es wäre, wenn er einmal mit Ihr jede Insel dieses Edens beträte – wenn die heilige Natur seine und Ihre Hände auf diesen Altarstufen aneinanderlegte – wenn er Ihr unterwegs das Hesperien des Lebens, das Hirtenland der ersten Liebe zeichnete und ihr frommes Jauchzen und ihr süßes Weinen und wenn er sich dann nicht umsehen könnte nach den Augen des weichsten Herzens, weil er schon wüßte, daß sie überfließen vor Seligkeit. – Jetzt sah er im Mondscheine über die Triumphbogen zwei beleuchtete Gestalten wie Geister gehen; aber seine brennende Seele fuhr im Malen fort, und er dachte es sich, wie er vor ihr, wenn die Nachtigallen in diesem Eden schlagen, wahnsinnigliebend sagen würde: »O Liane, ich trug dich früh in meinem Herzen – einstmals droben auf jenem Berge, als du krank warst.« – – –

Hier kam er erschrocken zu sich – er war ja auf dem Berge – aber er hatte die Krankheit vergessen. – Nun legt' er kniend die Arme um den kalten Stein und betete für sie, die er so liebte, und die gewiß auch hier gebetet; und ihm sank weinend und verdunkelt das Haupt auf den Altar. Er hörte nähere Menschenschritte unten am Schneckenberge, und furchtsamfreudig dachte er daran, es könne sein Vater sein; aber er blieb kühn auf den Knien. – Endlich trat über den Blumenrand ein großer gebückter Greis herein, ähnlich dem edlen Bischofe von Spangenberg, das ruhige Angesicht lächelte voll ewiger Liebe, und keine Schmerzen standen darauf, und keine schien es zu fürchten. Der Alte drückte dem Jünglinge stumm und erfreut die Hände zum Fortbeten zusammen, kniete neben ihn hin, und jene Entzückung, zu welcher öfteres Beten verklärt, breitete den Heiligenschein über die Gestalt voll Jahre. – Sonderbar war diese Vereinigung und dieses Schweigen. Die nur noch aus der Erde ragende Trümmer des Mondes brannte düsterer; endlich sank sie ein; da stand der Alte auf und tat mit der aus Gewohnheit der Andacht kommenden Leichtigkeit des Übergangs Fragen über Albanos Namen und Ort; – nach der Antwort sagt' er bloß: »Bete unterwegs zu Gott dem Allgütigen, lieber Sohn, – und gehe schlafen, eh' das Gewitter kommt.« –

Nie kann diese Stimme und Gestalt aus Albanos Herzen weggehen; die Seele des alten Mannes ragte, wie die Sonne bei der ringförmigen Finsternis, über den dunkeln Körper, der sie mit seiner Moder-Erde überdecken wollte, mit dem ganzen Rande leuchtend hinaus. – Tief bis an die Nervenanfänge getroffen, stand Albano auf, und die breitern Blitze zeigten ihm jetzt drunten neben dem Zaubergarten einen zweiten, düstern, verwickelten, schrecklichen, gleichsam den Tartarus des Elysiums. – Er schied mit seltsamen gegeneinandergehenden Gefühlen – die Zukunft und die Menschen darin schienen ihm unterwegs ganz nahe zu stehen und hinter dem durchsichtigen Vorhange schon als Theaterlichter hin- und herzulaufen – und er sehnte sich nach einer schwerern Tat, als nach der Erquickung dieses entzündeten Herzens; aber er mußte das innere Steppenfeuer auf das Kopfküssen betten; und in sein Einträumen mischte sich der hohe Donner wie ein Gott der Nacht mit den ersten Schlägen.

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