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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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18. Zykel

Der Leser ist nun auf den Nachmittag, wo man den Eleven in die Poliermühle des Wieners schickt, begierig, wie er sich da schleifen lasse. Es muß ihn noch begieriger machen, wenn ich nachhole, daß Wehmeier, der wie andere Gelehrte dem Elefanten an Verstand und Plumpheit glich, nichts in der alten Geschichte lieber fand – und also abmalte – als einen großen Mann, der wenig anhatte, wie z. B. Diogenes, oder der barfuß ging, wie Kato, oder unbalbiert, wie die Philosophen; ja er fiel in die Mittelmark ein und holte sich Friedrichs II. Kleider heraus, womit er soviel gewann als Mr. Pages in Paris, und trug dessen Hemden wie des edlen Saladins seines und unter einerlei Ausrufungen auf Stangen zur Schau und entwarf als ein zweiter Scheiner die beste Karte, die wir von den Sonnenflecken des Tabaks auf Friedrich haben. Dann nahm er diese nackten rauhen Kolossen und schlichtete sie sämtlich in die eine Waagschale auf, und in die andere warf er getäfelte leichte Figuren wie Falterle und die Nürnberger geleckten Kindergärtchen von neuern Höfen und ersuchte den Scholaren, achtzugeben, wohin das wägende Zünglein schlage. – –

Ich bin hier nicht ganz auf deiner Seite, Magister, da kraftvolle Jünglinge ohnhin die Folie des Zeremonialgesetzes zu leicht zerreißen und oft die Folienschläger, die Oberzeremonienmeister, dazu; für Schwache ist die Methode gut.

Kam nun Albano zum Exerzitienmeister: so konnt' er vor dem lauten Nachklange der vorigen Stunde – weil Kinder von einer gewissen Tiefe, wie Gebäude von einiger Größe, ein Echo geben – das nur schwach vernehmen, was Falterle befahl; und nur wenn er einige Tage ohne die historische Rührung blieb, wurd' er für die kleinern Lehrstunden weiter offen, wie vergoldete Sachen erst, wenn das Gold herunter ist, sich versilbern lassen. Das Unglück war noch, daß er seine Frontänze gerade neben der Schreibstube des Direktors, der da in eignen begriffen war, zu machen hatte. Es traf sich oft, daß Wehrfritz, wenn Alban so zerstreuet wie eine verliebte Moitistin in der Anglaise aufmerkte, drinnen unter dem Diktieren schrie: »Ins drei Teufels Namen, chassier!« – Ebenso viele Fälle würde man aufzählen können, wo der Mann, wenn der Musikmeister wie ein Trommelbaß mit ewigem Ermahnen zum Piano unter dem Adagio weglief, drinnen mit dem erdenklichsten Fortissimo rufen mußte: »Pianissimo, Satan, Pianissimo!« – Einige Male mußt' er von seinen Arbeiten aufstehen, wenn in der Fechtstunde alles Zureden zur Quarte nichts half, und die Tür aufmachen und ergrimmt zum Wiener sagen: »Um Gottes Willen, Herr, seien Sie doch kein Hase und stoßen Sie ihm derb aufs Leder, wenn er nicht aufpaßt!« – worauf der höfliche Fechtmeister nur leise zu Quartstößen anfrischte.

Gleichwohl lernt' er viel; in so frühen Jahren setzet man sich weder über den Putz noch über die schönen Künste eines Falterle hinweg, der noch dazu mit dem zauberischen Vorzuge mächtig war, in der verbotnen Hauptstadt geglänzt und gelehrt zu haben. Bloß der laute Aufschritt und die Stiefel waren dem Zöglinge nicht zu nehmen; aber die Achseln waren in kurzem waagrecht und der Kopf steilrecht gedrückt und die oszillierenden Finger samt dem regen Körper mit einem Stahlschen Augenhalter festgemacht. Überhaupt haben Menschen mit einer liberalen Seele in einem schöngebauten Körper schon ohne Falterles Spalierwand und Schere einen gefälligen Stand und Wuchs. Dabei hatte er den niedlichen freundlichen Falterle mit jener heiligen ersten Menschenliebe, womit ein Kinderherz sich an alle Leute des Hauses und des Dorfes anklammert, schon darum lieb, weil den Wiener eine Dame um den Goldfinger, ja innen um den Goldring selber aufwickeln konnte, und weil er vom Ritter des goldnen Vlieses wie von einem Könige sprach und log, und weil er die gefälligste Haut war, die je über die Erde lief.

Da ich in meinen Biographien Duldung und eine vielseitige Gerechtigkeit gegen alle Charaktere lehren will: so muß ich hier mit meinem Muster der Toleranz vorangehen, indem ich von Falterle bemerke, daß seine arme dünne Seele sich selber nicht unter den steinernen Gesetztafeln der Etikette und unter dem hölzernen Joche eines imponierenden Standes aufzubringen vermochte. Wem tat der arme Teufel etwas an? Nicht einmal Damen, für welche er zwar, gleich einem Kupferstecher, immer vor dem Spiegel arbeitete an seinem Ich, allein nur um mit diesem Kunstwerke, gleich andern Figuristen, reine Schönheiten darzustellen, nicht aber solche zu verführen. Das Seewasser seines Lebens – denn er ist weder ein Millionär noch eben der größte Gelehrte des Säkuls, ob er wohl bei vielen Bücherverleihern herumgelesen – süßet er sich durch das Schönheitswasser ab, worin er sich stündlich badet. Er säuft und frisset fast nichts; flucht und schwört er, so tut ers in fremden Sprachen, wie der Päpstler darin betet, und schmeichelt wenigen außer sich.

Der Eitle und noch mehr die Eitle hassen Eitle viel zu stark, die doch mehr am Kopfe als am Willen siechen. Ich kann mich hier freudig auf jeden denkenden Leser berufen, ob er sich je, wenn er eben ungewöhnlich eitel einhertrat, tiefe Gewissensbisse oder Mißtöne im Ich verspürt zu haben entsinnt, welche doch niemals fehlten, wenn er sehr log oder zu hart war; er nahm vielmehr ein ungemein liebliches Schaukeln seines innern Menschen in der Paradewiege wahr. Daher wird ein Eitler so schwer wie ein Spieler kuriert. Aber auch noch darum: die meisten Sünden sind Kasualpredigten und Gelegenheitsgedichte und müssen häufig ausgesetzet werden, vom 3ten bis 10ten Gebot inclus. – Die Ehe, den Sabbat, das Wort kann man nicht zu jeder gegebenen Stunde brechen – Verleumden kann einer so wenig als kegeln oder duellieren mit sich selber – viele beträchtliche Laster sind nur an der Ostermesse oder am Neujahrstage – oder im Palais royal oder im Vatikan zu verüben – manche königliche, markgräfliche, fürstliche im ganzen Leben nur einmal – manche gar nicht, z. B. die Sünde gegen den heiligen Geist. – – Hingegen sich innerlich preisen und bekränzen kann einer Tag und Nacht, Sommer und Winter, an jedem Orte, auf dem Katheder, im Prater, im Generalszelte, hinten auf der Schlittenpritsche, auf dem Fürstenstuhle, in ganz Deutschland, z. B. in Weimar. Wie? und diese perennierende Balsamstaude, die den innern Menschen immerwährend anräuchert, sollte man sich ausziehen oder beschneiden lassen? – –

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