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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Aber nun weiter! Der alte Wehrfritz referierte Rabetten ganz freundlich, »wie er heute die Pupille des Don Zesara, die herrliche Gräfin de Romeiro, gesehen, wahrhaftig 12 Jahre alt, aber von einer Conduite, wie nur eine Hofdame habe; und der Herr Ritter erlebe an seiner Mündel mehr Freude als sonst.« Diese harten klirrenden Worte ritzten, wie an einem Wasserscheuen, die offnen Nerven des ehrgeizigen Knaben, da für ihn der Ritter bisher das Lebensziel, der ewige Wunsch und der frère terrible war, womit man ihn bezwang; – aber er saß still ohne Zeichen da und erstickte das schreiende Herz. Wehrfritz kannte dieses stumme Verbeißen; gleichwohl handelte er so, als hab' ihn Albano nicht verstanden.

Nun fing auch der Wiener an, in alle Ecken und Nischen des ministerialischen Vatikans Leuchtkugeln zu werfen, bloß um seine Tanz- und Musikschüler darin und sich selber günstig zu beleuchten. Kann nicht die Tochter des Ministers, kaum zehn Jahre alt, alle neue Sprachen und die Harmonika, die Albano noch nicht einmal gehöret, und schon vierhändige Sonaten von Kotzeluch und singt wie die Nachtigall schon in unbelaubten Ästen, und zwar Opernauszüge, die ihre zarte Nachtigallenbrust aushöhlen, daher er fortgemußt? – Ja kann der Bruder nicht noch weit mehr und hat alle Lesebibliotheken ausgelesen, besonders die Theaterstücke, die er noch dazu auf Liebhaberbühnen auch spielt? Und wird er nicht gerade in dieser Stunde im heutigen bal masqué seine Sache recht gut machen, wenn er anders da den Gegenstand antrifft, der ihn begeistert? – Wehmeier tat unrecht, daß er unserm Juwelenkolibri Falterle gegenübersaß als eine Ohreule oder Vogelspinne, die bereit ist, den Kolibri jede Minute zu rupfen und zu fressen. Wahrlich Falterle sagte nichts aus Bosheit, er konnte niemand verachten und hassen, weil seine geistigen Augen in seinem aufgeschwollenen Ich so tief saßen, daß er damit gar nicht über das geschwollene Ich herausschauen konnte; er verletzte keine Seele und umflog die Leute nur wie ein stiller Schmetterling, nicht wie eine stechende sumsende Bremse, und sog kein Blut, sondern Honig (d. h. ein kleines Lob). –

»Sollte sich wohl, Herr v. Falterle,« (sagte Wehrfritz, der alsdann, sobald er nur diesen kalten Wetterstrahl auf Albano heruntergetan hatte, diesen nicht mehr fliehend und kalt anschielen wollte) »der junge Minister zuweilen auf eine Vogelstange setzen wie unser Albano da?« – Das war zu viel für dich gequältes Kind! »Nein!« sagte Albano ehern und mit der Freundlichkeit eines Leichnams, welche Nachsterben bedeutet, und verließ mit einer optischen Wolke schweifender Farben den unter seinen stummen Zuckungen knackenden Sessel und ging langsam mit eingeklemmten Fingern hinaus.

Der arme junge Mensch hatte heute nach der anscheinenden Vergebung seines adamitischen Falles und nach dem Anblicke des geschmückten neuen Lehrers, auf den er sich schon so lange gefreuet und dessen graviertes glänzendes Gehäuse gerade auf ein Kind imponierend wirkte, die letzte Puppenhaut seines Innern abgeworfen und sich viel vorgesetzt. Irgendeine Hand riß vor einer Stunde seinen innern Menschen aus der engen schläfrigen Wiege der Kindheit auf – er sprang auf einmal aus dem Wärmkorbe – er warf Fallhut und Flügelkleid weit weg – er sah die weite toga virilis dort hängen und fuhr in sie hinein und sagte: kann ich denn nicht auch ein Jüngling sein? –

Ach du Lieber, der Mensch, besonders der rosenwangige, hält betrogen so leicht Bereuen für Bessern, Entschlüsse für Taten, Blüten für Früchte, wie am nackten Zweige des Feigenbaums scheinbare Früchte sprießen, die nur die fleischigen Hüllen der Blüten sind! –

Und nun, indes alle Nerven und Wurzeln seiner Seele nackt an der harten Luft bloßlagen und bei so schönen frischen Trieben, wurd' er jetzt so oft beschämend zertreten. In seiner Seele glühte die Ehre – durch die künftigen Jahre wollte sie wie durch eine weiße Kolonnade von Ehrensäulen gehen – schon ein bloßer Alumnus aus der Stadt war seiner ruhm- und wissensdurstigen Seele ein klassischer Autor – und sollt' ers erdulden, daß ihn bei dem Ritter der Direktor verklagte und der Wiener verzeichnete? – Harte Tränen wurden wie Funken aus der stolzen verletzten Seele geschlagen, und den Kometenkern seiner innern Welt zertrieb die Glut in einen schwülen Nebel. Kurz er beschloß, in der Nacht nach Pestitz zu rennen – vor seinen Vater zu stürzen, ihm alles zu melden – und dann wieder nach Hause zu gehen, ohne ein Wort davon zu sagen. Am Ende des Dorfs fand er einen eiligen Nachtboten, den er nach dem Pestitzer Wege befragte und der sich wunderte über den kleinen Pilger ohne Hut. – –

Man sehe mit mir vorher nach dem Reste der Tischgenossenschaft. Eben dieser Bote überbrachte dem Wiener eine böse Neuigkeit, die den so lange gelobten Minister-Sohn betraf, der Roquairol hieß.

Die obengedachte Pupille des Ritters, die kleine Gräfin von Romeiro, war sehr schön; Kalte hießen sie einen Engel und Warme eine Göttin. Roquairol hatte keine belgische Venen, worin wie im Saturn alle Feuchtigkeiten als feste gefrorne Körper liegen, sondern afrikanische Arterien, worin wie im Merkur geschmolzene Metalle umlaufen. Als die Gräfin bei seiner Schwester war, versucht' er, mit der Keckheit vornehmer Knaben, sein mit einem Geäder von Zündstricken gefülltes Herz als einen guten Brander auf ihres zuzutreiben; aber sie stellte die Schwester als Feuermauer vor sich. Zum Unglück ging sie zufällig als Werthers Lotte gekleidet in die heutige Redoute, und die Pracht ihrer despotischen Reize wurde von lauter dunkel-glühenden Augen hinter Larven verschlungen und umblitzt; er nahm seine innere und äußere ab, drang an sie und forderte mit einiger Eile – weil sie abzureisen drohte – und mit einiger Zuversicht – auf dem Liebhabertheater errungen – und mit pantomimischer Heftigkeit – womit er auf diesem immer die schönsten Nachtmusiken der klatschenden Hände gewonnen – nichts vor der Hand als Gegenliebe. Werthers Lotte kehrte ihm stolz den prangenden Rücken voll Locken, er lief außer sich nach Hause, nahm Werthers Anzug und Pistole und kam wieder. Dann trat er mit einem physiognomischen Orkan des Gesichts vor sie hin und sagte – das Gewehr vorzeigend –, er mache sich hier auf dem Saale tot, falls sie ihn verstoße. Sie sah ihn ein wenig zu vornehm an und fragte, was er wolle. Aber Werther – halb trunken von Lottens Reizen, von Werthers Leiden und von Punsch – drückte nach dem fünften oder sechsten Nein (an öffentliches Agieren schon gewöhnt) vor der ganzen Maskerade das Schießgewehr auf sich ab, lädierte aber glücklicherweise nur das linke Ohrläppchen – so daß nichts mehr hineinzuhängen ist – und streifte den Seitenkopf. Sie entfloh plötzlich und reisete sogleich ab, und er fiel blutend darnieder und wurde heimgetragen. – –

Diese Geschichte blies viele Lampen an Falterles Ehrenpforte aus – und an Wehmeiers seiner an –; aber sie setzte auf einmal Albinen in Angst über den ebenso wilden Tollkopf Albano. Sie fragte nach ihm in der Domestikenstube; und der Bote half ihr auf die Spur durch den Knaben ohne Hut. Sie eilte selber in ihrem gewöhnlichen Übermaße der Angst durch das Dorf hinaus. Ein guter Genius – der Hofhund Melak – war da der Musculus Antagonista und Schlagbaum des Flüchtlings geworden. Melak wollte nämlich mit; und Alban wollte einen dem Schloßhofe so bedienten und öfter als der Nachtwächter darin abrufenden Schirmvogt und Küstenbewahrer wieder heim haben. Melak war in seinen Sachen fest; er verlangte Gründe, nämlich nachgeworfene Prügel und Steine – allein der weinende Knabe, dessen glühende Hände die kalte Schnauze des gutwilligen Viehes erfrischte, konnte ihm kein böses Wort geben, sondern er drehte bloß den wedelnden Hund um und sagte leise: »Fort!« – Aber Melaken waren bloß laute Dekrete etwas; er kehrte immer wieder um; und in diesen Inversionen – während welchen in Albanos ohnehin immer auf dem Brockengebirge stehenden Geist, der im Nebel Riesenformen ziehend wachsen sah, seine Tränen und jedes unverdiente Wort tiefer einbrannten – fand ihn die unschuldige Mutter.

»Albano,« sagte sie freundlich-verstellt, »in der kalten Nachtluft bist du?« – Von diesem Nachgehen und Anreden der allein beleidigten Seele wurde seine volle, der eine Ergießung, es sei durch Tränen oder Galle, nötig war, so sehr ergriffen, daß er mit einem gichterischen Reißen des überspannten Herzens an ihren Hals aufsprang und sich daran aufgelöst und weinend hing. Er konnte ihren Fragen seinen harten Entschluß nicht gestehen, sondern drückte sich bloß stärker an ihr Herz. – Jetzt kam besorgt auch der bereuende Direktor nach, den die kindliche Stellung umschmolz, und sagte: »Närrischer Teufel, hab' ich es denn so böse gemeint?« und nahm zurückführend die kleine Hand. Wahrscheinlich war Albanos Zürnen durch die ergoßne Liebe erschöpft und durch den versöhnten Ehrgeiz befriedigt; folgsam und sogar – was sonderbar scheint – mit größerer Liebe gegen Wehrfritz als gegen Albine ging er mit ihnen zurück und weinte unterwegs bloß aus zarter Bewegung.

Als er ins Zimmer trat, war sein Angesicht wie verklärt, obwohl ein wenig geschwollen, die Tränen hatten den Trotz verschwemmt und alle sanfte Schönheitslinien seines Herzens auf sein Gesicht gezogen, wie etwa der Regen die Himmelsblume, die in der Sonne nicht erscheint, in durchsichtigen zitternden Fäden zeigt. Er stellte sich aufmerkend an den Vater und behielt den ganzen Abend dessen Hand; und Albine genoß in der doppelten Liebe ein doppeltes Glück; und sogar auf den Gesichtern der Bedienten lagen zerstreute Stücke von dem dritten Nebenregenbogen des häuslichen Friedens, dem Bundeszeichen der verlaufenen Wassersnot.

– Wahrlich, ich hab' oft den Wunsch getan – und nachher ein Gemälde daraus gemacht –, ich möchte dabeistehen können bei allen Aussöhnungen in der Welt, weil uns keine Liebe so tief bewegt als die wiederkehrende. Es müßte Unsterbliche rühren, wenn sie die beladnen, vom Schicksal und von der Schuld oft so weit auseinandergehaltnen Menschen sähen, wie sie, gleich der ValisnerieDie weibliche Valisnerie liegt zusammengerollt unten im Wasser, aus welchem sie mit der Blumenknospe aufsteht, um im Freien zu blühen; die männnliche macht sich dann vom zu kurzen Stengel los und schwimmt mit ihrem trocknen Blütenstaube der erstern zu. –, sich vom sumpfigen Boden abreißen und aufsteigen in ein schöneres Element und wie sie nun in der freiem Höhe den Zwischenraum ihrer Herzen überwinden und zusammenkommen. – Aber es muß auch Unsterbliche schmerzen, wenn sie uns unter dem schweren Gewitter des Lebens gegeneinander auf dem Schlachtfelde der Feindschaft ausgerückt erblicken, unter doppelten Schlägen und so tödlich getroffen vom fernen Schicksal und von der nahen Hand, die uns verbinden sollte! –

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