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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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16. Zykel

Jede Ehrensäule erhebt das Herz eines Mannes, den man daraufstellt, über den Brodem des Lebens, über die Hagelwolken der Drangsale, über den Frostnebel der Verdrießlichkeit und über die brennbare Luft des – Zorns. Ich will das Zauberblatt einer günstigen Rezension einem knirschenden Werwolfe vorhalten: – sofort steht er als ein leckendes Lamm mit quirlendem Schwänzchen vor mir; und könnte eine Frau ihrem hitzigen Schriftsteller jedesmal ein kritisches Trompeterstückchen auf Famas Trompete vorblasen, er würde einem Engel und sie jenem Bierfiedler gleich der im Bärenfange den Saul von Petz durch Tanzstücke besänftigte.

Wehrfritz kam als ein neugeborner Seraph Albinen entgegen und erzählte die Ehre. Ja um die Explosionen seines Ätna ihr abzubitten, sagte er nicht, wie sonst: nolo episcopari, er sagte nicht, eine unersteigliche Bergkette von Arbeiten setze sich jetzt um ihn fest – sondern statt dieses verlegnen Zurückziehens der Hand vor dem ausschüttenden Fruchthorne des Glücks, statt dieser jungfräulichen Blödigkeit des Entzückens, die Gattinnen gemeiner ist, legt' er die Herzhaftigkeit einer Witwe an den Tag und sagte Albinen, ihre Wünsche des heutigen Morgens wären schon zu Gaben geworden – und fragte, wo denn der versprochene Abendschmaus und die Leute und der Magister und der Tanzmeister, den jener gar noch nicht gesehen hätte, und Rabette und alles steckte. –

Aber Albine hatte dem Magister schon längst durch Albano die Einladung und das Verziehen aller Gewitter und des neuen Kommis Ankunft sagen lassen. Wehmeier aß eigentlich mit dem größten Widerwillen bei einem Edelmanne, bloß weil er wie ein speisender Akteur des Tisches mit Reden, savoir vivre, Aufpassen, Halten aller Gliedmaßen und Spedieren aller Eßwaren so viel zu tun hatte, daß er aus Mangel an Muße kleine Dinge – z. B. Essiggurken, Kastanien, Krebsschwänze – bloß im ganzen und ohne Geschmack verschluckte, so daß er nachher das Hartfutter wie einen verschlungenen Jonas oft drei Tage in der Weidtasche seines Magens herumtragen mußte. Allein diesesmal zog er sich gern zum Essen an, weil er auf seinen pädagogischen Nebenmann neugierig und ungehalten war, und das aus Angst, der neue Mitpächter gebe vielleicht die herrliche Wintersaat in Albans besäetem Lande für seine eigne Sommersaat aus. Er schrieb seiner abbrevierten Lehrmethode alle Wunderkräfte seines Lehrlings, d. h. dem Boden aus Wasser den aromatischen Geist der Pflanze zu, die darin wuchs.Denn Boyle fand in seinen Versuchen, daß Ranunkeln, Münze etc., die er im Wasser großwachsen lassen, die gewöhnlichen aromatischen Kräfte entwickelten.

Mit größerer nachsichtiger Liebe kam er, den halbierten Liebling eigenhändig führend, vor Rabettens Kabinett in einem saftgrünen Flaus mit dreiblättrigem Kragen an. – – »Herr von Falterle hier« (sagte bei seinem Eintritt Rabette, nicht aus Neckerei, sondern aus Unbesonnenheit) »meinten vorhin, Sie wärens, als der Hund hereinwollte.« – »Mein Herr,« (versetzte kalt und ernst der Paradeur von Falterle neben unserm Ackergaule) »der Hund kratzte an der Türe – aber sowohl bei dem Minister als in allen großen Häusern in Paris kratzet jedermann mit dem Fingernagel, wenn er bloß in ein Kabinett und in kein großes Zimmer will.« –

Welcher herrliche malerische Abstand beider Amtsbrüder! Der Exerzitienmeister mit der bunten Flughaut oder Rückenschürze eines gelben Sommerkleidchens, gleichsam mit den gelben Oberflügeln eines Buttervogels, dessen dunkle Unterflügel das Gilet (wenn ers aufknöpft) vorstellen; – Wehmeier aber im geräumigen saftgrünen Flause hängend, den ein Zeltschneider um ihn gespannt zu haben scheint, und mit Unterleib und Schenkeln in der schwarz-samtnen Halbtrauer der Kandidaten pulsierend, die sie anlegen, ehe sie sich zur ganzen verkohlen – Falterle hat sein Glatteis von Beinkleidern plattiert um die Beine gegossen, und jede Falte in diesen bricht sich in seinem Gesichte zu einer, als wäre dieses das Unterfutter von jenen; indes an den Schenkeln des Schachtelmagisters die Wendeltreppe seiner Wickel-ModestenModesten wollen einige statt der Beinkleider hören. aufläuft – jener in Brautschuhen, dieser in Pumpenstiefeln – jener schnalzt als eine weiche schleimige Goldschleie empor mit den Bauchfloßfedern des Jabots, mit den Seitenfloßfedern der Manschetten und mit den Schwanzfloßfedern des an drei Hermelin-Schwänzchen hängenden trinomischen Würzelchens oder Zöpfleins; der Magister sieht in seinem grünen Flause bloß wie der grüne Schnäpel (Weißfisch) oder die Kaulquappe aus – herrlicher Abstich, wiederhol' ich! –

Der Schnäpel hätte die Schleie gern gefressen, als der Goldfisch mit dem rechten Arme Rabetten und mit dem linken Albano zum Essen vorausführte. Aber jetzt wurd' es viel ärger. Alban hatte mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit die Serviette zuerst offen, die nun gleichsam das Antrittsprogramm und Dokimastikum von Falterles Lehrart wurde; »posément, Monsieur,« (sagt' er zum Novizen) »il est messéant de déplier la serviette avant que les autres ayent déplié les leurs.«Gemach, es ist unschicklich, wenn man seine Serviette früher aufmacht als andere Leute. Nach einigen Minuten gedachte Alban seine Suppe – es war eine à la Britannière mit Locken – kalt zu blasen: »Il est messéant, Monsieur,« (sagte der Exerzitienmeister) »de souffler sa soupe.«Es ist unschicklich, wenn man auf seine Suppe bläset. Der Schachtelmagister, der schon mit dem Gebläse seiner Brust zu einem Zugwinde für einen Löffel voll Locken angesetzt hatte, schnappte erschrocken mit einer Windstille ab.

Als nachher eine farschierte Weißkohlbombe wie eine Zentralsonne auf das Tischtuch niederfiel: schlang der Magister den brennenden Kalbfleisch-Farsch kühn hinein, wie ein Taschenspieler oder Vogel Strauß glimmende Kohlen, und atmete mehr ein- als auswärts.

Nach der Bombe kam ein Hecht au four herein, dem bekanntlich der Wegschnitt des Kopfes und Schwanzes und die Verschlossenheit des Bauchs die Gestalt eines Rehziemers schenken. Als Alban seinen alten Lehrer fragte, was es wäre, versetzte solcher: »Ein delikater Rehziemer.« – »Pardonnez, Monsieur« (sagte der Gegenzüngler) – »c'est du brochet au four, mon cher comte – mais il est messéant de demander le nom de quelque mets qu'il soit – on feint de le savoir.«Um Verzeihung, es ist Hecht au four; aber es ist unschicklich, nach dem Namen einer Schüssel zu fragen – man tut, als wisse man ihn schon.

Es ist leicht zu zeigen, daß dieser Kernschuß aus einer Doppelbüchse dem Magister durch Mark und Bein durchfuhr; die Passions-Instrumente, die im weggeschnittenen Kopfe des Hechts au four wie in einer Gewehrkammer lagen, arbeiteten in seinem weiter. Wie die meisten Schullehrer glaubt' er so lange die feinste Lebensart zu haben, als er sie dozierte und die gröbste bekriegte – ebensolange schätzt' er sie ungemein, so wie den Putz –; wurd' er aber in beiden besiegt, so mußt' er sie von Herzen verachten. Es bracht' ihn wieder auf die Beine, daß er den Exerzitienmeister im stillen bei sich gegen beide Katos und die homerischen Heroen hielt, die nicht viel besser aßen wie Schweine, und daß er so den Wiener an einen Schandpfahl anband und ihn daran mit der einen Hand wacker drasch, indes er mit der andern über ihm die Schandglocke läutete. Ja er stellte sich, um den Amtsbruder klein zu machen, auf einen fernen Irrstern und sah herunter auf die Bombe und auf den Hecht au four und mußte droben auf seinem Planeten sehr herablachen, als er den gelbseidnen Ladenhüter der Natur mit dem Wrack von Gehirn nicht größer befand als einen Kleisteraal. Dann dauerte ihn der verlaßne Zögling, und er fiel wieder herunter und schwur unterweges, aus ihm jeden Tag so viel auszujäten, als jener einharke.

Wir werden es noch bald genug erfahren, wie Albans Nerven auf dieser Drechselbank unter den Schlichthobeln zuckten. Den Direktor labte dieses pädagogische Schneiden und Brillantieren eines so großen Demants unbeschreiblich, wiewohl der Schnitt (nach Jefferies) allen Demanten die halbe Schwere nimmt, und wiewohl er selber noch die ganze hatte und mehrere Karats als Facetten. Wehrfritz konnte nie eher rein vergeben – worauf er jetzt hinarbeitete, weil er dem Kleinen den Österleinschen Flügel mitgebracht –, als bis er wenigstens mit einem Worte eine kurze Marter angetan; er teilte also – blind gegen Albanos verhülltes blutiges Büßen – den Gästen mit, wie strenge der Minister seine Kinder erziehe, wie sie z. B. für unwillkürliches Husten und Lachen an der Tafel, gleich preußischen Kavalleristen, welche stürzen oder im Winde den Hut verlieren, Strafen bekommen und wie sie freilich so alt wären wie Albano, aber völlig so gesittet wie Erwachsene. Beim Minister hatt' er heute umgekehrt mit den Kenntnissen des Pflegesohns geprunkt; aber manche Eltern erbauen in jedem fremden Zimmer Rauchopferaltäre für dasselbe Kind, das sie im eignen wie Wein und Bienen schwefeln.

Der Henker hol' es überhaupt, daß sie, wie Landesväter, gerade dann verdoppelte Forderungen machen, wenn die Kinder unmäßige befriedigt haben, so daß diese durch opera supererogationis von majorennen Lernstunden die Spielstunden mehr verwirken als erringen. Hält man es nicht großen Philosophen, z. B. Malebranche, und großen Feldherren, z. B. Scipio, zugute, daß sie nach den größten Eroberungen, die sie im Reiche der Wahrheiten oder in einem geographischen gemacht, sich in die Kinderstube setzten und da wahre Kindereien trieben, um den Bogen, womit sie so viele Lügen und Menschen zu Boden gelegt, sanft zurückspannen? Und warum soll dieses Gleichnis, womit der heilige Johannes sich verteidigte, wenn er sich eine Spielstunde mit seinem zahmen Rebhuhne erlaubte, nicht Kinder entschuldigen, daß sie auch Kinder werden, wenn sie vorher den noch dünnen Bogen zu krumm angezogen haben? –

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