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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 189
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Achte Fahrt

Kerker – Selbstdefension – Spöhr – Scharweber – juristischer Nutzen der Elektrizität

Morgens um 10 Uhr. »Achte Fahrt« schreib' ich nur, um abzuteilen; denn ich meines Ortes sitze jetzt an einem Orte – gestern um diese Zeit trank ich in Lilar – fest, wo ich nirgends, daß ich wüßte, hinzufahren vermöchte, ausgenommen zum Teufel etwan. Freilich will ichs euch erzählen – was soll ich Gescheuteres anfangen? –, so gram ich Millionen bin. Aber warum war ich gestern nicht unsäglich unmäßig und stürzte nur Freudenbecher in mich, anstatt mich in Heidelberger Freudenfässer? Denn ich konnt's haben. Konnt' ich nicht zu Kinderbällen unter dem Vorsitz der Mädchen-Schulmeister herunterschießen – und auf eine Insel in der Elbe zur Sieste – und zum musikalischen Kartenschieber FederleEin in Deutschland reisender Künstler, der mit einem Karren, indem er ihn schiebt, eine Janitscharenmusik macht.

D. H.
unter mir – und mitten unter eine Heilige Familie auf einer Waldhöhe, wo bunte Shawls an jungen Bäumchen wehten, der alte Vater rauchte und mit den dichterischen Augen auf den Welten des Frühlings lag und die schöne Tochter am wegflatternden Kaffeefeuer blühte und die Mutter über einige muntere kleine Springinsfelder Wache hielt? Aber ich wollte in das sanfte Leben der arkadischen Älpler nicht die Gärung des meinigen gießen. – Wo bin ich? –

Leider hier! Ich flog gestern nachts lange irre und wollte, endlich müde, auf Erden in einem Wirtshaus schlafen. Leider wollte der angebissene Mohnölkuchen, der Mond, gar nicht herauf, und ich konnte von der Stadt, wohinunter ich gedachte, nichts als die Talglichter erkennen. Ich sank ihr demnach langsam und guter Dinge zu, ohne zu merken, daß ich mich dem verfluchten Mülanz, dem ich den Galgenjubel nachgelassen, in den Schoß setze. Da ich nur sehr gemach – um mit den gläsernen Sänftendielen auf nichts aufzustoßen – niederging und oft im Sinken hielt: so kam ich vor einem hellen Fenster im vierten Stock vorbei, durch welches ich den Zensor Fahland neben einem Bette knien sah, wovon nichts Schlafendes ersichtlich war als ein weißes Händchen, das der Beter hielt. Der Chemiker machte über die Brennbarkeit weiblicher Diamanten seine Versuche. Ich drückte leicht das Fenster (an dessen Kloben mich heftend) auf und wollte seine auf dem Sessel schlafenden Strümpfe und andere zum Untern seiner Karten gehörige Kleider herausziehen, um ihn vor der Welt ins erbärmlichste Licht zu setzen; – und es gelang auch – aber indem ich seine Effekten in die Sänfte hineinhatte, schrie der Diamant im Bette: »Ein Räuber!« (er war da, aber neben dir, dummer Juwel! –) und unter mir riefen drei Nachtwächter dasselbe aus. Hätt' ich nur noch drei Pfund Steine übrig gehabt – von meinen sentimentalischen Aussichten in die Abendsonne –, so konnt' ich mich heben; jetzt fiel ich samt der Fahländischen Verlassenschaft dem Nachtwächtertrio in die Arme und Spieße.

Ich werde mich eurentwegen nicht noch ärgern und meine nächtliche Galle wiederkäuen dadurch, daß ich euch weitläufig meine Tätlichkeiten, die ich an den Nachtwächtern bloß mit dem Posthörnchen verüben konnte, das Anrücken eines neuen Kontingents, mein wütiges Faustkämpfen und endlich mein gefängliches Abführen ins Rathaus sehr auseinandermalte.

Ists euch nicht zur Last genug, daß ich da noch sitze in der Haft? – Man verschloß mich hier oben in diesen Saal, weil drunten alles besetzt ist durch den Wiener Schub, der mir endlich redlich nachgekommen. Eine hübsche Ehren- oder Schandwache vor der Saaltüre sieht auf mich. Verdammt! allerdings ist es sehr komisch; aber das ist eben verdammt. Mein Schiff und Geschirr seh' ich neben mir in einer fest verriegelten Kammer.

Eben lässet mich der Mülanzer Stadtrat auf 11½ Uhr vor seine Session einladen.

Das Blut kocht mir auf; aber ich will einen Winter hineinwerfen und es kühlen; ich will mit der Konsulta scherzend umspringen; ich will überhaupt wie die confrérie de la Passion jede meiner Leidensgeschichten in ein Possenspiel einkleiden. Diese erbarmungswerten Aufklärer, die wie eine frostige Hökerin vor ihrem Lichtlein gekrümmt sitzen, das den Käufern ihre Äpfel und Pfeffernüsse zeigen soll, diese Ackerpferde der Natur, wie werden sie horchen, wenn ich lächle und gelassen bleibe und sie auf- und herumziehe! – Sollten sie mir einen Eid antragen – nur der Teufel gäb' es ihnen ein –: so würd' ich in meiner gedachten Kälte um die Eidesverwarnung anhalten, und sobald sie aus wäre, ersuchen, mich stärker zu verwarnen, weil noch nichts durchschlüge, und zuletzt würd' ich dastehen, noch stärkerer Verwarnungen gewärtig, zum Meineid bereit. Himmel! es laufen hier vierzig Wege zum Scherz. Ich hin ein Honoratior. »Als solcher« (kann ich ganz schußfest sagen) »seh' ich auf, daß man bei Schwüren, wozu man mich treibt, die Türe zumache. Als solcher macht' ich mir von jeher auf einen Hausarrest Hoffnung, indes ein anderer sich mit öffentlichem behilft. Als solcher erwartete ich von allen Gerichten stehend eine gerichtliche Einladung zum Sitzen und unterscheid' es von einer gerichtlichen Ladung zu sitzen. Der Honoratior dringt jede Stunde darauf, schriftlich vernommen zu werden anstatt mündlichHommel observ. DCLXVIII.; ich dringe ebenso und will hiemit nicht gehört sein, sondern gelesen und sage kein Wort weiter.« O es kann mir noch mehr einfallen; wer prophezeiet die Späße des Menschen! – Gleich bei dem Eintritt – angesichts der Sitzung – drück' ich, als bestäch' ich, dem Knorpelfisch, dem hagern Ratsdiener, nichts in die Hand als meine. Herrlich, jetzt schlägts! –

Nachmittags um 2, 3 oder 4 Uhr. Verdammt sei der Mensch samt seinen armen Hunden von Vorsätzen – und die Mülanzer Schafshäupter und alles! Nur in der Luft dreitausend Fuß hoch sind noch Minuten von einem guten Tage zu haben. O ich könnte jetzt auch droben unter den Raben und Lerchengeiern sein! – »Nun wird er«, denkt die würdige Lesewelt, »ordentlich anfangen, uns seine Fatalitäten artistisch genug vom Händedruck des Knorpelfisches an bis zum Zornschaum des Stadtsyndikus Spöhr vorzutragen, damit es uns königlich ergötze.« – Nein, edle Lesewelt der Schreibewelt, noch sind wenig Anstalten gemacht, dich zu dieser Buchpartie zu laden, zu diesem Armbrustschießen auf mich auf der Stange. – – Freilich, überlegt man wieder flüchtig, daß es mir auf dieser Lesewelt unmöglich an Seelen fehlen werde, die ich durch mein Referat ebensosehr erbittere als den Mülanzer Schöppenstuhl – – Ja, ja, ich seh' es für meine Pflicht an, folgenden treuen Bericht von der Sache abzustatten:

Die Session war schon lange zu Tisch gesessen, als ich mit meinen Hummerscheren erschien als letztes Gericht. Der Stadtsyndikus Spöhr, der sich nicht wie ein Scharfrichter ehrlich richtet, sondern unehrlich und dessen Gesicht die Schwefelpaste von den Diebsphysiognomien ist, die er in die Justizwaage geworfen, zeigt schon durch das nachgebliebene Äußere, daß er schon aus dem Spiegel diejenigen kenne, die er zu richten hat; so ist in Nürnberg ein Schwein oder Rind an diejenigen Häuser gemalt, welche das Recht haben, eines einzuschlachten. Herr Spöhr hob mit der Spolienklage seines Sohnes an und hatte das corpus delicti, die Strümpfe und Halbkleider, dazu vor sich liegen. »Herr v. Fahland ist Ihr Sohn!« rief ich zweideutig, denn ich sah die niedrige Zweideutigkeit, daß er besagte corpora seinem Sohne zuschlage, um die Ehre seiner – Tochter zu retten. Jetzt wurde der Spöhrische Kopf ein mit Ehren- und Kleiderräubern feuernder Brückenkopf – und meiner ein vorrennender Sturmblock. O es ist etwas ganz anders, eine gedachte Schlechtigkeit und Beleidigung – diese ist scherzhaft zu handhaben – und dann eine gegenwärtige vor der Nase. Bei jeder lebendigen Schlechtigkeit fühl' ich, daß meine Anthropophobie oder Kollerader gegen die Menschen, die zuweilen an Tagen wie gestern auf der Haut verschwindet, noch ihr altes schwarzes Blut treiben und strotzen könne.

Dazu trat noch der zweite Ratmann Scharweber – als stolzer, kecker Mitschreiber an der Mülanzer Monatsschrift und Kantianischer Erlanger Rezensent der Taschenbücher bekannt – und klagte mich als den Stadtpasquillanten (im Galgenjubel) an, als den Privatinjurianten des privilegierten Nachdruckers loci und zweier fallierten Handelsleute und endlich als den Harpunierer und halben Knöchler der Nachtwächter. Ich fragte nach nichts mehr, nicht einmal nach mir – warum soll der Mensch nur etwas wagen dürfen, und nicht ebensogut viel und alles? – Ich sagte zum Ratmännlein, das mich schon früher einmal rezensiert hatte: »In der hiesigen Dezemberschrift und in der Erlanger Literaturzeitung möget Ihr laut reden und pfeifen als ein treuer HofsekretsschlüsselbewahrerBekanntlich eine Charge am englischen Hofe. D. H. des Geschmacks und der Satire; die Siebmacher verfertigen ohnehin zugleich Trommeln; aber, Feind Scharweber, Ihr werdet der echten Satire mehr aufhelfen als ihr Gegenstand denn als ihr RichterOb dieses Ratmännleinchen und dessen Rezensionen fingiert sind oder nicht, darf ich nicht entscheiden, weil ich die Literaturzeitungen nicht ordentlich genug lese, sondern so wie sie mir auf Casinos im Durchstreifen in die Hände geraten.

D. H.
; richtet höchstens da, wo Ihr nicht wie hier einen Namen unterschreiben, sondern nur einen unterhöhlen müßt. Gott hätt' Euch mehr Gaben bescheren sollen, Scharweber, damit Ihr eher wüßtet, was Ihr wolltet, oder der andere in Satiren; Himmel, würde nicht die Heiligkeit des satirischen Feuers beschmutzt, wenn es nur als der Namenszug einiger Schelme, eines Nachdruckers und Bankbrüchigen, brennen wollte? Nein, die Kunst braucht die einzelnen Menschen nur als Farbenkörner, nicht als Urbilder. Sogar wenn ich die heutige Satire aufschriebe, setzt' ich Euern Namen nur statt eines fingierten hinein.«

Dieser Grimm behagte aber den Narren; sie schritten zum Protokoll und nahmen mich für einen zu nah aufstoßenden Hasen, den der Jäger erst auslaufen lässet, bevor er ihn anplätzt. Scharweber fragte lächelnd meinen Namen und Stand – ich nannte mich nur den Edelmann Giannozzo und beharrte dabei; »aber ich würde mir,« (sagt' ich) »wenn einer von ihnen stifts- und degenfähig wäre, ein wahres Vergnügen daraus machen, solchen zu erstechen.« Der Wecker des Protokolls rollte jetzt unverschämt ab, um meine Antworten ganz unbekümmert; antwortet' ich z. B., ich hätte von Fahlands Ein- oder Auskleidung bloß einen Steckbrief verfassen und diesen dem Intelligenzblatt vertrauen wollen: so fragte der Ratmann weiter: »an wen ich ferner meine gestohlnen Sachen gewöhnlich absetzte.«

Ein Pferd auf dem Markte, das sich trotz Hieb und Stoß aufbäumte, befreiete meine knirschende Seele. Ritterliches Tier, dacht' ich, wenn der niedrige Hund, gepeitschet, heult und wedelt und dient: so trotzest du stumm und blutig und bist nur der Milde folgsam. Ich schwieg wie ein Pferd, sobald ich mein Honoratioren-Privilegium schriftlicher Antworten im Ernste – und nicht mehr im Spaße, o wie verwünsch' ich auch das! – reden lassen.

Aber nun haft' ich hier ohne eine Ritze zur Flucht und mit langen Aussichten auf ein verfluchtes Leben, zumal bei meiner Offenherzigkeit.

In den Schwefelhöhlen und Hundsgrotten ersticket man, wenn man sich bückt; an Gerichts- und andern Höfen, wenn man sich aufrichtet.

Den Tag darauf. Ich kontinuiere das Gestern. Die Aussicht auf heute war bloß, daß ich würde geärgert werden wie ein Truthahn, den man schlachten will. Das Auswanderungsverbot war an alle Wände meines Notstalles angeschlagen. Würgt' ich die Wache nieder, so stand ich an der Haustüre im aufsteigenden Knoten, und der Gerichts-Pöbel ging mit mir herauf. Durchs Fenster auf das Steinpflaster konnt' ich springen – drei Stockwerke hoch. Meinen jetzt fixen Wandelstern, den Siechkobel, sah' ich hundertmal durch die Fugen an; konnt' ich dazu kommen – welches platt unmöglich war, wenn ich nicht die Türe in Brand steckte, was ich fast wollte –, so füllt' ich meinen Kobel halb inner-, halb außerhalb des Fensters und entfuhr.

Jede Not liegt so lange als Inkube felsenschwer auf der Brust, als man kein Glied dagegen regen kann; fängt das Arbeiten dagegen an, so höret der Alb auf. In solchen Nöten fallen einem nichts ein als wieder andere; habe die Beine im Fegefeuer, so kleben die Augen an der Hölle. So griffs mich z. B. unsäglich an, daß ich – indes elende Schreiber wie Älian und Pausanias auf dem Schneeballen und Pfebenkürbis, den sie ihren Kopf nennen, einen immergrünen Kranz herumtragen – künftig so wenig unsterblich werde als der Altonaer Postreuter. – Lauter Zukunft peinigte mich als Gehülfe der Gegenwart: 1874 und 1882 schleicht die Venus wieder durch die Sonne, und es ist ganz unmöglich, daß du den Vorgang observierest, sagt' ich.

Aber da abends um 11 Uhr ein majestätisches Gewitter kam, das ordentlich zu gut und zu erhaben war für die Werkeltagsstadt: so flog der göttliche Gedanke in mir auf, allemal, während der Donner auf seiner Heerpauke fürchterlich wirbelte, an die Kammertüre wie ein Sprengblock mit dem ganzen Leibe anzurennen und sie etwan einzustoßen. Ich rannte vor – ich setzte nach jedem Blitze zu meinem Erdstoß an – die Wache rechnete mich zum Donner und sang ihr Wetterlied – und endlich schlugen zwanzig solche Pralltriller durch. Aber jetzt das schnelle halbe Füllen meiner Schnellkugel – das Befürchten der Wache, mit der ich freilich bei der Wut meiner Arbeit wenig Umstände würde gemacht haben – das hundsüble Fortfüllen, als ich die Kugel zum Fenster hinausgehangen – das Reißen des Sturms – das Anleuchten der Blitze – das Verkündigungsfest des heraufsehenden Nachtwächters – das Hereinstürmen ins Gefängnis – die Hölle des Losschneidens – das Aufzucken – das Nachsteigen kleinerer Trabanten und Kugeln d'Atour aus Büchsenläufen – das betrunkne, an alle Dächer gehende Antaumeln des noch nicht vollen Luftspringers – das hebende Auswerfen der Möbeln – und das Eintauchen ins dicke, triefende, sprühende Gewölke – – – das alles soll bloß denen, die aus dem krachenden, brennenden Toulon rannten, den Höllenweg nach dem Hafen ein wenig wieder auffrischen.

Doch möcht' ich den Spaß fast wieder erleben, denn es war keiner, sondern etwas Rechtes.

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