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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 185
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Vierte Fahrt

Der Wiener Schub – das Schul-Pferd – Herr v. Fahland – die sentimentalischen Spitzbuben – das schlimme Rotonden-Loch

Der Siechkobel stieß noch vor tags vom Lande ab, weil ich erst in Wien gewesen. Ein fataler satirischer Südwind trieb mich aber so, daß ich oben gerade mit dem »Wiener Schub«Jährlich geht von Wien ein solcher Galgenvögelstrich wie andre Vogelstriche zweimal ab., dem Vagabonden-Florilegium, parallel fahren mußte. Österreich frankiert dieses Provinzialkonzilium an Baiern – dieser Kreis akzeptiert die ostindische oder europäische Kompagnie von Selbstpanisten als Transitogut und verführt es nach Schwaben – Schwaben behält die Mission, die wie ein Steppenfeuer den Kreis ordentlich unter sich verteilt und besetzt, so daß nachher die Kolonisten und Emissarien einzeln zusammengesucht und aufgehangen werden. Schwaben kann man, insofern diese Metastase der Krankheitsmaterie des Reichskörpers dahin geschieht, nach der Analogie der Ordenslandkarten, die ein Benediktiner-, ein Jesuitendeutschland etc. haben, als ein Vagabundendeutschland mappieren.

Da der Wind mehr gerade ging als der Schub: so konnt' ich bald divergieren und bei einem Postmeister einkehren, dessen Sohn zu nichts taugt als zu seinem Sukzessor. Er ließ mich sein englisches Pferd im Stall besehen und betasten, das sich auf Hutabziehen, Totanstellen, Küssen, Verbeugen versteht. Ich setzt' ihn zu Rede, warum er nicht dem guten Vieh die Erziehung seines Sohnes anvertraue, damit dieser den Fuchs als seinen Ober-Hof- und Konduitenmeister und Schulfuchs ritte. Der Mann ist selber nicht weit her; sonst könnt' er das Kunst- und Musenpferd, das sich so allmählich tot anstellen kann, auch in die Tragödienproben des Pestitzer Theaters reiten, damit die Akteurs vom Fuchse sterben lernten, um zu leben.

Der ganze Tag verdiente überhaupt gar nicht, daß man ihn durchlebte; und am Abend ärgerte mich noch dazu der Abend. Kurz vor Sonnenuntergang sah ich die Stadt MülanzAuf den Karten heißet sie *****. kaum noch 6 Meilen entfernt; »ich kann im Neste pernoktieren«, sagt' ich, »da ich mit so gutem Rückenwinde darauf lossegle.« In der Nähe des Parks, über welchen weg ich in die Stadt fahren mußte, ging im Mondenschimmer Herr v. Fahland (schon ein fataler Name!) mit einem ganz schwarz eingekleideten weiblichen Herzen. Ich kenne – und segelte ich über der höchsten Wolke – Fahlanden am Gange der Arme gleich; er ist in Mülanz Zensor des ästhetischen Fachs. Gott geb' ihm noch heute eine höllische Nacht! O ihr schwachen Weiber, welche von euch, wenn man die gute alte, immer treu und jungfräulich bleibende AbbevilleSemper fidelis hieß diese Stadt wegen ihrer Untertanentreue, und Jungfer, weil sie nie erobert worden. aus Billigkeit ausnimmt, hält das größte Feuer aus, das man auf sie gibt, nämlich das poetische? Pulsiert nicht hinter eurer falschen Brust aus Wachs – wie jetzt symbolisch Mode wird – ein ähnliches Herz aus Wachs, das sich nur fest und unverändert erhält in der Kälte, das aber vor der männlichen und poetischen Flamme herunterrinnt, die mit der Spitze gen Himmel zeigt, obwohl mit Grundfläche und Nahrung auf der Erde aufsitzend? –

Die sinnlichen, ehrlichen Roués in Frankreich hatten sonst 365 Weiber in einem Jahre, aber doch nacheinander; aber die poetischen Rouants (diese Seelen-Radebrecher) haben ebenso viele auf einmal zu derselben Zeit und heißen das Simultanliebe, über welche J.P. in seinem Hesperus unverantwortlich leicht weggeht. Ich, Giannozzo, vierreuterscher Frosch- und Frankenritter, muß zwar in manchen Punkten so gut auf meine Brust schlagen als in unzähligen auf fremde Rücken, und es wird niemand, dem ich oft in Paris oder Wien begegnet bin, auf meinem Grabstein hypothekarische Versicherungen einhauen lassen, daß ich ein Tugendspiegel gewesen; aber wahrlich ich beging allzeit meine Todsünde und damit schabab; nie hingegen, nie blies ich ein armes dummes Herz mit Äther auf und ließ den Globen an meinem Faden bald hoch, bald niedrig fliegen und tat zuletzt einen derben Schnitt hinein, daß es mir als ein welkes Häutchen vor die Füße niederfiel nach langem Ziehen, Schwellen, Weinen, Irren und Zagen, und seiner und meiner satt. – –

»Aber du, Fahland, Fahland, hast du nicht acht Bräute in vier Städten und heiratest die neunte in der fünften? Und was hast du so spät im Park mit der schwarzen Schleier-Eule vor?« so sagt' ich oben und sah zu (mit dem Kriegsperspektiv), was er machen wolle.

Auch wußt' ichs voraus. Er steckte ein Buch in die Tasche, ganz entschieden einen Roman und wohl gar von dem aus Feucht-WangenSolche Wortspiele oder Spielworte, die der Handwerksgruß von Giannozzos Gewerkschaft sind, hab' ich niemals außerordentlich hoch angesetzt. Auch hab' ich oben eine ganze lange mokante Stelle weggelöscht, wo er bloß gegen die Leserinnen und die Ehrensäulen feuert, die ich ihnen hin und wieder aufgerichtet.

D. H.
gebürtigen Jean Paul; pagina jungit amicos, d. h. eine oder ein paar Seiten aus einem Zähren-Buch kopulieren Seelen und ihre Leiber, oder Kuppelpelze. Asserit A, negat E, verum universaliter ambae; d. h. er bejaht Liebe, sie verneinet sie, aber beide nur so ins Blaue hin, aus dem ich eben herniedersah. Beide gingen wie mein Rückenwind, wie es schien, einer Rotonda zu, in welche nirgends einzuschauen ist als durch ein großes Loch von oben. Fahlands Zeigefinger war eine Hand in margine für das Buch der Natur; sein Herz hatte wie ein Hühnerauge Gefühl für das schöne Wetter, und er fuhr mit den Mautners-Suchnadeln seiner Empfindungen in alle Schönheiten der Natur, in Sterne und Käfer. Fahland, wie seine ganze Diebesbande, hält das Abendrot und ganze Haine bloß als Springwurzeln an das weibliche Herz, damit dieses Vorlegeschloß der Person aufspringe; mit der Erdkugel und einigen Himmelskugeln und der zweiten Welt beeren sie die Schlinge für das dumme Schneußvögelein vor.

Es charmierte mich, daß der Zensor im ästhetischen Fache auf der empfindsamen Reise zur Rotonde verblieb; ich half oben dem schwachen Wind mit Rudern nach als dessen Vorspann. Der Zensor ließ schon die Korsarenflagge, das weiße Schnupftuch, flattern und trocknete seinen Augapfel; die Schwarze steckte die weiße auf und trocknete damit auch. – O guter Himmel, treibe sie in die Rotonde und mich oben gerade über das Loch! – Man nehme solchen Zensoren in ästhetischen Fächern das Unglück und also die Klage darüber: so hat man ihnen ihr Liebesglück genommen; wie an dem Räucherstecken der Speck der Schweine, die in die Buchmast gegangen, so tropfen Tropfen dieser Art unaufhörlich und höhlen sich das Herz aus, worauf sie fallen. Ich habe ein Mandel davon beiderlei Geschlechts aufgerechnet, das jetzt ganz verdrüßlich und erkältet wird durch zärtliche Musik, bloß weil das Mandel die besten erotischen Qualen längst verscherzet hat und sich also aller Verluste verlustig sieht, denen etwan in klagenden Arien nachzuweinen wäre.

Das Schnupftuch – dieses Geifertüchlein bärtiger Kinder – ist die beste Herzensfloßfeder, die ich je an solchen Fischen gesehen; die Mädchen sind wie Kalk, den der Freskomaler so lange bearbeiten und bemalen kann, als er naß ist. O warum bin ich nicht der Teufel oder seine Großmutter, um solche Neptunisten – die zu Vulkanisten zu erbärmlich sind – abzuholen und abzutrocknen in der Hölle? –

Der halbe Mond stand mitten auf der Himmelsmoschee wie ein türkischer. Das Paar sah sich nicht um, sondern nur nach dem Mond, der wie ein Juwelenschmuck über dessen Haaren stand; es nahm also geblendet mich und meinen nur noch 100 Schritte von ihnen gehenden Weltkörper nicht wahr. Es war so wind- und landstill, daß ich Fahlanden hinaufhören konnte, da er sagte: »Die Gewalt des ungeheuern Schicksals, Edle, etwa? – Nein, dagegen bin ich löwenstark, sobald nur mein Herz an deinem klopft.« Dieses Zusammenklopfen möchte schwerlich – ohne verrenkte Gruppierung – tulich sein, es müßte denn eines von beiden Herzen rechts vorgeschoben werden.

Endlich besah er den Mond und fragte ihn – oder den bekannten Mann im Mond, wenn er nicht den Mann unter demselben meinte, nämlich mich –, ob er (der Mond, oder der Mondmann oder ich) vielleicht so still und heilig glänze, weil er mit ihm schwelge und leide und wandle. »Ich will dich aber allein und abgesondert anschauen, du Heiliger, in deinem Tempel; komm du mit, du Heilige!« Mit diesen Worten, womit er sich und das einsame Besehen des Monds durch das Rotonden-Spundloch introduzierte, war er mit der Schwarzen in den Tempel hinein. – Ich fuhr oben nach.

Matrosen, wie sie sein sollten, wofür dieser Almanach geschrieben, braucht die unsägliche Mühe nicht langweilig abgemalt zu werden, die sich ein Luftschiffer geben muß, wenn er den geizigen Wind – die waagrechte Ferne – die steilrechte – das Öffnen beider Lufthähne – und den Bogen, den er halb sinkend, halb wie eine Bombe zwischen beiden Fernen beschreibt – gerade so berechnen will, daß er zuletzt auf einmal (die Hähne sind ganz aufgedreht) in das Rotondenloch hineinschießet. Verdammt! ich schoß freilich so und ankerte; aber nie verfluchter. Ich blieb mit meiner Sänfte im Introitus stecken, der sie zwischen den beiden Türgriffen so in der Mitte fing, daß ich nicht aufmachen und mich durch Auswurf einiges Ballastes wieder aus dem Schweißloch heben konnte; – ich hatte meinen Ballon gleichsam als eine Peterskuppel auf diesen Tempel gebauet.

Vor allen Dingen sucht' ich mehrere Bannstrahlen aus meinem Souffleurloch auf das mäuschenstille Paar hinunterzuschleudern, eh' es davonlief, und drückte mich in der Sänfte so aus: »O mein Herr Zensor im ästhetischen Fach, der Passagier, der hier in der kläglichen Fassung über Ihnen schwebt – ich meine nicht meines Geistes, sondern des Mastkorbes seine –, kennt Sie sehr gut und hat in der Luft alles gehört und behorcht. Sie Heuchler! – Springt man so um mit Gänslein, wie ganz gewiß das schwarze da unter mir in der Rotonde ist? – Braucht man das Herz zum Diebsdaumen – den Pegasus zum Schießpferd gegen diese einfältigen Trappen – und die schöne Nacht zum Nachtgarn und den Sternenhimmel zum Lerchenspiegel? Herr Federschütz! Stellet ihr Spitzbuben nicht den Mond als Tellerfalle der Nymphen auf und den Regenbogen als Sprenkel? – Ich vermische die Anspielungen, aber ich frage jetzt den Teufel nach Stil, Herr Zensor, aber nicht morum! – Und die Tränen-Stückgießerei! und das eigne Herz, das ihr so zerschnitten vormalt, wie es sonst die Hosen der Vorfahren waren. – – Magdalene sündigte doch, um zu weinen, aber ihr weinet, um zu sündigen, eine teuflische Antithese, aber im Handeln! – Wollte Gott, ich könnte mich nur aus der verdammten Schießscharte, in die ich bloß hineinfeuern muß, hinabmachen. – Sie sollten mich kennen lernen. – – Warum defendiert sich niemand drunten? – Wo stehst du denn, stiller Spitzbube?« –

Aber da ich zufällig einen Blick über den Park warf, stieg das begossene Paar schon weit von mir und meiner Hängekanzel über einen mondhellen Hügel hinüber. Ich schlug daher – weil ich nicht die ganze Nacht in dem Predigt-Eingang hängen wollte – ein Sänftenfenster ein und kroch aufs Dach heraus und war im Zorn gleichsam ein aufs Haus gesetzter roter Hahn. Erst nach langem Toben konnt' ich mir den Park-Inspektor erschreien, der mich gern, da er mich so sitzen sah, auslachte und herunterholte. –

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