Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 181
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
Schließen

Navigation:

Art. 9

Goethe behauptet mit Recht, daß ein Buch wenig einen Menschen ändere; aber – setz' ich dazu – wohl die Bücher, zumal die Menschen. Denn wer entbindet am Ende die flüchtigen Geister-Welten der Zeiten als meistens die Bücherwelt (und umgekehrt), obgleich die Wirkung der Teile auf Teile, zumal bei dem Antagonismus aller untereinander, unsichtbar bleiben muß. – Ebenso scheint das Simultan- (nicht bloß das Sukzessiv-) Publikum im ganzen einen genialischen Sinn zu haben, den man in der Mehrheit der Einzelnen nicht merklich nachzuweisen vermochte.

Denn erstlich wie aufgehendes Sonnenlicht trifft das aufsteigende Genie die Welt: die sämtlichen Kritiker niesen, die Nachahmer zeugenBekanntlich wirkt plötzliches Licht auf die Nasennerven und auf die genitalia., und alles fühlt sich neugeboren. Zweitens arbeitet es mit der stillen Allmacht des Klima fort und wäscht Mohren weiß. Die Wintersaat, welche der Verfasser der Kritischen Wälder in seinen Jugendwerken auswarf, steht jetzt, obgleich damals mehrere rohe kritische Herden darübergetrieben wurden, in voller Reife da; nur gibt sich jetzt oft der Schnitter für den Säemann aus. Überhaupt band dieser Genius – der lange vor Goethe schrieb – zuerst die Schwingen der Prosa los und ließ den Falken des Genies ohne Faden und Haube steigen. Die Redaktion glaubt daher schwerlich, daß je ein Genius auf ewig in seiner Epimenides-Höhle einschlief. Eine dürftige kalte Zeit sagte einmal zum großen Hamann: à bas! Aber jetzt dreht er seine Welt, die nach dem dunkeln Sternenhimmel gekehrt war, allmählich vor die Sonne herauf. Das elegante Werk wird leicht alt und wird als das Kind der gebildeten Zeit bald das Opfer der fortgebildeten; hingegen über ein genialisches hinaus kann sich die Menschheit nie bilden, weil jenes diese selber schon ganz in sich trägt.

Ich habe durch diese Bemerkungen auf die für Fraisherren wichtige Wahrheit leiten wollen, daß jede Rezension unter irgendeiner genialischen Regierung geschrieben ist. Wie ein Gesandter zu einem öffentlichen Einzug, bringt ein Genius bloß seine Livreen mit, und erst an Ort und Stelle steckt er die erforderlichen Leute hinein, die er dazu gemietet. Hätten z. B. die jungen Fichtianer zur Zeit gelebt, da Wolff aus Halle – auszog: so hätten seine mitgebrachten Livreen immer an ihnen Menschen gefunden, die hineingegangen wären. Aus einem Elefantenzahne wird leicht eine ganze Zahnküste von Kunstzähnen für eine ganze Generation gearbeitet.

Unter jedem regierenden Genie – in der Philosophie und in der Dichtkunst – tritt gleichsam ein Erlaß- und Hall-Jahr ein, wo nicht gesäet werden durfte und die freie Ernte den Sklaven, Armen und Tieren gehörte. Ein guter kritischer Senat hält nun Wache, damit kein neuer Alter vom Musenberg, kein Gegenpapst auf den alten besetzten Thronsitz hinauflaufe. Daher gleicht das anfangende Genie den deutschen Kaisern, die sonst unter den drei Kronen, die sie aufbekamen, auch eine eiserne aus Reliquien-Nägeln erhielten, oder den Päpsten im zwölften Jahrhundert, die auf drei verschiedenen Sitzen gekrönt wurden, wovon das Stercorarium der erste war.Essai sur les moeurs etc. de Voltaire, ch. XLVIII. Man schaue nur in die alten Polter-Winkel der allgemeinen deutschen Bibliotheken und aller guten Rezensionen – Lessingische ausgenommen –: so wird man die Stercoraria und Eisenkränze liegen finden, womit der kritische Senat Wieland, Herder, Goethe, Klopstock unter den Krönungsfeierlichkeiten, so gut er konnte, bedienen wollen. Jetzt sind die Männer freilich viel besser gesetzt und bedeckt.

Indes getrau' ich mir, jenen Hang der Kritiker, die ersten Kinder des Genius zu kreuzigen, wie sonst nach der Sage die Juden jährlich die Christenkinder, vollständig zu rechtfertigen. Die niedere Frais erlaube mir anzuwenden, was ich in ein Stammbuch einschrieb: die Menschen ziehen wie die Raupen einen Faden über den zurückgelegten Weg im Labyrinth, haben aber keinen für den künftigen und sind daher nur über die Vergangenheit weise; ebenso hat das Genie den kritischen Ariadnens-Faden nur hinter, nicht vor sich. Keines kündigt sich oder ein fremdes an; es geht plötzlich auf, ohne die Mitteltinte einer Dämmerung. Der Geschmack aber ist nie früher da als sein Gegenstand, sondern er reift erst durch ihn für ihn. Das Gegenteil kommt uns so vor, weil ihn oft ähnliche Werke schon entwickelt hatten für ähnliche, z. B. Homer für andere Griechen. Aber wo die Unähnlichkeit mit der ganzen ästhetischen Ewigkeit a parte ante selber zum Lebensgeiste des Werkes gehört, z. B. bei einem humoristischen, da macht dieses erst spät den Geschmack aus seinem Feind zu seinem Freund. Keinem Menschen kann Aristophanes gefallen – zum erstenmal. Daher sind Nachahmer als herrliche mattgeschliffne Genie-Spiegel mit vergoldetem Laubwerk kaum zu schätzen; der fünfte Spiegel gibt dem Kritiker das bleiche Sonnenbild aus dem vierten, dieser das stärkere aus dem dritten und so fort, bis der ehrliche Feimer am Ende selber ganz keck nach der Sonne aufschauet. Daher ist es eine schöne Einrichtung, daß die Nachahmer gleich in der zweiten Messe ihre Spiegel aufstellen und daß sie, wenn sie ihren Dienst bei einem Autor getan, mit der Spiegelwand weiterreisen und einen neuen schwächen und reflektieren. Ist aber ein Autor allgemein geschätzt, wie z. B. Sophokles: so wär' es lächerlich, ihn nachzuahmen.

Das sei zugleich der Schutzbrief für jeden Fraisherrn, der ein Genie von Jahren und – Lesern bekränzt.


Art. 10

Kritiker, die als ästhetische Neptunisten die poetische Welt durch Wasser bilden lassen, werden ewig den Vulkanisten, welche Feuer dazu nehmen, vortreten in Deutlichkeit und Rechtskraft; denn kein Feuer, auch kein genialisches, ist zu wägen, aber wohl Wasser. Von jeher glänzten die Kritiker am gewaltigsten an dem Küchen- und Kurrentautor – an die poetischen Blumen desselben heften sie die rechten Nummernhölzer – sie messen die gerade gespannten Schönheitslinien, rügen strenge, winken hier, wünschen dort und sagen, das Genie müsse feilen – das Genie erscheint in der zweiten Auflage abgeteilt und bedeckt mit Feilstaub wie ein Magnet und dankt in der Vorrede dazu für die Armfeile der Rezension – die Kritiker erwähnen wieder in der zweiten der edlen Strenge des Autors gegen sich selber ganz rühmlich – und so gehen in der hohen Trivialschule die besten Promotionen aller Art vor sich samt dem nötigen Relegieren. – Wahrlich das hebt den Neptunisten, und er ist – ganz gegen die Natur der Sache – selber so lange unsterblich als der kreierte Unsterbliche, z. B. der sonst von den Leipziger Neptunisten gehobene Nikolay und Alxinger.


Art. 11

Die Redaktion sieht es nicht ungern, wenn ihre kritische Gerichtsdienerschaft einige unschuldige deutsche Hülfen aus den vorigen Instituten beibehält; sie nennt einige. Es ist eine, Dinge zu sagen, die ganz klar am Tage liegen (z. B. wir können dem Verfasser die Fortsetzung nicht wehren, seine Meinung nicht nehmen – oder: das Bändchen oder der Anhang ist fast so stark als der Band und eine von den lächerlichen Sonderbarkeiten des Verf.). Denn die Menschen erquickt es mit einem leisen Gefühl ihrer Macht, wenn sie etwas lesen, was sie recht sehr bejahen oder verneinen können. – Für eine ähnliche, ebenso unschuldige Hülfe halt' ichs, mit Orthographie und Grammatik gegen den Autor auszurücken, weil jede Überlegenheit darin eine unbezweifelte ist. Mich dünkt, nichts bringt den ältern Kritikern – welche nach SalmasiusMorhof. Polyh. c.7. de manuscriptis. die alten, ohne Absätze geschriebnen Exemplare mit Akzenten und Unterscheidungszeichen ausstatteten – die neuern näher als die orthographische Setzer-Aussteuer, die sie an den Handhaben der Parenthese in die exzerpierten Titel und Stellen der Bücher tragen. Die Menschen entsetzen sich alle vor orthographischen und grammatikalischen Vorwürfen, weil diese unmittelbar den alten erniedrigenden Zwischenraum zwischen Schulbank und Katheder erneuern.

Lieb würd' es der Redaktion sein, wenn ihre Gehülfen sich, wie in den bessern Instituten geschieht, vorzüglich mit elenden und unbekannten Autoren befingen, wie die ältere Jurisprudenz die Häßlichen und Jüngsten zuerst torquierte. Die drei Gründe dafür sind allen Redaktoren schon bekannt. 1) Ein Richter macht, wenn er in seinem Urtel zugleich die Entscheidungsgründe vor sich trägt, zugleich sich und den Leser wichtig; allein nur über ganz elende Werke, die man nicht lieset, sind die Meinungen so sehr vereint; über mittelmäßige sind sie schwankend, über die besten entgegengesetzt. 2) Es lässet der bescheidene Richter gern das Publikum über das Meisterstück ausvotieren, bevor er sich fähig glaubt, ihm beizufallen; ganz so wie die untersten Ratsherren in Rom (pedanei oder pedarii) sich nur auf die Seite stellen durften, wohin die meisten Stimmen gefallen waren. Er lässet wie bei einem Einzuge in Rom nach allen Sklaven zuletzt den Imperator fahren. 3) Endlich hab' ich bemerkt, daß in allen Instituten der Rezensent desto elender war, je elender sein Autor, so wie man jedes Gold nur an Streichnadeln von demselben Lot probiert; und die literarischen Gerichtshöfe sind vielleicht noch die einzigen – das Kriegsgericht und die Jury ausgenommen –, wo sich noch in schwachen Überresten die herrliche altdeutsche Sitte erhält, daß jeder, auch der unbedeutendste Autor per pares, von seinesgleichen gerichtet wird. Ich brauche einer so verehrten Gerichtsdienerschaft mehrerer Institute wohl nicht zu sagen, daß ich den letzten Grund für den Vortritt elender Werke nicht gelten machen kann ohne die größte Unhöflichkeit.

Endlich wünscht die Redaktion, daß das Offizialat jährlich einigemal einem und dem andern trefflichen Autor Shakespearische Kenntnis aller Herzens-Falten und viel feine Weltkunde in sehr hohem Grade beimesse; – bloß weil man diese Vorzüge nicht finden kann, ohne sie selber mitzubringen. Es kommt dem ganzen Institut zugute.


Art. 12

Der Redakteur macht die verehrungswürdige Assekuranz-Kompagnie der Kurrentschreiberei und des französischen Geschmacks hier sogleich darauf gefaßt, daß er – um mit der vielseitigen Unparteilichkeit und den Zwickel-Urteln der jetzt herrschenden Institute gleichen Schritt zu halten – unter der Hand einige Bergknappen von der Musenberg-Partei in Sold nehmen werde, die in demselben Journal die gallischen Sublimiergefäße wieder zerschlagen, welche die Kompagnie zusammenleimet. Nachteil ist schwerlich zu befahren. Glücklicherweise gibt es in jeder Landstadt einige cidevant-Studenten und auf jeder Akademie noch die Studenten selber, welche zur niederländischen Schule der Menschheit gehören und die jetzt, da einige aus der italienischen sich zu oft gegen die gemeinen Naturen ereifern, ebenso heftig diese – aber weit uneigennütziger und mit schöner Hintansetzung ihres Ichs – berennen und an den Pranger stellen.

Es sind gute Affen, die um das Feuer des Genius, sich wärmend, sitzen, ohne Brennholz nachzulegen; es sind verkleinerte Kopien oder vielmehr willkürliche Zeichen des Genies selber, wie denn die Ägypter (nach Paw) auf eine ähnliche Weise die Minerva repräsentierten, nämlich durch einen Käfer. Diese ästhetischen Franziskaner, welche an die unbefleckte Empfängnis jedes goethischen oder andern Kindes glauben, haben die Gabe der Israeliten, daß ihnen das Manna gerade so schmeckt, wie sie es verlangen; sie können also jedem Redakteur, dem es absichtlich um eine übertriebene Lob- oder Schandrede zu tun, mit Überzeugung dienen. Ihr ganzes Tun ist die geistreichste Nachahmung von jenem Spiel der florentinischen ApathistenIn dieser Akademie steht ein Knabe, die Sibille genannt, auf der Kanzel, man fragt ihn etwas, und er muß ein zufälliges Wort aussprechen. Irgendeiner tut dann witzig dar, das sei die rechte Auflösung der Frage. Goldonis Leben von ihm selber. 1. B.; die große Sibille oder der Sibillone hab' auf Geratewohl ein Wort gesprochen oder geschrieben: sofort haben diese Franziskaner ihre Stühle, um die Welt zu fragen: wer ist gerechter in alle Sättel und gibt Antworten für die ganze Ewigkeit als eben die große Sibille? – Dabei wäschet der Franziskaner mit stinkender Seife den Rest der Welt, denn er kennt nichts Gottloseres als die wohlriechende der Artigkeit. –

Ja der Redakteur ist imstande, falls er keinen rechten findet, ihn selber (aus Satire, die sonst seine Sache eben nicht ist) zu spielen, da er seit Jahren für ein Idiotikon und Glossarium des Mönchslateins von den Wörtern »Tendenz, freie Reflexion, Religion, wunderbar, seltsam, phantastisch, göttlich« – etc. so viel zusammengetragen hat, daß er glauben darf, die jänische SpracheSo nennt man in Schwaben die aus fast allen Sprachen zusammengeschleppte Spitzbubensprache. S. Heß' fortgesetzte (durchaus vortreffliche) Durchflüge. 1. Bd. so gut wie mancher schlechter Gauner zu verstehen.


Art. 13

Noch ein Kodizill, das Intelligenzblatt der niedern Frais betreffend. Die Verleger waren bekanntlich bisher genötigt, im Intelligenzblatt der Literaturzeitung bekannt zu machen, daß ihr Artikel in der deutschen Bibliothek, in der gothaischen, Erlanger Zeitung ganz gut aufgenommen worden, oder umgekehrt; allein wer gerade das Intelligenzblatt nicht hielt, erfuhr vom Lobe nichts. Unser Intelligenzblatt wird bloß dazu aufgemacht, damit es alle Buchhändler mit den buchhändlerischen Anzeigen aller der gelehrten Anzeigen, worin eine Novität mit Applaus aufgenommen worden, überkleben können; welches das einfachste Mittel ist, die rühmliche Bekanntmachung eines Werkes selber wieder bekannt zu machen.

Und das sind die Präliminarartikel, worüber ich die Gedanken der Montags-, Dienstags-, Mittwochs-, Donnerstags-, Freitags-, Sonnabendsklubisten aller gelehrten Zeitungen erwarte, es sei nun, daß sie den Allerheiligen- und Sonntagsklub der Genies berennen wollen oder nur den Kanikularklub der Franziskaner. –

*

Soweit mein Zirkulare! – Allein es warb mir nicht nur keinen einzigen Arbeitsgesellen an, sondern ich hatte noch den Verdruß zu erfahren, daß die sämtlichen Institute sich meiner so mühsam ausgearbeiteten Vorschläge zu größerer Ausbreitung der Kurrentschreiberei unter der Hand selber bemächtigten und bedienten und so mir die wenigen Redaktors-Groschen wegfischten, die ich von meinem Projekte mit dem größten Rechte hätte ziehen mögen. Ob aber dieser Fischzug billig sei, das soll die Nachwelt aussprechen, die gewißlich ohne Ansehen der Person und zu einer Zeit strenge richten wird, wo von uns allen kein Diebs- und kein Schreibfingerknochen und kein Andenken und Name mehr übrig sein wird.

 << Kapitel 180  Kapitel 182 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.