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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 180
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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I.
Einladungs-Zirkulare an ein neues kritisches Unter-Fraisgericht über Philosophen und Dichter

Ich sehe keinen Grund, warum ich diese kritische Gerichtsordnung länger vor der Presse in den Sekretär verstecke, da sie bereits ein Jahr lang unter den besten ästhetischen Mitarbeitern der belletristischen Zeitung, der gothaischen, der Leipziger und der Berliner Bibliothek und der Erlanger Literaturzeitung von Hand in Hand gelaufen, um mit den Namen derer, die künftig in meiner »niedern Frais« (so hör' ich gern mein neues kritisches Institut genannt) amtieren wollen, wieder zu mir umzukehren. Mit meiner Frais gedacht' ich besonders auf die neue Musenberg-Berg-Partei einzudringen und manche ihrer Werke zu schleifen. Übrigens wollt' ich nichts dabei sein als die Redaktion und maßte mir – um so unparteilich wie andere Redaktores zu bleiben – daran gar keinen andern Anteil an als den am Geldgewinn. Hier folgt das Zirkulare.


Art. 1

Je älter der bessere Mensch wird oder je stiller und frömmer, desto mehr hält er das Angeborne für heilig, nämlich den Sinn und die Kraft; indes sich für die Menge das Erworbene, die Fertigkeit und die Wissenschaft, überall prahlend verdrängt, weil dieses allgemein und auch von denen begriffen wird, die es nicht haben, jenes aber nicht. In der Dämmerung und im Mondschein treten die Sonnensterne verhüllt in den Äther zurück, aber die nahen erdigen Wandelsterne halten immerfort ihr entlehntes Lichtchen feil. Die frühern Völker, wo der Mensch mehr war und weniger wurde, hatten einen kindlichern bescheidnern Sinn für alle Gaben des Unendlichen, z. B. für Stärke, Schönheit, Glück; und sogar alles Unwillkürliche war ihnen heilig und Weissagung und Eingebung; daher ihre Traumdeuterei der Reden der Kinder, der Wahnsinnigen, der Trunknen und der Träumer.


Art. 2

Die Erde wird bloß von Menschen verändert, die nicht von ihr verändert werden; die Menschheit empfing alle ihre akademischen Grade nur aus der Hand einzelner exzentrischer Geister-Regenten. Die Menge konnte die Menge nicht bilden, so wie die Hunde keinen abrichten, die Millionen Richtungen einer Million von Quecksilbertropfen laufen nicht in die Kraft einer einzigen zusammenTrotz des geselligen Lebens liegen ganze Völker, Sineser, Araber, die Wilden, wie Tiergeschlechter Jahrtausende unverändert auf einer Stufe fest.; aber ein einziger mächtiger Geist steht als der Abhang und das Ufer sämtlicher Tropfen auf. Die Menschheit wird wie das älteste Ägypten von Göttern regiert. Luthers heiliger Protestantismus – Leibnizens und Fichtens Idealismus – Kants Kritizismus – Rousseaus Naturalismus u. s. w. sind gleichsam Geburten einer Königin, welche von tausend geschlechtslosen Arbeitsmenschen genährt und großgezogen werden, bis eine neue Königin sie mit der alten entzweiet. Die sogenannte populäre nützliche Autorenklasse hätte ohne jene Geniusse, nach denen man die Zeit wie nach Konsuln rechnen sollte, nichts vorzutragen. Indes setzen diese Nützlichen die Morgengabe des Genius, die sie am Ende für ihr Eingebrachtes halten, wieder als Wehre entgegen der nächsten Gabe.


Art. 3

Der Genius wird nur vom Genius gefasset; die edle Natur nur von ihresgleichen; indes sie zugleich die unedle noch deutlicher erkennt als diese selber. Nur der Sehende begreift den Blinden, aber nicht dieser jenen. Doch sind genialische Kraft und genialischer Sinn sehr oft in ungleicher Stärke beisammen, ja dieser kann ohne jene sein.


Art. 4

Bloß die Philosophie und die Poesie sind die beiden Brennpunkte der genialischen Ellipse; das übrigeZ. B. dieGeschichte kann als solche kein Kunstwerk sein, ausgenommen die ganze, die eines vom Unendlichen selber ist. Ihre Glieder, zu Kunstwerken organisiert, teilen mit der Baukunst die unreine Verbindung des Bedürfnisses mit der Freiheit, und vom historischen Roman ist die romantische Historie nur im Grade verschieden. ist der Kreis der Gelehrsamkeit; über jene beide richtet der ähnliche Sinn, über diese die ähnliche Kenntnis. Sogar die mündlichen Richter des Gesprächs erkennen diese breite Grenzscheidung an. Der große Sprach-, der Geschichts-, der Naturforscher etc. gebieten in der Gesellschaft durch ihre Autorität – wiewohl nicht der ähnlichen fremden –; aber der tiefsinnigste Philosoph kann sein Glauben der höhern innern Welt und der größte Dichter sein Schauen derselben nicht dem Widerspruche der plattesten Lippe entziehen; weil hier nicht Übung, sondern angeborner Sinn die Richterwaage bringt und hält, diesen aber jeder zu haben glaubt. Daher gibt es für einen Kammerdiener zwar keinen Helden, aber doch einen großen Linguisten, Historiker, Geographen; ja gegen das Genie kann der kleinste Kopf zuweilen ein kleines Recht haben, aber nicht gegen den großen Gelehrten.


Art. 5

Ich rücke nun den kritischen Instituten näher, verehrte Mitarbeiter daran! Wenn ihre Sentenzen Definitivsentenzen sein und wenn sie überall etwas über Bücherwert lehren und entscheiden wollen: so dürfen sie keine andere Werke in ihren Gerichtssprengel ziehen als solche, wobei sich das – tun lässet, und das sind nur die gelehrten, wovon die Rezension zugleich die Selbstrezension des Richters ist. Die göttingischen gelehrten Anzeigen sind gute Höllen- und Himmelsrichter des Mathematikers, Reisebeschreibers etc.; aber welches erbärmliche Splittergericht halten sie nicht über Dichter und (wenigstens sonst) über Philosophen, die ja schon ihr Titelblatt von ihnen eximiert! Das Konzilium der Gelehrten ist infallibel im Ausspruche über ein gelehrtes Werk; aber über ein genialisches hat ein Papst öfter gegen das Konzilium recht, z. B. über Shakespeare gegen ein ganzes gelehrtes Frankreich in Deutschland.

Die genialische Sonne in ihrem Zwillingszeichen wird nur vom genialischen Auge erblickt – obwohl dunkel auf der Polypenhaut des Volks empfunden –; welcher Redakteur hat denn aber eine Werbetrommel und Regimentsfahne für genialische Richter genialischer Parteien in seinem Industriekomtoir? Sie, verehrte Mitarbeiter, werden mir nie entgegensetzen, daß jedes kritische Mitglied sich im stillen für einen solchen kompetenten Richter halte und daß – was sehr komisch – Schillers Wort: »Aus Gemeinem ist der Mensch gemacht« nicht ohne edles Selbstgefühl vom ganzen Parterre beklatschet werde, da doch das Gemeine seinem Namen nach eben gemein sei. Denn zugestanden, jeder sei ein Genius, so ist doch kein Genius die letzte Instanz für irgendeinen andern. Man denke nur an Voltairens Urteil über Shakespeare – Michael Angelos über Raffael – Kants über Fichte – Schillers über Thümmel und Heinse; wenn das Gewitter der Kraft über die kritische Magnetnadel wegzieht, so büßet diese ihr Vermögen ein zu zeigen.

Aber wer richtet denn am Ende für die Ewigkeit? Mit andern Worten: was erhebt dieselbe schwankende Jetzt-Welt zu einer rechtskräftigen Nachwelt, so daß sie in einem Jahrhundert Interimsbescheide über die Gegenwart und Definitivsentenzen über die Vergangenheit ausspricht? – Bloß die genialische Stimmen-Majorität, die jeder gemeinen gebeut und welche der Natur der Sache nach nur aus großen Zeiträumen einzusammeln ist.


Art. 6

Das gelehrte Fraisinstitut, dessen Redakteur Verfasser dieses zu werden wünscht, wird nun nicht wissen, was ich mit ihm haben will, und mich fragen, was ihm abzuurteln übrig bleibe im poetischen und philosophischen Fach, wenn ihm Philosophie und Poesie entzogen werde. Ich versetze: eben die gelehrten Fächer zu beiden, nämlich die Kurrent- oder entleibte Poesie und entseelte Philosophie – und hier soll unser Institut mehr auf- und einzuräumen haben als jedes andere.

Ich kürze mich ab über die Kurrentphilosophie, weil ich gottlob Männer vor mir habe, die solche verehren und der allgemeinen deutschen Bibliothek, diesem Krebsbüchlein der Genialität, ihre den genialischen Zentripetalkräften schön entgegenwirkende Zentrifugalkräfte widmen. Die Kurrentphilosophie hat das Gute, daß sie die Aufklärungs- – die Volks- – die heterodoxe – die berlinische – die nützliche – die allgemeine deutsche bibliothekarische Philosophie ist; und das Wesen dieser Philosophie besteht darin, Philosophie nötig zu machen, indes die genialische (die Fichtische und noch mehr die Jakobische) gleich der Regierung und Erziehung sich überflüssig zu machen strebt. Sie hält sich für unparteilich und vom Sektengeist frei, weil sie den Wolffianischen nicht aufgibt, wie alte Leute alle Kleidermoden zu fliehen glauben, wenn sie die ihrige verewigen. Sie erklärt und rezensiert das Buch der Natur, indem sie dessen Format, Bogenzahl, Druckort und Verleger angibt. Auf dieselbe Art sind nun wieder diese Rezensenten des Universums leicht zu rezensieren; da sie mehr Quantitäten als (wie etwan Plato, Hemsterhuis) Qualitäten sind: so fallen sie in die Waage des Gelehrten und sind leicht zu taxieren. Doch über diese Philosophie behält sich der Redakteur eine kurze Auseinandersetzung in einigen Bänden vor.


Art. 7

Ebenso gibts eine Kurrentpoesie, welche für Journalistica, Akademien und alle mystische Körper gehört, in denen meistens Kurrentseelen wohnen. Sie ist eine transzendente Beredsamkeit oder eine Prosa der zweiten Potenz; wer die Franzosen, oder einen Gellert, Alxinger, Nikolay oder andere Adelungische Dichter zu schätzen weiß und sich an – nicht von – ihnen erholt, wer als Geschäftsmann solche gelegenheitsdichterische Haberröhre gleichsam wie edlere Pfeifen ausraucht: der wird hier am meisten in mich eingehen und es gutheißen, daß ich diese Poesie durch meine Unter-Frais besonders distinguiert und weiter poussiert zu haben wünsche. Die sogenannte genialische ist so geschmacklos, öde und finster für tausend Geschäftsmänner wie Plato; aber ein Mensch verlangt doch immer seinen Vers, jeder seinen Laureaten, jedes Neujahr seinen Musenalmanach, jede platte Gegend einen entlegenen Musenberg. Warum soll sich der Kanzlist, der gegen die Lebenssäure den weißen gelöschten Kalk der Kurrentpoesie verschlucken will, bloß das daraufgestrichne Freskogemälde der höhern reichen lassen? – Emporgehoben wird er doch, auch durch den niedrigsten Poeten, weil dieser, er pfeife immerhin auf dem tiefsten Ästchen, stets höher nistet als der Leser, der unten auf den Wurzeln sitzt und hinaufhorcht. Das poetische Gewölke, das der Almanachs-Poet auf seinem Almanachs-Parnaß und Brocken brauet, sei noch so naßkalt und formlos, immer schauet doch ein Prosaisten-Stab am Fuße desselben hinauf, der bei Untergang der Sonne die Wolke rot gefärbt und voll Sonnenmaterie findet; – wobei ich meine Metapher noch nicht einmal verlassen und drei oder vier zusammengefaltete Käferflügel gar noch nicht angeschrieben habe, welche aus den Flügeldecken zu ziehen sind, wenn man aus dem goldnen Almanachs-Kerbtier die Musikblätter hervorholt und so nun Flug und Gesang nebeneinander über alles exzellieren lässet.


Art. 8

Die Redaktion glaubt, daß solche judices a quibus, an welche sie die Ehre hat das Zirkulare zu richten, vielleicht durch die Beschützung der Kurrent-Poesie imstande sind, den gebildeten festen Geschmack ganz an die Stelle des genialischen Sinnes zu heben. Hier ists leicht, deutlich zu sein. Der Sinn (den ich weibliche oder passive Genialität nennen möchte) wohnt wie der körperliche Gefühlssinn am ganzen Menschen und entscheidet die Anschauung nicht eines Buchs bloß, sondern des Universums, er sucht nur den poetischen Geist und findet ihn auch im poetischen Krüppelleibe; er achtet, ungleich dem Geschmack, alle Nationen und alle Variationen des Genius, zugleich Plato, Aristophanes, Dante, Lessing, Goethe, Hamann, Shakespeare; er verleiht die höhere Liebe, Religion und den heiligen Hintergrund der Ahnung neben dem rohen Vorgrund der Wirklichkeit; er ist daher wie das Genie nur angeboren. Der Geschmack hingegen wird gelernt und entwickelt durch die Lektüre aller Klassiker, und zwar an Dingen, die auch zu lernen sind: die Metrik, der Vers- und Periodenbau, die Länge und Breite und Nachbarschaft der Bilder, die Syntaxis (sowohl die verzierte als die andere), kurz der ganze poetische Leib, den sogar der geist- und leibliche Hämling BoileauDaß dieser erbärmliche Baumschänder jedes echten poetischen Lorbeers in Frankreich (z. B. des Rabelais, Montaigne, Quinault) einmal für einen Dichter gelten konnte – oder nur für ein Seitenstück Popens, unter dem er noch tiefer steht als Pope unter dem Dichter –, beweiset, daß das fabrikgoldne Jahrhundert von Louis XIV. völlig das Adelungische mattgoldne der deutschen Literatur erreichte. Indes hatt' er Geschmack, aber nicht Sinn für die Alten; so wie Voltaire keinen Sinn für Pascal, den er auf eine Weise rezensierte, die ewig das Muster aller Rezensionen genialischer Werke ist und bleibt. messen und wiegen kann, das ist eigentlich das anatomische Theater für den gebildeten Geschmack, der seinen abteilenden Hasenbrecher nie richtiger ansetzen kann als in die hölzernen Gelenke der Kurrent-Poesie. Der Fraisherr mit gebildetem Geschmack ist gebietend und beschämend, weil er jeden zum Gefühl des Mangels daran wie des Mangels an Erziehung zwingt, da sich die Defekte des Grades leicht durch Vergleichung erweisen lassen; hingegen wie wenig der Mangel an genialischem Sinn (ein Defekt der Art), so wie der an einem sechsten, achten, empfunden werde, brauch' ich wohl nicht zu sagen, wenn ich mit Männern rede, welche an den deutschen Kritiken mit solchem Glücke arbeiten und deren Beiträge auch meiner niedern Frais so unentbehrlich bleiben. Es ist für jeden guten deutschen Richter eine erfreuliche Erscheinung, zu finden, wie wenig eine gänzliche Beraubung alles genialischen Sinnes sogar einen merklichen Grad von Witz und Geschmack und Mut ausschließe, wenn er Merkels Geschäftsbriefe über die schöne Literatur vorbekommt. Ich werde mit niemand streiten, der sie für eigenhändige Wund- und Krankenzettel einer seelenlosen Seele ausgeben will; mir und vielen andern ist der Mann ein munterer Sackgassen-Kehrer in der Stadt Gottes, der manchen Unrat wegfegt und sammlet, so daß er allein in der Gasse übrig bleibt. Ich stoße mich nicht daran, daß er mit seinen Wappenbriefen zuweilen außer seinen Kurrentschreibern sogar wahre Genies beschenkt und der Zwerg der Ritterburg ist, der mit dem Horne und der Nachricht auf die Zinne heraussteigt, daß darin ein Riese hause; ich mache dieses mehr zu einem Fehler seiner Zeit als seines Geschmacks; wär' er früher geboren, so wär' ihm der Vorzug der Gottschedischen Regelmäßigkeit vor der Klopstockischen Regellosigkeit am wenigsten entwischt.Es ist schade bei seiner nützlichen Parteilichkeit gegen die feindliche, daß er oft nicht genug im Kopfe hat. So gesteht er z. B. im 10. Briefe gar, er wisse nicht, wo die Nacht – die geographische, hoff' ich; denn die geistige kann 70 Jahre lang anhalten – nur ein paar Stunden währe, und fragt mich öffentlich anstatt privatim; indes ers doch im Gymnasium noch wußte, daß Nächte von dieser Länge schon auf dem Titlisberge und von allen Längen bis zu der eines akademischen Semesters gegen die Pole zu haben sind. – Seine Unwissenheit höherer Art, z. B. über fünf Männer, die er mehrmals ertritt, ist besser und erhält ihn vielmehr tapfer und stolz. Sehr wahr ist die Vergleichung Schillers und Goethes (sie verrät den Kritikus), die er auf die verschiedenen Lettern bauet, womit die Gedichte beider gesetzt sind; so wie hingegen, wenn er den Siegfried, den Geisterseher, die Amathonte und den Hesperus wie deren Verfasser in eine Rangliste einträgt, der witzige Kopf vorsticht, der leicht die unähnlichsten Ideen paaret. –

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