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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 179
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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Zweites Bändchen

Vorrede

Fast der ganze komische Anhang wird von der Geschichte eines Reisenden nicht zu Wasser, sondern zu Luft gefüllt. Da der wilde Mensch sie selber geschrieben und uns die Nutations- und Aberrationstafeln seines Erd- und seines Himmelskörpers auf seinem Luftschiff keck und offen hingelegt hat: so ersuch' ich weniger den Leser von Verstand als den andern, daß er zuweilen einen Unterschied mache zwischen den Meinungen des Luftfahrers Giannozzo und meinen eignen. Der ungestüme, durchreißende Giannozzo, satt eines prosaischen Jahrhunderts ohne Theokratie und eines Lebens ins Deutsche übersetzt – so recht erbittert von der allgemeinen freundlichen Auswechslung gegenseitiger Lüge und Tücke – recht feind dem schwankenden Halblob aller Parteien und dem schlaffen Bündnisknüpfen, das nur ein verdecktes Nestelknüpfen ist – sich ekelnd vor jeder Mattigkeit – anbetend jede derbe Kraft und die Hände ausstreckend nach dem Äther der Freiheit, – dieser Mensch, den die Sättigung an der tiefen Kerker- und Gassenluft aufgejagt in die Bergluft und der nicht sowohl zu viele schlimme Menschen gesehen als zu viele Menschen, dieser muß unter die Menge so dreinschlagen, daß er oft ganz falsch trifft. Aber sein Arm ist von meinem sehr zu trennen. Wie Fontenelle bemerkt, daß die Alten ihren Göttern nur Stärke gaben, ohne Gerechtigkeit: so nehm' ich jetzt an ihren neuern Anbetern so oft dasselbe wahr. Nach der Kraft gibt es nichts so Hohes als ihre Beherrschung – der innere Mensch ist, wie nach Platos Dichtung der äußere, in Mann und Weib gespalten; aber seine Vollendung besteht in der Wiedervereinigung der Macht und Milde. Die Liebe gibt Stärke und die Stärke Liebe, aber die Liebe gibt am reichsten!

Gleichwohl ließ ich den rauhen Seemann der Luft rein ausreden, unbekümmert um die prosaische Voraussetzung, daß der Verfasser immer so denke wie sein Held. Schon wenn diese Geschichte bloß eine Dichtung gewesen wäre, hätt' ich ihr nicht ins Wort fallen dürfen; die Poesie kann ja eben als eine höhere Geschichte nur dadurch das Individuum zur Gattung der Menschheit erheben, daß sie unparteiisch vor ihm die Menschheit auseinanderbreitet und alle Kräfte derselben getrennt und ungeschwächt vor ihm spielen lässet. Allein da vollends die Fahrt nicht aus der Luft gegriffen ist, sondern wirklich in ihr geschehen, so bin ich ganz gedeckt.

Worüber ich vielleicht schwerer zu rechtfertigen sein möchte – aber nicht vor der Partei der Leute, denen alles Kräftige Gift ist wie Quassia den Fliegen, sondern vor Giannozzos Freunden, denen Menschen ohne allen poetischen und philosophischen Geist viel zu verhasset sind –, das ist, daß ich die Ausfälle auf die letztern, welche Giannozzo nur N. N. (Nikolaiten) nennt, keck genug ausmerzte, in der unschuldigen Hoffnung freilich, vielleicht beide Parteien zu bestechen und zu gewinnen. Was indes so starke Ausfälle wie auf die allgemeine deutsche Bibliothek betrifft, von der er z. B. sagt, daß sie bei ihrer Grausamkeit gegen allen poetischen Geist den Homers-Kopf bloß aus rechtem Hasse auf der Stirne führe, wie in Nürnberg Häuser, welche Vieh einschlachten dürfen, letzteres eben darum abgemalt über die Türe setzen: so bekenn' ich unverhohlen, daß, wenn ich solche Ausfälle auf ein so gutes, altes, ganz in dem Geiste der meisten Journale und periodischen Schriften abgefaßtes Werk wegstrich, ich stets erbötig bin, mich zu verantworten.

Genug! – Vor der Luftschifferei erschein' ich noch selber ein wenig mit einer kleinen Abhandlung über das deutsche Rezensurwesen, von der zu wünschen wäre, sie gälte für ein Rezensur-Edikt. Sie soll nichts helfen – denn die kritischen Trompeten der Fama können ihren angebornen Ton nicht lassen, so sehr sie sich auch blank scheuern und Trompeterquasten anhängen –; sie soll auch den Parteien nichts helfen – denn ihr Krieg gegen Kritiker verfängt so viel wie sonst die Prozesse und Prozessionen gegen Raupen und Ratten –; aber sie soll doch meinen Ekel am ganzen jetzigen Wesen schwach ausdrücken, so wie die Gegner ebenso hoffnungslos den ihrigen zu erkennen geben. Erbarmungswürdig ists, daß jetzt durch das Zerspringen in zwei feindliche Hälften nur ganze corpora handeln statt der einzelnen individuellen Geister; wie langsam wird zur Wahrheit und Poesie wettgerannt, wenn wie bei dem Hosenlaufen in BayernVon zwei Rennern hat jeder ein Bein in einer Gesamt-Hose, und so laufen sie. z. B. Köpfe wie Merkel und die allgemeinen deutschen Bibliothekare zusammen nur in einem Paar über die Rennbahn steuern! Jeder stört den andern. Die Geister brauchen Freiheit, aber keine Gleichheit.

Über den gegenwärtigen Vorredner wird seit einiger Zeit fast mehr gesagt als gedacht; wie ein Schulknabe in den Schulkomödien der Jesuiten oft eine ganze deutsche Provinz zu spielen hat, so glauben einige rezensierende Männer, auf dem Papier jetzt ganze deutsche Kreise auf einmal, ja sogar eine ganze Nachwelt vorzustellen. Das ärgert mich. Gleichwohl werden mich meine Freunde anfahren und sagen, ich hätte mich schämen sollen, über solche Leute anders wegzugehen als schweigend aus Stolz; allein ich schütze vor, daß solche wahre Namen zum satirischen Individualisieren trefflich passen und daß man noch immer die zweite Auflage vor sich hat, wo man sie, weil sie dann verschwunden sind, für fingierte verkaufen und von neuem auftischen kann.

Und nun geb' uns allen der Himmel in einer Zeit, wo ebensoviel Blut fließet, als kocht, kaltes und mildes und einige Artigkeit gegeneinander!

Berlin, den 1sten Ostertag 1801.

Jean Paul Fr. Richter.

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