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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 177
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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24ster Jenner. Thimoteus-Blatt

Ende des Erzählungsspiels

Aber, Herr Legationssekretär, ich fragte schon vorhin, was sagten Ihro Durchlaucht zu meinem Auftrag?

(Ich wußte voraus, der Chiffreur mache wieder Schelmstreiche.)

»– bevor die Franzosen von der Stadt abzögen, sei an angenehmere Dinge wenig zu denken« –

Diese Satanasse standen freilich davor und waren behender da als Ihro Durchlaucht fort; damals stampften sie nicht nur wie Pompejus eigne Heere aus der Erde, sondern auch fremde in sie; die Kokarden-Federn waren die Flügel dieses reifen Distelkopfes, und der Same zog weit in der Luft herum. Die Belagerung machte dem Hof manche verdrüßliche Stunde. Der Kammerherrenstab ging zum erstenmal gern in die Schloßkirche, weniger um zu beten als zu fluchen, sooft eine Bombe vom Kirchendach schmetternd abprallte. Der weibliche Hofstaat und die Regierung verfügten sich in die hohen gewölbten Schloßkeller, und ich ging auch mit die Kellertreppe hinab. Du wirst es jetzt ehrlich sagen, was ich da tat, Hermine? –

»– Du liefest wieder herauf und holtest das arme Kind bei dem Wirte.« –

Auf dem Rückwege zum Keller fuhr ich zusammen über –, Herr Maler? –

»einen losgemachten Tiger« –

ferner über –, Herr Registrator? –

-»und einen Bären dabei« –

und, Herr Stückjunker? –

»und ein Krokodil.« (Dieser große Naturforscher hielt dafür, das Krokodil sei ein reißendes Landtier.)

Sieben Menschen, der Büchsenspänner, der Kapelldiener, der Hofwirtschaftskopist und vier Aufwärter, trugen an dieser Menagerie, die doch nur ausgestopfet war, schwer genug; eine Bombe hatte nämlich unweit des Naturalien-Kabinettes in der Kunstkammer gezündet und schon die alten fürstlichen Braut- und Krönungshabite verzehrt, so daß man nur Gott dankte, wenn man die ausländischen Bälge rettete.

Ich muß Ihnen gestehen, zuletzt gustierte der Hof den Keller mehr, als ich gedacht hätte; aus der sauersten Bouteille schmeckt doch das letzte Glas passabel und ist zu trinken, indes der Freudenkelch gewissen altdeutschen Willkommen gleicht, aus denen, wenn man sie ausgeleert, ein aufprasselnder Schwärmer schießt. Der Keller, sag' ich, kontentierte den Hof. Man hatte vorher den Naturalieninspektor darin herumgeschickt, der alle Kellerspinnen auffraß, für ihn wahre Bouillonkugeln und Nachtigallenfutter. Zur Schweißkur, womit nicht nur Wilde ihre Gäste bewirten, sondern auch Höfe, ich meine zur Etikette, fehlt' es an Platz und Vorzimmern. Der weibliche Hofstaat wohnte im Kreuzgang dieses Fuchs-Baues hinten, wir vornen. Den ganzen Tag mußte man Wachslichter brennen, welches die angenehme Täuschung nährte, man sei erst abends um 7 Uhr aufgestanden. – Jeder konnte so viel Wein bekommen und stehlen, als er wollte, bloß der Kellermeister nicht, gegen allen Gebrauch. – Der Hauptgewinst aber, der uns diese Unterwelt zu einer mythologischen voll elysäischer Felder absteckte und besäete, war der, daß uns oft vor Entsetzen die Haare so zu Berge standen, als wenn wir die künstliche Maschine auf dem Wirbel versteckt hätten, womit Garrick als Hamlet seine in die Höhe sträuben zwang, wenn er das Gespenst salutierte. Dadurch wurde alle Welt auf einmal aus der Kurial-Hölle erlöset, die wie die Hölle der ungetauften Kinder ist, welche nach den Scholastikern in völliger Abwesenheit aller Schmerzen und Freuden besteht; denn jeder hatte doch seine Angst, und diese brachte Interesse ins Schauspiel und schaffte die verfluchte Langweile fort. Nicht einmal die Fürstin hatte unter der Belagerung eine hysterische Laune, eine Peitsche, die allemal aus drei Launen dreidrähtig geflochten ist, aus weiblichen, aus fürstlichen und aus hysterischen.

Am meisten heiterte uns Herr Kob – der wieder nachgefahren war – im Keller auf: was spielten Sie (schrie ich dem tauben Liebhaber ins Ohr) während der Belagerung von Scheerau?

»Den tauben Franzosen-Gesandten.« –

Ich meine, welches Stück?

»Den Frieden.« –

Da seine Leute es gerade erst memoriert hatten: so gaben sie es ziemlich gut, und der Hof ließ es 13mal wiederholen, um nicht an das äußere Kriegstrauerspiel mit Chören zu denken. Dabei hatten wir noch, Mademoiselle (Jüdin)? –

»die schönste Aussicht.« –

Unten im Schacht; alle Bäume, sogar die ausländischen, die Lauben, das Meer, alles, was die Schauspieler von Dekoration auf dem Wagen hatten, ließen wir im Keller aufstellen und aufeinandernageln, um eine größere Portativ-Natur zu genießen, als der Hof je auf die Tafel setzen ließ als Schaugericht. Mondschein hatten wir wie Polar-Menschen den ganzen Tag, nämlich italienische Transparents.

Und was sagten nun endlich – jetzt frag' ich zum drittenmal – Ihro Durchlaucht zum Antrage von meiner Durchlaucht, Herr Prast?

»Ja!« –

aber freilich erst nach einem noch schlimmern Antrage von den Franzosen, welche einen kleinen Prinzen und eine Prinzessin als Geiseln requirierten. Simonides sagt: nur Gott versteht Metaphysik; und ich sage: nur der Teufel Politik – denn ein Franzos und Welscher ist doch mehr nicht von ihm als das Echo –; eben daher war ich meiner Rolle schlecht gewachsen. Glücklicherweise willfahrte der Fürst nach dem gallischen Antrage sogleich meinem flachsenfingischen; es verrät aber mehr Weltkenntnis als Herzensgüte, zu argwöhnen, er habe das Geiseln-Paar mit dem ungebornen Hymen verlobt, bloß weil es – in Gefahr stand, und wenn das friedliche Schwert sonst bei Vermählungen durch Gesandte trennend dazwischenlag, so sei jetzt das kriegerische verbindend dagelegen.

Zum Glück hinderte die Franzosen was? – mach es geschickt aus, Siebenkäs! –

»die Spitzbubenbande in deinem Nachtquartier,«

eben die, die den Herrn Regisseur erwürgen wollte, als er pfiff. Diese Teufel – da sie das Land so kahl fanden wie den Kopf eines Geiers und da niemand mehr abzurupfen war als eben die Geier – hatten an einem Nebel-Morgen die äußersten Vorposten erschlagen und ersetzt, weil die Posten sie in der Ferne an Miene und Anzug für eigne Leute genommen. Dadurch entstand blinder Lärm unter den Belagerern; aber ich glaube, Siebenkäs, sie zogen bloß ab, weil sie wie Laubfrösche sich im leeren Raum nicht festhalten können. Metu vacui motus fit, sagt der Scholastiker, das ist, der Soldat räumt gern ein ausgeräumtes Land, und seine Bewegungen sind häufig peristaltische. – – Dann aber schloß ich, Natalie –

»den Traktat und das Spiel«

Und dabei bleib' es!

J-n P-l.

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