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Jean Paul Richter: Titan - Kapitel 176
Quellenangabe
typefiction
booktitleTitan
authorJean Paul
year1983
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32371-6
titleTitan
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1802
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23ster Jenner. Emerenzius-Blatt

Fortsetzung des Erzählungsspieles

Das Scheerauische, ihr Lieben (fuhr ich fort), ist ein völliger Garten, ein englischer oder sinesischer. Wie der Brite und Sinese seine Paläste und Tempel mit künstlichen Einöden umringt: so heben im Scheerauischen überall künstliche Wüsteneien die Landhäuser; Obstbäume werden in diesem so wenig als in jenen geduldet; und die halbabgebrannten Häuser, die ein sinesischer Garten sparsam aufbringt, standen in diesem in Menge fertig.

In der Vorstadt kam mir beinahe unter die Pferde – was, Mademoiselle (die Hore Dice)?

»Ein Junge mit einem Tiegel Gänsefett.«

Den ließ er darüber fallen; sogleich stiegen zu meinem Erstaunen aus und von einer Mietkutsche 11_geflickte Personen, groß und klein, und brauchten das Strandrecht und salbten mit der Spende Schuh und Stiefel. Ein Paar, die nicht mit beiden versehen waren, blieben im Wagen und sahen neidisch auf die Elfer heraus. Die redlichen Finder und Stipendiaten des Tiegels saßen wieder auf und ein; sie waren mit dem Kutscher, der den ganzen Tag vergeblich vor dem Tore neben den Pferden gehalten, in eine Assekuranzkompagnie zusammengetreten, um das Einlaßgeld für seine Pferde zu tragen und so für sich selber den Torjudenzoll – wiewohl er wie vor Leipzig nie höher steigt als 1 Groschen Inseratgebühr für den Mann – zu umfahren.

Mein Gesandten-Einzug geschah mit drei Wagen – vorn der mit den Partage- und Kommerzien-Kontrahenten – hinten der mit Rastadt und den Rastädtern – in der Mitte der mit dem diplomatischen Körper, der mein eigner war.

Ich logierte, Herr Hospitalprediger, im Gasthofe? –

»Ja, wohl!« – Ich mein', in welchem? – »Etwan zu den sieben Wundern der Welt.«

Und vielleicht sah nie neben diesem Schilde ein froherer Kopf heraus als meiner; denn ich zählte die Studenten, die unten über den Markt wegzogen, gleichsam als die Innung von Wagnern und Stellmachern, die meinen Triumphwagen bauen und zusammenfügen würden. Es kam daher: Ich hatte unterwegs auf der fünftägigen Reise unter fremdem Namen mein Mausoleum hie und da aufs Tapet gebracht – hatte versichert, ich sei tot – hatte vorgestellt, es sei lange keiner dagewesen und habe gebettelt, Basedow sei der letzte gewesen – habe vermutet, es bettle wahrscheinlich sobald keiner wieder; aber kein Teufel biß an; es sei Krieg, sagte jeder, alles sündenteuer, und der Selige ohnehin ein Mann ohne Geschmack. – »Der Prinz von PalagonienDessen groteske statuarische Musaik ist aus Brydone bekannt.«, sagte ein guter Kopf, »könnt' ihm leichter eine Statue errichten.« Wahrlich, lieber will ich die Kammerzieler, diese Absenzgelder, eintreiben, als die Kosten zum Ton-Modell eines Mausoleums oder nur zu einem Kupferstich.

Sollte man sich nicht lieber wünschen, sagt' ich aufgebracht, – was wohl, Herr Leipziger? –

»Einen Buckel zu haben«

– wie jener Kerl, der in der rue de Quinquempoix zu ParisHumes vermischte Schriften, 3ter Band. bloß von seinem Buckel lebte und vom Schreiben darauf, da er ihn dazu als Pult und Sekretär den Aktienhändlern des Mississippihandels darhielt, weil man wie wütend die Kontrakte unterzeichnen wollte? Wahrlich man fischet und krebset oft nicht so viel, wenn man ein Wesen ist, das schreibt, als eines, auf das man schreibt; und ein großer Buckel trägt mehr ein als ein großer Kopf.

Aber in Scheerau lebt' ich, wie gesagt, wieder auf; denn es war eine Universität da, dieser Erbsitz, Bienen- und Wespenstand von Rezensenten. An sprechende Universitäten inrotulieren Buchhändler die Bücherakten; es sei nun, daß, so wie die Fechtmeister allda zugleich die Fecht- und Trenchierkunst lehren, ebenso die geistigen zugleich Disputier- und Rezensier-Übungen; oder es sei (und das ist wahrscheinlicher), daß man den Pennalismus von den Musensöhnen zu den Musenvätern, von der Gasse auf – das Druckpapier relegieret hat, wo eigentlich sein Nest ist. Der Rezensent ist der Depositor, der dem Ankömmling Hörner abschlägt, und vorher aufsetzt, Bacchantenzähne ausbricht, ihn mit einem hölzernen Schermesser rasiert, ihn einen Esel nennt und ihn im ersten Jahre keinen Degen tragen lässet.

Wenn ich nun bloß zu einem der fünf Direktoren der Scheerauer gelehrten Zeitung ging – meinen Namen verleugnete, um ihn zu verewigen – ihnen Inseratgebühren und zugleich das lügende Inserat überbrachte für das Intelligenzblatt, daß der ungemeine pp. pp. etc. u. s. w. J.P. den 31sten mit Tod abgegangen: so hatt' ich ja fast um nichts ein herzliches Mausoleum, ein Paradebette auf dem Intelligenzblatte, das so lange dauert als das Blatt selber.

Hören Sie aber die intrikate Wendung, die die Sache auf meinem Gang zu den Direktoren nahm. Es war ziemlich dunkel, das wenige Licht, was die unangezündeten Laternen vom Mondschein zurückwarfen, wollt' es nicht tun. Vor mir schritt ein Mensch in grauem Frack, der eine große Perückenschachtel auf beiden Armen trug und auf dem Kopf eine dreifarbige Kokarde. Ihm nach schlich eine langbeinige schwärzliche Läuferspinne von Kerl, der endlich nach dessen Hut krallte und damit wie ein Wetterleuchten die Gasse hinunterfuhr. »Du Kujon, du Spitzbube – meinen Hut her – ach Gott, gnädiger Herr, nur einen Augenblick halten Sie meine Schachtel und leihen Sie mir den Stock – ich will dem Hund weisen«, sagte der Graue, und ich tat in der Eile alles; und er rannte dahin. Ich stand einige Zeit mit der großen Schachtel da, aber es blieb alles still; endlich trug ich behutsam das Depositum die schattige lange Gasse hinab; nichts war zu hören und zu sehen. Mit einigem Erstarren spür' ich endlich, daß sich die Schachtel von selber ein wenig drehe und den Schwerpunkt verrücke; ich laufe mit ihr die Gasse hinaus in eine Ecke voll Mondschein und werde schon zum Vorfeste daran einige Luftlöcher gewahr; ich setze sie auf die Erde und hebe ihr, indem ich sie zwischen beide Füße klemme, die Dachung ab – – statt der Perücke streckt sich darin ein fertiges Knäblein aus, das ich anfangs für wächsern halten wollte.... Dort rutscht der rote Schelm herum und narriert, von Wachs war nichts an ihm, wenns nicht sein Herz ist.

Ich hätt' eines von Stabeisen haben müssen, wenn ich das arme Schaltierchen, das seine dunkelblauen Augen so bittend gegen den hereinleuchtenden Mond zurückdrehte, hätte liegen lassen. Ich schlug das Regulus-Faß – der Regulus war außerhalb – wieder zu und adoptierte das Küchlein unterwegs und trug die Retourladung auf dem beschatteten Trottoir in den Gasthof zu den sieben Wundern der Welt. Splendid war freilich darin auf keine Weise das Einlaufen eines geheimen Ambassadeurs mit einem Lorettohäuschen und dessen Christkindlein auf den Armen. – Ich war zwar der Engel, der das Häuschen oder die Krippe trug, aber doch immer ein eheloser Garçon und Joseph, an dem das Okulierreis auffiel. –

Hinterher ersinn' ich mir stets besondere Ausbeuten meiner Beschlüsse: »Jetzt hast du's ja« (sagt' ich) – »und brauchst keine Intelligenzblätter und Mausoleen und Statuen mehr und nichts.« – – Ich sagte mir das nicht zweimal: kann denn ein deutscher Autor eine bessere Statue neben das Grab bekommen als eine statua curulis, die wächst und die geht wie eine von Vulkan und die seinen Namen überall herumträgt an sich? Haben nicht daher Dichter und Fürsten zu allen Zeiten selber als Figuristen sich solche statuas pedestres, solche Pygmalions-Bilder eigenhändig gesetzt, um wenigstens ihre Gestalt, wenn auch nicht ihren Namen fortzupflanzen? – Das Knäblein wurde mehr durch Wahl- als Erbfolge meines ganzen vier-gliedrigen Namens teilhaftig und unterschreibt sich wie ich. Jetzt hetz' ich es nun gar in meine Manier ein; und wenn künftig Nachahmungen von mir erscheinen, kann und darf sie der Verleger für Werke des J.P.F.R. ausgeben; denn der kleine Fündling hat sie gemacht. – –

Den andern Tag macht' ich mich hinauf zum Fürsten. Mit Verwunderung, können Sie denken, Madame (die Zerstreuete), nahm ich wahr, daß er nichts hatte als –

»einen Backenbart« –

Nicht einen, sondern einen; denn den andern, der mit Goldschlägerhaut nicht so fest angeleimet war als der eine, hatt' er noch in der Hand. Ich legt' ihm die freundschaftlichen Gesinnungen meines Hofes vor; und seine Antwort war, wie natürlich: Mamsell (Irene)?

– »bei ihm vorlieb zu nehmen mit dem, was er hätte« –

- welches sich zwar von selber verstand, aber doch den Wirt zu den sieben Wundern so wenig erfreuete, daß er mich ums septuplum übersetzte, ob ich gleich gegen sein sept-leva die Volte schlug, die Herr Fick in seinem Taschenbuch für Reisende an die Hand gibt, und mich (nach dem Fickischen Rate) mit der Bewirtung zufrieden anstellte und in seinem Beisein zu einem Dritten zum Scheine sagte, ich würde bald wieder durchpassieren. Es half nichts; der Wirt kam vom Adam her, dem Stammvater der Juden; und sprach die deutsche Sprache, die, wie jede, eine Tochter der hebräischen ist. Daher bekennt sich jeder nach seiner Art zu einem Judentum und judenzt als Korn- oder Bücher- oder Zucker-Jude.

Im Schlosse hatt' ich an dem vierten Tag, nämlich in der dritten Nacht, eine besondere Fatalität; als ich erwache, Herr v. Kökeritz, seh' ich am Fenster –

»ein Frauenzimmer.« –

Ich muß aber das Vorhergehende auch erzählen. Ich war ohne Licht aus meinem Zimmer gegangen; und tastete mich durch die Türschlösser leise zurück – das siebente ist meines, sagt' ich –; aber ich hatte am Tage leider ein blindes mitgezählt und kam also ins achte. Ich wußte nicht recht, was ich von meinem auf einmal ausgeglühten Eis-Bette denken sollte; schlief aber ein und wurde erst wach, als der Mond hineintrat. Eine Dame mit Federn stand, wie Herr v. Kökeritz gesagt, am Fenster fest. Ich sagte und versuchte vielerlei – sie blieb stumm und steif – ich schwur endlich fünfmal aus dem Bette heraus, ich würde, wenn es so fortgehe, ohne Anstand gegen die déhors verstoßen und mich auf die Beine machen, um nur nachzusehen, wen ich vor mir hätte. – Und das tat ich, näherte mich der – Puppe (denn das war die Dame) und trat dicht an ihr – Mademoiselle (Eunomia)? –

– »in ein Glas« –

barfuß; – so tats; – aber war keines, sondern, Madame Kob? –

»wieder das Herz aus Diamant.«

Herrlich! – und zwar stands mit der Spitze nach oben. Mir fing an einzuleuchten, daß der dritten Hofdame, die dieses glänzende Vorhängschloß an ihrem innern Herzen, diese Leuchtkugel ins Wochenblatt einrücken lassen, wohl auch mein Schlafzimmer angehören könne.

Ich krabbelte mich in mein wahres siebentes zurück, verwundet vom harten Herzen, obwohl nicht an einem; meine Träume agierten freilich im achten fort. – Am Morgen wußt' es, Gott weiß wie, alle Welt, und die Nouvelle fiel wie Manna vom Himmel auf den Hof herab und ernährte ihn 24 Stunden lang, und das Manna schmeckte ihm, wie den Israeliten, gerade wie es jeder haben wollte, dem einen wie Honigseim, dem andern wie Fümet, dem dritten wie Schnepfen-, dem vierten wie Teufelsdreck. Guter Himmel, gewähre einem Hof nur Hofzeitungen, dann will er ja zufrieden sein!

Die andere Nouvelle, meine Toilettenschachtel mit der generatio aequivoca betreffend, hatte der sieben Wunder-Wirt als das achte seinen Gästen anvertrauet.

An der Tafel, wo ich von der Eignerin des Zimmers und Herzens durch eine Tischecke geschieden war, borgte ich mir, um einzuleiten, Bester (das Ritterchen)?

– »den Fächer.« –

Ein kleiner Telegraph war darauf, wie ihn einige Modenfächer haben. Ich bat sie durch Anschauen um Anschauen und regte den Telegraph so lange, bis ich ihr mit wenigem beigebracht: ich besäße ihr Herz. Sie wurde an den Rändern der Schminke herum etwas rot. Den andern Morgen vormittags wartete ich ihr auf mit dem Herzen in der Tasche; zu meinem Erstaunen reichte sie mirs wieder zu, sie habe, sagte sie, eines verloren, aber kein solches, und sah mich mit sonderbaren matten, weichen, heißen Augen an. Das schreckt; – ich hielt sogleich mit allen fernern doppelsinnigen Anspielungen auf die Gestalt und den Ort des Fundes, die mir gleichsam in die Lippen strömten, zurück und führte, als sie auf meine ersten versetzt hatte, die Liebe sei eine Folter, die Metapher juristisch so aus: »Die Hof-Liebe gleiche allerdings der Tortur – beide dauern nur eine Stunde – in beiden sein die Augen verhüllt – die Leute festgebunden – beide verbieten Zuschauer – fallen in dieselbe Zeit – der dritte Grad sei Feuer. – Unmündige, Alte, Preßhafte sein torturfrei – der Schein derselben (Verbal- und Realterrition) gehe vor der Wirklichkeit voraus u. s. f.« –

– Aber das Herz war ihr nicht anzuhängen. – »Nun so solls« (schwur ich) »der gute J.P.F.R. haben«, nämlich der kleine. Einige Zeit darauf gab mir freilich eine von den weiblichen Hofseelen, die wie die Käfer weich in die Welt kommen und in der freien Luft sogleich erharten, Licht: »mein philanthropisches Aufnehmen des Ahnenbildes in der Schachtel habe das Herz der Dame gerührt und ermuntert; sie schosse und steuere also auch eines als Alimentengeld für den Wurm.« – Stehen die Sachen so?? dacht' ich. Gott bewahre!

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